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Nr. 271.

Marburg, Donnerstag, 18. November 1880.

XV. Jahrgang

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d.vlatte», sowie d-Annoncen-Bureaux von LH, Dietrich & Co. in staffel und Hannover; LH. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein L Bögler in Frankfurt a M., Berlin, Leipzig, Cöln rc.; Rudolf Stoffe in Berlin, Irank» fntt c. M rc.

VIittlMche ZitiiW.

Anzeigen nimmt entgegen dte E^editto» d. Blatte» sowie d- Annoncen-Bureauk von <S- L Daube & Co. in Frankfurt a- M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; HerrnamLsche Buchhanoi, daselbst; Jnvalidrndank in Berlin; B>. LhieneS in «berfeld; L. Schlotte m Bremen-

Trscheint »zlich außer an den Werktagen nach Tonn- und Feiettagen. Preis für das Ouattal mit der wöchentlichen Beilage „Jstnstrirte» SonntagSblatt" durch die Expedition (stoch'fche Auchdruckerei) bezogen Mark, durch die Postämter des Deutschen RercheS 2 Mark 50 Psg. (erd. Bestellgebühr). - Jnsettionsgedühr für die gespaltene Pelle 10 Pfg. Für in der Expedition zu ertheilcnde Auskunft und Annahme oon Adreffen werden 25 ffg. berechnet.

Deutsches Reich.

** Berlin, 16. November. Am Donnerstag (18 ) findet Nachmittags zwei Uhr tut ReichSamt des Innern unter Borsitz des StaatsministerS von Bötticher eine Ple­narsitzung des Bundesrats statt, auf deren Tagesordnung u. A. die Vorlage betr.fsrnd die Verlängerung der der Magdeburger Privatbank und der Posener Provinzial- Aktienbank erteilten Befugnis zur Notenausgabe, sowie der Antrag, betreffend die Doppelrechnung der Dienstzeit der in der Südsee angestellten Konsulatsbeamten stehen. — Die Publikation der allerhöchsten Verordnung, welche für Preußen den VolkswirkschaftSrat ins Leben ruft, steht in allernächster Zeit zu erwarten. — Durch eine Ver­fügung des FinanzministcrS vom 8. Juli 1864 war be­stimmt worden, daß keine Regierung die Produktion von Fichtensamen über den eigenen Bedarf hinaus steigern sollen, wenn nicht zuvor durch Kommunikation mit an­deren Regierungen festgestcllt ist, daß und welche Quanti­täten solche übernehmen werden. Nach einem Erlaß deS Ministers der Landwirtschaft, Domänen und Forsten vom 1. d. wird diese Bestimmung dahin abgeändert: Sofern cs mit Vorteil für die Staatskasse geschehen kann, ist die Gewinnung von Fichtensamen über den eigenen Bedarf auszudehnen. In diesem Falle ist jedoch jedesmal die ministerielle Genehmigung einzuholen, bubet der mutmaß­liche Selbstkostenpreis anzuzeigen, auch anzugeben, wie hoch sich ihr eigener Bedarf beläuft und ob Samen an Händ­ler oder Private abgegeben werden kann. — Nach einer Uebersichl ter deklarierten Ausfuhr nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika aus dem Bezirk des General­konsulats zu Berlin, umfaffend die Bezirke der Konsulate zu Barmen, Berlin, Breslau, Braunschweig, Chemnitz, Kircfeld, Dresden, Hamburg, Leipzig und die Handels­agenturen zu Geestemünde, Königsberg und Stettin für das mit dem 30. September 1880 beendete Jahr betrug die Ausfuhr 35,694,222 Gold-DollarS, welche Summe gegen das Vorjahr eine Zunahme von 13,748,768 Gold- Dollars darstcllt. Die höchsten Sätze erlangte Chemnitz mit 9,357,906 Dollars, Bremen mit 5,486,088 Dollars und Hamburg mit 5,363,292 Dollars. — Im Monat September kamen auf den deutschen Eisenbahnen fünf Entgleisungen und 32 Zusammenstöße in Stationen und 198 sonstige Unfälle vor. ES verunglückten 160 Per­sonen, größtenteils durch eigene Schuld; 27 Fahrzeuge wurden erheblich, 90 unerheblich beschädigt. Von den 17,576,851 beförderten Reisenden wurde 1 getötet, fünf verletzt, von Bahnbeamten und Arbeitern 9 getötet und 57 verletzt, bei Nebenbeschäftigungen 1 getötet, von fremden Personen 21 getötet uttb 1 verletzt, bei Selbstmordversuchen 9 getötet und 1 verletzt.

Berlin, 16. November. Der Kaiser empfing heute

Mei« Grojzoheim.

Erzählung von E. Reisner.

(Fottsetzung)

Auf dem Rasenplatz sah ich einen Kreis von Damen und Herren, dem Adel der Umgegend angehörig, der sich, aller städtischen Etiquette fern, zwanglos bewegte und worin Wandas lichtes Sommerkleid, gaukelnd, gleich dem Schmetter­ling, bald hier bald dort auftauchte oder verschwand.

Der Graf war verreist, mein ZöglingSpaar mit mehre­ren Altersgenossen unter der Aufsicht von deren Infor­mator zu einem Ausflug aufgebrochen — man wollte auf einem entfernten Landsee wilde Enten schießen. Ich war von der Partie dispensiert worden auf Wandas Verlangen, die behauptete, der Doktor fei unentbehrlich, „zu helfen ihr, machen les Honneurs des HauseS."

Ach, wie entbehrlich war er, der arme Doktor, mit seiner „deutschen Gründlichkeit" hier, im Cirkel der leicht­lebigen, gewandten, chevaleresken Polen, die, dies- und jen- seit der Grenze begütert, vom Reiz der schönen Lands­männin magnetisch angezogen, Schloß Cherzowa heimsuchten, sie huldigend zu umschwärmen! Und wie schien sie selbst erst hier, gleichsam vom verwandten Element umfloffen, ihr volles Leben zu entfalten, all die kleinen, hinreißenden Eigentümlichkeiten, die meinen Sinn berauscht und befangen, aufs höchste zu steigern, zum Entzücken ihrer feurigen Be­wunderer — nicht zu dem meinen! Ich sah mehr und wehr nur die Polin in ihr, fühlte mich ihr entfremdet, verletzt durch die Extravaganz ihres Wesens und floh aus dem Kreise, in dem ich mich überflüssig fühlte, in die Stille meines Zimmers. Die alte Fessel freilich trug ich mit mir — eö war nur keine Rosenkette mehr. Ich empfand ihren

Nachmittag 2 Uhr den seitherigen bayrischen Gesandten am hiesigen Hofe von Rudhart, welcher fein Abberufungs­schreiben überreichte. Der Gesandte von Radowitz ist nach Athen, Cardinal Hohenlohe nach schloß Randen abgereift; letzterer beabsichtigt sich demnächst nach Wien zu begeben. — Es heißt der Botschafter in Konstantinopel, Graf Hatzfeld, werde in der Kürze nach Regelung der schweben­den Dulcignofrage auf Urlaub hierher kommen und sich sodann wieder auf seinen Posten zurückbegeben, aber noch vor Ende des Jahres definitiv hierher zurückkehren, um Staatssekretär im Auswärtigen Amt zu werden. — Die „Nordd. Allg. Ztg.", den vorgeschlagenen Steuererlaß be­sprechend, sagt, daß der Steuererlaß nicht als ein ein­maliger gedacht worden sei und die Negierung die Absicht haben müsse, den Steuererlaß zu einem definitiven zu machen, liege auf der Hand. Die Regierung würde nicht mit diesem Steuererlaß den Anfang machen, wenn sie nicht auf die Fortsetzung rechnete. Dieselbe habe aber vor­sichtig mit Rücksicht auf die Zukunft, so lange nicht neue indirekte Steuern im Reiche bewilligt worden seien, auf die gesetzliche Fixierung des Steuererlasses verzichten zu müssen geglaubt und denselben nur in den Etat eingestellt. Der Antrag der Fortschrittspartei, welcher den Steuerer­laß dauernd machen wolle, decke sich prinzipiell mit dem Regierungsantrage, wolle aber den Steuererlaß in einem geringeren Umfange als die Regierung und sofort im Wege des Gesetzes ohne Rücksicht auf eine vorhandene Deckung und auf einen Teil der direkten Steuern definitiv verzichten. Der Antrag der Fortschrittspartei unterscheide sich von d-m Anträge der Regierung eigentlich nur durch einen höheren Grad von Zuversicht bezüglich der zu er­wartenden Bewilligung indirekte Steuern im Reichstage. Sollte der Landtag die schnellere Gangart des Antrags der Fortschrittspartei vorzichen, so würde die Regierung dem nicht widersprechen, wenn der Landtag die Vorsicht der Regierung für übertrieben halte. Auch die Regierung dürfte mit Vertrauen der Entwickelung der Retchsfinanzge- setzgebung entgegensetzen können. — In Folge des neuen Feld- und ForstpolizcigesetzcS ist festgesetzt worden, daß künftig darauf bezügliche Polizeiverordnungen in der Regel nur für den ganzen Umfang deS Regierungsbezirks zu er­lassen und dem Minister für Landwirtschaft, Domänen und Forsten vor der Veröffentlichung von der beteiligten Re­gierung vorzulegen sind. UebrigenS darf der Erlaß einer Polizciverordnung nur im Falle eines vorliegenden Be­dürfnisses erfolgen. Wenn ei» anerkanntes Herkommen besteht und dasselbe allgemein in der Weise beobachtet wird, daß eine Sicherung der Ordnung durch Strafvor­schriften nicht geboten erscheint, so dürfte für die Verwal­tung kein Anlaß vorliegen, aus solchen Gebieten mit dem Erlasse von Polizcivorschriften vorzugehen.

Esse«, 16. Novbr. Der gestern Abend 6 Uhr 25 Min.

Druck, peinlicher noch daö Gefühl einer leisen Reue — warum war ich zurückgekchrt? —

Der Eintritt eines Dieners endlich unterbrach mein einsames Sinnen; Frau von Mynocz ließ um meine Gegen­wart unten bitten.

„Sie müssen sein von oer Partie, Doktor," tief sie mir lebhaft entgegen, „wir wollen reiten, Herrschaften be­gleiten bis zur Grenze, dann nach Olenka hinüber; Sie sahen noch nicht und der Abend wird wundervoll!"

„Es wird zu spät, gnädige Frau," bemerkte ich mit einem Blick nach Westen hinüber, wo der Glutball der Sonne sich bereits dem Horizont näherte.

„Ah — schon wieder ccr deutsche Pedant!" unterbrach sie mich lachend, „wenn ich nicht fürchte, zu teilen spät nach Cherzowa zurück, Sie sollen nicht spielen Hofmeister, Sie sollen spielen meinen Kavalier!" Ein schelmischer Blick aus den dunkeln, strahlende» Augen versüßte den Spott — wer hätte dem widerstanden und der Aussicht auf den Heimritt an ihrer Seite durch den lauen, duftigeit Juni- abntd!"

Sie sah herrlich aas, die schlanke Gestalt im dunkeln Reitkleit, mit der wehenden Fever auf dem Hütchen, so leicht und sicher im Sattel ruhend. Ich hatte volle Muße mich dem Anblick — aus bescheidener Entfernung — hin- zugeben, denn das Amt deS Kavaliers war vorläufig in andern Händen — ich „spielte noch Hofmeister!" Ein feu­riger, beweglicher Vollblutpole, der Rittmeister v. Czymanski, ritt an ihrer Seite; sie plauderte lebhaft im heimischen Idiom, — auch die Augen sprachen, wie mich dünkte! Doch — das thaien fie immer!

Die glänzende Cavalcade, die von Cherzowa aufge­brochen, wurde kleiner und kleiner, wie die einzelnen Glie-

von hier nach Mühlheim a. d. Ruhr abgegangene Perfonen- zug der Bergisch - Märkischen Bahn ist bei der Ausfahrt aus dem hiesigen Bahnhof auf einen Rangierzug gestoßen. Nach einer der „Essener Zeitung" von amtlicher Seite zu- gegaitgcne», Mitteilung sind zwei Güterwagen entgleist und leicht beschädigt. Die Lokomotive deS Personenzugs ist eben­falls leicht beschädigt. Personen sind nicht verletzt. Die Ursache des Unfalls ist Nichtbeachtung bestimmter instruk­tionsmäßiger Vorschriften.

Breme«, 15. Novbr. Innerhalb weniger Tage drei verschiedene Kundgebungen in der Zollanschlußfrage; diese Thatsachc beweist wenigstens, daß die Bewegung wieder einmal eine lebhafte war und auf eine Gelegenheit, sich zu äußern, hiudräugle. Das letzte Wort hat die Bürgerschaft behalten, die in ihrer Mittwochssitzung mit 89 gegen 30 Stimme» eine Resolution des Inhalts annahm, daß „sie sich zur Zeit gegen die Aufhebung der Freihafenstellung erkläre", während am Freitag voriger Woche der Gewerbe- u»b Industrie-Verein, vor dem allerdings jene den Charak­ter der legitimen Vertreterschaft voraus hat, bekanntlich mit überwältigender Majorität, nach ohngefährer Schätzung mit etwa 150:15 Stimmen eine Motion zu Gunsten des Zoll- Anschlusses acceptierte. Die Kundgebung, die dazwischen, nämlich am vorigen Montag, in dem Bürgerverein für die westliche Vorstadt stattgefunden hat und die in einzelnen Blättern als von einer „allgemeinen Volksversammlung" ausgehend aufgebauscht wird, hat neben jenen beiden wenig oder gar keine Bedeutung. Zwar hat sich in dem genann­ten Verein eine Majorität von ca. 300 Stimmen gegen dm Zollanschluß finden lassen, allein die ganze Versamm­lung trug einen absonderlichen Charakter insofern an sich, als sich bei genauerer Prüfung unschwer der socialdemo- kratifche Hintergrund erkennen liefe, wie ja auch thatsächlich der Verein für die westliche Vorstadt, der einzige hiesige Bürgerverein ist, der wegen der überwiegenden Anzahl socialdemokcatischer Mitglieder unter scharfer Anwendung unseres Vereinsgesetzes steht und von der Polizei bei seinen Versammlungen überwacht wird. Bezeichnend ist ferner der Umstand, daß allein die „Frankfurter Zeitung" ein Telegramm und eine direkte Mitteilung ihres hiesigen Korrespondenten über jene Versammlung erhielt, und man darf annehmen, daß künftige Wahlzwecke nicht als die letzten dabei in's Auge gefaßt worden sind. Was nun das Votum der Bürgerschaft anlangt, so konnte von vornherein kein Zweifel darüber bestehen, daß dasselbe gegen den Zollan- schluß ausfallen würde, und gerade in dieser Voraussicht hatte sich der Gewerbe- und Jtldustric-Verein, der sich die Besprechung öffentlicher Angelegenheiten von jeher mit zur Aufgabe gestellt hat, zusammengethan, um in gründlicher Debatte — dieselbe nahm bekanntlich vier Abende in An­spruch — alle für und wider den Anschluß sprechenden Gründe zu erwägen, und Rednern von beiden Richtungen der allmählich, der eigenen Heimstätte nahe, sich abtrennten, der Rittmeister, dessen Gegenwart uns jeder üblichen Grenz­plackerei auch für den Heimritt, überhoben, blieb bis zu­letzt. Nahe vor Olenka erst sprengte er querfeldein seinem kleinen Garnisonsorte zu, während Wanda, mich an ihre Seite winkend, in die schon tiefvämmernden Parkalleen ihres BesttzthumS einlenkte.

ES war ein reizendes Fleckchen Erde, dieses Olenka, eine Oase, frisch und grün, wie Wanda eS geschildert, Garte» und Park von schmalen, schnellfließendeu Wasser- aoeiit belebt, von köstlichem Waldodem durchhaucht. Mitten inne das einfache Schlößchen, draußen die niederen Dorf- Hütten malerisch im Baumschatten gruppiert; — der Be­griff, den man im allgemeine» mit dem Ausdruck „polni­sches Dors" verbindet, traf hier durchaus nicht zu.

„Sehen Sie, Doktor," sagte Wanda in ihrer kindlichen Weise, als ich meine Freude an dem hübschen, kleinen Be­sitz- ausgesprochen hatte, „sehen Sie, daß ich nicht sagte zu viel von meinem Olenka? Aber wir wollen absteigen; ich muß begrüßen meine alte Maruschka — kommen Siel"

Ein herbeieilender Knecht nahm die Pferde in Obhut, die alte Schließerin, die uns an der Thür entgegen trat, küßte nach polnischer Sitte mit tiefer Kmebeugung den Saum deö ReitkleidS ihrer schönen Herrin, während diese gütig, ja weich zu der Dienerin sprach, die, wie sie äußerte, ihr noch von der Kinderzeit her vertraut und lieb sei. Dann rasteten wir ein wenig auf den Steinsitzen am HauS- thor und erquickten uns an der frischen sahnigen Milch, die Maruschka brachte.

(Fortsetzung folgt)