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XV. Mlgarrg

Jllaröurg, Mittwoch, 17. November 1880.

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dahingegen beschloß, über die Verbreitung und Ausdehnung der Geistesstörung unter derselben als eine Folge der allzu hohen Inanspruchnahme ihrer Geisteskräfte, noch weiteres, namentlich statistisches Material, wenn irgend thunlich, bis zur nächsten Zusammenkunft zu fammeln und mit dieser Aufgabe den Vorstand der deutschen Irrenärzte, dem das Recht der Cooptation zusteht, zu betrauen."

Auf vielseitigen Wunsch hat nun Herr Hasse seinen Vortrag im Druck erscheinen lassen und sich hierdurch daS große Verdienst erworben, seine Erfahrung und Ansichten über die hochwichtige Frage einem größeren Kreise zugäng-

des Medicinalrats Dr. P. Hasse, Direktor der Herzoglich Braunschweigischen Irren-Anhalt zu Königslutter überdie steberbürdung unserer Jugend auf den höheren Lehranstalten mit Arbeit, im Zusammenhänge mit der Entstehung von Geistesstörungen" großes Aufsehen, so daß in den meisten Zeitungen über denselben referiert wurde. In der Ver- sanimlung selbst ries er die lebhafteste und eingehendste Diskussion hervor, deren Resultat war, daß die Versamm­lung der zu Eisenach tagenden deutschen Irrenärzte die Ueberbürdung unserer Jugend auf den Gymnasien und

wollte es auch fernerhin. Für Wanda aber, in deren Adern daS leichtere Blut der Sarmathl pulsierte, bestanden diese Grenzen nicht; durch den unbefangen hingeworfenen Wunsch, ihr inkorrektes Französisch in der Konversation mit mir zu verbessern dann auch, wie daS Bedürfnis, sich einiger­maßen richtig in der Landessprache ausdrücken zu lernen, ihr zunr Bewußtsein kam, mit der Bitte um deut­sche Lektionen bannte sie mich mehr und mehr in die eigene gefährliche Nähe. Und so war es gekommen, wie eS kommen mußte. Mein Mund hatte geschwiegen, so verlockend auch in einzelnen Momenten ihr Auge zu mir sprach; ob daS meine stumm geblieben ich wußte e« nicht!--

ES geschieht uns wohl im Leben, daß Ueberzeugungen, die wir fest begründet, Entschlüsse, die wir unumstößlich wähnen, in Folge eines momentanen Eindrucks, eines Wortes auS fremdem Munde vielleicht, uns plötzlich in entgegengesetztem Lichte erscheinen daß, wie durch inner« Umsturz, alles zusammenbricht, was mondenlange Reflexionen waS daS ganze Aufgebot unserer moralischen Kraft müh­sam in unS aufgebaut. ES geschieht uns oft o ja, uno doch steigt die Röte der Beschämung bei dem Bekennt­nis mir ins Angesicht, daß das kleine, von Wanda'S Hand beschriebene Blatt in mir diesen Umsturz bewirkte, daß selbst, nachdem der erste Glücksrausch geschwunden, nachdem ich wieder denken konnte, die Flucht auS jener zauberischen Nähe mir unmännlich, kindischder beabsichtigte gewalt­same Bruch de» früheren Verhältnisses zum gräflichen Hause geradezu abenteuerlich erschien. Wann fehlte es je­mals der Leidenschaft an Gründen, das eigene Thun zu beschönigen? Konnte ich nicht auch in Cherzowa, in ländlicher Stille Zeit genug für meine Arbeiten und Stu­dien gewinnen, um dann im Herbst, ohne jeden auffallen­

den Schritt, ruhig und resigniert zu scheiden und in die mir vorgezeichnete Laufbahn einzulenken? Gewiß! ich war davon überzeugt, weil ich es fein wollte. Und waS hier in letzter Zeit mein Interesse geweckt, waS mich zu fesseln begonnen, mir lieb geworden und ein Heimatsgefühl gegeben das sank in Nichts zurück vor dem Gedanken, Wanda wiederzusehen, ihr nahe zu sein ihr, die mich vermißte, die nach mir rief, die mich mein eignes stür­misch pochendes Herz flüsterte mir heimlich zu: die mich vielleicht liebte wie sie eben lieben konnte.

Nach wenigen Tagen schied ich aus dem stillen Orte, wo ich in ernster Sammlung mich selbst wieder zu finden begonnen, von den trauten Bewohnern des Pfarrhauses, deren Blicke befremdet, ja bekümmert aus dem Fortziehenden ruhten. Die Ernüchterung, die Elisabeth mir vorauSge- sagt, war nicht über mich gekommen nur ein neuer Rausch, der mein Auge blind machte fürdaS Gute, daS fo nahe lag," und für den Himmel voll Wahrheit und Treue, der auS de« lieben Mädchens braunen Augensternen leuchtete I

Fast drei Monden waren seitdem verstrichen. In voller, sommerlicher Laubhülle prangten die alten Linden um Schloß Cherzowa und mischten ihren Blütenduft mit dem der ersten Rosen und Lilien deS SchloßgartenS. Fröhliche Menfchenstimmen drangen zugleich mit dem Vogelgezwitscher aus Baumkronen und Hecken in mein geöffnetes Fenster vor allem Wanda» mutwilliges, silberhelles Lachen. Es übte seine alte Macht; ich hatte den Arbeitstisch ver­lassen und spähte durch die Lücken im Lindengeäst nach dem Rasenplatz hinunter.

(Fortsetzung folgt)

kurzen,> Leiden

Eine 1

Mein Grotzoheim.

Erzählung von E. Reisner.

(Fortsetzung)

Wanda v. Myuoez, die Cousine des Grafen Cz., war, kaum der Kindheit entwachsen, einem polnischen Edelmann vermählt worden, der als glühender Patriot am letzten der Ausstände beteiligt, die so vielfach schon sein unglückliches Vaterland verheerten, kaum ein Jahr nach seiner Heirat im blutigsten jener Kämpfe den Tod fand. Seine Güter wurden eingezvgen nur Olenka blieb, als mütterliches Erbe, der jungen Frau erhalten. Damals kam sie, noch in Wittwentrauer, nach B. ins HauS des Grafen, wo ich seit länger als Jahresfrist bereits heimisch war. Sie war dort willkommen; gab doch ihre «Schönheit, der naive Reiz ihres Wesens den kein Schmerz um den verlor'nen, ungeliebten Gemahl verdunkelte den geselligen Kreisen dieses Hauses, denen seit dem Tod der Gräfin He, dame dhonneur gefehlt hatte, ein neues, anziehendes Lustrel Wanda, ganz Polin, in ihren Vorzügen wie in ihren Schwächen, füllte in ihrer Weife eben den Platz, den man ihr angewiesen, völlig aus; sie herrschte im Salon, wie im engen, häuslichen Zirkel, und wie geblendet hing jegliches Auge an dem neuen, glänzenden Gestirn, das un­fern Abenden aufgegangen auch das meinige. Ihr reizender Mutwille, ihre süße, kindliche Tändelei bestrickte Männer- und Knabenherzen; meine Zöglinge wetteiferten in Bewunderung für die junge, entzückende Tante und ent­wickelten ihr gegenüber die ersten Spuren huldigender Ritterlichkeit. Da« führte auch mich ihr näher gegen weinen Willen zuerst. Ich kannte die Grenzen meiner Stellung, ich hatte sie bisher unbeirrt festgehalten und

zu, daß nicht allein ausgesprochene Geistesstörungen, son­dern auch Eigentümlichkeiten und Einseitigkeiten in der Veranlagung auf Seiten der Eltern, Zustände, welchen wir heut zu Tage auf Schritt und Tritt begegnen, belastend auf die geistige Entwickelung der Kinder wirken: so kann es nicht Wunder nehmen, wenn wir die Welt einmal an­sehen, wie sie ist, voller Unruhe uud Tollheiten, voller Ueberstürzungen und Excentricitäten, voller Schroffheit und Sentimentalität, voller Eigensinn und voller Selbstsucht: Diese« traurige Bild einer ebenso traurigen Geistesverfas­sung des lebenden Geschlechts; so kann es nicht Wunder nehmen, sage ich, daß unter diesen und ähnlichen Verhält­nissen der durch Vererbung gegebenen KrankheitSstofscn in der Anlage deS Kindes, dieser Keim sich immer weiter ver­breiten und im späteren Lebe» zu einer vollständigen Frucht, zu einer wirkliche» Krankheit, der schrecklichsten von allen, der Geistesstörung entwickeln wird."Die notwendige Folge davon wird fein, daß die Zunahme der Geistesstörungen in ein immer rascheres Tempo geraten, die Leistungsfähigkeit unserer Jugend eine immer geringere, mit andern Worten der Niedergang der geistigen Kraft unseres Volkes in dem Heranwachsenden und Sem darauffolgenden Geschlechte auf die Dauer besiegelt sein wird. Meine Herren, hier liegt die große Gefahr; in der von Jahr zu Jahr zunehmenden nervösen Konstitution unserer Jugend, dem zunehmenden Mangel an Gleichgewicht der einzelnen geistigen Faktoren einerseits und der von Jahr zu Jahr zunehmenden In­anspruchnahme der Geisteskräfte."

Einen Beweis für die direct schädliche Einwirkung der gesteigerten Anforderungen unserer Schulen auf das Ge­hirn haben wir in dem auf allen höheren Lehranstalten unter dieser Jugend in großer Ausdehnung herrschenden Kopfschmerz zu suchen; ferner in der bei solchen überar­beiteten und abgehetzten Kindern häufig beobachteten Schlaf­losigkeit, in ihren unruhigen und ängstlichen Träumen; in ihrer am Tage hervortretenden ungewöhnlichen Reizbarkeit und Uehellaunigkcit."

Weiterhin ist Herr Hasse der Ansicht, daß man |am weitesten kommen und am sichersten gehen würde, wenn eine Petition au die Kultusminister der einzelnen Bundes­staaten, wozu er eine zu diesem Zwecke abgefaßte Eingabe vorliest, eingereicht würde, uud worin die motivierte Bitte ausgesprochen wird, die Lehrziele zu vereinfachen und zugleich ein Gesetz zu erlassen, daS andererseits als den nötigen Ausgleich für die geistige Arbeit zur Teilnahme an regelmäßigen täglichen Hebungen im Körperliche» ver­pflichtet.

Zum Schluffe spricht Herr Haffe sich also aus:lieber daS Maß des Wissens gehen die Ansichten allerei'.igö sehr weit auseinander. Aber ein nicht geringer Bruchteil aller Sachverständige» teilt mit mir die Meinung, daß diese höchste «Stufe der Bildung mit weit Wenigerem zu erreichen

lich gemacht zu haben.

Aus den in der Broschüre cargelegten Fällen geht zur Evidenz hervor, daß die zwar gut, aber nicht gleich­mäßig beanlagten Schüler, um den Anforderungen in den verschiedenen Disciplinen genügen zu wollen, durch über­mäßige Anstrengungen Geistesstörungen hervorriefen.In allen b chandelten Fällen wiederholten sich eine Reihe Symp­tome derselben Natur: In erster Linie Kopfschmerz, da­neben daS Gefühl von Oede und Leere im Kopfe, Schwin­del und große 'Unbesinnlichkeit. Jrn Gemütsleben Uebel- launigfeit und hochgradige Reizbarkeit; im Körperlichen finden sich verstärkte Herzaffeklionm, kleiner, harter Puls, heißer Kops, kühle Extremitäten, weite Pupillen und re­tardierte Verdauung," Aus Grund gemachter Beobachtungen behauptet dann der Verfasser,daß der größte Teil der Jugend einseitig veranlagt ist uud in seiner ganzen geistigen Veranlagung nach einer «Leite hin gravitiert. Diese Ein­seitigkeit, dieser Mangel an Gleichgewicht in den verschiedene» Facultäten des Gehirns, welche zusammen den Begriff der Begabung bilde», sie ist da, sie ist nicht imaginär; sie ist nicht allein da, sie ist die herrschende Geistesverfassung des Heranwachsenden Geschlechts. Und ist sie denn aus den Verhältnissen so schwer zu erklären? Geben wir zu, daß die Geistesstörungen in den letzten Decennien in rapider Zunahme begriffen sind, und ich glaube, meine Herren, keiner von Ihnen wird daran zweifeln; geben wir ferner

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j gewä 'b"' Tagen des August b~ A machte^besonders ein Vortrag tänbige

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte» f »wie d. Annoncen-Bureauk von @. L- Daube & Eo. in Frankfurt a. M; Jägerffche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvslibendarck in Berlin; W. Thienes in Elberfeld; S. Schlot» in

Bremen

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Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Tonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJlNstrirted 3oanteg»l!»tt" durch die Expedition (Koch'fche Buchdruckerei) bezogen 31. Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pf«, (excl. Bestellgebühr). - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 ffg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Unnaume von Adressen werden 25 Pf«, berechnet.

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elattviu höheren Mädchenschulen mit Arbeit, als erwiesen annahm,

sei, als was heute auf den Gymnasien verlangt wird, und daß andererseits alles positive Wissen, das die jungen Leute von diesen «Schulen heut zu Tage mitbringen, keineswegs die Erreichung dieses Zieles garantiert. Ich bin aber mit einem große» Teile der Sachversiändigen ferner der Mei­nung, daß ein richtiger Unterricht in den mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächern in seiner Bedeutung sowohl für die formale, als auch ideale Bildung und Schulung des Geistes dem in den alten Sprachen in keiner Weife nachsteht, und daß, wenn die von den Aerzten so gebieterisch geforderte Entlastung der Jugend auf unseren höheren Schulen von geistiger Arbeit berück­sichtigt werden soll,' nichts gründlicher, nichts radikaler, nichts besser helfen wird, als die Teilung der Arbeit, unter der ausdrücklichen Bedingung, daß Realschulen erster Ordnung, wie sie heute bestehen, und huma­nistische Gymnasien de facto uttb de jure als gleich- berechtigt zu behandeln seien."

Diese Teilung sichert uns gegen die von Jahr zu Jahr zunehmende geistige Zerfahrenheit des Heranwachsenden Geschlechtes, indem sie die Mittel und die Möglichkeit ge­währt, Zeit und Kraft läßt, anstatt fein Wissen durch Vielerlei zu verflachen, dasselbe zu vertiefen, und gleich­zeitig als hochwichtiges politisches Endziel die geistige Rich­tung, die geistigen Bestrebungen wieder zu consolidieren.

*Die Auswüchse und Ausschreitungen auf socialem Gebiete haben ihre nächste Ursache nicht sowohl in der Abnahme der Sittlichkeit und des Glaubens, als in der Oberfläch­lichkeit des Wissens."

Der Broschüre sind noch drei Abhandlungen beige­geben, welche zu dem besprochenen Thema in naher Be­ziehung stehen: 1) der naturwissenschaftliche und ärztliche Standpunkt, dem Unterrichtswesen dieser Zeit gegenüber; von Geheime Rat Dr. Snell, Direktor der Irrenanstalt zu Hildesheim; 2) lieber den Einfluß der Schule auf Ver­hinderung von Geistesstörungen; von Geh. SanitätSrat Dr. Lähr, Director der Privatirrenheilanstalt Schweizerhof und 3) Einfluß der heutigen Unterrichtsgrundsätze in den Schulen auf die Gesundheit deS Heranwachsenden Ge­schlechts; von Geh. Reg. Rat Dr. Finkelnburg.

Diese Titelangaben im Verein mit dem auszugsweise aus der Schrift des Herrn Hasse Mitgeteilten werden ge­wiß, wie wir hoffen, vielen Lesern Ursache fein, die Ab­handlungen selbst mit Interesse zu lesen.

Deutscher Reich. ~

Berlin, 15. November. Der Kaiser hat anläßlich des Ablebens des Generals von Göben eine KabinetSordre erlassen, worin eS heißt: Die Armee erlitt durch den Tod eines ihrer hervorragendsten Führer« in den letzten Kriegen, deS Generals von Göben, einen sehr schweren Verlust. Ich wünsche der hohen Wertschätzung, welche Ich in seiner