Marburg, Dienstag, 16. November 1880.
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Die Budgetdebatte im Abgeordneteuhause.
Die liberalen Abgeordneten haben die Finanzverwaltung diesmal besonders scharf angegriffen. Die Herren Rickert und Richter stürmten mit Zahlen, mit Witz und Spott auf den Minister ein — und verstanden es, die liberalen Lacher auf ihre Seite zu bringen. Besonderen Eifer verwendeten die beiden Herren darauf, die Behauptung des Finanzministers, daß sich die Geschäfte im letzten Jahre etwas gehoben und in Folge dessen auch die Einnahmen des Staates sich gebessert hätten, als unrichtig hinzustellen und das thatcn sie deshalb, um ja die Meinung nicht aufkommeu zu lassen, als hätte die Zollpolitik etwas zur Hebung der Industrie beigetragen. Der Eifer, mit welchem sie diese Meinung bekämpften, grenzte geradezu ans komische. Sie zeichneten dabei die Lage der Geschäfte als eine recht trübe, dieselbe habe sich noch nicht gebessert. Daß aber der Niedergang der Geschälte in der liberalen Freihandels- Periode cingetreten ist und daß der neue Zolltarif erst seit dreiviertel Jahren cingeführt ist und also noch gar nicht im Stande sein konnte, eine durchschlagende Wirkung aus- zuübcn, das wurde verschwiegen. Was in 12 Jahren gefehlt ist, das kann man in dreiviertel Jahren nicht wieocr gut machen. Wunderwirkungen darf man vom Zolltarif nicht erwarten. Wir fürchten aber auch, daß die guten Wirkungen des Zolltarifs durch die Goldwährung vereitelt werden. Unsere Industrie kann sich erst heben, wenn sie flott exportieren kann; aber die Goldwährung und die Demonctifizierung des Silbers hat unsere deutsche Währung verteuert gegenüber den Ländern mit Doppelwährung. Die Folge ist, daß unser Markt für das Ausland zu teuer ist und daß also der Export deutscher Waare ins Ausland geringer wird, während der Import ausländischer Maaren nach Deutschland steigt, weil die Kaufleute mit dem hochwertigen deutschen Golde, welches sie ja in Deutschland für unwertigeS Silbergeld haben können, in den billigen Silberländern mit großem Vorteil kaufen können, einen Vorteil, der alle Zölle wert überragt und eö zu Wege bringt, daß der Import sich eher vermehrt, statt sich zu vermindern und der Export dagegen zurückgeht. Wo soll da der Aufschwung der deutschen Industrie Herkommen? Die Liberalen hätten in der That alle Ursache recht bescheiden aufzutreten; denn die Notstände, welche die Herren Rickert und Richter gegen joen Finanzminister inS Feld führten, sind eine Erbschaft der liberalen Aera und sie werden auch nicht eher verschwinden, als bis ihre Ursachen noch viel gründlicher beseitigt worden sind. Daß es mit der Zollreform allein nicht gethan ist, haben wir schon bei Beginn derselben ausgeführt. Wenn der Wohlstand deö Landes blühen soll, dann darf das Geld nicht in die Hände weniger Goldhändler zusammenfließcn, sondern muß in den Händen deS Volkes bleiben, wo allein
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aus Elisabeths Munde so schüchtern hingehaucht, hatte den Sturm erzeugt; — ja, hätte ich sie geliebt, da wäre wohl auch der Friede über mich gekommen, der in ihrem stillen Vaterhause waltete — aber das war ja unmöglich! Wenn ich auch, treu dem Wort, das ich mir selbst gegeben, männlichen Willens die Leidenschaft für — Jene bekämpfte, die ja nie mein eigen werden konnte, wenn ich ihr fern blieb und allmälig den Schmerz der Sehnsucht überwinden lernte — mein Herz war doch erstorben für anderes Liebesglück. Ich mußte einsam bleiben!
So sann und brütete ich, noch zu später Stunde an meinem Arbeitstische sitzend. Vom nahen Fenster zog ein Veilchenduft leise zu mir herüber; er mahnte mich an's Vorrücken des Frühlings, an die nahende Osterzeit. „Morgen schreibe ich an den Grafen!" sagte ich laut, alö solle der oft schon verschobene Entschluß dadurch unwiderruflich werden; heut war« zu spät, mein Kopf zu wenig klar, ich wollte den Schlaf suchen.
Augen und Gedanken mochten nicht wie sonst bei dem Werk der Hände sein, als ich, gewohnheitsmäßig, die heut gebrauchten Bücher an ihren Standort ordnete. Ein bisher noch unberührter, starker Banv, einer der griechischen Klassiker, fiel seitwärts herab und lag aufgeschlagen am Boden; indem ich mich bückte, ihn aufzunehmen, umfängt mich schmeichelnd, wie ein Gruß aus der Ferne, zarter Blütenhauch; ich weiß nicht, wie mir geschieht, ich weiß im Augenblick kaum, welche Erinnerung der feine Odeur mir weckt' — Veilchendust aber war es nicht, das wußte ich.
In zitternder Ahnung ließ ich die Blätter des Buches durch die Finger laufen. Sieh, da ist'S — das feine, schmal zusammengebrochene Blättchen, dem her verräterische
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sabrikt.
Mein Grotzoheim.
Erzählung von E Reisner.
(Fortsetzung)
Elisabeth zögerte wieder mit der Antwort. „Und doch giebt eS eine!" sagte sie beklommen. „Er kannte und — und liebte damals meine Mutter schon. Um ihretwillen —" sie brach ab.
„Ah — daS war es!" Ein weiteres Wort fand ich nicht, und Elisabeth schien auch kein- zu erwarten noch zu wünschen. Ihre Wangen hatten sich höher gerötet; um meinem Blick nicht begegnen zu müsien, bückte ste sich und nahm ein Körbchen auf, da«, mit Pflanzen und Sämereien gefüllt, zu ihren Füßen stand. Obenauf lagen ein paar frische, kaum erschlossene Veilchen — „wie herrlich sie duften!" rief ich erfreut.
„Es sind die ersten deö Jahres, hier im Schutz der Hecke so früh erblüht", sagte Elisabeth, nun wieder völlig unbefangen, indem sie mir die zarten Lenzkinder hinüber bot. „Nehmen Sie; es ist doch ein wenig FrühlingSathem für Ihr Studierzimmer; für uns brechen jetzt mit jeder Stunde neue auf."
Ich nahm dankend die duftige Gabe und schied dann nach kurzem Lebewohl, das Elisabeth mit dem zwischen uns üblichen „auf Wiedersehen heut Abend!" erwiederte.
Aber der freundliche Wunsch erfüllte sich nicht; seit Wochen zum erstenmale blieb ich allein zwischen meinen vier Wänden. Ein Klang von außen war in die trügliche Stille der Gegenwart gedrungen, und Stimmen, die bisher geschwiegen, redeten, durch ihn geweckt, nun laut und lauter von dem, was gewesen, und, wie auch zurückgedrängt, doch Nie und nimmer zu vergessen war. Das Wort „Liebe",
in England je 1 Passagier von 387,594. Bezüglich der verunglückten Bahnbeamten kam in Deutschland je eine Verunglückung auf 21 Kilometer, in England auf 11,9 Kilometer. Durch Unfälle im Betriebe verunglückten in Deutschland 34 Reisende und 238 Bahnbeamte, in England 677 Reisende und 126 Bahnbeamte. Zum richtigen Verständnis dieser Zahlen bleibt allerdings zu berücksichtigen, daß auf den englischen Bahnen ein viel stärkerer Verkehr herrscht. Im Zusammenhänge damit übersteigt auch die Geschwindigkeit, mit welcher die Züge auf den englischen Bahnen befördert werden, die auf den deutschen übliche nicht unerheblich. Zum Vergleich der Jntenstvität des beiderseitigen Verkehrs sei nur erwähnt, daß auf den deutschen Eisenbahnen nur 178,404,617 Passagiere und 134,694,460 Tonnen Güter, dagegen auf den englischen 562,732,890 Passagiere und 212,188,155 Tonnen Güter befördert wurden. Allein ungeachtet der Verschiedenheit mancher Vorbedingungen geht aus dieser Vergleichung doch hervor, daß im Jahre 1879 gleichwie in den beiden voraufgehenden Jahren die Zahl der schweren mit Tötungen und Ver- ketzungen verbundenen Eisenbahnunfälle in Deutschland leine solche ist, für welche die Erklärung in bedenklichen Umständen gesucht werden müßte. Die Betriebsführung auf den deutschen Bahnen gibt daher zu Besorgnissen nicht Anlaß. — Im Anschluß an einen Erlaß des Kultusministers vom 29. Juni d. I., betreffend die Aufnahme gefallener Mädchen in die Hebammen-Lehranstalten, bestimmt der Minister in einem Erlaß vom 5. November, daß fortan die Entscheidung über Zulassung von gefallenen Mädchen von denjenigen Behörden, welche nach den bestehenden Vorschriften die Entscheidung in den anderen Fällen zusteht, getroffen werden soll. Der Minister macht jedoch darauf aufmerksam, daß der Grundsatz, gefallenen Mädchen der Regel nach vom Hebammen-Unterricht auszuschließen, auch fernerhin maßgebend bleiben muß und Ausnahmen nur unter ganz besonderen Umständen gestattet werden dürfen. ES werden demnach im Allgemeinen dergleichen Personen, wenn sie für ihre eigene Rechnung zum Zwecke des demnächstigen freien Betriebes des Hebammen- gewerbes zum Unterricht zugelassen werden wollen, mit ihren desfallsigen Gesuchen abzuweisen und Überhaupt nur solche gefallene Mädchen als Lehrtöchter anzunehmen sein, welche in Ermangelung anderer geeigneter Persönlichkeiten alS Hebammen für einen bestimmten Bezirk ausgebildet und angestellt werden sollen und insbesondere in der Zeit durch einen unanstößigen Lebenswandel den Ruf der Be- scholtenheit zu tilgen bestrebt gewesen sind. Die Ober- präsioenten sind veranlaßt worden, am Schluß des Jahres 1881 mitzuteilen, ob und wie viele gefallene Mädchen zum Hebammen-Unterricht zugelassen und wie viele von ihnen ohne Wahlatteste der Gemeinden ihre Anstellung erhalten haben. — Eine in Leipzig erscheinende Zeitung brachte
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Hauch entströmt! Von einem plötzlichen Rausch erfaßt, drück' ich eS stürmisch an die Lippen — dann entfalte ich's, um die flüchtigen, gedrängten, etwas krausen Schriftzüge zu entziffern.
„Von Dr. Bertram höre, daß er morgen Bücher an Sie „absendet; kann nicht lassen, zu legen dies kleine Blatt „in eins davon — ob Sie werden finden? — Brief zu »schicken an Sie, paßt sich ja nicht; die Deutschen sind so „pedantisch; Sie auch, böser Doctor, und doch vermisse „Sie so sehr, schon in paar Tagen; wie soll gehen, wenn „Sie wegbleiben ville, ville Wochen! Sie sehen, habe „schon verlernt, seit Sie fort sind, und werde verlernen „Alles, was ich hatte profitiert von Ihnen. Nun werden „Sie lachen — oder schelten, daß so dumm schreibe und „macht Ihnen gar keine Ehre Ihre Elevin.
»Ja, verlernt hab' ich, aber vergessen nicht „— niemals, Wenn Stunde kommt, wo hatte Lection bei „Ihnen — das war manchmal sehr langweilig, schlimmer „Doctor, sehr! aber mir fehlt doch jetzt schrecklich. Und „nun Abends — mein Cousin verlangt, daß ich mache „Honneurs bei Thee, wie immer, — aber diese deutschen „CavalierS sind so fade — pardon, lieber Doctor — so „fade und nun da zu machen Conversation — ohne Sie!
„Jetzt sehe, wie Sie machen finstere Augen; bin ich „wieder mal zu vill Polin — nicht? Aber schelte ich, „daß Sie sind vill Deutscher? Warten Sie, wann gehen „zum Frühjahr nach Cherzowa, das ist nahe der Grenze, „Sie werden auch sehen mein kleines Gut, mein Olenka; „da« liegt so grün, so frisch, und ringsum großer Wald. „Sie werden sehen, wie schön ist in meinem Polen, wie »sich läßt leben ohne die deutsche CavalierS — und ohne «die deutsche Gründlichkeit!
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außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JlUstrirteS SonntasSdlatt" durch die Expedition («och'scht Bu chd.uäe.ert bezogen Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 3 Mark 50 Pfg. fexcl. Bestellgebühr). — JnsertionSgebühr für dir gespaltene Zeile 10 Psg
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e« die Arbeit befruchten kann. Wenn ein einziges Bankhaus einen Jahresgewinn von 15 Millionen hat und es so viele Bankhäuser gibt, dann kann ja eine Verarmung des Volkes nicht ausbleiben. Wenn das Volk kein Geld hat, kann es nichts kaufen und dann haben auch die Arbeiter keinen Verdienst. Von den Bestellungen einiger Bankiers, die noch dazu vielleicht ihren Luxusbedarf ans dem Auslande beziehen, kann unsere Industrie nicht leben! Und wenn die großen Magazine ihre Maaren zum großen Teil aus den billiger produzierenden <Lilberländern, wie Oesterreich beziehen, so muß das zum Niedergang unseres inländischen Gewerbe's führen. DaS liegt auf der Hand. Wenn also unser nationales Gewerbe sich heben soll, so müssen noch andere Mittel in Anwendung gebracht werden als die Zollreform, so richtig auch diese ist. Wenn die liberalen Finanzkünstler von 130 Millionen Zolleinnahmen reden, bann thun sie immer so, als müßte las deutsche Volk diese Zölle allein auS seiner Tasche zahlen, während es doch Thatsache ist, daß einen großen Teil dieser Zölle das Ausland zahlen muß, welches seine Maaren bei uns verkaufen will, welche Thatsache freilich die Freihändler beharrlich leugnen. Hoffentlich wartet die Regierung nicht mehr zu lange mit den übrigen Reformen unserer liberalen Gesetzgebung, welche durchaus nötig sind, wenn unser wirtschaftliches Leben sich wieder wirklich heben soll. In seiner Vereinzelung im Rahmen einer sonstigen liberalen Wirtschaftsgesetzgebung wird allerdings die Zollreform einen schweren Stand haben, weil sie allein die Hebung der Industrie nicht bewirken kann und den Gegnern cs dann leicht wird, zu behaupten, daß sie nicht leiste, was man von ihr erwartete. Die Zollreform ist ein Glied in einer Kette notwendiger Reformen, aber sie ist nicht die Kette selbst und der einzelne Ring kann nicht leisten, was die Kette leisten soll.
Devlfches Reich.
*• Berti», 12. Nov. Eine im Reichseisenbahnamt angestellte Vergleichung der von demselben im Mai d. I. veröffentlichten Nachweisung über die Tötungen und Verletzungen auf den Eisenbahnen Deutschlands im Jahre 1879 mit der im Juli d. I. dem englischen Parlamente vorgelegten Uebersicht der Unglücksfälle auf den englischen Bahnen in demselben Jahre liefert folgendes Ergebnis: Im Ganzen verunglückten in Deutschland bei einer Betriebslänge von 28,418 Kilometern 1733 Personen (411 Tötungen 1322 Verletzungen), in England bei einer Be- triebSlänge von 28,478 Kilometer 4496 Personen (982 Tötungen, 3513 Verletzungen. Darunter befanden sich in Deutschland 119 Passagiere, 1355 Bahnbeamte und 259 andere Personen, in England 1467 Passagiere, 2403 Bahnbeamte und 626 andere Personen. Durchschnittlich verunglückten in Deutschland je 1 Passagier von 1,499,199,