Rr. 267.
-Marburg, Sonnabend, 13. November 1880.
XV.
(Olifiljclfirdjr jfitmiß
Mein Grotzoheim.
Erzählung von E Reisner.
(Fortsetzung)
In völliger Resignation blätterte ich noch einmal die Papiere durch, um dann Fach und Schrank zu schließen; da schiebt sich, dicht am Boden, noch ein Blatt mir zwischen die Finger, vergelbt, schier verblaßte Schriftzüge uno neben der Unterschrift ein halbzerbröckeltes scheinbar amtliches Siegel tragend. Ich trete anö Fenster um den Inhalt entziffern zu können; — da ist endlich ein Strahl, ein grelles Schlaglicht vielmehr, das aufhellend auf eine — o wie dunkle Stelle jenes erloschenen Daseins fällt. Das Blatt, unzweifelhaft nur durch Zufall der beabsichtigten Vernichtung entgangen, enthält, von der Landes. Irren- Heilanstalt zu D. ausgestellt, die Bescheinigung, daß der Dr. juris Ernst Elb au, ans R. in Westpreußen gebürtig, nach zwölfjährigem Aufenthalt in der Anstalt als völlig geheilt entlassen worden: die angegebenen, für mich unwesentlichen Details mögen hier unerwähnt bleiben. Die Jahreszahl des Zeugnisses stimmt mit dem hiesigen Bürgerbriefe überein; fast unmittelbar nach seiner Entlastung aus D. mußte der Genesene hierhergckommen sein. —
Ein leises Frösteln durchzitterte mich, ein inneres Grauen vor solchem Geschick. Hatte. dem einsamen Manne denn keine Hand sich entgegengestreckt, als er die Zelle verließ, die zwölf Jahre hindurch ihn dem Leben fern gehalten, als er nun scheu geblendet, unsicher in die Welt hinaustrat — keine Hand, auch die der Schwester nicht? Oder hatte er selbst in menschenfeindlicher Verbitterung die dargcbotene zurückgestoßen, um allein zu sein und zu bleiben?
Eö war ein trübseliges Resultat, das mein Suchen und
Berlin; W. Thiene» in Elberfeld; C. Schlotte tn Bremen.
Der Kampf der Amerikaner gegen die freihändlerischen Ansbeutungsversnche Englands.
In Chicago hat sich eine Gesellschaft gebildet, welche sich „Industrielle Liga von Amerika- nennt, um die amerikanische Schutzpolitik gegenüber der von England aus durch die amerikanischen Verzweigungen des freihändlerischen Cobden-Kiubs angestellten freihändlerischen Agitation zu verteidigen. Diese Liga hat vor einiger Zeit an daS amerikanische Volk einen Aufruf erlassen, welcher so viele, auch uns Deutsche sehr nahe interessierende Wahrheiten enthält, daß wir ihn hier wörtlich abdrucken wollen. Derselbe lautet:
An das amerikanische Volk!
ES ist kaum ein Jahr vergangen seit der Beendigung einer finanziellen Krisis, die in unserer Geschichte ganz ohne Beispiel war, sowohl in Bezug auf ihre zerstörende Einwirkung auf die Jndustrieen und Geschäfte des Landes, als auch hinsichtlich ihrer Dauer. Dank unseren weisen und wohlthätigen Zollgesetzen von 1861 erholt sich aber daS amerikanische Volk von den Verlusten, die es während der Panik (Folge monetärer Mißgriffe) erlitten, mit einer Schnelligkeit, welche die Welt in Erstaunen setzte. Kaum war die Wiederbelebung der Industrie allgemein geworden, so erschien jedoch in unserer Mitte ein Abgeordneter der britischen Fabrikanten in der Person von Thomas Bailey Potter, Präsident des Cobden-ClubS und Mitglied des englischen Parlaments, um eine Kette' von Einflüssen in Bewegung zu setzen, welche, wie er und seine Freunde stark hofften, die amerikanischen Industrien noch einmal zu Grunde richten würden. Er durchstreifte unser Land, gleichsam auf einer Zerstörungsmission und die Früchte zeigten sich in dem kühnen und entschlossenen Guerilla- Krieg, den die Freihandelspartei im Kongreß gegen unseren Zolltarif eröffnete und bis zum Schluß der Session fortführte.
Während dieser Kongreßperiode wurden fünfmal mehr Petition n und Anträge aus Zollermäßigungen eingebracht, als während irgend einer früheren Session.
Ungeachtet der wohlbekannten Thatsache, daß die überwiegende Mehrzahl dieser Petitionen von den Agenten auswärtiger Fabrikanten herrührte, so behaupteten die Frei- hanoelsführer des Kongresses doch mit eherner Stirn, daß sie der Ausdruck der öffentlichen Meinung seien. Sie verlangten, daß die Zölle auf verschiedene wichtige und rasch wachsende Jndustrieen wesentlich ermäßigt werden sollen, wie z. B. auf Papier, Bessemerstahl und Salz, worin viele Millionen Kapital bei uns angelegt sind und von deren gedeihlicher Entwickelung hunderttausende von Menschen abhängcn. Heute sind die Jndustrieen von Amerika in größerer Gefahr als je. Unser alter Feind, England, leidet immer noch sehr von den Wirkungen seiner unersättlichen
Vergleich zu dem Zerstörungswerk, auf das England jetzt sinnt. Wenn England seine Absichten erreicht, so werden die Leiden unseres Landes unendlich größer sein, als die- I-mgen, welche ein Krieg mit England im Gefolge haben könnte, wie die Geschichte jeder Krisis, die daS Land durchgemacht hat, beweist. Bester auf dem Schlachtfelde in stewen, als zu tausenden dem Laster und Verbrechen an- ^lmzufallen, waS stets die Folge großer Arbeitslos^ „ Im gegenwärtigen Augenblicke, wo unser Volk einer höheren Stufe der allgemeinen Prosperität sich nähert, als irgendwo bis jetzt erreicht ist, wo unsere Jndustrieen sich' kolossal entwickelt haben, unsere Exporte jede Erfahrung übertreffen, wo die Schutzpolittk in ihren Resultaten der> Welt zeigt, was daraus entsteht, in diesem Augenblicke 6c» muhen sich die Sendboten und Agenten Englands, atoic' t/acht bei uns zu säen und Einflüsse in ThättgkAt zu setzen, um unsere Zollpolitik aufzuheben, ohne Rücksicht, ob unsere arbeitenden Klassen dadurch in» Elend aestürr werden. 0 8 !:
Jede Panik, die wir erlebt haben, hatte al» Vorläufers die Ermäßigung von Zöllen — es war die Hauptursache — und nach dieser Erfahrung und angesichts der soliden f und brillanten Resultate, welche die Zollpolitik gezeitigt' hat, wäre eS em Verbrechen, wollten wir an unfern Joll- gesctz rütteln.
Carey zeigte der Welt die großen Verbrechen, welche England im Namen dcS Freihandel« an den arbeitende Klassen der Welt begangen hat. Er zeigte ferner, daß die Schutzpvlitik die größte Harmonie der Interessen zuwege ^mge. Schon deshalb, wenn auch aus keinem anderen Grunde, weil der Schutzzoll, wo immer derselbe in An- wkndung gebracht ist, die Tendenz gehabt hat, das Ver-' hältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu einem harmonischen und redlichen zu gestalten, sollte daS amerikanische Volk dem Prinzipe treu bleiben.
Unter diesen Umständen und in der Absicht, daS Volk über die Frage aufzuklären, ist ,die industrielle Liga mit dem Sitze in Chicago gebildet worden. Ihr Programm ist das folgende:
1) Verteilung von Drucksachen. 2) Abhaltung von \ Versammlungen in allen größeren und kleineren Städten, auch m landwirtschaftlichen Distrikten, um das Verhältnis der amerikanischen Jndustrieen zu den britischen Jndustrieen 1 ju diskutieren. 3) Filialen in allen Walddistrikten zu 1 etablieren. 4) Für keinen Kandidaten zum Kongreß zu 1 stimmen, der sich nicht vor der Wahl verpflichtet, die amerikanische Industrie zu schützen.
Wir wissen, daß das Recht auf unserer Seite ist und I unsere L>ache mit Erfolg gekrönt sein wird, wenn wir I einig sind und ausdauernd. ]
3ur Förderung unserer Aufgabe fordern wir jeden | »Verzeih, liebe Mama; ich dachte, daß es jdoch unendlich 1 trau iger sein müsse, sich selbst, als der Welt fremd zu I werben und wie schwer der unglückliche Mann unter diesen I Entfremdung gelitten haben mag. Man lebt ja doch zu- I nächst mit und in sich selbst, ist im eigenen Innern zu I Haufe wie nirgend sonst, nicht wahr? Und wenn nun dies I lcauie, :i;:i.t: Hnn zerstör! wir Jahre hindurch, wenn I bte Faden rissen, die Vergangenheit und Gegenwart an« I einanderknüpfen —" I
.. ArS junge Mädchen hielt inne, wie in tiefer Erregung; I bie Mutter strich ihr mit zärtlicher Hand über die klare I @Urn, während der Pfarrer scheinbar gleichmütig sagte: I „Daö war richtig empfunden und gut au-gedrückt, Töch- I ttrchen — aber grüble mir nicht zu viel über dergleichen! I Wer, mag auch wissen, wie es in jenem verschlossenen I Gemüt jemals auSgesehen? Und jetzt sind alle Schmerzen, I bte eö gequält, begraben und bet junge grüne Rasen wird I st.w 'N wenigen Wochen über den Hügel breiten, der sie I birgt — lassen wir die Toten ruhen!" I
Damit endete das bezügliche Gespräch, um auch später I Nicht wider ausgenommen zu werden. I
Einmal im Besitz der ersehnten Bücher, hatte ich mich I mit ganzer Seele in die Arbeit versenkt und fand in ihr I bie innere Befriedigung, die mir so lange fremd gewesen. I
Woche um Woche war vergangen. Draußen begann I A 8U weichen, die Märzsonne hatte mit mildem I ©trabl bte letzten Schneereste hinweggeschmolzen; — aus I bcm feuchten Grunde wagten sich junge GtaSspitzen hervor I und die Fliederbäume im Pfarrgarten zeigten vollschwellende I Blattknospen. Es war der Vorfrühling mit seinem ganzen I Zarten und geheimnisvollen Reiz. I
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition b. Blatte! sowie d. Annoneen-Bureauz von @. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jägerffch« Buchhandlung daselbst; HermamLsche Luchhanvl. daselbst; Jnvalidrudank tu
Habsucht und Thorheit. Seine Seiden- und Zucker-Industrie ist fast erloschen und viele andere seiner Jndustrieen leiden unter seiner Freihandels-Politik. Hierzu gesellt sich zu semem Schaden die Zähigkeit, mit welcher eö an alten Gesetzen, namentlich seinen drückenden Gesetzen, betreffend das ^Grundeigentum, festhält, die das Volk von der Scholle getrennt und in alle Weltgegenden getrieben haben; diese Lage erhält seine großen Industrie-Interessen in beständigen Paniken und in einer fieberhaft spekulativen Richtung. Die Politik, welche England ganze Generationen hindurch mit gewissenloser Habsucht verfolgt hatte, die nämlich, sich zur Werkstätte der ganzen Welt zu machen, die Entstehung von Jndustrieen außerhalb Englands zu verhindern oder zu ersticken, hat ihre Früchte gezeitigt, indem jede civili- sierte Nation die Schutzpolitik adoptiert hat, um sich vor Ruin und ihr Volk vor Sklaverei zu bewahren Nachdem England Jahre lang Wind gefäet hat, erntet es jetzt Sturm. Jedes Jahr mehr von den Weltmärkten ausgeschlossen, mit ganzen Klassen seiner Bevölkerung dem Pauperismus verfallend, mit Abnahme feiner Ausfuhr macht es jetzt eine letzte Anstrengung gegen die Vereinigten Staaten mit ihrem großen Markt, um den Zolltarif zu durchbrechen und unsere Fabrikanten zu ruinieren, damit es selbst in der Skala ter Nationen nicht tiefer sinke. Es predigt einen neuen Krieg gegen die amerikanischen Jndustrieen durch seine FrcihandelSorganisation, den Cob- den-Klub. In der letzten Zusammenkunft dieser Gesellschaft erklärte ihr Präsident, Mr. Potter, daß sie ihre Aufmerksamkeit auf die Vereinigten Staaten gerichtet hätten und er drückte die vollste Zuversicht aus, daß sie siegreich sein und unseren Zolltarif niederreißen würden.
Wir können diesen Briten für ihre Freimütigkeit im Aussprechen ihrer Pläne Dank sagen, wenn wir sie auch für die kaltblütige Ruchlosigkeit, die denselben zu Grunde liegt, verwünschen. Ihre Pläne, wenn realisiert, müßte« unfehlbar eine neue Welle des Ruins und Elends über unser Land bringen, unsere Landstraßen und Armenhäuser mit Menschen füllen, die keine Arbeit hätten.
Wenn England einen Plan ankündigte, unser Land mit Flotten und Armeeen anzugreifen, so würde sich die Nation wie ein Mann erheben, um die Angreifer zurückzuschlagen, wie zur Zeit der Revolution und in 1812.
Aber ein viel gefährlicherer und lötlicherer Feind als Flotten und Armeeen ist bei uns bereits gelandet.
Arbeit ist die Lebensbediiignng und die Industrie eines Landes, ist der Haupteckstein einer Nativ«, worauf sie eine höhere Civilisation allein nur gründen kann. Folglich wer konspiriert, die Arbeit ihrer legitimen Früchte zu berauben, der begeht ein Verbrechen gegen die Humanität.
So beklagenswert auch ein Krieg zwischen England und den Vereinigten Staaten sein würde, so könnte unser Volk ein solches Ereignis mit Gelassenheit hinnehmen im Forschen mir gewonnen — „und ein recht ungenügendes obendrein," meinte der Pfarrer nachdem ich am Abend ohne Hehl ihm und den Seinen Mitteilung davon gemacht. „Es ist wenig damit erreicht — höchstens ein Anknüpfungspunkt für neue Fragen, die freilich ohne Antwort bleiben werden. Dann dürfen wir nun die Geisteskrankheit Ihres Verwand ten als Ursache seiner hartnäckigen Zurückgezogenheit, seiner Menschenscheu betrachten — sicher war sie zugleich die Wirkung früherer Erlebnisse, heftiger Leioenschaften, schwerer Erschütterungen, erlittenen Unrechts, und erst in der Ergründung dieser Vorgänge und der Art ihrer Einwirkung auf das Gemütsleben des Unglücklichen würde das rein persönliche wie das psychologisch« Interesse seine Befriedigung finden."
Ich konnte nur lebhaft zustimmen. Und die Hausfrau sagte mit trübem Kopfschütteln: „Ich wollte, Herr Ostwald, Sie hätten das unselige Blatt gar nicht entdeckt! Der harmlose Sonderling, den man belächelte und Übrigens tolerierte, weil man eben nicht anders konnte, wird nun in meinen Augen zum Märtyrer — ich kann nur mit dem tiefsten Mitleid — selbst mit leisem Selbstvvrwurf an ihn zurückdenken. Mein Gott, wie schrecklich! Zwölf lange Jahre wie in Kerkerhaft gehalten, der Welt, den Menschen enffremdet, und dann plötzlich hinausgestellt, scheu, verschüchtert und so gänzlich allein! Solch ein Loos —"
Elisabeth, die biß jetzt still ihre Handarbeit gefördert, hob in diesem Moment langsam bett zierlichen Kopf und dir braunen Augen hafteten mit sinnigem Ausdruck auf dem Antlitz der Mutter; der Blick sprach und die Pfarrerin erwiderte ihn, sich selbst unterbrechend, mit der «Frage: „Was dachtest du eben, Elisabeth?
Ein leises Erröten flog über das zarte Mädchengestcht.
Anzeigen nimmt tmgegen: He Expedition b.BIattcl, sowie d-Annoncen-Bureaux von Th, Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Bögler in Aranifurt o. M., Berlin, leiMig, Sfiln rc.; Rudolf SXsfie in Berlin, Frankfurt a. M re.