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Nr. 266

-Marburg, Freitag, 12. November 1880.

XV. »qjiiig

Anzeigen nimmt entgegen: Ht Expedition d.Blattrs, sowie d.Annonccn-Bureau^ von LH, Dietrich & Co. i Staffel und Hannover; H Dietrich in Frankfurt a.M. Haasensteiu & Bögler i Frankfurt c- M., Berlir Leipzig, Mn tu; Rudel Äoflr in Berlin. Frank­furt <u M. n.

Anzeigen nimmt entgegen dieExpeditto« d. Blatte! sowie d. Annoncen-Bureaur von @. L. Daube & Co. in K:ankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbk; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvaltdendauk in Berlin; L LhieneS in «berseld: S. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für da« Quartal mit der wächentlichen Beilage „Jäuftrirle» TonntagSblatt" durch die Expedition (Äoch'fche Ouchdruckereij vezogen 3^ Mark, durch bu Postämter des Deutschen welches 2 Mark 50 Psg. (excl. Bestellgebühr). — JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Bf«, jat ui der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 35 Psg. berechnet.

Deutsche» Reich.

•* Berlin, 9. November. Nachdem die Fortschritts« presse in massenhaften, z. B. recht gehässigen Artikeln den von der Negierung beabsichtigten Steuererlaß zu brand' marken versucht hat, alö eine Maßregel, die im Wider­spruch siche mit den bewährten Traditionen altpreußischer Finanzpolitik, die für den Steuerzahler ohne Bedeutung, für das Staatsrccht aber gefährlich sei, sieht sich die Fortschrittspresse durch den gestern eingebrachten Antrag des Herrn der Partei, dem dann auch die Partei ein reichliches Gefolge ihrer Abgeordneten geliefert hat, vor die Aufgabe gestellt, was sie bis vor Kurzem als eine leicht­sinnige Maßregel darzustellen den Auftrag hatte, plötzlich zu verherrlichen, ja ein höheres Maß de» Leichtsinnes zu fordern. Die Staatsregierung hat bei ihrem Vorschläge die angeblichen Gebote der Vorsicht in keiner Weise außer Acht gelassen; ob dies auch Seitens des Herrn Eugen Richter geschehen, ist mindestens sehr fragwürdig. Die Regierung hatte einen Steuererlaß vorläufig für das nächste Budgetjahr vorgeschlagen, Herr Richter will den Ertrag der preußischen direkten Steuern sogleich durch ein definitives Gesetz erheblich vermindern. Die Regierung will die Steuererlasse künftiger Jahre abhängig machen von der Höhe der künftigen Einnahmen, Herr Richter will diese nicht abwarten. Die Regierung befindet sich genau auf dem Boden des VerwenduugSgesetzes vom 16. Juli d. I. und führt dessen Vorschriften auS, Herr Richter nimmt in seinem Gesetzesantrag von diesem Gesetz nicht die geringste Notiz. Er kümmert sich nicht darum, daß, wenn jetzt sein Vorschlag Gesetz werden sollte, zugleich das Verwendungsgcsetz außer Kraft gesetzt werden muß. Denn dieses bestimmt, daß die künftig auf Preußen fallenden Anteile von den etwaigen RetchSüberschüssen zur Minde­rung der preußischen direkten Steuern verwendet werden. Dabei hat das Verwendungsgesetz natürlich den Umfang der preußischen direkten Steuern, wie er bei Erlaß des­selben bestand, vorausgesetzt. Es geht doch nicht an, daß man die preußischen direkten Steuern erst definitiv ver­mindert und dann auch noch die Reichsüberschüsse künftiger Jahre den geschwächten preußischen Einnahmen entzieht. Das Motiv des Herrn Richter ist unschwer zu durch­schauen. Der Bannerträger der Fortschrittspartei ist plötz­lich von dem Gedanken erfaßt worden, daß man unmöglich der Regierung das Verdienst, die Steuern zu vermindern, überlassen könne, noch viel weniger aber der Fortschritts­partei die Unpopularität ,auferlegen, sich einem Steuerer­laß, wenn auch mit Gründen solider Finanzpolitik zu widersetzen. Der Herr.und Meister der Fortschrittspartei hatte nicht bedacht, als er die erste Parole, die der Un­verträglichkeit des Steuererlasses mit einer soliden Finanz­politik ausgab, daß er unter dieser Parole in ein un-

Meiu Ärotzoheim.

Erzählung von E ReiS ner. (Fortsetzung) ,

Ein paar Tage konnten bis zu ihrem Eintreffen immer­hin noch vergehen; den einen derselben, der, nach vorher­gegangenem mildem Wetter in die schlimmsten Tücken deS Winters ziuückfalleno, an Sturm und Schneetreiben das Möglichste leistete, sollte die Erforschung der Mysterien deS alten SchreibschrankeS ausfüllen — mit einem Gefühl, geteilt zwischen ehrfurchtsvoller Scheu und gespannter Er­wartung, öffnete ich seine Außenthüren.

Leider sollte dieser, immerhin angenehmen Erregung die nüchternste Enttäuschung folgen! Die Mehrzahl der ge­räumigen Fächer und Schubkästen wies sich leer, während die übrigen ix musterhafter Ordnung nur den Beweis für des alten Herrn peinliche Genauigkeit in allen Geschäfts- Angelegenheiten liefern mochten. Quittungen jeder Art, streng in Packete gesondert, mit der Jahreszahl überschrie­ben — letztere den ganzen Zeitraum seines hiesigen Aufent­haltes umfassend —, gerichtliche und kommunale Verfü­gungen und Erlasse, auch Privatbriefe, streng geschäftlichen Inhalts — alles da« war sorgfältig gesammelt und er­halten worden — für mich allerdings ein todeS, trostlos gleichgültiges Material. War in diesem Bereich daS innere Sein und Leben des Einsamen aufgegangen?

Eben trat Mutter Grau mit frischem Trinkwasser inS Zimmer. Sie zu Mitteilungen betreffs des Verstorbenen in veranlassen, hatte ich bisher vermieden; Geister, so ge­rufen, sind oft schwer wieocr loszuwerden, meinte ich. Jetzt über kam mir, unwillkürlich fast, die Frage über die Lip-

„Sagen Sie, Frau Grau — Sie allein können es

populäres Fahrwasser geraten könne. Schleunig besinnt er sich eines Besseren und fordert weit mehr als die Re­gierung vorgeschlagcn hat. Wie wird nun aber die Fort­schrittspresse die Solidität und Ungefährlichkeit der stärkeren Maßregel beweisen, nachdem ihr gestern die schwächere äußerst leichtsinnig und gefährlich vorkam. Vielleicht be­sinnt man sich auf das heutige Lieblingswort „taktisch" und erfreut sich an dem frischen taktischen Zug des Pro­pheten der Fortschrittspartei. Erlaubt aber die Taktik, das Staatswohl zu beschädigen? Doch finden wir bereits in einem der radikalsten Fortschrittsblätter, in der „Volks­zeitung", einen Versuch, die neue Wendung als ganz na­türlich hinzustellen. Das Blatt sagt, die Fortschrittspartei habe sich den neuen Reichsstcuern widersetzt; eS sei also ganz konsequent, daß sie die allgemeine Steuerlast von irgend einer Stelle jetzt zu vermindern suche. DaS ist eine Konsequenz von vorgestern auf heute aber nicht von gestern auf heute. Dazwischen liegt die Behauptung der Fortschrittspartei, daß ein Steuererlaß eine unvorsichtige Maßregel sei. Jedenfalls hat dieser Vorfall das Gute, einen neuen Beweis zu liefern für die Aufrichtigkeit der fortschrittlichen Besorgnisse um die Förderung deS Staats­wohles. Die Regierung dürfte übrigens durch den Rich- terschen Antrag durchaus nicht in Verlegenheit gesetzt werden. Je mehr man die preußischen direkten Steuern schon jetzt definitiv vermindert, desto stärker wird die Ver­pflichtung der wirklichen Patrioten, zum Ersatz durch an­gemessene Steuerquellen im Reich die Hand zu bieten.

Berlin, 10. Nov. Die „Provinzial-Corresp." schreibt in einem Artikel unter der Ucberschrift „Der Steuererlaß": Eine ernste Prüfung der Finanzlage ergab für die Regie­rung die Möglichkeit cineSj Steuererlasses zunächst für da» kommende Jahr. Daß die Volksvertretung bei gleich ge­wissenhafter Prüfung zu andern Ergebnissen kommen und den Steuererlaß zurückweisen sollte, ist um so weniger an- zunehmcn, al« die Parteien, welche im Großen und Ganzen mit der Regierung über die Reformziele einig find, kein geringeres Interesse an Erfüllung der verheißenen Erleich­terung der direkten Besteuerung haben dürften als die Regierung selbst. Nicht diejenigen wahren die Interessen der Bevölkerung, welcher einer Doctrin zu Liebe sich der Entlastung der armen Bevölkerung widersetzen; auch nicht diejenigen, welche über die Grenzen der Möglichkeit der Entlastung hinausgehen wolle», indem sie da«, was die Regierung als wohlbegründete „Hoffnung" bezeichnet, schon alö sichere Thatsachc ihren Anträgen zu Grunde legen. Der Steuererlaß bildet einen sehr wesentlichen Teil der großen Reform des Fürsten Bismarck; dcnsclben zu ver­weigern, oder durch Ueberbieten zum Scheitern zu bringen, wäre eine Vernachlässigung der Bedürfniffe der ärmeren Klassen. — Der „Nordd. Allgem. Ztg." zufolge ist nach dem bereits am Montag erfolgten günstigen Abschlüsse der ................- i ■ wissen — wie brachte Ihr alter Herr seine Tage hin, sahen Sie ihn zuweilen schreiben?"

Die Frau nickte bejahend. „Schreiben? Jeden Tag, den Gott der Herr werden ließ! Da« ging beim seligen Herrn wie am Schnürchen." Und wie an den Fingern zählte die Alte die verschiedenen Abschnitte der Tagesord­nung her und gab schließlich die Versicherung ab, daß der Herr Doktor stets eben so gewissenhaft einen Teil des Morgens am Schreibtisch, als die Abenddämmerstunde zu jeder Jahreszeit und fast bei jedem Wetter draußen im Stadtwald zugebracht habe. „Das war der einzige Weg, den er ging, weil er gleich hier nebenan durch die Mühl­pforte in'S Freie kam und wenig Leute zu sehen brauchte; — so war er nun schon, der gute, selige Herr I" schloß sie ihre Rede.

Ich schüttelte unbefriedigt den Kopf. „Geschrieben also hat er — aber was? Briefe wohl kaum — oder doch?"

Die Alte verneinte. „Briefe gar selten — das müßt' ich ja wiffen; selber ist der Herr niemals zur Post gegangen."

„Nun also — was sonst? Und was mag aus den Erzeugnissen seiner Feder geworden sein?" inquirierte ich weiter.

Frau Grau öffnete mit einem Blick des Verständnisse« die eiserne Thür, die den kleinen Kamin verschloß — Berge von leichter Asche und verkohltem Papier lagen darin. „Wae draus geworden?" wiederholte sie lakonisch. „Hier drinnen hat's gebrannt, schier den halben Tag, und daS Schreibpult ist um und um gekehrt worden. Da« war kurz, ehe der Herr sich einlegte; er klagte sich schon,

Beratungen über die Abhülfe der Notstände in Ober schlesien sofort die Ausarbeitung des bez. Entwurfs in Angriff genommen worden. — Das Gesetz zur Bestrafung der Trunkenheit, welche« dem Reichstage zugehen soll, ist zur Zeit Gegenstand der Beratung des preußischen Staats- ministeriums und findet in demselben, wie man hört, wesentliche Billigung. Die in einzelnen Landesteilen be­stehenden Zustände begründen allerdings nach allen der Negierung vorliegenden Nachrichten die Ueberzeugung, daß es notwendig sei, mit allen thunlichen Mitteln dem so weit verbreiteten Laster zu steuern. Die Bestimmung des Strafgesetzbuches, daß mit Geld oder Haft zu bestrafen ist, wer ungebührlicher Weise ruhestirenden Lärm oder wer groben Unfug verübt, hat sich als ausreichend nicht be- währt, dem Acrgernisse zu steuern, welches durch Trunken­heit an öffentlichen Orten gegeben wird. Demgemäß kann es nicht wundernehmen, daß sich die maßgebenden Stimmen mit der Tendenz des Gesetzentwurfs einverstanden erklären. — Das Kriegsministerium hat eine Bekanntmachung er­lassen, in welcher die Bestimmungen aufgestellt sind, für diejenigen Freiwilligen, welche in die Unteroffizierschulen zu Potsdam, Jülich, Bieberich, Weißenfels, Marienwerder und Ettlingen eingestellt zu werden wünschen, sowie die Grundsätze für die Aufnahme von Knaben in das Militär- Erziehungs-Jnstitut zu Annaberg. — Vor einigen Wochen wurde in der „Tribüne" die Behauptung aufgestellt, einem Tabakfabrikanten in Thüringen, der Kentucky-Lauge aus der Schweiz bezogen habe, sei gegen den klaren Wortlaut des Zolltarifs die Bewilligung der tarifmäßigen Faßtara von 12 Prozent verweigert worden. Dies ist unrichtig, denn der Zolltarif kennt eine Tara für Tabaksaucen über­haupt nicht, vielmehr bezieht sich die bei Nr. 25 v. des Tarifs festgesetzte Tara nur auf „unbearbeitete TabakS- blättcr und Stengel" und wird nach § 2 des Gesetzes vom ~15. Juli 1879 bei der Ermittelung des Nettogewichts von Flüssigkeiten das Gewicht der unmittelbaren Umschlie­ßungen (Fässer, Flaschen, Kruken u. dgl.) nicht in Abzug gebracht.

Breme«, 6. Novbr. Der Norddeutsche Lloyd hat in diesen Tagen, wie der „Frkf. Ztg." geschrieben wird, die Beförderung von 3000 rumänischen Israeliten nach Amerika übernommen, welche ihre längst geplante Auswanderung noch in diesem Jahre zur Ausführung bringen werden. Es hat sich ein Comit« in Rumänien gebildet, welches unter Beihilfe reicher Glaubensgenossen in Deutschland und Frankreich die UcbcrfahrtSkosten und den Ankauf von Woh­nungen und Ländereien in Amerika bestreitet. — Die Aus­wanderung dauert Heuer unvermindert fort; der gestern abgefahrene Dampfer „Köln" bringt 1020 Personen nach Baltimore und man rechnet jetzt, daß 80,000 Köpfe bis zum Ende dieses Jahres über Bremen befördert sein werden.

aber ich hatte den Arzt noch nicht holen dürfen. Ja, da ist S geblieben, und ich dachte gleich —"

Da ich auf Mutter Grau's weitere Gedanken nicht eben neugierig war, entfernte ich sie durch einen Auftrag. — Also ein Autodafs, wahrscheinlich alles vernichtend, was einen Blick in die Vergangenheit — mehr noch, in das Seelenleben de« Einsiedlers hätte gewähren mögen! Damit waren freilich die Hoffnungen, die ich etwa in Be« zug auf fernere, genaue Untersuchung des papiernen Nach- lasses gehegt, bis auf Null reduziert, und nur mechanisch öfs:cte ich die wenigen Schubfächer, die noch übrig waren.

Im vorletzten derselben fiel mir, obenaufliegend und an mich überschrieben, ein zusammengefaltetes Papier ins Auge, das ich mit ungeduldiger Hast auseinanderschlug — e8 war doch etwas, das von einem persönlichen Interesse für mich zeugte. So dachte ich — aber eS enthielt nur das genaue Verzeichnis, sowie die Nummern der Staats­papiere, die für mich beim Notar deponiert waren — weiter nicht«; ich wußte jetzt, weshalb der Schlüssel nicht dem Letzteren, sondern Mutter Grau übergeben worden, die allein das Vertrauen de« Verstorbenen besessen zu haben schien. Denn was ich zu finden jetzt bestimmt er­wartete: ein Inventar über den beweglichen Hausbestand, Mobilien, Wäsche rc. — war nicht vorhanden, nur die Briefe meines Vormunds und die meinigen — auch der einzige, den meine Großmutter damals an den Bruder ge­richtet, — fanden sich wohlgeordnet vor.

~„Unfc,nun Mm letzten Fach! UniversitätSzeugniffe, Dissertationen, das Doctordiplom — dann der hiesige Bürgerbrief, der Kaufbrief des Hauses; — wichtige Doku­mente ohne Zweifel aber wie leer für mich!

(Fortsetzung folgt.)