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Nr. yea.

Marburg, Mittwoch, 10. November 1880.

XV. Mrgaofl

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Mei« Großoheim.

Erzählung von E. Reisner.

> Fortsetzung)

Schon heut beim ersten Begegnen hatte die Persönlich­keit des Mannes mir imponiert, dann seine einfachen Worte am Grabe ihm meine Sympathie gewonnen — jetzt überraschte und erfreute mich die klare unbefangene Weltanschauung, die, vom Geist milder Duldung beseelt, in jeder seiner Acußerungen zu Tage trat. Sie über­raschte mich, sage ich — und zwar eben hier, in dieser wcltentfremdcten Ecke dcS lieben, deutschen Vaterlandes, deren Bewohnerschaft — wenn das Urteil, daS ich mir heut flüchtig gebildet, nicht nur Vorurteil war — im allgemeinen den Stempel geistiger Beschränkung zu tragen schien.

„Vielleicht ist das Pfarrhaus die einzige Oase in dieser Wüste!" meinte ich, und freute mich still an dem feinen Verständnis, womit die Pfarrerin den Ansichten ihres Gatten folgte, sich ihnen warm anschloß W- oder sie doch auch, wo sie von den ihrigen abwichen, schüchtern zu be­kämpfen suchte. Das rief dann wohl einen Zug leisen Humors auf dem charaktervollen Gesicht des Pfarrers her­vor, der es noch anziehender machte, aber die geistige Heber« legenheit, die in seiner Erwiderung anklang, kam in dem herzlich-warmen Ton der sonoren Stimme so gemildert zum Ausdruck, daß sie nur erfreuen, überzeugen — niemals verletzen konnte.

Elisabeth, das älteste Kind des Hauses, beschickte indeß den Abendtisch. Zu dem vollen Jugendreiz ihrer achtzehn Jahre gesellte sich als eigentümlich fesselnde Beigabe ein ruhiges Gleichmaß der Bewegung, das in diesem Alter

Deutsches Reich.

Berit«, 8. Nov. Der „Reichsanzeiger" erklärt: die Meldung verschiedener Blätter von einer an den Reichstag zu bringenden Vorlage über eine Anleihe wegen Erweite­rung des unterirdischen Telegraphennetzes ist unrichtig. Es sei nicht beabsichtigt, nach Ausführung deS 1876 ent­worfenen Planes noch weitere Mittel für nnterirdisel-e Linien zu beanspruchen; im nächsten Etat gelange nur die letzte Rate der 1876 für Vollendung des Planes vorge­sehenen Mittel zum Ansatz. — Als mutmaßlich frühester Zeitpunkt der Hebernahme des StaatSsecretariats durch den jetzigen deutschen Botschafter in Konstantinopel, Grafen Paul Hatzfeld, welche zweifellos feststeht, wird jetzt der 1. Januar k. I. bezeichnet. Um dieselbe Zeit wird Fürst Hohenlohe als Botschafter nach Paris gehen. — Der Kaiser empfing Sonntag Mittag das Präsidium deS Ab­geordnetenhauses in äußerst huldvoller Weise und unter­hielt sich mit den Herren eingehend über die Aufgaben der Session. — In dem Etat M Reichsschatzamts ist der ausgeworfene Betrag von 100,000 M. wie folgt begründet: In Gemäßheil des Bundesratsbeschlusses vom 3. Mai 1879 sollen bei den für Rechnung der RcichSbank statt­findenden Goldausprägungen bis zur Höhe von 50 Mill. Mark mit Ausschluß der Doppelkronen nur Kronen unter Hebernahme der hierdurch entstehenden Mehrkosten auf die Rcichskasse ausgeprägt werden. Hiervon sind bis zum Beginn des EtatSjahres 1880.81 rund 20Vs Mill. Mark und im ersten Halbjahr dieses Etatsjahres weitere rund 7Vr Mill, ausgeprägt worden, während die Ausprägung im zweiten Halbjahr sich voraussichtlich nicht höher als auf 8 Mill, belaufen wird. Es wird hiernach für das Etatsjahr 1881/82 noch die Herstellung von rund 14 Mill, erüb­rigen. Zur Bestreitung der hierdurch sowie durch eine etwaige weitere Ausprägung von Kronen entstehenden Prägekosten und der sonstigen das Münzwesen betreffenden Nebenkosten dürfte der Betrag von 100,000 Mark hin- reichen.

" Breslau, 5. Nov. Zur Bekämpfung des CreditgebenS in Schaukwirtschaflen hat der Landrat des Kreises Pleß unten» 22. v. M. folgende B.kanntmachung erlassen: „Ein großer Teil der Gast- und Schankwirte, namentlich in den Ortschaften, wo mehrere derartige Concessionen existieren, sucht sich die Kundschaft dadurch zu erwerben, re,p. zu erhalten, daß Bier, Wein und Spirituosen auf Credit verabfolgt werden, was selbstverständlich die Bevölke- zu größeren derartigen Ausgaben verleitet. Die AmtS- vorstäude und Polizeiverwaltungen werden besonders bei den vorgeschriebcnen Revisionen Gelegenheit finden, solches Unwesen, welches zur Förderung der Völlerei dient, festzu­stellen und vorkommeuden Falles auf Grund der §§ 33, 53 und 54 der ReichSgewerbeordnung die entsprechenden Anträge auf ConcejsionSentziehung zu stellen haben."

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte» sowie b. Annoneen-Bureaux von 0. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermannffche Buchhandl. daselbst; Jnvalidenbani in B-rlin; W. Lhiene? in «berfeld: ff. Schlote- in Bremen.

Anzeigen nimmt emaegen: die Expedition -.Blattes, sowie dAnnoncen-Bureaux von Th, Dietrich & Co. in staffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Hänfenstem & Bögler in «rankfurt a. M.,Mrlin, Leipzig, CSln :t.;Wbolf L>wffe in Berlin, Frank­furt a. M. re.

Ärjchemt täglich außer an den Werk agen nach Bonn- und Feiertagen. Preis jur daS Quartal aut der vSchentlichm Beilage „JstnstrirteS SonntagSilatt" durch die Expedition (K o ch'fche Buchdruckerei) bezogen Sh Start, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Msr! 50 Pfg. (epi. Bestellgebühr). - JnsertionSgebühr für sie gespaltene Zeile 10 «s«

Mr m der Expedition zu «Heilende Auskunft und Annah«: von Adressen werben 25 Pf«, berechnet

habe Kenntniß gegeben werden. Die Nachricht der „Preffe" war nach demselben Blatt unrichtig. Der 22. Nov. war mit Rücksicht auf de» Zusammentritt des Reichstages als der früheste Termin für die Einberufung deS Landesaus­schusses insofern ins Auge gefaßt worden, als die Einbe­rufung nicht früher stattfinden sollte. Es hat sich jedoch längst die Notwendigkeit herauSgestellt, einen späteren Ter­min in Aussicht zu nehmen. Was die Aufgaben der kommenden Session anbelangt, so gelangen einige der in Vorbereitung begriffenen Vorlagen erst am 15. d. M. an den auf diesen Tag einberufenen Staatsrat. Der Zeit­punkt ist daher noch nicht gekommen, über diese Aufgaben nähere Mitteilungen zu machen.

Ausland.

Wien, 8. Novbr. Meldungen der „Polit. Corresp." Aus London: Das britische Cabinct richtete eine Note an den britischen Gesandten in Athen, worin dasselbe Grie­chenland für jetzt Geduld empfiehlt und für später die Unterstützung Englands verspricht. — Aus Konstantinopel: Der Präfect von Varna begab sich in Begleitung der Localbehörden zum französischen Vice-Consul, der von dem Stabe des Avisodampfers „Petrel" umgeben war. Der Präfect drückte für seine Person und Namens der bulga. rischen Regierung Bedauern über die Jnsultirung des fran­zösischen Viceconsulates aus; der materielle Schaden werde gutgemacht und die Nachforschung nach den Schuldigen fortgesetzt werden. Damit ist der Zwischenfall erledigt. Der hiesige bulgarische Geschäftsträger wird auf Recla- mation des französischen Botschafters Tissot heute die un­wahren Meldungen hiesiger Blätter über die Vorgänge anläßlich seines Besuches bei Tissot berichtigen. Der Aviso­dampfer „Petiel" ist zurückgekehrt. — Aus Athen. Zaimis ist gestorben.

Pest, 8. Novbr. Das Unterhaus hat, nachdem Tisza eine Rede gehalten hatte, den Ausgleich mit Kroatien an­genommen. T

Nizza, 8. November. Das Befinden les russtschcn Reichskanzlers Fürst Gortschakoff ist für fein hohes Alter befriedigend. Derjenige Fürst Gortschakoff, welcher frü­her 2 Monate in Bern und jetzt in Clärens ziemlich schwer krank darniederliegt, gehört nicht zur Diplomatie.

Paris, 8. Novbr. Die Einschließung der Prärnon- stratenser in ihrem Kloster bei Tarascon dauert fort. Die Einschließungstruppen sind in 5 Linien aufgestellt. Bisher hat kein Zwischenfall stattgefunden. Eine große Menschen­menge ist von Avignon, Tarascon und allen Nachbarorten zusammengeströmt. Es herrscht allgemeine Aufregung.

London, 8. Novbr. „Daily Telegraph" meldet aus Konstantinopel: Derwisch Pascha ist inftruirt, Dulcigno innerhalb der nächsten drei Tage zu übergeben. Der bri­tische Botschafter Goschen theilte der Pforte mit, das vervollständigten — ein herzerfreuendes Bild! ES rief mich so ganz in die Wirklichkeit zurück, daß ich lebhafter als vorher am Gespräch mich beteiligen — ja, es mit einem gewissen Interesse auf Localverhältniffe hinüber leiten konnte. Und was ich in Bezug auf letztere vernahm, be­stätigte nur meine vorgefaßte Ansicht: der Pfarrer mit den Seinen stand hier — wenn ich so sagen darf — „geistig isoliert;" — ich konnte ein leises Wort des Bedauerns nicht unterdrücken.

„Soll ich das nun als Schmeichelei ablehnen — oder empfindlich sein, weil Sie zu glauben scheinen, ich sei hier nicht am Platze?" scherzte der Pferrer, während wieder ein Zstg gutmütigen Humor- sein Gesicht erhellte. — „Denn nur in letzterem Falle," fuhr er fort, würde Ihr Bedauern gerechtfertigt sein. — Wem eS aber Ernst mit seinem Berufe ist, der, denke ich, findet auch überall daS rechte Feld für seine Thätigkcit — in meinem Stanoe zumal! Welch ein unbegränztes Gebiet ist unferm Wirken geöffnet in all' den Menschenherzen, die in unserer Nähe schlagen; — ich habe einen größeren Wirkungskreis, wie Sie ihn mir zu wünschen scheinen, noch niemals vermißt!"

„Auch noch nie den empfänglichen Boden, der Sorge und Fleiß des Bebauers lohnt?" fragte ich schüchtern. „Nur in diesem Sinne war mein Wort gemeint."

„Ich verstehe!" sagte lächelnd der Pfarrer. „Der Eindruck, den einige Glieder meiner kleinen Heerde Ihnen heut gemacht, ist kein günstiger gewesen und Sie nehmen an —"

„Daß auch eine mehr untergeordnete-geistige Kraft," ergänzte ich, „für das Verständnis diese- Kreises genüge« würde, während —"

Hannover, 5. Nov. Wie der „Krzztg." von hier geschrieben wird, hat durch das LandeSconsistorium aus Anlaß der Vorkommnisse auf der Osnabrücker BezirkSsy- node eine Discipliuarnntersnchuug gegen den Pastor Regu­la eingeleitet. ES handelt sich nämlich um die Bestreitung von Haupt- und Grundlehren der christlichen Kirche. Nach den Zeitungsberichten sollte Pastor Regula auf jener Sy­node erklärt haben, daß die Lehre von der Dreieinigkeit und von der Gottheit Christi in der heiligen Schrift nicht zu finden sei.

München, 6. Nov. Der bisherige apostolische Nun­tius in Wien, Karoinal Jaeobini traf gestern Morgen hier ein und nahm bei Dem päpstlichen Nuntius am hiesigen Kön. Hofe Monsg. Roncelti Absteigequartier. Von au- thenischer Seite teilt man uns mit, daß Kardinal Jaeobini als Nachfolger des Staatssekretärs, Kardinal Nina bereits bestimmt sei. Die vielfach verbreitete Mitteilung daß, Monsg. Roncetti an die Stelle des von Wien »ach Rom abberufenen Kardinals Jaeobini treten werde, entbehrt jeder Begründung; Monsg. Roneetti bleibt vielmehr in München und als Nachfolger Jaeobinis ist der Erzbischof Serasino Vannulllli, bislang apostolischer Nuntius in Belgien bestimmt, welcher bereits Ende dieses Monates in Wien eintreffen wird. Es erweist sich sonach die Auf­fassung, als hänge tie Hierherkunft deö Kardinals Jacobi- nt mit der Besetzung seines bisherigen Postens in Wien zusammen, als eine irrige; Karcinal Jaeobini ist vielmehr lediglich einer Einladung Monsg. Roneettis, den Weg über hier nach Rom zu nehmen nachgekommen. — Kardinal Jaeobini ist nach Rom abgereist. Dem gestrigen Diner in der hiesigen Nuneiatur wohnte auch der Minister Crails­heim und der Vertreter des französischen Geschäftsträ­gers bei.

Straßburg, 5. Novbr. Das „Elsässer Journal" kündigt eine bevorstehende Lösung der Optantenfrage, „unter welcher Form es auch sei, in allernächster Zeit und zwar noch vor dem Zusammentreten des Landesausschusses" an. Diese Ankündigung ist nach der „Els.-Lothr. Ztg." als mindestens verfrüht zu bezeichnen. Der Wunsch des Herrn Statthalters, in der Obtantenfrage eine mildere Praxis eintreten zu lassen, ist dem Lande seit Jahresfrist und und namentlich seit der vorigen Session des Landesaus­schusses bekannt. Es haben in diesem Sinne wiederholt und noch in neuester Zeit Erwägungen stattgefunden, doch er­scheint es> nach der Lage der Dinge "nickt angemeffen, schon heute von feststehenden Beschlüssen zu sprechen und daö Land auf eine unmittelbare Wirkung derselben vorzubereiten. — Die „Presse von Elsaß und Lothringen" hatte kürzlich mitgeteilt, die Einberufung deö Landesausschusses sei auf den 22. d. M. beschlossen und die Union knüpft .an diese Mitteilung den Wunsch, dem Lande möge von den Auf­gaben, mit denen die Landesvertretung sich zu befassen

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selten ist, und doch mit Elisabeths zierlicher Gestalt, mit bett ernsten, wiewohl noch fast kindlichen Zügen des zart­geformten Gesichts auf's innigste harmonierte. Sie kam und ging, sie trug und ordnete so leise, so geräuschlos und sicher, daß mein Auge ihr mit stillem Wohlgefallen folgte und ich lebhaft fühlte, hier sei nichts angelernt, nichts er­künstelt; dem lieben Mädchen selbst unbewußt, prägte in ihrem äußeren Thun und Walten sich nur das Abbild eines reinen, heiteren, ungetrübten Seelenlebens ans. — Unverkennbar trug Elisabeths Wesen — gleich ihrem Antlitz — der Mutter Züge, aber verklärt von der Idea­lität der Jugend, — einer frischen vom Welthauch unbe­rührten Tugend, wie sie freilich in dieser Umgebung, in der Atmosphäre dieses Hauses frei und froh wie nirgend sonst entfalten mochte. —

Warum stieg in diesem Moment neben des Pfarr- töchterleins lichtem Bilde ein anderes vor meinem inneren Auge empor, ein Gegenbild, glänzend, verlockend, mit lächeln­dem Purpurmund und dunkelflammendem Blick? — Grü­ßend, winkend schwebte es vorüber und erlosch dann flackernd, dem Irrlicht gleich. Nicht zum erstenmal mischte dein Entzücken, womit ich eS schaute, sich ein unheimliches Empfinden bei: konnte das schöne Wesen, das auch aus weiter Ferne herüber mir Sinn und Seele beherrschte, meinem Leben wirklich zum Irrlicht werden — und wenn eS so war — gab eö aus dieser Gefahr noch Rettung für mich? — Rasche Knabcutrilte, vom Flur herein hörbar, weckten mich aus augenblicklicher Versunkenheit; der Pfarrer stellte mir gleich nachher mit einem Blick wohlberechtigten, väterlichen Stolzes die drei prächtigen Stammhalter vor, die drüben in seinem Studierzimmer ihre Aufgaben ge- sertigt hatten und nun, am Tisch gereiht, das Familienbild