Einzelbild herunterladen
 

Nr. SS«

Marburg, Sonnabend, 30. Oktober 1880.

XV. Jahrgang

WMW jritmig

Anzeigen nimmt entgegen die Sxpedttto« b. Blatte» sowie d. Annoncen-Bureour von L- Daube & So. in Frankfurt a-M; Jägerische Buchhandlung daselbü; Hermann'sche Buchhanbl. daselbst; Jnvalidendaut in Berlin: Li. Thienes in Alberfel»: L. Schlotte in

Seeinrn-

Anzeigen nimmt emtejen: dir Expedition d.Blatte», sowie d-Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Hoasenstein£ Bögler in Iran'surt a. M., Berlin, Leipzig, Mir u.; Rudolf Ä-öffe in Berlin, Franl-

> :T- s:. ir.

Bestellungen auf die Monate November und Dezember der

Dbrrhessischkn Zeitung

mit deren Gratisbeilage

JUi,strikte» LonntagSblatt

bitten wir baldigst machen zu wollen.

iVE" Die Landpostboten nehmen auf dem Lande Bestellungen entgegen.

Die Expev. d. Oberh. Zeitung.

Sem Landtage.

Berlin, 28. Oktober.

Die Thronrede, mit welcher der Landtag heute Mittag 12 Uhr eröffnet worden ist, lautet:

Erlauchte, edle und geehrte Herren von beiden Häusern des Landtags!

Seine Majestät der Kaiser und König haben mich be- auftragt, den Landtag der Monarchie in Allerhöchst Ihrem Namen zu eröffnen. Zugleich haben Seine Majestät mir zu befehlen geruht, auch von dieser Stelle dem Allerhöchsten Dank für die mannichfachen Beweise treuer Anhänglichkeit, welche Allerhöchstihnen neuerdings wieder zu Teil geworden sind, Ausdruck zu geben; besonders für den herzlichen Empfang, welcher den Majestäten jüngst bei dem er­hebenden Feste in Köln gewidmet worden ist. hat unserem König zu hoher Genugthuung gereicht, daö Werk, welches einst sein in Gott ruhender königlicher Bruder nach längerem Stillstände, begeisterten Sinnes wieder aus­genommen hat, zur Vollendung und letzten Weihe zu führen.

Die Finanzlage des Staates zeigt eine erfreuliche Wendung zum Bessern. Die Einnahmen des letzten Re­gierungsjahres sind zwar noch, wenn auch in geringem Maße, hinter den Ausgaben, welche zum Teil unerwartete waren, zurückgeblieben. Die im Steigen begriffenen Er­träge aus den Reichösteuern und die sich günstiger gestal­tenden Verhälinisse der Betriebsverwaltungen des Staates, insbesondere der Eisenbahnen, lassen jedoch die Hoffnung auf dauernde Wiederherstellung des völligen Gleichge. Wichts im Staatshaushalts-Etat als eine wohlbegründete erkennen.

Der auf vorsichtige Annahme» gestützte Voranschlag der Einnahmen und Ausgaben für das kommende Jahr gewährt das im Vergleich zu den Vorjahren erfreuliche Ergebnis, daß die ordentlichen Ausgaben in den Einnahmen nicht nur ihre Deckung finden, sondern, daß noch ein Ueberschuß in Aussicht steht, vermöge dessen mit Vermin-

Beiträge zur Geschichte der Stadt Marburg. Die Eroberung der Stadt und des schlaffes durch den uiederhesstscheu Geueral-Wachtmeister Johann (Seife und der Versuch einer Rückeroberung durch den kaiserlichen Geueral-Feldmarschall Peter Melander, Grafen zu Holz­apfel, im 30jährigen Krieg.

(Fortsetzung)

Der Drechsler Heinrich Brinckheimer schätzt seinen Ver­lust auf 104 Rthlr. und bemerkt am Schlüsse seines Be­richtes : Dieses alles ohngeachtet haben sie mir mein ältestes Söhnlein im ersten Sturm erschossen, welches ich für meinen größten Schaden achte. Johannes Nepperschmidts Wittwe schließt ihren Bericht mit den Worten: Als die Plünderer erfahren, daß mein seliger Mann, indem er die St'.dt verteidigen half, erschossen worden, habe ich mit ihnen um 2 Rthlr. ranzionieren müssen, damit ste mich nicht gefänglich einzogen. Was man mir an Gerät nicht geraubt hat, daö hat man mir zerschlagen. Johannes Peter, Bürger und Bäcker erklärt: Sie haben mich zu einem armen Mann gemacht. Hans Liebacher schätzt seinen Ver­lust auf 548 Gulden und beklagt sich über die Plünderer, sie hätten ihm in 2 Gärten tragbare Obstbäume im Werte von 100 Rthlr. abgchauen. Johannes Ruppersbcrger sagt: Sie haben mich zu einem Bettler gemacht und für keinen Heller Wert übrig gelassen. Dietrich Bernhard Aätzt seinen Verlust aus 831 Rthlr. Er mußte zur Ranzionierung seines Malzes des General HunsteinS Oberst- ueutenant 30 Rthlr. geben. Konrad Peter hat 5 mal 25 Wr. Ranzioniergelder zahlen müssen. Dem Schlosser Heinrich Wagner wurde sein Haus am Kesselthor neben der Schanze von den Kaiserlichen total ruiniert. In seinem Berichte bemerkt er schließlich: Sie haben mich au«ge-

berung der direkten Steuern der Anfang gemacht werden kann. Es wird demgemäß in dem Entwürfe des Staats- hauShalts-Etats Ihrer Zustimmung der Vorschlag unter- breitet werden, auS dem Preußen zustehenden Anteile an den Reichssteuern die Summe von 14 Millionen Mark jn einem Steuererlaß zu verwenden.

Mit Z>er Vorbereitung einer organischen Reform der direkten Staatssteuern ist die Staatsregierung beschäftigt.

Schon jetzt wird Ihnen der Entwurf eines Gesetzes zugehen, nach welchem die auü dem Ertrage neuer oder erhöhter Reichösteuern an Preußen zu überweisenden Geld­summen ausschließlich und unverkürzt zur Erleichterung der direkten Besteuerung, insbesondere durch Ueberweisung der Hälfte des Ertrages der Grund- und Gebäudesteuer zur Erleichterung der Communallasten verwendet werden sollen.

Durch den stattgehabteu Uebergang wichtiger Privat- Eisenbahn-Uuternehmungen in den Besitz und die Verwal­tung des Staates ist die Durchführung des Staats-Eisen­bahn-Systems, wie einheitliche Regelung der Verwaltung und des Betriebes auf der vom Staate verwalteten Eisen­bahnen erheblich gestrdcrt worden. Obwohl erst kurze Zett in Wirksamkeit und noch in der Entwickelung be­griffen, verheißt die unternommene bedeutungsvolle Reform schon vermöge ihrer seitherigen Ergebnisse fruchtbringende Erfolge für die Interessen dcö Verkehrs und zugleich für die Staatsfinanzen. Eine Ihnen zugehende Denkschrift wird dies näher darlegen. Dank jener Reform ist die Bereltstellung derjenigen Geldmittel erleichtert worden, welche die Staalsregierung für die Herstellung neuer Schienenwege in verschiedenen Teilen des Landes in An­spruch nehmen wird, um für weite Kreise neue Quellen deö Wohlstandes zu erschließen.

In Erfüllung der in der vorigen Session erteilten Zusage werden Ihnen Gesetzentwürfe zugehen, welche eine erhöhte Gewähr für eine auch dem wirtschaftlichen Interesse des Landes entsprechende Verkehrs-Leitung auf den für Rechnung des Staates verwalteten Eisenbahnen zu bieten und cte Verwendung der Jahresüberschüsse der Eisenbahn- Verwaltung zu regeln bestimmt sind.

Der Verbesserung der Wasserstraßen widmet die Staats­regierung unausgesetzt die angelegentlichste Fürsorge.

Im Anschlüsse an die in der letzten Session vorgelegte Denkschrfft über die Regulierung der fünf Hauptströme werden Ihnen in einer gleichen Denkschrift die Ziele dar­gelegt werden, welche die Staatsregierung bei der Regu­lierung verschiedener kleinerer schiffbarer Flüsse verfolgt und welche Mittel dafür erforderlich werden.

Die Verwaltungsreform ist durch die in der vorigen Session zu Stande gekommenen, inzwischen verkündeten Gesetze über die Organisation der allgemeinen LandeSver- waltung und über die Verfassung und das Verfahren der zogen nicht biö auf's Hemd, sondern mit dem Hemd. Um all mein Werkzeug bin ich gekommen; ich bin ein armer verderbter Alaun. Johannes (Römer, Schuhmacher, schätzt feüieii Verlust auf 167 Rthlr. Am Enve seines Berichtes erklärt er: Sie haben mich ausgezogen auf der Straße bis aufs Hemd. All mein Hancwerkszeug haben sie mir genommen. Ich mußte mein HauS verlassen, weil ich dem nur eingelegten Lieutenant arbeiten sollte und nicht konnte. Johannes Müller in der Mühle schätzt seinen Verlust auf 22 Rthlr. und schließt seinen Bericht mit den Worten: Ich bin ganz ausgezogen worden, sie haben mir daö Hemd vom Leibe gezogen und mir meinen Hut nebst Hose, Schuhe und Strümpfe genommen. Während cer Belage­rung der Stadt hatten mehrere wohlhabende Bürger ihre besten Sachen in solche Häuser geflüchtet, von denen^sie wußten, daß deren Besitzer bei den Darmstädtern noch" in gutem Andenken standen, allein es war vergebens, die Verstecke wurden dennoch entdeckt und ausgeplündert. Der Höcker Johannes Römershäuser bemerkt in seinem Bericht: Alle meine Waagen wurden mir zerschlagen und die Ge­wichte hinweggcführt; die Verwüstung ist nicht zu be­schreiben. Unter dem Brauhause in der Wettergasse befand sich ein heimlicher Keller, in dem ich und noch mehrere Bürger unsere besten Sachen verbargen. Zwei Tage vor dem Aufbruch der Armee verriet eine Frau mehreren Sol­daten dieses Versteck, welche hiueindraugen und alles weg­nahmen. ^Römershäuser schätzt seinen Verlust auf 600 Rthlr. Schuppen und Ställe wurden abgebrochen und leer stehende Häuser durchsucht, total ruiniert und das Holz davon bei den Wachtfeuern verbrannt. Dieses Schicksal traf z. B. die Wohnung deö SubdiakonuS an der lutheri­schen Pfarrkirche, Magister Johannes MiSler, der ste bet

Verwaltungsgerichte um einen bedeutsamen Schritt geför- dert worden. °

Um mit diesen die bisher ergangenen Reformgesetze in Ueberemstlmmung zu bringen, werden Ihnen von Neuem die in der letzten Session unerledigt gebliebenen Vorlagen über die Zuständigkeit der Verwaltungsbehörden und der Verwaltungsgerichte und über die Abänderung und Er­gänzung der Kreisordnung sowie eine Novelle zur Provin­zialordnung zugehen. Zur Ausdehnung der Verwaltungs­reform auf ein weiteres Gebiet werden Ihnen Gesetzent­würfe vorgelegt werden, durch welche die neue Kreis- und Provinzial-Verfassung in den Provinzen Hannover, Schles­wig-Holstein und Posen mit denjenigen Abänderungen ein- gefuhrt werden soll, welche durch die besonderen Verhält­nisse dieser Provinzen unb die für dieselben geltenden Ge­setze bedingt sind.

Um die Lage der Wittwen und Waisen der Elementar­lehrer zu verbessern, hofft die Regierung zu einer Erhöhung ber Pension derselben unter Bürgschaft der Staatskasse Ihre Zustimmung zu erhalten.

Ueber den Betrieb des Pfandleihgewerbes, über die Abänderung des Gesetzes betreffend die Einrichtung öffent­licher Schlachthäuser, sowie zur Ausführung des Reichöge- fetzes betreffend die Abwehr und Unterdrückung von Vieh­seuchen werden Ihnen Vorlagen zugehen.

Meine Herren! Neben dem Ausbau ber VerwaltungS- einnchtungen werden Sie hiernach an Ihrem Teile mitzu­wirken haben an der Durchführung der wirtschaftlichen Reform, welche für das ganze Reich in Angriff genommen *!* GS handelt sich dabei um die Wohlfahrt und das Gedeihen der Bevölkerung in allen Schichten; um so mehr glaubt die Regierung Seiner Majestät auf Ihr bereit­williges Entgegenkommen rechnen zu dürfen.

Im Auftrage Sr. Majestät des Kaiser« und König« erkläre ich den Landtag der Monarchie für eröffnet!

Der Landtag wurde gleich nach 12 Uhr durch den Grasen Stolberg, Viceprästdenten des Staatsministeriums eröffnet. Anwesend waren einige 80 Landtagsmitglieder meist Mitglieder des Herrenhauses. Die Stelle der Thron­rede betr. die teilweise Ueberlassung der Grund- und Ge- baudesteuer an, die Communalverbände fand lebhaften Bei­fall. Der Präsident des Herrenhauses brachte ein drei- fadje« enthusiastisch aufgenommenes Hoch auf den Kaiser aus. Dem der Eröffnungsfeier vorangegangenen Gottes­dienste im Dome wohnte der Kaiser bei.

IHerrenhauS.j Die Sitzung wird mit einem dreifachen Hoch auf den Kaiser eröffnet. E« sind 61 Mitglieder an­wesend, also da« Hauö beschlußfähig. Daö bisherige Prä- idlum nebst Schriftführern wird auf Graf Lippe'S Antrag durch Acclamation wiedergewählt. Nächste Sitzung morgen, der Belagerung der Stadt mit seiner Familie verlaffen und zum «schütze seiner Schwiegermutter in deren Hau« gezogen war. In den Keller dieser Pfarrwohnung, welche neben dem Superintendenturgebäude lag, hatte der Rats­herr Klunck einen Teil feiner besten Kramwaren, Tücher, Seidenzeuge u. a. geflüchtet, ste wurden aber von den Plünderern entdeckt und mitgenommen. Nur die wenigsten Häuser blieben verschont; diese hatten die Eroberer auf Zetteln verzeichnet und erhielten nach Vorschrift eine salvo guardi d. i. Schutzwache. Zwei der Ratsherren wagten , in ber Erstürmung beit Eroberern entgegen zu gehen, um een Schutz für die lutherische Pfarrkirche von ihnen zu erbitten, sie würben aber als Gefangene zurückbehalten und an ben General - Wachtmeister unb Obristen über ein Regiment zu Fuß, Otto Ludwig von Wachenheim, abge- ber Gefangenen verlangte ber Obrift 100 Rthlr., diese würben bis auf 31 Rthlr. auf­gebracht unb über ben Rest später eine Obligation aus- gestellt.

Der bereits erwähnte Doktor Georg Abam Heilmann hatte kurz vor ber Belagerung ber Stadt seine Fran unb seine Kinder au« seiner Behausung am Steinweg in eine andere junerhab der Stadtmauer geflüchtet. Nach ber Eroberung der Stadt verlangte es ihn zu wissen, ob die ©einigen auch geplündert worden seien. Er eilte zu dem Ende in Begleitung des bei ihm einquartierten Kapitäns Gesinde unb einiger ihm bekannt gewordenen Offiziere nach feiner

Behausung. Hier traf er den bereit« genannten Obnstlieutenant Naumeier im Hunold'schen Korps mit Zwei andern Kapitäne, die eben im Begriffe waren, unterschiedliche aufgepackte Sachen aus dem Hause zu tragen.

(Fortsetzung folgt.)