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Nr. 246.

«Marburg, Dienstag, 19. October 1880.

XV, Jahrgang

WkWsche MiiW

Die Enthüllung.

Novelle von A. Reichstadt.

«Fortsetzung.)

So glänzend auch das Fest verlief, ihn ließ es unbe­friedigt. Die vielen Schmeicheleien und Phrasen, mit denen man ihn überschüttete, widerten ihn an, die vielen höflichen Gesichter erschienen ihm wie ebenso viele angemaltc Masken. Zuweilen ruhte sein Blick auf seiner Gemahlin. Sie trug ein dunkelrotes Sammetklcid mit einer langen silbergestickten Atlaöschleppe. In ihrem Haar blitzte ein Diadem, um Hals und Arme das Geschmeide ihrer Ahnen nie er­schien sie ihm so häßlich, so wenig anziehend, als in solchem Prunk.

Haben Ew. Durchlaucht schon bemerkt, wie schön die Mädchen hier in unseren Stranddörfcrn sind?" fragte je­mand. Der Fürst blickte noch immer mit verstohlener Ab- neigung auf die Fürstin und antwortete wie zerstreut:

Sind sie wirklich so schön?" dann glitt ein trübes Lächeln über seine Züge.

Woher soll ich es wissen?" fragte er scheinbar gleich- gütig.

Während er freundliche Worte mit jedem sprach, schweiften seine Gedanken ab, mechanisch lachte, scherzte er, die Antworten, die man ihm gab, hörte er kaum, mitte» lm Gewühl der festlich geputzten Menschen überkam ihn em Gefühl innerer unerträglicher Vereinsamung. Ihm wurde so öde, und traurig zu Mut er empfand eine grenzenlose Leere der Seele.

Dieser Druck innerer Armut wich nicht von ihm, als kr endlich mit seiner Gemahlin von dem Feste heimkehrte. Weicher, als gewöhnlich, plauderte er mit ihr, er sehnte sich

Das Kölner Dombaufest.

Köln, 16. Oktober.

Der Kaiser und die Kaiserin sind um 1 Uhr unter dem Donner der Geschütze und den begeisterten Zurufen der Menschenmassen nach Schloß Brühl zurückgekehrt, von wo um 3 Uhr die Rückreise nach Baden-Baden erfolgte. Die Ankunft des kaiserlichen Paares in Köln fand kurz vor 11 Uhr mit dem König von Sachsen und den Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hauses statt. Alle begaben sich sofort nach dem Kaiser-Pavillon auf dem Domhof, wo die hier wohnenden Fürstlichkeiten bereits versammelt waren. Wenige Minuten später zog der historische Festzug an dem Kaiscrpavillon vorüber. Der Festzug, aus mehr als tausend Personen und mehreren hundert Pferden be­stehend, machte einen prachtvollen Eindruck. Die Costüme waren glänzend. Die Schlußgruppe bildete ein Wagen mit dem vollendeten Dome, von derGermania" überragt und umgeben von mit Siegeskränzen geschmückten Kriegern, darunter auch Bayern, Sachsen und Württemberger. Das Wetter war schön. Um 4 Uhr Nachmittags be­gann das große Festbanket in dem Gürzenich, welchem der Kronprinz, die Prinzen Friedrich Karl, Albrecht Wil­helm und Heinrich, sowie die hier anwesenden Fürstlich, leiten, Minister und Generale beiwohnten.

Auf dem Banket der Stadt Köln im Gürzenich brachte der Oberbürgermeister Becker den Toast auf den Kaiser aus. Der Kronprinz brachte folgenden Toast aus: Indem ich die Stadt Köln zur endlichen Vollendung ihres herr­lichen Domes beglückwünsche, bekenne Ich gern wie es Mich freudig bewegt, die schöne Feier dieses Tages mit ihren Bewohnern an der Seite Sr. Majestät des Kaisers und im Kreise erlauchter deulscher Fürsten und Vertreter der freien deutschen Städte zu begehen. Ich begrüße die Emsetzung des Schlußsteins unseres größten Baudenkmals als ein Zeichen deutschen Fleißes und deutscher Ausdauer, würdig der Zeit, welche unserem Volke die heiß ersehnte Einheit gebracht, welche nach großen Thaten zur ruhm­vollen Wiederherstellung von Kaiser und Reich geführt hat. Es ward noch während eines glänzenden Abschnittes der vaterländischen Geschichte, da der Bau des Domes in Angriff genommen ward. In wechselnden Schicksalen hat sich dann Jahrhunderte lang das Leben der Deutschen be­wegt, bis es dem heutigen Geschlechte vergönnt ist, das Werk vollendet zu sehen. Möge es Uns allen eine Mah­nung sein, jetzt und immerdar fcstzuhalten an unseren höchsten nationalen Gütern,« an deutschem Sinn und Wesen, an deutscher Gottesfurcht, an deutschem Ernst in Kunst, Gewerbe und Wissenschaft, und möge es ein Sinnbild sein und bleiben, der deutschen Treue und Einheit! Wie das ganze Vaterland Teil an ihm hat, so möge es bis in die fernsten Zeiten dauern, ein deutsches Werk, zu freudiger

Anzeigen nimmt rmgegen: die Expedition d.vlatte», sowie d.Annoncen-Bureauk von Th, Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; LH. Dietrich in Frankfurt a.M.; tzaasenstein <L Bögler in Frankfurt a- M., Berlin. Leipzig, 56(h re.; Rudolf Stosst in Berlin, Frank­furt a. M- ic.

r großen, glücklichen, in Frieden geeinten Volkes! In dieser Gesinnung trinke Ich auf das Wohl ter Stadt Köln und des Vaterlandes! Der Toast wurde mit stürmischer Begeisterung ausgenommen. Die Aufhebung des Bankets erfolgte gegen 7l/2 Uhr.

Der historische Festzug.

Acht Uhr war eS, da entwickelte sich auf dem Neu­markte ein Treiben, wie cs lebendiger und fröhlicher nicht gedacht werden kann. Mit klingendem Spiel zogen Truppen aller Waffen, Truppen aus Preußen, Baiern, Württemberg und Sachsen auf, Waffen und Helmspitzen, Pferde und Kanonen mit frischem Grün und bunten Blumen geschmückt, Schaulustige aus allen deutschen Landen, aus Frankreich', England und Amerika strömten den Tribünen zu und un­absehbar drängte sich hinter den spalierbildcnden Truppen die Menge Kopf an Kopf. Alle Fenster der umliegenden Hauser, alle Dächer waren dicht besetzt, aber auch die Vorsprünge der Mauern, die Gascandelaber, die Bäume des Marktes, die hölzernen Mauern her Tribünen wurden von den Massen im Sturm genommen und zu einem ein« zlgen großen Aussichtsfelde umgestaltet. Vom jubelnden Hurrah der Menge, von freundlichen Zurufen der Be­kannten empfangen, rückten nach und nach die einzelnen Gruppen der Festteilnehmer ein und nahmen auf dem zweiten Plane Aufstellung.

Doch da schmetterten kräftige Trompetenstgnale, kurze Commandoworte ertönten von Stelle zu Stelle und das große Ganze setzte sich in Bewegung. Die drei wichtigsten Momente der Baugeschichte des Domes waren es, die der historische Festzug in Anschauung zu bringen den Zweck hatte: die Periode der Grundsteinlegung im Jahre 1248 ^wei Gruppen, angeordnet von den Malern Fritz und Ernst Rober aus Düsseldorf), die Periode des Weiterbaues bis zur Fertigstellung deS hohen Chores im Jahre 1322 (zwei Gruppen, angeordnet von den Malern Professor Baur und W. Beckmann aus Düsseldorf) und die Periode des Fortbaues bis zur Vollendung (eine Gruppe, angeordnet von Professor Camphausen auS Düsseldorf.)

Berittene Trompeter eröffnen den Zug. Lange Röcke, zweifarbig, fahlgrün und weiß, rote Käppchen. Dann kommt der Stadtherold in reicher Tracht, hoch zu Roß zu seinen Seiten zwei berittene Reisige; ebenso begleitet der Träger des großen Reichsbanners und der des kleineren Stadtbanners mit den Kronen und Funken. Ihnen folgen vierundzwanzig reisige Knechte der Stadt, grün und grau mit roten Kapuzen unter den kleinen Blechhauben, be­waffnet mit Schilden und Speeren. Nach dieser höchst altertümlich ausschenden Gruppe schreiten zwei Bürger­meister, sechs Räte und sechs Schöffen daher in roten Samtröcken, dunkeln Purpurmänteln mit Hermelinbesatz und grauen, seltsam gestalteten Kappen mit purpurnem Aufschläge, würdevolle Gestalten, in deren gemessener Hal- nach einer Ablenkung von seinen melancholischen Gedanken Aber sie war eine kalte, einsilbige Natur, sie ging nicht auf sein ungewohntes Entgegenkommen ein.

Behandelte er sie sonst mit kühler Gleichgiltigkeit, wa­rum sollte sie heute anders gegen ihn sein? Sie hatte genug durch ihn gelitten. Bitter versank er nach dem ver­fehlten Versuch wieder in seinen Trübsinn.

Die Gedanken ließen ihn nicht schlafen, als er zur Ruhe ging. Erbarmungslos trieben sie ihn auf vom Lager, ließen ihn unstät auf und nieder wandern.

Einen zögernden seltsamen Blick warf er auf das bleiche schlummernde Weib, daS er seine Gattin nannte.

Nur weil der Vater ihm noch auf dem Sterbebette das Gelübde abgenommen, hatte er sich mit ihr verbunden, nur in der Absicht, mit diesem Schritt sein Ansehen und seine Macht zu befestigen. Ein Schauder überfiel ihn bei dem Bewußtsein, um welchen Preis er diese Macht erkauft ein Heimweh nach einer Vergangenheit, die er hatte vergessen wollen.

Lockend bestrickend tauchten sie auf, die Bilder einer versunkenen glücklichen Jugend und trieben den Einsamen aus dem dunkeln Gemach hinaus auf den Söller seiner Burg.

Vor ihm dehnte sich das Meer, silbern vom Mond beschienen, und drüben, in weiter Ferne, am Horizont, sah er wie ein Phantom den blassen Streifen einer Insel.

Unverwandt schaute er hin, lange. Mit voller, un­widerstehlicher Gewalt stürmte der Wunsch auf ihn ein, in dem geheimnisvollen Dämmem dieser Mondscheinnacht'sich nach jenem fernen, romantischen Gestade hinüber rudern zu lassen.

Niemand durfte den Grund und das Ziel seiner Meer-

^"6 und vornehmem Gange sich der ganze Stolz der aUen Residenz am Rheine ausspricht. Dann kommen kölnische Patrizier in reicher Prunkgewandung mit ihren Frauen und Kindern, eine gar hübsche, liebliche Gruppe. Sie schreiten vor dem kunstreichen goldenen Schrein, der heiligen drei Könige, dem großen Heiligtum der Stadt, einher, den acht Goldschmiedegesellen auf ihren Schultern tragen Der berühmte Schrein ist recht gut imitiert, na­mentlich das Figürliche an demselben.

Der zweiten, ebenfalls von Herrn Maler Röber in Düsseldorf arrangierten Gruppe, zog ein MusikkorpS in ^tWer, historisch interessanter, aber nicht gerade vor- teilhaft kleidender Tracht voran. Die langen Gewänder mit ihren Kapuzen erinnerten ein wenig an unsere Mönchs- kiitten, nur mit dem Unterschiede, daß ste aus verschiedenen Farben, gelb, rot, blau, braun u s. w., buntscheckig zu­sammengesetzt waren. An die erzbischöfliche Herrschaft er- mnerten der Stadtgraf und der Stadtvoigt, ersterer auf herrlichem Trakehner und ganz in die Farben der Stadt Köln gekleidet, mit rotweißer Schabracke, spitzen Panzer­schuhen, Kettenbeinkleid, Kettenhalsharnisch, Lanze und Schild : Uterer mit Pelzmütze und weniger kriegerischer Ausrüstung. Die beiden Aemter haben vom Jahre 979, als Köln, die bisherige KömgSstadt, eine Bischofsstadt wurde, bis ins 13. Jahrhundert, d. h bis zur Ausbildung der bürgerlichen Stadtbehörden, bestanden. Rotgelb ist auch das Banner des in einen Kettenpanzer gehüllten Reichs - Sternfahnen- ttagerö, sowie dasjenige des königlichen Bannenträgers. Mit König Wilhelm von Holland werden wir in eine der unruhigsten Zeiten des Reiches die Zeit der Grund­steinlegung des Kölner Domes hineinversetzt. Haupt­sächlich auf Betrieb des damaligen Erzbischofs, Konrad von Hochstaden, war Graf Wilhelm von denjenigen Fürsten, die dem Hohenstaufen, Friedrich II., abhold waren, zum Gcgenkomg erwählt worden, und unter seiner Regierung und in seinem Beisein legte Erzbischof Konrad von Hoch- staden am 15. August 1248 den Grundstein zum Dome. So viel über den historischen Wilhelm von Holland. Dar- gestellt war er beim Zuge als eine jugendlich kräftige Fi­gur mit Scepter und rosenfarbenem, mit Adlerfiguren durchwebtem Gewand. Allgemeines Aufsehen erregte Car- dinal Capocci durch die vollendete Kunst, mit der ein all­seits bekannter Typus hier wiedergegeben war. In vio­lettem Mantel mit roter, von goldenen Kreuzen durchwebter Schabracke, vor allem mit jenem starren Ausdrucke, welcher gleichzeitig Klugheit und Hartnäckigkeit verrät, bildete er e«ne prächtige Figur. Ihm folgte Konrad von Hochstaden selbst, ein wohlbeleibter Herr, wie der historische Erzbischof es gewesen sein soll und ganz wunderbar trefflich jene eltsame Verbindung von geistlichen, weltlichen und nament- lich kriegerischen Eigenschaften widerspiegelnd, wie ste so vielen Kirchenfürsten der damaligen Zeit eigentümlich war.

fahrt ahnen, am wenigsten seine Gemahlin, aber warum sollte er sich länger beherrschen? Er konnte es nicht.

Nur einmal wollte er die Fahrt wagen, nur ein ein- zlges Mal.

War es ein tollkühner Einfall?

Nun, ich habe mich ja nie vor einem kecken Wagnis gefürchtet!" murmelte er verwegen und warf einen weiten dunkeln Mantel um, der seine ganze Gestalt verbarg

Gespannt prüfte er sein Bild im Spiegel. Niemand konnte ihn wiedererkennen, der ihn einst gekannt! Die Jahre hatten ihn zu sehr verändert, die vielen Stürme.

Zur Vorsicht drückte er noch den breitkrempigen Hut eines Dieners tief in die Stirn; er wollte sich unkenntlich machen für alle.

h Wie eine Naturnotwendigkeit, so jäh und heftig kam der Entschluß, fort zu wollen, über ihn.

Leise, vorsichtig verließ er das Schlafgemach. Seine Gemahlln merkte es nicht, aber ste stöhnte im Traum, als sie die Thür verräterisch knarren hörte.

Rasch legte et den Weg durch die vielen totenstillen Korridore zurück. Sein Herz pochte.

Als er die Wohnung erreichte, die er seinem Vertrauten angewiesen, hielt er den Schritt an. Nach kurzer lieber-- kflun0 trat er ein und stand dem gegenüber, der ihm ein Ratgeber und Helfershelfer war bei jedem Abenteuer.

Wohin so spät?" fragte dieser erschrocken.

Auf eine Fahrt hinaus, auf der Sie mir schwerlich fol9en möchten', antwortete der Fürst scharf. Ich komme im Laufe des morgenden Tages wieder. Sie haben dafür zu sorgen, daß man mich nicht vermißt und mir nicht nachspürt. I

Der andere erbleichte.

(Fortsetzung folgt.) I

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