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Nr. 211

Marburg, Mittwoch, 13. Oktober 1880.

xv. Layrgaig

Lnzeigen nimmt cmgegen: dir Expedition d.vlatte», sowie d-Annoncen-Bureauk von Th. Dietrich & So. in

Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Bögler in Frankfurt a- M., Berlin, Leipzig, Söln k. ; Rudolf Stoff« in Berlin, Frank­furt a. M. il

AttMchk MW

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte» sowie d. Annoncen-Bureaux von E. L- Daube *60. in Frankfurt a- M; Jägerische Buchhandlung daseloS,; Hermann'sche Buchhandl. ♦ daselbst; Jnvalidendani in

Berlin; ro- Thiene» in «berfeld; «. Schlotte in Bremen.

®tf^einLtSaliA außer an den Werktagen nach Tonn- und Feiertagen. Preis für daS Ouattal mit der wöchentlichen Beilaa« Slnftrirte» Lannta-aäiatt" h„rA m. ....

au*biudetti) b°»°°°n «art durch die wU°M D^tfchei. Reiches 2 Äo

____________________5fttin bet Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Tagesbericht.

Mit Ihren Kaiserlichen und Königlichen Majestäten werden, wie wir erfahren, den Dombau-Feierlichkciten in Köln beiwohnen: Ihre Kaiser!, und König!. Hoheiten der Kronprinz und die Kronprinzessin, Ihre König!. Hoheiten die Prinzen Wilhelm und Heinrich, die Prinzen Karl und Friedrich Karl, der Prinz und die Prinzessin Albrecht von Preußen, Se. Hoheit der Erbprinz und Ihre König!. Hoheit die Erbprinzessin von Sachsen-Meiningen, Se. Maj. der König von Sachsen und als Vertreter Sr. Majestät des Königs von Württemberg, Se. Königl. Hoheit der Prinz Wilhelm von Württemberg, Ihre Königl. Hoheiten der Großherzog, die Großherzogin, der Erbgroßherzog und die Prinzessin Viktoria von Baden, die Großherzöge von Sachsen, Oldenburg und Mecklenburg-Schwerin, sowie für den Großherzog von Hessen der Prinz Heinrich von Hessen; Ihre Hoheiten die Herzöge von Sachsen-Meiningen, Sachsen- Altenburg, Sachsen-Koburg-Gotha und von Anhalt, Se. Königl. Hoheit der Landgraf Friedrich von Hessen und Se. Hoheit der Prinz Friedrich Wilhelm von Hessen, Ihre Durchlaucht die Fürsten zu Waldeck und Pyrmont, von Schwarzburg-Rudolstadt, zu Lippe-Detmold, Reuß ä. L. und der Erbprinz von Hohenzollern Königl. Hoheit, sowie ferner die Bürgermeister der Freien und Hansestädte Bremen, Lübeck und Hamburg, das gesamte Staatsmini­sterium, das Präsidium des Reichstages und beider Häuser des Landtages, der Polizei-Präsident-von Berlin, von Madai, der General-Feldmarschall Graf Moltke, die kom­mandierenden Generale des 7. und 8. Armee-Korps, Gene­ral der Kavallerie Graf Stolberg-Wernigerode und der General der Infanterie von Göben und die Generalität des 8. Armee-Korps.

In Bezug auf Commentare von Blättern über die Reise des Ministers Grafen Eulenburg nach Friedrichsruhe und gegenüber der Angabe der „Vossischen Zeitung", Graf Eulenburg sei in Friedrichsruhe gewesen, nm Meinungs­verschiedenheiten wegen der Kreisordnungsentwürfe für Posen, Hannover und Schleswig-Holstein auszugleichen, be­merkt die „Nordd. Allg. Zcg.: von mehr oder weniger Liberalismus in den ftaglichen Entwürfen sei überhaupt nicht die Rede gewesen, sondern lediglich von der formellen Behandlung der Vorlage.

Im Laufe dieses Monats wird in dem großen Sitzungs­saale des Reichsgesundheitsamtes zum ersten Male ein Teil der vor längerer Zeit ernannten außerordentlichen Mit­glieder mit den ordentlichen Mitgliedern deö Amtes unter- gleichzeitiger Zuziehung von anderen Sachverständigen zu Beratungen über hochwichtige Gegenstände zusammentreten. In den Tagen vom 15. bis 21. Oktober werden die beim

ReichSgesundheitSamte fertiggestellten Vorarbeiten über die neue Pharmacopoea Germanica geprüft und durchbe- raten werden. Der von der gedachten Behörde ausgear­beitete Entwurf muß in allen Kreisen der Bevölkerung mit Freude begrüßt werden, da er billigere und einfachere Medikamente verspricht. An die Verhandlungen über diese höchst wichtige Materie reihen sich dem „D. Mtgsbl." zu­folge die Beratungen über die Apparate zur Untersuchung der Explosionsfähigkeit des Petroleums. Auch diesen wer­den die sorgsamen und schätzenswerten Vorarbeiten und Untersuchungen deö Reichsgesundheitsamtes über den ge­dachten Gegenstand als Grundlage dienen. Endlich wird beabsichtigt, die Verhandlungen mit einer Beratung über die ebenfalls im Reichsgesundheitsamte vorbereiteten Unter­suchungen über Milch zu schließen. Bei der Zuziehung der außerordentlichen Mitglieder wird der Grundsatz beobach­tet, an den verschiedenen Beratungen immer nur diejenigen Personen teilnehmen zu lassen, welche für den betreffenden Gegenstand als specielle Sachverständige gelten.

Außer dem Bischof Raeß wurde auch der Rektor der Straßburger Universität, Staatsrat Laband in Baden- Baden am 7. d. M. vom Kaiser zur Tafel gezogen. Wie man der Elsaß-Lothringischen Zeitung berichtet, unterhielt sich Se. Majestät mit den genannten Herren aufs Leb­hafteste, erkundigte sich nach den Verhältnissen der seinen Namen tragenden Universität und bezeugte große Befriedi­gung über die erfreulich fortschreitende Entwicklung dersel­ben, ebenso über den Stand der Universitäts-Neubauten. Der Kaiser, dessen Munterkeit und Frische nach den Manöver-Strapazen um so bewundernswerter war, bewies im Laufe der Unterhaltung ein sehr genaues Interesse an den Angelegenheiten des Reichslandes, sowie eine hohe Genugthung über die erfreuliche Wendung, welche dieselbe seit Jahresfrist genommen.

Die Meldung nach welcher vom Kultusminister von Puttkamer vor Kurzem an alle Direktoren und Lehrer- Kollegien der höheren Schulen eine Verfügung ergangen sei, worin den Lehrern ausdrücklich untersagt werde, im amtlichen Verkehr sich der neuen Orthographie zu be­dienen, wird der „Germania" von glaubwürdiger Seite als unrichtig bezeichnet; eine derartige Verfügung sei gar nicht erlassen worden.

Der Delegiertentag selbstständiger Handwerker und Ge­werbetreibender Deutschlands in Berlin wurde am Sonn­abend geschlossen, nachdem ein Antrag deö Tischlermeisters Heinze: „Es darf Niemand selbstständig ein Handwerk betreiben, der nicht durch Anfertigung eines Probestückes seine Fähigkeit dazu nachweist", mit 60 gegen 9 Stimmen abgelehnt, ferner aber die Annahme folgender Anträge be­

schlossen worden: „Es ist nur Derjenige berechtigt, Lehr­linge zu halten, der seine Lehrfähigkeit für das betreffende Gewerbe nachgewiesen hat." „ES ist die Einführung von Arbeitsbüchern auch für solche Arbeiter zu erstreben, welche das 21. Lebensjahr überschritten haben". „Wegen ein­fachen BankerottS soll Niemand aus einer Innung aus­geschlossen werden". — Im Uebrigen erklärte sich der Delegiertentag auch mit den Anträgen von Seydewitz und Genossen im Reichstag, abgesehen von einigen unwesent­lichen Aenderungen, einverstanden. — Alsdann wurde be­schlossen: Die Delegiertentage sind in Zukunft stets in Berlin abzuhalten. — Des Weiteren wurde Berlin wieder zum Vorort des Verbandes und in den Centralvorstand gewählt: Goldschmiedemeister Haußknecht, Schuhmacher­meister Schultze (Berliu). Mit einem dreifachen Hoch auf Se. Majestät den Kaiser schloß der Vorsitzende, Gold­schmiedemeister Haußknecht (Berlin) den Delegiertentag.

Neueste Orient-Nachrichten:

Die „Nvldd. Allgem. Ztg." schreibt bezüglich der an- gekundlgten neuen Note der Pforte wegen bedingungsloser Uebergabe Dulcignos: nach den Erfahrungen mit der tür­kischen Diplomatie erscheine es immerhin ratsam, vor Kennt­nisnahme dieses Aktenstückes sich keinen allzu sanguinischen Erwartungen hinzugeben. Auch sei zu beachten, wie die Albanesen sich zur Entschließung des Sultans stellten. Immerhin erscheine die Verschlimmerung der Lage, welche die Erklärung Riza Paschas herbeiführte, daß er Dulcigno gegen jedermann verteidigen müsse, durch den neuesten Schritt der Pforte wieder beseitigt. Jedenfalls sei die Dulcigno- Angelegcnheit mit dem neuesten Entschluß des Sultans wieder ausschließlich in den Vordergrund der orientalischen Dinge getreten. Alle Meldungen über AuSeinandergehen und Ortsveränderung der internationalen Flotte seien mit Vorsicht aufzunehmen. An unterrichteter Stelle sei von derartigen Anordnungen nichts bekannt.

London, 11. Oktober. Meldung des „Daily Tele­graph" aus Konstantinopel vom 10. d.: Die Pforte werde höchst wahrscheinlich beschließen, Dulcigno sofort abzutreten, ohne die Antwort der Mächte auf die letzte türkische Note abzuwarten, indeß ihre früheren Forderungen bezüglich der Flottenkundgebung aufrechterhalten. — „Times" schreibt: nach einem ihr zugekommenen, Mangels offizieller Bestätigung aber mit aller Vorsicht aufzunehmenden Gerüchte hätte der Sultan nach dem gestrigen CabinetSrate in die bedingungs­lose Uebergabe Dulcignos eingewilligt. — „Daily News" erfährt, der auf heute anberaumte CabinetSrat sei in Folge aus Konstantinopel eingegangener Mitteilungen verschoben. Demselben Blatte zufolge proponierte das britische Kabinet das Einlaufen der vereinigten Geschwader in den Golf von Smyrna, um den Handel der Stadt mit Embargo zu belegen.

Die Enthüllung.

Novelle von A. Reichstadt.

(Fortsetzung.)

Manchmal gab er ihr auch irgend eine andere Erklä­rung, aber nie erlaubte er, daß sie zu ihm ins Zimmer trat, während er seine Briefe abfaßte. DaS Verbot ver­gessend, versuchte sie eS dennoch einst und merkte, daß er die Thür hinter sich zugeriegelt hatte.

„Du hast Geheimnisse vor mir," schmollte sie.

„Welcher Mann hat die nicht vor seinem Weibchen?" antworte er scherzhaft ausweichend, schien aber so verstimmt über ihre Aeußcrung, daß sie niemals wieder eine ähn­liche wagte.

w Sie wohnten im Hause ihrer Eltern. Eines Abends spät, nachdem sie schon zur Ruhe gegangen waren, pochte es laut an ihre Hausthür und jemand begehrte dringend Einlaß. Nant erwachte erschrocken aus dem ersten Schlaf und horchte aufmerksam.

„Das ist wieder die verhaßte Stimme Deines Freundes Tönnies", sagte sie und eine dunkle unbestimmte Furcht ließ ste zusammenschauern. „Was mag er wollen? Erst heute Morgen hat er Dich verlaffeu."

„Tönnies?" fragte ihr Gatte noch halb im Schlummer redend. „Er schon wieder! Mein ruheloser Mahner. — Gebe Gott, daß das nicht Schlimmes bedeute!"

„Was kann es schlimmes bedeuten?" fragte ste völlig arglos und sah ihn unruhig an.

„Ich weiß es nicht", erwiderte er gleichmütig, erhob sich aber schleunig, da stch das Pochen energisch wiederholte und eilte hinaus, den nächtlichen Gast in das verschlossene Haus einzulaffen.

Währenddes zählte die junge Frau mit wachsender Be­sorgnis die Minuten. Jede einzelne erschien ihr eine Ewig­keit. Totenstille herrschte im ganzen Hause. Ihr Mann kam nicht wieder. Statt deffen hörte sie ihn bald rastlos im Zimmer auf- und niedergehen. Von dem was die bei­den Männer miteinander reden mochten, vernahm sie keinen Laut, obgleich sie auf jeden Ton lauschte. Immer bäng­licher wurde ihr umö Herz. Längst hatte sic ihr Lager verlaffen und stch ein leichtes Tuch übergeworfen, um am Fenster zu hocken. Die Sterne spiegelten sich im Meer. Sonst hatte der Anblick sie immer erquickt, heute regte daS Flimmern im Wasser und die leise Wellenunruhe sie auf. Immer war es dasselbe Rauschen und Brausen, Aufspritzen und Schäumen. Sie konnte es zuletzt kaum noch sehen und hören. Der Kopf schmerzte — da — endlich trat Waldemar wieder ein.

Sie flog auf ihn zu, schlang die Arme um seinen Nacken und suchte in seinem Gesicht zu lesen, aber es hatte einen ihr fremden, unerklärlich trüben Ausdruck.

„Meine Ahnung trog mich nicht", sagte er, ihre Lieb­kosungen schmerzlich erwiedernd.

„Ich habe schlimme Nachrichten erhalten, schlimme Nachrichten, die mich zwingen, sobald der Morgen graut, abzureisen. Mein Vater ist lebensgefährlich erkrankt, wich­tige Geschäfte warten auf mich. Ich habe schon zu lange hier verwellt und meine Pflichten über meinem Glück ver­gessen."

Von seinem Vater hatte er selten erzählt und dann nur, daß es ein besonders kränklicher und strenger Herr sei. Deshalb wagte sie keinen Einwurf. Nur fest klam­merte ste stch an ihn, während ihr die Thränen aus den Augen brachen.

„So nimm mich mit, Waldemar! Ich ertrüge eS nicht, allein zurückzubletben."

„Nein, mein Lieb, daS kann ich nicht. Die Stunde, in der mein Vater vielleicht im Sterben liegt, eignet sich nicht dazu, ihm die neue Schwiegertochter zuzuführen."

„O doch. So kann er mich noch segnen, ehe er scheidet. Ich möchte nicht ohne den Segen Deines teuren Vaters bleiben."

Unsäglich peinlich schien ihn diese einfache Bemerkung zu berühren."

„Nein", stieß er hart heraus, „quäle mich nicht. ES kann nicht sein."

Ohne seine Weigerung zu begreifen, fühlte sie, daß sie auf ihren Wunsch verzichten müsse, wenn sie es nicht zu einer noch grausameren Abweisung bringen wollte.

„So bleibe ich hier, bis Du kommst und mich abholst," sagte ste weich und fügsam wie ein Kind, daS den Vater um keinen Preis erzürnen möchte.

Ergriffen von ihrem sanften liebreichen Nachaeben. preßte er ste an stch.

„Du sollst nicht lange warten. Sobald ich kann, komme ich um Dich zu holen. Sobald ich irgend kann." r »Das weiß ich," antwortete ste einfach und half ihm selbst alle seine Sachen in den Koffer legen, und' fand eine Art Wollust darin, jedes einzelne so gut und sorgfältig tote möglich für ihn zu ordnen.

Den Eltern kam die Nachricht seiner Abreise kaum überraschend. Sie hatten stch längst gewundert, daß sei« Urlaub so lange gedauert, und nur das Plötzliche des Ab­schiedes war ihnen unbehaglich.

(Fortsetzung felgt.)