sten bei einer nichtkatholischen Regierung. UebrigenS sind selbst heute, trotz so vieler ungerechtfertigten Prätenstonen der Regierung, die Bischöfe von Baiern unendlich viel freier, als die Bischöfe nach den preußischen Maigesetzen." Gewöhnlich schlossen diese Unterredungen mit der feierlichen Versicherung der Geheimräte, die Würde der preußischen Negierung gestatte neue Zugeständnisse nicht. Der Kardinal ist aber zu der Ueberzeugung gelangt, daß die preußische Regierung im Ernste an eine Aussöhnung mit der Kirche nicht denkt,. und erstattete in diesem Sinne Bericht über alle jene halbamtlichen Unterredungen, als ihn der heilige Vater nach den Eindrücken fragte, die er auf seiner Reise erhalten. In Gastein machte ihm sogar jemand den Vorschlag, mit dem Minister v. Puttkamer zusammen zu treffen, allein der Kardinal erklärte geradezu, bei der gegenwärtigen Stimmung der preußischen Regierung würde eine solche Zusammenkuifft doch keinen Zweck haben.
Zur Getreidezollfrage geht der „Nordd. Allg. Ztg." aus Reval, 23. September (6. Oktober), von einem Fachmann folgendes Schreiben zu: Herr Redakteur! Es ist weder meine Absicht, für, noch wider den Getreidezoll zu plaidieren, diese Frage liegt mir in der Hauptsache fremd; ich möchte nur eine Thatsache erwähnen, die entweder wissentlich oder unwissentlich von Allen, die bisher darüber geschrieben haben, ganz unberücksichtigt gelassen wurde: daß nämlich seit Einführen des Zolles Roggen bei Ihnen stets 10 bis 16 M. per Mispel weniger gekostet hat, als er von Rußland gestellt kosten müßte. Im Juni, als Roggen in Rußland mit der Parität von 212 M. bezahlt wurde, kostete er in Berlin 200 M. Gegenwärtig hat man in Rußland meist nur Roggen sehr geringer Qualität, der, nach Berlin geliefert, 214 M. per Mispel kostet. Im Innern Rußlands sind die Preise noch höher. Besserer Roggen als dieser wird aber in Berlin täglich mit 195 bis 200 M. verkauft. Wie geht das zu, wird man fragen, ja, das ist ein Rätsel, dessen Lösung den Beteiligten gewöhnlich teuer zu stehen kommt, — so lange sich aber immer noch Leute finden, die den Roggen billiger verkaufen, als er thatsächlich hinzustellen ist, und die Differenz aus ihrer Tasche bezahlen, — so lange scheint es mir, hat man wenig Grund, bei Ihnen über den Getreidezoll zu zu klagen. Jedenfalls sollten bei allen Argumenten über den Getreidezoll auch die hier erwähnten Thatsachen ernstlich in Berücksichtigung genommen werden.
' Eine der wärmsten Freundinnen der Türkei, die wiener „Neue freie Presse", kann nicht umhin, zu der neuesten türkischen Note folgende Bemerkungen zu machen: „Die Sage erzählt von dem letzten König der Heruler, er habe, nachdem er sein Volk zum entscheidenden Kampfe mit den Longobarden geordnet, sich in feinem Zelte zum Brettspiel niedergesetzt und seinen Waffenträger beauftragt, ihm von Zeit zu Zeit zu melden, wie die Schlacht stünde. „Aber es ist dein Tod, wenn du mir kündest, daß meine Krieger weichen", fügte der König voll Uebermut und Siegesgewißheit hinzu. Darauf begann er sorglos zu spielen. Die Stunden verrannen; näher und näher kam der Lärm der Schlacht heran, aber der Waffenträger rief immer: „Freue dich, o König, die Deinen siegen I" Endlich tobte das Gefecht ganz nahe und der Herulerfürst, dem nun bange ward, schrie hinaus: „Was gibt eö Waffenträger?" Ein dumpfes Stöhnen war die Antwort und im nächsten Augenblicke brachen die Feinde in das Zelt — der König fiel unter ihren Streitäxten und die sinkende Sonne schien aus ein heldenmütig untergegangenes Volk, dem der Führer gefehlt hatte. — An diese alte halb verklungene Sage aus germanischer Vorzeit müssen wir denken, wenn wir,daö langatmige Aktenstück betrachten, welches die Pforte am 3. d. M. an die Vertreter der Großmächte in Konstantinopel gerichtet hat. Die Türken stehen zwar noch nicht zum letzten Kampfe' unter den Mauern von Konstantinopel ge- schaart; aber ihrem Reiche droht schwere Gefahr und der Geist, der im Palast waltet und die Politik leitet, hat eine verhängnisvolle Aehnlichkeit mit dem übermütigen Leichtsinn des unseligen Heruler-KönigS. Jetzt, da wir den Wortlaut der türkischen Note kennen, müffen wir offen gestehen, daß eS den besten Freunden der Türkei unmöglich ist, den Ton ihrer Antwort zu verteidigen. So darf der Minister eines Staats nicht sprechen, der sich in der ärgsten Bedrängnis befindet."
Telegraphisch wird ferner gemeldet:
Paris, 9. Okt. Meldungen der „Agence HavaS" Aus Cattaro: Riza Pascha hat am 8. Oktober alle regulären Truppen aus dem Distrikt Dulcigno zurückgezogen. Man glaubt, er wolle die Montenegriner auf diese Weise zum Angriff veranlassen, um sich selbst mit den Albanesen zu verbinden, welche unter dem Befehle Nussuff Socotich's die Mazurahöhen besetzt halten. Als nächstes Ziel der Flotte werde Malta angegeben. — Aus Skutari: In Montenegro wohnende und dort Handel treibende christliche Albanesen wurden ausgewiesen und gezwungen, ihre Waren mit bedeutenden Verlusten zu verkaufen. Die montenegrinische Regierung nahm daS aus dem Verkaufe erzielte Geld in Beschlag. Viele AuSgewiesene find hier eingetroffen
Pari«, 9. Okt. Wie ein Telegramm aus Ragusa hierher meldet, hat der Füist von Montenegro dem Admiral Seymour erklärt, daß eS ihm angesichts der Verstärkung der türkischen Streitkräfte unmöglich sei, den Kampf zu wagen. Admiral Seymour berief hierauf die übrigen Befehlshaber und teilte ihnen mit, daß infolge der
Weigerung des Fürsten die Aufgabe der vereinigten Flotte beendet sei und daß von nun ab jeder Befehlshaber die Verantwortlichkeit für die Bewegungen seiner Schiffe selbst zu übernehmen habe. Hierauf haben die Befehlshaber an ihre Regierungen telegraphiert und erwarten neue Weisungen. Alle Kriegsschiffe treffen Vorbereitungen zur Abfahrt, die Engländer gehen nach Malta, die Oesterreicher nach Pola. Bezüglich der neuen englischen Vorschläge hört man, daß Frankreich beschlossen habe, seine Haltung der von Oesterreich und Deutschland anzupassen. Unsere Regierung ist der Ansicht, daß man England allein die Aufgabe der Blockierung von Smyrna und anderen Häfen überlassen und es höchstens moralisch unterstützen müsse. Rußland hat den englischen Vorschlag natürlich sofort angenommen, ebenso Italien, dieses jedoch unter dem Vorbehalt, daß. auch die übrigen Mächte sich nicht auöschließen- Dagegen sollen Oesterreich und Deutschland Herrn Gladstone mitgeteilt haben, daß sie seine Vorschläge nicht annehmen können. Sie haben zwar die Vorschläge nicht direct verworfen, sondern verhandeln noch, um einen vermittelnden Weg zu finden, der das europäische Einvernehmen aufrechterhalten uno Frankreich zur weiteren Teilnahme an den Maßnahmen der Mächte bewegen könnte. Dazu ist aber wenig Aussicht vorhanden, da die öffentliche Meinung verlangt, daß sich Frankreich in der ganzen Sache unbedingt neutral halte. Gladstone ist über die Haltung von Frankreich, Oesterreich und Deutschland sehr aufgebracht, aber seine College« raten ihm, zu einer minder gewaltthätigen Politik überzugehen. Der Wunsch der französischen Regierung, sich nicht an der stellen Politik Gladstones zu beteiligen, ist im hohen Grade durch den offiziösen Artikel der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung veranlaßt worden, der den Beweis lieferte, daß Europa nicht gehalten sei, die Durchführung des Berliner Friedens zu erzwingen.
Cettinje, 9. Okt. „Glas Czernagora", osficielles Organ von Montenegro, veröffentlicht einen Artikel gegen die Türkei und Riza Pascha, worin erklärt wird: Montenegro habe keineswegs gedacht, nachzugeben; es sei bereit, die Herausforderung der Türkei anzunehmen. Der Artikel bedauert, daß die Siguatarmächte des Berliner Vertrags die Psorte nicht zur vollständigen Ausführung des Vertrages gezwungen haben. Riza Pascha, der entsandt worden, die Uebergabe von Dulcigno zu bewirken, suche nur neue Schwierigkeiten hervorzurufen, Montenegro zu täuschen und mit den Mächten sein Spiel zu treiben.
Portsmouth, 9. Okt. Die Abfahrt des Transportdampfers „Assistance" ist auf morgen verschoben, weil derselbe noch 50 Tonnen Kriegsmunition und 54 Gatlingge- schütze an Bord nehmen soll, welche für das Geschwader im mittelländischen Meere bestimmt sind. — Wie es heißt, beabsichtigt die Admiralität, nach dem mittelländischen Meere ein Geschwader zu stmden, welches die Bezeichnung „Detached Squadron" führte und augenblicklich bereits segelfertig ist.
Bao fisch, 9. Okt, Der heutige Knegsrat wurde vertagt. Admiral Seymour, welcher Instruktionen seiner Regierung erhalten haben soll, konferierte mit den einzelnen Commandanten.
Deutsches «eich.
Berit», 9. Okt. In der Nacht vom 8. zum 9. entgleiste in der Nähe der Schießstände bei Spandau der 12-!0 Nachts auf dem Lehrter Bahnhof sonst eintreffende Personenzug in Folge ruchloser Lockerung einer Fahrschiene Glücklicherweise haben weder die Reisenden noch bas Fahrpersonal nennenswerte Beschädigungen erlitten, und wurden dieselben mittelst eines Extrazuges nach Berlin gebracht. Dagegen erlitt das Material des Zuges bedeutende Beschädigungen, und stürzte die Maschine vom Bahnkörper in den daneben liegenden Graben. Beide Geleise wurden dadurch gesperrt, und konnte nur das eine Geleis bis heute Morgen 8 Uhr fahrbar gemacht werden. Der Betrieb ist daher nur während der Nacht gestört gewesen. Der Betriebs-Inspektor, welcher 1 Stunde nach dem Unfall an Ort und Stelle war, fand an einer Scbiene beide Paar Laschen abgenommen und sämtliche Nägel abgeschlagen, so daß die Schiene umkanten mußte, sobald eine Lokomotive darüber fuhr, was denn leider auch geschah und die Entgleisung des Zuges veranlaßte. Um 10 Uhr Abends war die Unfallstelle vom Spandauer Lokalzug ohne Anstand befahren worden; die Wärter haben nach Vorbeifahrt desselben die Strecken revidiert und nichts auffälliges gefunden, und muß daher der Frevel in be t Stunden zwischen 10 und 12 Uhr Nachts begangen worden sein. Da die Stelle genau auf der Mitte zwischen zwei Wärterposten liegt, so konnte von diesen aus, bei der sehr dunklen und regnerischen Nacht nichts bemerkt werden. — Die Untersuchungen sind eingeleitet. — Nach den im Justizministerium aufgestellten Listen betrug im August dieses Jahres die Zahl der Gerichtsassessoren in Preußen 431, wovon bis auf Ende 1879 noch 257 kommen, welche noch nicht angestellt sind. Danach kommen auf das erste Halbjahr des laufenden Jahres 174. Aus dem Jahre 1872 sind noch 2 Assessoren (darunter der nach Aegypten beurlaubte Assessor v. Milmowski), aus dem Jahre 1874 ebenfalls 2, desgleichen aus 1876, aus dem Jahre 1877 wieder 10 und aus 1878 noch 45. Die Zahl der Referendare betrug 3590. — Der Deligiertentag selbstständiger Handwerker Deutschlands, welcher gestern Vormittag in Beckers Bierhallen Hierselbst seine erste Sitzung hielt, war gestern von 92 Teilnehmern besucht, von denen der größte Teil Berlin
anzehört. Von auswärtigen Städten ist besonders zahlreich Hamburg und Bremen vertreten, während Köln, Danzig, Potsdam, Magdeburg, Halle und Warmbrunn je 1 oder 2 Delegierte entsandt haben. Auf der Tagesordnung steht u. A. Bericht über die dem Reichstag eingereichten Petitionen, betreffend die Gewerbekammern, die Gefängnißarbeit, die Wanderlager und ven Hausierhandel; die Lehrlingsfrage, Wiedereinführung der Zwangsinuungen unter Festhaltung der Meister- und Gesellenprüfungen; Errichtung von Unterstützungskassen für wandernde Gesellen; Besprechung über das heutige Submisstonswesen.
Breslau, 9. Oktober. In der heutigen VerwallungS- ratssitzung der Oberschlesischen Eisenbahn wurde beschlossen, Voranschlägen, die Mittel zum Bau der bekannten projektierten Sekundärbahnen durch die Emission einer Priori- tätanleihe aufzubringen.
ÄSltt, 9. Oktober. Ueber eine das Dombaufest betreffende Besprechung im katholischen Volks-Vereine berichtet die Germania: „Domvikar Theisen sprach sich in seinem Vortrage u. A. dahin aus, daß das Domkapitel zwar den Kaiser am Westportale der Kathedrale empfangen, die katholische Geistlichkeit sich sonst aber, des Herrn Erzbischofs eingedenk, von jeder Beteiligung am Feste ausschließen werde. „Der Klerus werde sich für die Ehre bedanken, auf der Tribüne und beim Banket als Staffage zu dienen. Der Vorsitzende, Herr Eduard Fuchs, begründete nochmals die Zurückhaltung der Katholiken; Dr. Röckerat sprach über die Wahl eines protestantischen Kirchenliedes, zu dessen Absingen die katholischen Ellern ihre Kinder nicht hergeben sollten und der Parole der Nichtbeteiligung sei die andere hinzuzufügen, man solle Andere bei der Beteiligung nicht stören. Der Vorsitzende teilte, der K. V.-Ztg. zufolge, mit, daß die Immediateingabe bereits aus über 1000 Gemeinden mit Unterschriften zurückgelangt sei und täglich noch Massen von Briefen einliefen; lange sei keine solche Bewegung durch das katholische Volk gegangen und in großartiger Weise werde diese von den Mitgliedern der Kirchenvorstände und kirchlichen Gemeinde-Vertretungen der Rheinprovinz unterschriebene Eingabe die «Stimmung der rheinischen Katholiken zum Ausdruck bringen. Die Eingabe ist in etwa 1600 Pfarreien verbreitet worden.
München, 9. Oktober. Der König hat den Gesandten von Rudhart auf dessen Ansuchen und unter der Bestimmung anderweitiger dienstlicher Verwendung desselben aus Berlin abberufen. An dessen Stelle ernannte der König den Legationsrat an der kgl. Gesandtschaft in Wien, Grafen Hugo von Lerchenfenfeld als Gesandten am preußischen Hofe. — Das Centralkomitee des deutschen Schützenbundes beschloß, das 7. deutsche Bundesschießen in der Woche vom 24. bis 31. Juli 1881 auf der hiesigen Theresien- wiese abzuhalten. Zur Teilnahme an den Sitzungen sind FabriciuS und Best aus Frankfurt a/M. eingetrvffen.
Ausland.
Paris, 9. October. Der internationale Postcongreß ist heute im Ministerium des Aeußern eröffnet worden. Postenminister Cochory führt den Vorsitz. In seiner Eröffnungsrede hob derselbe hervor, daß Frankreich, wo Jedermann die Erhaltung deS Friedens wünsche, die von den Conferenzen ausgehenden Vorschläge stets günstig aufnehmen werde, weil sie die Vollendung des friedlichen Werkes, daS die ganze Welt interessiere, bezweckten. — Im heutigen Ministerrate wurden die Maßregeln in Betreff der Con- gregationen definitiv festgestellt. Mit deren Ausführung wird nächste Woche begonnen. Die Einzelheiten der Ausführung werden geheim gehalten.
Loadou, 9. October. Die „Pall Mall Gazette" glaubt zu wissen, England sei jetzt über die Ansichten aller Mächte in Betreff der Coercitivmaßregeln gegen die Türkei unterrichtet. Die Operationen im ägeischen Meere zum Zwecke eines wirksamen Drucks auf 'den Sultan würden von allen Mächten gebilligt und werden mit deren Zustimmung ausgeführt. Die Ausführung werde den Flotten von mindestens drei Mächten anvertraut, welche als Mandatare Europas agieren. — Die Minister Granville, Northbrook und Spencer cvnferierten gestern mit Gladstone; die Unterredung dauerte über eine Stunde. Es heißt, wichtige Depeschen seien von mehreren Mächten eingegangen.
Dabli«, 9. October. Ein Erlaß der Regierung teilt mit, daß in Rücksicht auf die in den Grafschaften Galway und Mayo herrschenden außergewöhnlichen Zustände eine Verstärkung der Polizeiwacht verlangt wocden sei.
Hesfeu-Rassan.
Raffel, 9. Oktober. Die Mitglieder des Kreistages für den Landkreis Kassel verehrten ihrem Vorsitzenden, Herrn Landrat Weyrauch, bei einem gemeinschaftlichen Essen nach der Sitzung am 4. d. M. einen silbernen, von Schmidt gearbeiteten Pokal als Anerkennung für seine.Verdienste um den Kreis.
— Wie auS einer Notiz aus F u l d a hervorgeht, sind zwei Pfeiler der Fulda-Eifenbahnbrücke bei Malsfeld (Ber- lin-Coblenzer Bahn) in Gefahr gänzlich zu sinken. Wie heute weiter verlautet, dürfte eö fraglich erscheinen, ob es mög'ich sein wird, einen gänzlichen Umbau zu vermeiden. Der Betrieb über die Brücke ist sistiert.
— Die letzten Prüfungen der Abiturienten des städtischen Technikums R i n t e l n haben wiederum den beredtsten Beweis für die Tüchtigkeit dieser Lehranstalt geliefert, indem sämtliche 23 Candidaten des Bau- und Maschinenfachs bis auf einen die Meister — resp. Jngenieurprüfung bestanden, ferner 12 Studierende den Berechtigungsschein