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Marburg, Dienstag, 12. October 1880.
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Die Kaiser-Wilhelmsspeude.
(Schluß S. Nr. 237.)
Aber man sollte doch meinen, ein lebenslänglicher Direktor, der die Anstalt nur nach den gesetzlichen Satzungen leitet, deren Handhabung ebenfalls von oben her beaufsichtigt wird, ein Direktor, der nicht nach Tantiemen auszuschauen und nicht für Aktionäre pekuniäre Vorteile herauszuwirtschaften braucht — man sollte meinen, ein solcher Direktor müßte jedem klar denkenden und nicht von sozialdemokratischen Selbstregierungsphrasen angekränkelten Menschen eine größere Gewähr der Sicherheit und zuverlässigen Unparteilichkeit bieten, als ein etwa durch Mehrheitsbeschluß der Interessierten eingesetzter Mann, der oft bei der Leitung solchen Instituts von egoistischen oder persönlichen, nicht in der , Sache liegenden Beweggründen in seinen Handlungen geleitet wird. Mit den beratenden und beschließenden Stimmen der sogenannten Generalversammlungen «aber ist es so eine eigene Sache; durch Generalversammlungsbeschlüsse können die besten Institutionen in Unordnung gebracht und zerstört werden, und was den Anschauungen des erwähnten Redners nach ein Nachteil der Wilhelms- spende sein soll, dürfte gerade ihr Vorteil sein, vorausgesetzt natürlich, daß der Direktor seiner Aufgabe gewachsen ist. Aber die Anstalt bietet noch mehr Vorteile vor allen anderen ähnlichen Versicherungsanstalten. Dahin gehört zunächst, daß bei ihr keine Einlage, wäre sie noch so klein, verloren geht und ein Verlust durch Unterlassen weiterer Einlagen nicht eintritt. Ferner läßt die „WilhelmSspende" zu, daß Einlagen, welche seit wenigstens 5 Jahren bestehen, von den Mitgliedern mit halbjähriger Frist gekündigt werden. Geschieht dies, so zahlt die Anstalt die Einlagen unverkürzt nebst 2 Prozent Zinsen aus. Ferner dürfen Nachzahlungen nicht gefordert werden; auch haben die Einzahler oder Mitglieder weder AusfertigungSgcbühren noch andere Kosten zu erstatten. Zu den Kosten der Verwaltung wird von den Einlagen nichts abgezogen, denn die Verwaltung wird aus dem Grundstock bezahlt und für Dividenden oder Zinsen an Aklionäre braucht nichts aufgesammelt zu werden; aller Ueberschuß wird ausschließlich zu Gunsten der Versicherten verwendet. Immer und zu jeder Zeit kann man der Kasse beitreten, immer und zu jeder Zeit kann man kleine oder größere Beiträge je nach Belieben zahlen; nicht nur Kinder können eingekauft werden, auch wer Geselle wird oder schon Geselle ist, kann die Kasse als spätere Jnvalidenkasse benutzen, und er selber braucht nicht immer, wenn er's nicht hat zu bezahlen, auch sein Meister und Brotherr kann für ihn zahlen. Außerdem ist cs erlaubt, Einlagen in derlei Art zu machen: ohne Vorbehalt der Rückgewähr und mit kurzem oder mit dauerndem Vorbehalt der Rückgewähr. Wir fragen, hat je eine Kasse solche Vorteile gewährt? Diese Kasse aber
Die Enthüllung.
Novelle von A. Reichltadt.
(Fortsetzung.)
Und was konnte sie sich bet seinen Worten denken? Im ganzen gar nichts. Vielleicht bezogen sie sich auf Waldemars geschäftliche Beziehungen. Unaufhörlich marterte sie ihr Hirn mit Mutmaßungen, ohne ihren Zweifeln auf den G-und zu kommen. Darüber verstrich die Aeit und es läutete zur Kirche.
Nur wenige Zuschauer befanden sich in der engen, düstern Dorfkapelle. Es drohte zu regnen. Wer sich irgend rühren konnte, mußte rastlos in der Ernte helfen, damit das Korn trocken hereinkäme. Alle Jugend fehlte, weil der Bräutigam sich jede Hochzeits-Gesellschaft verbeten hatte. Außer ein paar alten, lahmen Weibern und halbblinden Greisen fand sich nur ein von der Braut einst abgcwiesener Freier ein. Es war der Fischer Kirkerup, der sich von allen Burschen des Dorfes am leidenschaftlichsten um sie beworben.
Niedergeschlagen stand er hinter einem Pfeiler. Als er den glücklichen Nebenbuhler wahrnahm, ballte er zähneknirschend die Faust in der Tasche.
Waldemars Aeußeres war einnehmend, ja glänzend. Seine Haltung stolz uud stegesgewiß genug, um einem ge- demütigten Nebenbuhler wie Kirkerup gründlich zu miß- sallcn.
Mißtrauisch sah dieser das feine, glatte Benehmen und die weise wohlgepflegtc Hand mit dem kostbaren Siegelring, in welche sich die gesunde aber kräftige Rechte der frischen Braut legte.
„Es ist noch sehr die Frage", brummte er voll Haß,
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jkaffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Vogler i« Sranrfurt a. M., Berlin ßripzig, Mn rc.; Rudolf Sltoffe in Berlin, Frank- t>:it a. M. rr.
___________________________________________sar tn der Expedition zu erhellende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Psg. berechnet. V'g*
Hermarm'sche Yuchyandl. daselbst; Juvalidendank in Berlin; W. Thiene« in Slberfeld: C. Schlotte in Bremen.
Anzeigen nimmt' entgegen die Expedition b. Blatte« sowie d. Annoncen-Bureaur von <3. L. Daube & Co. in
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verbleiben würde. In der Absicht liegt dies keineswegs, vielmehr bestand noch vor wenigen Tagen in offiziellen Kreisen die Annahme, daß Graf Hatzfeld, der nur noch durch die schwebenden Verhandlungen in Konstantinopel zurückgehalten wird, binnen etwa sechs Wochen, also gegen Mitte November, in Berlin eintreffen könne. In wie weit der seitherige Verlauf der orientalischen Angelegenheiten diese Disposition stören wird, läßt sich allerdings im Augenblick nicht wohl übersehen, indes würde eS, wenn die Verhältnisse zu einer länger dauernden Verwickelung veranlasse» sollten, doch nötig werden, an eine ausreichende Ersetzung des jetzigen Botschafters in Konstantinopel zu denken. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß Herr v. Radowitz, welcher in den orientalischen Dingen am meisten vertraut ist, die Ufer der Seine mit dem Gestade des Bospoms, wenn auch nur vorübergehend, vertauschen werde.
Gegen Ende der Kur des Reichskanzlers in Kissingen hieß es, er werde noch nach Gastein gehen und dort eine Konferenz mit einem päpstlichen Legaten haben. Damals hielt sich der Kardinal Hergenröther in Gastein und dann in verschiedenen Orten von Baiern auf. Ueber diesen seinen Aufenthalt in Baiern wird jetzt dem „Kuryer Pozn." aus Rom aus „bester Quelle" folgendes geschrieben: Es ist viel über die politische Mission geschrieben worven, die ihm (Hergenröther) Leo XIII. übertragen haben sollte; ich kann indessen versichern, daß an diesen Gerüchten nicht ein wahres Wort war, und daß der Kardinal außer der Absicht, seinen Gesundheitszustand zu bessern, keinerlei andere Zwecke bei seiner Reise im Auge hatte. Trotzdem ist eS richtig, daß hochgestellte preußische Beamte ihn sowohl in Regensburg, als auch anderweitig unterwegs und schließlich auch in Salzburg und Gastein aufsuchten, woselbst der Kardinal einige Zeit verlebte. Zweck dieser Besuche waren keinerlei Unterhandlungen und noch weniger deutlich formulierte Vorschläge, sondern nur das Verlangen, in Erfahrung" zu bringen, welche Zugeständnisse die preußische Regierung vom heiligen Stuhle erhoffen könne. Die Herren klagten über das schroffe Non possumus der päpstliche» Kurie, worauf der Kardinal gewöhnlich entgegnete, die Kurie sei bis zur äußersten Grenze der Nachgiebigkeit gegangen und jeder weitere Schritt auf diesem Wege könne nur mit Verletzung ihrer Würde und zum offenbaren Schaden der Kirche erfolgen. Da rief einmal ein preußischer Geheim- Rat aus: „Geben Sie uns die Privilegien, welche die baierische Regierung hat, und wir werden zufrieden sein." „Sie vergessen", entgegnete der Kardinal, „daß ich viele Jahre in Baiern gewohnt habe und die dortigen Verhältnisse genau kenne; ich kann Ihnen sagen, daß die baierische Regierung wenig erhalten, aber viel usurpiert hat; früher ging das hin, allein bei den heutigen Zeiten wird die Kirche derartige Usurpationen nicht dulden, und am wenig- hier lassen, wußte ich nicht, was ich that. Jetzt kann ich den Gedanken an eine Trennung von Dir nicht mehr ertragen."
„Und doch muß sie sein," antwortete er mit Nachdruck. „Und — vielleicht kommt sie eher, wie ich glaubte. Aber laß uns heute nicht daran denken."
Sie wurde sehr bleich, da ste aber bemerkte, wie er sekundenlang die Augen mit der Hand schloß, al« thäte ihm die leiseste Erinnerung an jenen schweren Augenblick schon jetzt wehe, lächelte ste wieder beruhigter in sich hinein und beschloß, ihm den Abschied, falls er ihn wirklich für notwendig hielte, durch keinen einzigen Seufzer zu erschweren.
Die nächste Zeit verfloß beiden wie ein ungetrübter Traum, fast zu sonnig für die» Erdenleben.
Das einzige, was der jungen Frau zuweilen Kummer machte, war die Erfahrung, daß ihr Gatte es durchaus nicht liebte, wenn sie sich nach seinen Arbeiten erkundigte.
Er hatte viel zu thun, mehr als sie je einen Mann hatte arbeiten sehen. Jede Woche, oft jeden Tag brachte TönnieS ihm von der gegenüberliegenden Küste zahllose Briefschaften und Papiere. Wenn sie noch so versunken in ihr Liebesglück gewesen, so erhob sich Waldemar sofort nach dem Empfange derselben und sagte, daß er zuerst seine Pflichten erledigen müsse.
Fragte ste, was das denn für abscheuliche Pflichten wären? so streichelte er ihr lächelnd die Wange und erklärte leichthin aber ziemlich unbestimmt: „Alles Schreibereien von Amts wegen. Du mußt wiffen, mein Revier ist groß und da ich abwesend bin, giebt'S Tausenderlei hin- und herzuschreiben."
(Fortsetzung folgt.)
kann es, weil sie von vornherein so gut und so fest dotiert war. Darum kann ste aber auch ruhig ihrer Weiterentwicklung entgegensetzen, unbekümmert um die Anfeindungen der Gegner, die teils von falschen liberalistischen Anschauungen, teils von Privat-Jnteressen bei ihren Urteilen geleitet werden. Wenn wir eins wünschten, so wäre es, daß die Leitung dieser segensreich wirkenden Anstalt mehr in die Oeffentlichkeit treten und sich durch die Presse gegen die vielfachen mißliebigen Urteile über die Anstalt wehren möchte. Zum Schluß soll noch erwähnt werden, daß die letztere bereits die stattliche Zahl von 20,400 Einlagen ä 5 Mark zu verzeichnen hat. (Wie viel Personen auf dieselbe kommen, ist uns nicht bekannt geworden.) Auch sind schon etwa 1200 Zahlstellen errichtet und etwa 5000 Vertrauensmänner bestellt. Zu Informationen der letzteren hat Herr Direktor Stämmer eine Broschüre geschrieben, die unter dem Titel: „Die Kaiser-WilhelmSspende" in Berlin im Verlage von Karl Haymann erschienen und zu dem Preise von 1 Mark zu haben ist. Dieselbe enthält die ausgiebigsten Aufschlüsse über alle die Anstalt betreffenden Fragen und sämmtliche Tarife, wie alle bei der Geschäftsführung gebräuchlichen Formulare.
Tagesbericht.
Die „Nordd. Allgem. Ztg." bringt einen Artikel über die von rheinischen Katholiken zur Unterzeichnung kolportierte Eingabe an den Kaiser. Es wird darin bemerkt: Nur ein Gedanke des Schriftstücks sei einer ernsten Besprechung wert. Die Unterzeichner sollten erklären, daß ihnen die feierlichst verbriefte freie Religionsübung verkümmert worden sei, wobei an den Erlaß des Königs Friedrich Wilhelm III. vom 5. April 1815 gedacht werde. Die dort gemachte Zusicherung sei aber nie zurückgenommen oder verletzt worden. Ihrer freigebigen Erfüllung seien die blühenden kirchlichen Einrichtungen zu verdanken, deren Verfall die Eingabe beklage. Der König habe aber, indem er die katholische Kirche zu ehren und zu schützen versprochen, sich nicht verpflichten wollen, weil nicht verpflichten können, die Staatsgewalt Einrichtungen zu unterwerfen, welche der päpstliche Stuhl und ein Teil des Klerus in aller Zukunft sich zu geben für gut befänden. Die Rheinländer und deren damaliger Klerus hätten die Beschlüsse des vatikanischen Concils nicht vorausgcsehen und würden gegen solche Beschlüsse sich lebhaft verwahrt, sie nicht als Bestandteile der Religion betrachtet haben. ES genüge zum Beweise auf heutige Vorgänge zwischen Staat, Volk und Klerus in zwei katholischen Nachbarländern hinzuweisen.
Ueber oie bevorstehende Rückkehr des Fürsten Hohenlohe nach Berlin, wird mehrfach angenommen, als ob derselbe in seiner interimistischen Funktion an der Spitze des auswärtigen Amtes jedenfalls noch bis Ende dieses Jahres „ob ihr der abenteuerliche Mensch, von dem man gar nicht recht weiß, woher er eigentlich kommt und wohin er gehört, solch großes Glück bringt. Wenn der ein gutes Gewissen hat, so soll'S mich wundern, warum er so finster umher blickt und sich von allen Menschen fern gehalten hat."
In der That sah Waldemar nicht darnach aus, als ob seine Stimmung in dieser verhängnisvollen Stunde eine leichte, hoffnungsfrohe fei. Tiefe Falten gruben sich in seine Stirn und nur wenn er auf das blühende Geschöpf im Myrtenkranz blickte, zog es wie ein flüchtiger aber leidenschaftlicher Wonnerausch über seine verschlossenen Züge.
Als der Geistliche ihm die bindende Antwort abforderte, schienen seine Gedanken beinahe abwesend. Seltsam zerstreut und hart klang sein Ja im Gegensatz zu dem weichen und freudigen des Mädchens.
Die Weiber steckten zischelnd ihre Köpfe zusammen. Daß ihn alle neugierig betrachteten, sah er nicht. Wie von einem einzigen Begehren durchlodert, starrte er unverwandt auf sein liebliches Weib.
„Du bist holder und schöner, als ich je eine sah!" flüsterte er ihr hingerissen zu, während die Orgel wieder begann und er sie unter dem Läuten der Glocken über die Schwelle hinausführte. „Wer mir prophezeit hätte, daß ich noch einmal ein solches Kleinod besitzen würde! Ich, der ich glaubte auf jedes Glück verzichten zu muffen!"
Sie verstand feine Aufregung nicht, nur so viel fühlte ste, daß er durch die Erfüllung seines Wunsches wie aus allem Gleichgewicht herausgeriffen fei. Fast bebte sie vor der Gewalt feiner Leidenschaft zurück, aber seine heißen Worte und Küsse wirkten wie verzehrendes Feuer. Thränen traten in ihre Augen und bange preßte sie seine Hand.
„Als ich wünschte, Du möchtest mich noch vorläufig