Rr. 238.
Marburg, Sonnabend, 9. October 1880.
xv. Jahrgang
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Die türkisch-montenegrinische Greuzsrage.
In dem Präliminarfrieden von San Stefano, der am 3. März 1877 zwischen Rußland und der Türkei geschlossen worden, hatte Montenegro neben der Anerkennung seiner Unabhängigkeit eine sehr beträchtliche Gebietsvergrößerung, deren Flächeninhalt den des alten Gebietes um ein Bedeutendes übertraf, zugedacht erhalten. Auf deur Berliner Kongreß, dessen Werk der Vertrag vom 13. Juli 1878 ist, wurde jene Gebietsvergrößerung erheblich gemindert, namentlich im Nord-Osten und im Süden. Während aber die nördlichen und nordöstlichen, an die Herzegowina und an Bosnien grenzenden Gebietsteile, welche der Vertrag vom 13. Juli Montenegro überwies, von dem neuen Eigentümer ohne Schwierigkeit in Besitz genommen wurden, verhielt es sich anders mit den südlichen, aus dem Bevölkerungsgebiet des Stammes der Albanesen an Montenegro zu schließenden türkischen Gebirgsteilen. Hier entfaltete sich gleich nach dem Bekanntwerden der Bestimmungen des Berliner Vertrags ein Widerstand der alba- nesischen Bevölkerung. Diese letztere, welche unter einheimischen Stammeshäuptlingen lebt bei der nur locker gehandhabten Oberherrschaft der Pforte, schloß sich zu einer Liga ihrer Stämme zusammen, welche eine Art von Tagsatzung in Prizrend errichtete. Die Pforte entsendete, um ihrer Verpflichtung der Auöantwortung auch dieser Gebietsteile an Montenegro nachzukommen, einen Bevollmächtigten in der Person des Mehemed Ali Pascha, der jedoch von der albanestschen Bevölkerung ermordet wurde. ES kam endlich zur Abtretung der Gebiete von Spuz und Podgo- rizza, aber nicht der Gebiete von Gusinje und Plawa. Im Oktober 1879 sandte der Fürst von Montenegro eine Sommation an die Pforte, worin erklärt war, 15,000 Montenegriner ständen bereit, Gusinje und Plawa zu besetzen, falls dieselben nicht bis Ende Oktober durch die türkischen Behörden übergeben sein würden. Montenegro ließ sich zur Verlängerung dieses Termins bis Ende November herbei. Als auch dann die Uebergabe nicht erfolgte, schien ein Zusammenstoß unvermeidlich. Fürst Nikolaus von Montenegro fand es jedoch geraten, in einer Denk-
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Die Enthüllung.
Novelle von A. Reichstadt.
(Fortsetzung.)
Ihr Herz klopfte. „Gerade, weil ich Euch gut bin," antwortete sie zaghaft. Ihr seid ein gefährlicher Mensch und Euer Verdienst ist eS nicht, wenn mein Herz den Frieden behält — und Eures."
„Meines hat ihn lange verloren —"
Sie lächelte ungläubig, das brachte ihn vollends zur Verzweiflung, und noch denselben Nachmittag sprach er zu sich selbst: Und sollte es tausendmal ein unbesonnener Streich sein, so will ich doch nicht von dieser Insel weichen, che sie ganz mein geworden. Mir, dem Förster, ist zum Glück erreichbar, was dem Sklaven Waldemar für immer versagt wäre.
In solcher Stimmung sprach er mit NaniS Eltern.
Unsere guten Wirtsleute waren höchst ehrliche, gerade Naturen, die in ihrem ebenso einfachen wie unbeschränkten ^rnn jedem das Beste zutrauten, und hielten bereits große «tucke auf einen Mieter, der nie auf das Geld sah, sondern seine Rechnungen mit bewunderungswürdiger Pünkt- ichk-it bezahlte. War letztere Eigenschaft nicht ein Zeichen ferner Zuverlässigkeit? Geschmeichelt horchten sie auf die augenscheinlich so ehrenvolle Werbung um ihr Kind.
„Wird das einfache Jnselmädchen auch in Ihre fremden Verhältnisse passen?" fragten sie freilich beklommen.
„Gewiß, gewiß!" versicherte Waldemar mit einer Hast, als ob er die Frage am liebsten überhören möchte. „Wie sich unsere Zukunft auch gestaltet, niemals sollen Sie es vereuen, wenn Sie mir Ihr Kind anvertrauen."
Etwas zitterte seine Stimme zwar bei dem beruhigen-
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schrift sich beschwerend, an die Mächte des Berliner Vertrages zu wenden. Die Pforte zögerte nicht, dieser Denkschrift mit einer Erwiderung entgegenzutreten, worin sie die Nichtausführung ihrer in dem Berliner Vertrag übernommenen Verpflichtungen mit dem Widerstand der Albanesen entschuldigte, für diesen Widerstand jedoch die Truppen- ansammlnngen Montenegros verantwortlich machte. Es wurden nunmehr neue Verhandlungen zwischen Montenegro und der Türkei eröffnet, zum Zweck der Vereinbarung über eine anderweite, seitens der Pforte minder schwer auszusührende Grenzberechtigung. Eine hierauf bezügliche Uebereinkunft kam am 12. April d. I. zu Stande, und wurde acht Tage später von den Botschaftern der Berliner Vertragsmächte Namens der Letzteren in Konstantinopel ratifiziert. Danach sollte anstatt der Gebiete von Gusinje und Plawa ein Gebiet südlich von Podgo- rizza abgetreten werden. Die Konvention vom 12. April bestimmte ferner, daß die ottomannischen Truppen innerhalb zehn Tagen die betreffenden Punkte zu räumen hätten, mit der Maßgabe, daß vier und zwanzig Stunden vor dem Ende der Räumung die Befehlshaber der ottomannischen Truppen den Kommandierenden der montenegrinischen Truppen in Podgorizza von der genauen Stunde in Kenntnis setzen sollten, zu welcher die Räumung vollzogen sein wurde. Durch diese Bestimmung sollte verhindert werden, daß zwischen dem Abzug der Türken und dem Einzug ber Montenegriner eine Pause entstünde, welche von den Albanesen zum Eindringen mit bewaffneten Schaaren in das geräumte Gebiet benutzt werden könnte. Die türkischen Befehlshaber zeigten jedoch die Vollendung ihres Rückzuges nicht vierundzwanzig Stunden, sondern nur sieben Stundeen vorher dem montegrinischen Oberbefehlshaber an, und da die Montegriner ihr Einrücken binnen sieben Stunden nicht bewerkstelligen konnten, so gelang eö den albanestschen Streitkräften, ihnen mit Besetzung der befestigten Stellungen des geräumten Gebiets zuvorzukommen. Montenegro reichte nun bei den Vertragsmächten eine neue Beschwerde ein, in Folge deren die Botschafter in Konstantinopel durch eine Kollektivnote die Pforte aufforderten, ihrerseits das streitige Gebiet zu besetzen und alsdann die Räumung nach dem Ueberernkommen zu bewirken. Die Pforte erwiderte, indem sie das Verhalten ihrer militärischen Befehlshaber zu rechtfertigen suchte. Die Benachrichtigung des montenegrinischen Kommandierenden über den Zeitpunkt der vollendeten Räumung sei durch ein Mißverständnis verspätet worden, und die Pforte müsse den Vorwurf zurückweisen, daß sie die Nichtausführung der Vereinbarung ihrerseits verschuldet habe. Denn nicht die verspätete Anzeige, sondern die Furcht der Montenegriner vor den Albanesen sei die Ursache der unterlassenen Besitzergreifung seitens der ersteren. Seitens der-Berliner Vertragsmächte wurde fiier= auf durch die Botschafter am 3. Mai der Pforte eine den Wort, aber dann gab er ihnen so genaue Auskunft über seine Verhältnisse, wie sie nur wünschen konnten.
Herzlich reichte ihm der alte Mann die Hand: „Daß niemand mein Vertrauen mehr verdient als Sie, weiß ich Ich furchte mich nur davor, mich von der Nani zu trennen. Sie ist unser einziges Kind, unser Augapfel. Wir hatten immer gedacht, daß sie sich einmal in unserer Nähe verheiraten solle."
. . ^st als ob dies Geständnis, welches dem Vater einige Mühe kostete, dem Freier einen Stein vom Herzen nähme Wie ein Freudenblitz zuckte es über sein sinnendes Gesicht.
„Wenn das ein Hindernis ist, so lassen Sie mich es beseitigen. Um Sie erst an die Trennung zu gewöhnen könnte ich mich entschließen, Nani noch nach der Hochzeit vorläufig bei Ihnen zu lassen. Ich gehe dann auf kurze Zeit allein in meine Heimat, um dort alles für sie zu lichten. Wer weiß — fügte er zögernd hinzu — vielleicht kann ich mich auf Ihrer Insel ankaufen. Ich habe etwas Vermögen. Augenblicklich bin ich nur noch von dem Fürsten abhängig."
Erfreut lauschte der Vater auf solchen Vorschlag. Die Mutter war glückselig über den stattlichen Schwiegersohn und fand alles herrlich, nicht zum wenigsten „das Vermögen , und als am Abend beim festlichen Braten feierliche Verlobung stattfand, hörte Nani es gar nicht anders, als daß sie vorläufig noch die sichere Heimat behalten solle.
Dankbar lehnte sie den Kopf an den Geliebten. „O, nun fühle ich mich ganz geborgen," jubelte sie. „Du hast mir die Welt so fremd und kalt geschildert, daß ich mich nur vor ihr fürchten kann. Wie viel ruhiger folge ich Dir in dieselbe, wenn Du mir erst den Weg geebnet.
zweite Kollektivnote übergeben mit der Forderung, die Pforte solle sich mit Ja oder Nein erklären, ob sie gewillt sei, die nicht ordnungsmäßig geräumten Plätze wieder zu besetzen, um die Abtretung ordnungsmäßig zu bewirken. Auf diese Note erwiderte die Pforte mit dem Vorschlag, eine Enqustekommission zur Prüfung der in dem betreffenden Gebiet obwaltenden Verhältnisse und der Vorgänge bei der verunglückten Räumung niederzusetzen. Inzwischen trat wegen der griechischen Grenzfrage eine europäische Konferenz im Juni in Berlin zusammen. Die Beschlüsse dieser Konferenz steigerten die Aufregung der albanestschen Bevölkerung. Gleichzeitig mit den Bestimmungen über d e Berichtigung der griechischen Grenze im Süden des albanestschen Bevölkerungsgebietes erfuhren die Albanesen von einem neuen Vorschlag der Botschafter in Konstantinopel, an Montenegro anstatt des unterhalb Podgorizza gelegenen Gebietes den Hafen und das Gebiet von Dul- cigno abzutreten. Sogleich eilte eine Deputation aus Dul- cigno zu dem türkischen Gouverneur in Skutari, um von demselben Aufklärung zu erbitten. Derselbe erwiderte, daß ihm kein Auftrag zur Uebergabe des Platzes an Montenegro gegeben sei; er lade aber die Deputation ein, das Erforderliche vorzubereiten, um Dulcigno nötigenfalls gegen einen Angriff vorbereiten zu können. In Folge dessen sandte die albanestsche Liga einen Teil ihrer Streitkräfte nach Dulcigno, während die dorttge türkische Garnison sich nach Skutari zurückzog.
Der Umstand, daß die Pforte den Beschlüssen der Berliner Konferenz hinsichtlich der griechischen Grenzberich- lgung ebensowenig Folge zu geben sich anschickte, veranlaßte ein Uebereinkommen der Mächte behufs Durchführung der Berliner Konferenzbeschlüsse.. Es wurde jedoch für notwendig gehalten, vorher die montenegrinische Angelegenheit zu ordnen, und beschlossen, zu diesem Zweck eine gemeinsame Flottendemonstration ins Werk zu setzen. Vor Ausführung dieses Beschlusses richteten die Vertragsmächte unter dem 3. August wiederum eine Kollektivnote an die Pforte, worin die Abtretung von Dulcigno verlangt, 'zugleich aber der Pforte anheimgestellt wurde, auf die Ueber- elnkunft vom 12. April zurückzukommen, mit der Verpflichtung, die Durchführung derselben innerhalb drei Wochen zu bewirken. Hierauf erwiderte die Pforte unter dem 19. August mit dem Verlangen einer Fristverlänge- ES, an welches die Erklärung geschlossen war, daß, falls die Machte Schritte thun wurden, um Montenegro zur gewaltsamen Einnahme von Dulcigno behülflich zu sein, die Pforte eine solche Maßregel nicht unterstützen werde. Die Fristverlängerung wurde verweigert und die unver- rugl'che Uebergabe DulcignoS gefordert. Zugleich wurden die Befehle gegeben, um ein vereinigtes Geschwader zu- sammenzuziehen und unter den Oberbefehl eines englischen Admirals zu stellen. Das Geschwader sammelte sich Ende Gelt, Dein gestrenger Fürst, wird wohl zuerst sehr ungehalten werden, wenn er hört, daß Du hier eine Frau genommen. Glaubst Du nicht, daß er Dich warnen würde, wenn er es wüßte?"
Waldemar war betreten.
„Warnen?"
„Ja. Er ist ein großer Herr und wird denken, daß em unwlffendes Dorfkind, wie ich, nimmer für einen so klugen, gewandten Mann, wie Du bist, paffe."
Verwirrt legte er die Hand auf den Mund und drückte, um eine peinliche Regung zu verbergen, den zärtlichsten Kuß auf ihr unbefangen fragendes Auge. W
„Sprich nicht so," grollte er unmutig. „Ich kann es durchaus nicht leiden, daß Du immer von dem Fürsten anfängst. Was kümmert uns der in unserem Glück! Am liebsten möchte ich die ganze Außenwelt in Deinen Armen vergessen!
Eingeschüchtert schwieg sie und wunderte sich nur, wa- rum er so leicht aufbrauste? Das hat er von den vornehmen Herren beim Fürsten gelernt, tröstete sie sich und es that ihrer aufsteigenden Unruhe wohl, daß er so fest
Arm um sie legte, als wolle er sie niemals wieder von sich lassen.
Unerklärlich war ihren Eltern, daß er, nachdem er drängte" StaUt schon voll Ungeduld zur Trauung .. »och Zeit!" meinte der Vater bedächtig,
.Aldemar erklärte, „da sein Urlaub bald abgelaufen ,e6 ihn Eile mit der Hochzeit. Nur wenn Nani sein Weib geworden, würde er ruhig abreisen, um feine Angelegenheit daheim zu ordnen."
(Fortsetzung felgt)
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