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Nr. 236

Marburg, Donnerstag, 7. October 1880.

XV. Jahrgang

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Zur Orientfrage sind folgende Nachrichten ringe« gangen:

Die „Polit. Corresp." meldet aus Gravosa: Heute verließen die deutsche Corvette „Victoria", das italienische Panzergcschwader „Palestro", „Roma" und der Aviso „Rovigo" mit dem Contreadmiral Fincati, und der eng­lische Aviso „Coquette" Gravosa und dampften nach Teodo ab. Der österreichische Hafencapitän von Gravosa ist wegen Errichtung eines Hafenamtes nach Teodo abge­gangen.

Das „Reuter'sche Bureau" meldet aus Konstantinopel: Die Pforte erklärte in einer am 4. Oktober den fremden Botschaftern zugestellten Note, sie sei, um dem fortgesetzten Drängen der Mächte nachzugeben, entschlossen, über alle schwebenden Fragen zu verhandeln. Sie werde bemüht sein, die Albanesen zur Uebergabe Dulcigno'S unter den den Mächten von ihr bereits mitgeteilten Bedingungen zu bestimmen und schlage zur Regulierung der griechischen Grenze eine Linie vor, welche nördlich von Volo beginnen, südlich von Larissa, Metzowo und Janina lausen und an der Mündung des Atta-Flusses endigen solle. Die zuge« sicherten Reformen würden in Kleinasien innerhalb dreier Monaten eingeführt werden. Die Reformen in der euro­päischen Türkei könnten nur insoweit verwirklicht werden, als sie mit der Integrität des Reichs verträglich seien. Die ausländischen Besitzer der türkischen Schuldobligationen würden aufgefordert werden, Delegierte nach Konstanti­nopel zu senden, um bezügliche Vereinbarungen zu treffen. Gewiffe Einnahmen des Reichs würden zur Bezahlung der Zinsen den türkischen Gläubigern überwiesen werden. Die Pforte dringe unter der Bedingung dieser Reformen darauf, daß die Flottendemonstration von den Mächten aufgegeben werde.

Die „Times", die Orientfrage besprechend, gelangt zu dem Schluffe, der Sultan verweigere jetzt eigentlich die Anerkennung seiner Unterschrift unter den Berliner Ver­trag, weil er drohe, der Sicherung der Montenegro durch Vertrag gewährten Rechte mit Gewalt Widerstand zu leisten. Europa könne nicht vermeiden, auf die Erfüllung der von dem Sultan übernommenen internationalen Ver­pflichtungen zu bestehen, so schwierig es auch sein könnte, daö beste Mittel hierbei ausfindig zu machen.

„Daily News" bemertt zu der neuesten Note der Pforte, die britische Negierung könne sich, ohne sich zu diskreditieren, nicht zurückziehen. Das britische Volk sei nicht in der Laune, die Unterwerfung Englands unter die Befehle der türkischen Pascha'S ruhig anzusehen. Das Blatt rät der Regierung zu einer entschlossenen Haltung.

seinem Resso.t das Gesetz etnbringt, das Recht nicht be­streiten können, den Nachweis zu fordern, daß alle betei­ligten Jnteressenkreise zu Worte gelangten, bevor ein Ent­wurf mit der Unterschrift des Königs und des gesamten Staatsministeriums amtlich vor den Landtag tritt. Keines­falls könne ein gewissenhafter Minister daraus, daß In­dustrielle, Landwirte und Kaufleute die wirtschaftlichen In­teressen besser verstehen, ein Motiv entnehmen, gerade diese Sachkundigen nicht zu befragen. Die „Norddeutsche" zwei­felt nicht daran, daß im volkswirtschaftlichen Senate die Arbeiler eventuell eine Vertretung finden werden, wodurch ihre besonderen Interessen wahrgenommen werden können. Die Arbeiter wissen sehr gut, daß sie bei weitem das Meiste der Anregung und Wirksamkeit der Arbeitgeber verdanken. Beide können ohne einander nicht bestehen, sind daher darauf angewiesen, Divergenzen unter einander auszugleichen.

Demselben Blatt zufolge hat der angeblich von Seiten der Regierung gebildete Plan zur sofortigen Regu­lierung der rückständigen Zinsen der Stammprioritäten der Nordhausen-Erfurter Eisenbahn der Aufsichtsbehörde noch gar nicht Vorgelegen.

Die jetzige Beschäftigung des Reichskanzlers als preu­ßischer Handelsminister mit der Arbeiterversicherung im be­sonderen und der Regelung des Versicherungswesens im allgemeinen bringt das Rundschreiben wieder in lebhaftere Erinnerung, welches Fürst Bismarck im vorigen Jahre be­treffs jener Regelung an die einzelnen Bundesregierungen gerichtet hat. In demselben ging er von der Aussicht aus, daß das Eingreifen der Reichsgesetzgebung, wenn es be­schlossen werde, zur Zeit auf die verwaltungsgerichtliche Seite des Versicherungswesens zu beschränken sei, während

die dahin gehörigen Fragen des bürgerlichen Rechts ihre Lösung sachgemäß an anderer Stelle finden würden. Die See-, die Transport- und Rückversicherung, welche vom Standpunkte des allgemeinen wirtschaftlichen Interesses un­mittelbar von geringerer Bedeutung sind, sollen nur inso­weit in die gesetzliche Regelung hineingezogen werden, als etwa nötig ist, um die in Ansehung des Geschäftsbeginnes und Geschäftsbetriebes landesrechtlich bestehenden, sehr ver­schiedenen und deshalb dem Geschäftsverkehre hinderlichen Beschränkungen zu beseitigen. Während die Feuerversiche­rung in den verfchiedenen deutschen Staaten sehr mannig­faltigen und zum Teil beengenden Vorschriften unterliegt, entbehrt die Lebensversicherung in den meisten Staaten jeder gesetzlichen Regelung. Eine Feuerversicherungs-Gesell­schaft bedarf in jedem einzelnen Staate einer besonderen Concession, ihre Geschäftsgebahrung wird auf Schritt und Tritt überwacht. Um die Lebensversicherung dagegen be­kümmern sich die Staaten fast nur insoweit, als die Be­steuerung in Frage kommt.

Ueber die Landtagseröffnung scheint im letzten Minister- Rate Beschluß gefaßt worden zu sein; wie verlautet, wird die Einberufung auf Donnerstag den 28. Oktober erfolgen. Als Nachfolger des Herrn v. Bötticher auf dem Ober« prästdentenpostcn für Schleswig-Holstein ist auch der Land­tagsmarschall der Provinz, Graf von Rantzau, genannt worden. Schon bei dem letzten Wechsel im dortigen Ober­präsidium kam Graf Rantzau in Frage, derselbe lehnte aber den Eintritt in den Staatsdienst bestimmt ab. Gegen­wärtig sind nun aus der Provinz zahlreiche Gesuche an den Landtagsmarschall ergangen, um ihn zur Uebernahme des höchsten Verwaltungspostens der Provinz zu bewegen. Seitens der Regierung würde wahrscheinlich die Bereit­willigkeit des Grafen Rantzau als der geeignetsten Persön­lichkeit für das hohe Amt gut ausgenommen werden, doch soll nur wenig Aussicht dazu vorhanden sein.

Die häufigen Ministcrberatungen in London deuten darauf hin, daß ernste Dinge im Werke sind und die neuesten Depeschen aus der englischen Hauptstadt kündigen gleichfalls energische Beschlüsse der britischen Regierung an. Der Sultan bleibt nach wie vor unnachgiebig und fordert immer neue Verschleppungsfristen, die ihm England offen­bar nicht zugestehen will. Wenn der Sultan nachgiebt und die türkischen Truppen von Dulcigno zurückzieht, so läuft er Gefahr, durch einen Aufstand der Albanesen die ganze Küstenprovinz am adriatischen Meere zu verlieren; giebt er dagegen nicht nach, so darf man begierig sein, zu erfahren, wie weit England entschlossen ist, in seinen Zwangsmaßregeln zu gehen und wie die übrigen Mächte England zu folgen gedenken. Ob die neueste Note der Pforte (s. unten) eine Aenderung bringen wird, ist abzuwarten.

Fr sch eint tSzüch außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen Beilage „AluftrirteS SonntagSblatt" durch die Expedition («och'fche Buchoruckerei) bezogen 3i »art, durch di« Postämter d-S Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pf«, (erd. Bestellgebühr). - JnfertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf»

Sür in der Expedition ,u ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 35 Pf«, berechnet.

su Kassel . 1880 :r, ober: ten.

Die Enthüllung.

Novelle von A. Reichstadt.

(Fortsetzung.)

Vielleicht übte auch das einen geheimen Zauber auf sie aus, daß sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben Jemandem fügen mußte, denn nichts geringeres verlangte er von ihr. Despotisch war sein innerstes Wesen. Einen empfänglichen Sinn für -Schönheit bei ihr entdeckend, wollte er denselben ausbilden. Tönnies mußte ihm Bücher mitbringen, und so laß er ihr aus seinen Lieblingsdichtern alles vor, was er für geeignet hielt. Folgen mußte sie ihm, und wenn eö ihrem ungeschulten Geiste schwer wurde, manches zu verstehen, so ruhte er nicht, bis er das fehlende Verständ­nis in ihr geweckt hatte.

„Gebt Euch nur Mühe!" pflegte er tyrannisch zu sagen. „Ich kann das schläfrige in den Tag Hineinträumen der meisten Mädchen gar nicht leiden! Und Ihr könnt denken und genießen!"

Und ehe sie stch's versah, war sie wirklich die gehor­same Schülerin und strengte sich aufs eifrigste an, zu be­greifen, alles was er von ihr begriffen haben wollte.

Es war natürlich immer etwas höchst UeberraschendeS, was sie von ihm lernte. Ach, sie hatte nicht geahnt, daß es so viele merkwürdige Dinge und Verhältnisse auf dieser Welt gäbe, von denen man auf ihrer Insel gar nichts höre I

Besonders reizte ihre Wißbegier der Fürst, bei dem er diente. Gar zu gern wollte sie wissen, ob er ein guter oder böser, ein herablassender oder hochfahrender Herr sei und in was für einem Schloß er hause.

„Nicht beneidenswert ist sein LoS," pflegte ihr dann

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wohl Waldemar einsilbig zu antworten, so kurz, wie man einem Kinde unbequeme Fragen abschneidet.

Darüber grübelte sie oft.

Waö meinte er damit und warum bewölkte sich seine Stirn jedesmal so düster, wenn sie nach seinem Vorgesetzten forschte.

„Liebt Ihr ihn nicht?" erkundigte sie sich daher. „Ist er Euch unangenehm?"

„Nein. Ich bedauere ihn. Ich kann kaum den Ge­danken an ihn ertragen, seit ich hier so glücklich bin und so frei."

„Ist der Fürst unglücklich?"

Nach einigem Ueberlegen antwortete Waldemar:

„Ja. So unglücklich wie wenige. Denkt Euch, feine Familie will ihn zu einer Vermählung zwingen." —

„Mil einer Prinzessin?" fragte Nant lebhaft und ihrem Ausdruck sah man an, daß sie sich das Los recht angenehm denke, eine „Prinzessin" heiraten zu müssen.

„Ja gewiß; aber sie ist dem Fürsten ganz gleichgiltig. Er hat sie nie gesehen. Sie haben- den Vertrag wider seine Neigung abgeschloffen."

„Ist seine Braut lieb und schön?"

„Sie soll es sein."

„So gewinnt er sie vielleicht lieb, wenn er sie kennen lernt."

„Nein, ganz gewiß nicht."

„Hat er eine andere gern?"

»Fr-ilich."

„Der Arme!" rief sie milleidig. „Und liebt ihn das Mädchen auch?"

In große Verwirrung setzte ihn der harmlose kindliche Ton dieser Frage. Er wußte nicht, was er darauf ant-

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Zeitungskritik hinsichtlich des Projektes eines schaftlichen Senates und schreibt diesbezüglich: Nachdem der Staatsrat nicht mehr in Wirksamkeit ist,

Anzeigen nimmt entgegen die Expeditton d. Blatter sowie d. Annoncen-Bureaux von ®. L. Daube & To. in Frankfurt a. M; Jägerffche Buchhandlung daselbst; Hermannffche Buchhandl. ♦ daselbst; Jnvalidendank in

Berlin; W Thiene- in Elberfeld; 6. Schlotte in Bremen.

Anzeigen nimmt entgegen: die EÄedition d.Blatte», sowie d.Annoncen-Bureaux von Th, Dietrich & Co. in staffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a- M., Berlin, Leipzig, Cöln ic.; Rudolf Moffe in Berlin, Frank­furt a. M. rc.

Bestellungen auf das vierte Quartal der Merhessischen Zeitung mit deren Gratisbeilage JllustrirteS Sonntagsblatt werden noch fortwährend angenommen.

Die Landpostboten nehmen auf dem Lande Bestellungen entgegen.

Die Exped. d. Oberh. Zeitung.

Tagesbericht.

Die „Nordd. Allgem. Ztg." wendet sich gegen die

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gebunden, äheres in [2569 Ars lurstofft, äs zu bell Daune«, e Bette« [2232 isse 144.

Deutscher «eich.

** Berlin, 5. Oktober. Die „Vossische Zeitung" hofft, baß bie Sezession des linken Flügels der National- BMH ’"i

werten sollte. Sein Blick senkte sich durchdringend auf ihr Antlltz.

„Wie kann ich das wissen?" fragte er beinahe schnei­dend. „Ihr wißt selbst am besten, wie schwer ein Mädchen- Herz zu durchforschen ist. —Giebt es ein tieferes Rätsel?"

„Ich verstehe Euch nicht;" lachte ste und suchte ihm zu entschlüpfen. Als sie aber am Nachmittage ihn wieder, seiner Bitte gehorchend, aufs blaue Meer hinauSruderte und et ihr tief und tiefer in die Augen sah, indem er zum ersten Mal von seiner großen Liebe zu ihr sprach und wie er nur durch ste glücklich werden könne, da stahl sich etwa» von der Glut die ihn beherrschte, auch in ihr Herz und willig, wenn auch zitternd, ließ ste eS geschehen, daß er ihren Scheitel streichelte und sie an seine Stuft zog.

Sein innerstes Gefühl war so voll Glut, daß es wie ein fortreißender Feuerstrom wirkte, wenn es einmal her- vorbtach und mit dieser lodernden Gewalt seiner Leiden­schaft riß er ihre eben erwachende Seele an sich. Sie würde gar nicht im Stande sein, sich gegen seine fordernde Liebe zu wehten, denn in dem Ungestüm, mit dem er um ihren Besitz rang, lag ein Reiz, der sie zwang, sich wie ein gehorsames Kind an ihn zu schmiegen.

„Ich kann gar nicht anders, ich muß ihm alles an den Augen absehen", sagte sie zur Mutter, wenn diese sich wunderte, daß ihr sonst so eigenwilliges Töchterlein sich in ein so hingehendes verwandelte.

Nur Waldemar fand immer, daß sie noch zurückhalten­der gegen ihn sei, als er wünschte.

„Nani," fragte er sie einst, „warum flieht ihr vor mir, gerade wenn ich mir am meisten Mühe gegeben, Euer Zutrauen zu gewinnen?"

(Fottsetzmig folgt)