Nr. 338
JRdtßurg, Sonntag, 3. October 1880,
XV. Mw
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furt 6. M. rc.
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Die Expev. 1. Oberh. Zeitung.
Deutsches Reich.
Berlin, 1. Okt. Die „Nationalzeitung" veröffentlicht eine Zuschrift des Kommerzienrats Baare, worin derselbe seine Stellung zur Frage der Haftpflicht und Arbeiterversicherung darlegt und den Vorwurf, er beabsichtige bei seinem Vorgehen die Großindustrie auf Kosten der Commune zu entlasten, widerlegt, im weiteren für sich und seine Freunde versichert, sie seien gern erbötig, zur Verbesserung der Lage der Arbeiterweit soweit zu gehen, als die Grenzen der Erwerbsfähigkeit der deutschen Industrie nur irgendwie gestatten. — Die in der Presse kursierenden Nachrichten über die kurze Anwesenheit des Abg. v. Bennigsen werden von beteiligter Seite in einigen Punkten korrigiert. Die Konferenz des Herrn v. Bennigsen mit seinen Parteigenossen beschränkte sich auf eine Unterredung mit dem Abgeordneten v. Benda, während es sich nicht bestätigt, daß er mit dem Abgeordneten Dr. Lasker eine Zusammenkunft gehabt habe. Letzterer reist, wie bereits gemeldet, in den nächsten Tagen nach Italien. Wie er selbst witzig sagt, hat er nach ISjähriger parlamentarischer .Thätigkeit dreimal von den Wählern Urlaub erhalten (in Frankfurt a. M., Breslau, Magdeburg), so dürfe er sich jetzt einen solchen wohl einmal selber nehmen. Die Organisationsarbeiten der Secessionistcn wird Abg. Rickert nach seiner Rückkehr von Danzig leiten. Die geschäftliche Auseinandersetzung zwischen den Nationalliberalen und Liberalen über den Besitzstand von Preßorganen, Kassenverwaltung der Fraktion rc. findet während der Landtagssession statt. Ein ähnlicher Vorgang hat schon einmal im parlamentarischen Leben der jüngsten Vergangenheit ge« spielt und zwar im Jahre 1867, als die jetzige nationalliberale Partei aus der damaligen Fortschrittspartei austrat. Die letztere hatte nämlich in der Konfliktsperiode einen bedeutenden Fonds, teils zu Wahlzwcckcn, teils zu Unterstützungen gemaßregelter Beamten gesammelt. Bei der Secession wurde durch einen aus beiden Parteien gebildeten Ausschuß die Verteilung des Fonds und die übrige geschäftliche Auseinandersetzung bewerkstelligt. — Das den
Die Enthüllung.
Novelle von A. Reichstadt.
(Fortsetzung.)
Neugierig betrachtete das junge Mädchen darum nur ihn allein., Seine frühere, selbstbewußte Haltung schien ihr ganz mit seinem lästigen Benehmen übereinzustimmen.
Fast vergaß sie, die Wäsche aufzuhängen, um deret- willen sie vor die Thür getreten. Erst als der Fremde sich ihr näherte, beugte sie sich eifrig über dieselbe.
„Ist dies das Wirtshaus?" fragte Waldemar kurz und so ohmhin, daß er das Mädchen dabei nicht einmal ansah.
„So kann man etwas Genießbares haben?" „Gewiß!"
„Gut! Dann bringen Sie uns ein Gericht gebackener Seefische und einen Trunk frischen Bieres. Aber augenblicklich!"
Sein Ton klang so anspruchsvoll, gebieterisch, als ob er nur zu befehlen gewohnt wäre und die Menschen wie seine gehorsamen Werkzeuge zu behandeln.
Gegen dies Wesen lehnte sich Nannis unabhängiger Sinn auf, war sie doch solche Sprache auf ihrer freien jjnfel nicht gewohnt. Trotzig kräuselte sie ihre Lippe und indem sie trotzig das blitzende Auge zu ihm aufschlug, antwortete sie zwar schüchtern aber mit zwei schelmischen Grübchen in den Wagen:
„Also wirklich augdnblicklich? Nun so will ich hinein- gehcn und fragen, ob der Vater diesen Morgen schon ein Gericht gebackener Fische gefangen hat. Auf dem Meere draußen war er."
Kaum traf diese Stimme, die zwischen Sprödigkeit und
Apothekenbesitzern in Preußen erteilte Privilegium der Bereitung und des Feilhaltens von Arzneien (Medikamenten) erstreckt sich nach einem in Uebereinstimmung mit dem Oberlandesgericht zu Posen ergangenen Erkenntnisse des Reichsgerichts II. Hülfssenatö, vom 12. Juti d. I., nur auf Medikamente für kranke Menschen, nicht aber auf die für kranke Tiere. Es begehen daher andere Personen durch die Bereitung und den Verkauf von Medikamenten für Tiere keinen Eingriff in das Apothekerprivileg. — In Bezug auf die Reform des Strafgesetzbuches wird folgendes berichtet: Die Gerüchte über Aenderung des Strafgesetzbuches sind keineswegs nur als ein Niederschlag der abfälligen Urteile zu betrachten, welche der Reichskanzler und die officiöse Presse wiederholt über die allzu große Milde der neueren Strafgesetzgebung gefällt haben, es liegen vielmehr positive Anhaltspunkte für dasselbe vor. Schon als vor einigen Jahren der Gedanke, eine Novelle zum Strafgesetzbuche vorzulegen, zuerst in Anregung gebracht wurde, von mehreren Bundesregierungen der Wunsch nach einer allgemeinen Revision des Strafgesetzbuches ausgesprochen worden. Erst nach längeren Beratungen einigte man sich schließlich dahin, zunächst eine Abänderung des Strafgesetzbuches nur auf wenige Paragraphen zu beschränken und spater eine allgemeine Revision desselben in Angriff zu nehmen. Den Zeitpunkt für diese allgemeine Revision erachten nun aber mehrere Bundesregierungen, die preußische Regierung obenan, für gekommen, da die amtliche Statistik eine sehr bedeutende Zunahme der Verbrechen in den letzten fünf Jahren — man spricht von ungefähr 40 Prozent — ergeben haben soll. In hiesigen Regierungskreisen herrscht die Ansicht vor, daß das Strafgesetzbuch und die Methode der Strafvollstreckung sich als unfähig erwiesen haben, dem Anwachsen des Verbrechertums Einhalt zu thun, daß das Strafgesetzbuch dem friedlichen Bürger, sowie dem Wächter des Gesetzes und bett allgemeinen staatlichen Interessen nicht hinreichenden Schutz gewähren, daß aber die der Regierung obliegende Vorsorg- für daö öffentliche Wohl nicht erst dann wirksam werden dürfe, wenn der Zustand der äußeren Gefahr und Notwehr bereits einae- treten sei. ö
Kiel, 29. Septbr. Unserem Berichte über die Rückkehr des Prinzen Heinrich tragen wir noch folgendes nach: Es war ein erhabener, überaus fesselnver Anblick, bett mächtigen „Prinz Abalbert" so ruhig, wie von einer unsichtbaren, sanften Gewalt getrieben, hingleiten zu sehen. Die prinzliche Stanbarte wehte vom Großtopp, ebenso ber lange, bis auf bett Wasserspiegel reichende weiße Heimatswimpel. Als die Korvette sich vor der Boje 8 gelegt, die Kapellen der „Hohenzollern" und ihre eigene zu spielen aufgehört hatten, paradierte die prinzliche Korvette gleich den anderen im Hafen vertäuten Schiffen mit Flaggen über den Top- Pen. Gleich darauf senkte sich üuf der „Hohenzollern" die
Weichheit schwankte, den Unhöflichen, als er den Schritt hemmte. Erst jetzt fiel sein Blick auf das schmollende Antlitz, welches sich ihm so gerne hinter den flatternden Strümpfen und Tüchlein der Bleiche entzogen hätte.
Obwohl die Sonne jeden Augenblick hinter Wolken getreten war, hielt er die Hand unwillkürlich vor die Augen — die liebliche Erscheinung, auf die er so gar nicht vorbereitet gewesen, hatte ihn geblendet. Mit Entzücken verschlang er ihre Gestalt. Dunkle Glut stieg ihr in die Wangen.
So hatte ste noch Niemand angeschaut. Wiewohl sie zitterte, konnte ste dem Blick nicht ausweichen; es war etwas in seinem Wesen, das sie wie ein Rätsel anzog Aber sie fürchtete sich vor diesem Auge, da« sie so rücksichtslos betrachtete, darum riß sie sich beinahe zornig los und ehe er sich noch recht besonnen, ob auch das, was er gesehen, kein Traumbild sei, war sie schon, den leeren Korb rasch über den Arm nehmend und ihre schweren Flechten in bett Nacken zurückwcrfenb, hinter bem schwerfälligen Ein- gangsthor des länblichen Hauses verschwunbcn.
„DaS ist schön!" brach eS wie ein Jubelsturm aus seiner Brust. „Aber warhaftig, kein Reh kann scheuer sein —"
„Unb keine Fürstin stolzer!" ergänzte sein Begleiter mit einem häßlichen Lächeln.
In Sinnen verloren, schlenderte Waldemar ohne seine Bemerkung zu hören, auf das Haus zu, langsam zögernd.
Keine menschliche Seele zeigte sich dort, darum wandte er sich ehe sie bas Vorgärtchen betraten, an den Gefährten:
„Hören Sie, Tönnies. Sie könnten mir einen großen Gefallen erweisen."
„Der wäre?"
kronprinzliche Standarte: — der Kronprinz mit seinem Gefolge hatte sich in das Kaiserboot begeben, während der Chef der Admiralität, Admiral v. Stosch, mit seinem Boote folgte. Se. königliche Hoheit Prinz Heinrich stand auf der Kommandobrücke und erwartete daö Anlegen der Boote von „Hohenzollern"; er trug die Lieutenants-Uniform und das Ordensband des Schwarzen AdlerordenS. Mit kraftvoll geführten Ruderschlägen hielten das Kaiserboot mit dem roten Baldachin und das blaue Chefboot mit der goldenen Krone im Buge auf die Steuerbordseite der Korvette zu. Der Hafen bot einen imposanten und schönen Anblick. Eine Flotte von kleinen Dampfbooten und Segelbooten umlagerte die nur in einer kurzen Distanz von einander liegenden Schiffe „Prinz Adalbert" und „Hohenzollern." Beide hatten zu dem heutigen Tage ein neues glanzvolles Aeußere erhalten, und der reiche Flaggenschmuck, die achter und vorn tief herabhängenden, mit dem Wasser spielenden Flaggen trugen ungemein viel zur Hebung des abwechselnden schönen Kolorits des Hafenbildes bei. Auf „Prinz Adalbert" wurde das Kommando zur Divistonsmusterung gegeben. Die Mannschaften traten zu beiden Seiten des Deckeö in Divistonen an. Die 32 Seekadetten waren ihnen korporalschaftsweise zugeteilt. Prinz Heinrich begab sich, begleitet vom Kommandanten, Kapitän zur See, Mac-Lean, vom ersten Offizier und dem Navigationsoffizier, von der Kommandobrücke hinunter und begrüßte Se. kaiserliche Hoheit den Kronprinzen, bei dem sich Prinz Wilhelm, sein Gefolge und der Chef der Admiralität befanden. Vom Großtopp senkte sich die prinzliche Standarte und die trott» prinzliche ging auf. Admiral v. Stosch begrüßte nun im Namen ber Marine Se. königliche Hoheit den Prinzen Heinrich mit folgender Ansprache: „Ew. königliche Hoheit kehren heim von einer zweijährigen Reise, auf welcher Sie die ganze Erde umsegelt und eine neue Welt gesehen und Huldigungen aller Art empfangen haben. In allen Hälen hat man einen Festtag aus Ihrer Ankunft gemacht, man hat Ihnen gehuldigt als dem Repräsentanten des neu entstandenen Deutschen Reichs, die Fremden in Anerkennung der Macht, die sich plötzlich so gewaltig in Europa geltend gemacht hat, die Deutschen in der reinsten Freude an dem auch ihnen gewordenen mächtigen Vaterlande. Aber Ew. königliche Hoheit haben auf dieser Reise nicht nur gesehen und sich huldigen lassen, sondein, und das ist unser Stolz und daö ist der Grund, weßhalb auch wir Festtag gemacht
i1 £v“b gemailt! geworden durch treue Arbeit und Pflichterfüllung. Sie sind nicht nur im Lebensalter, sondern auch in Ihrem Berufe majoren geworden. Die deutsche Manne zählt Sie für die Zukunft unbedingt zu den ihrigen und hat aus der Art und Weise, mit der Sie sich den Aufgaben Ihres Berufes hing-geben haben, die Ueberzeugung gewonnen, daß Sie, dem Beispiele Ihrer Väter folgend, in treuer Pflichterfüllung dem ganzen Offi»
Mir zu versprechen, Niemanden hier, und unter keinen Umstanden, zu verraten, wer ich bin."
„Niemandem? Selbst dem schönen Mädchen nicht?" „Nein, Niemandem und ihr am wenigsten."
„Glauben Sie, daß sie fürchten würde, wenn sie ahnte--" '
. "Das nicht. Ihr Auge ist rein und unbefangen wie das eines KmdeS. Aber — ich muß so viele bittere Er- fahrungen machen taffen Sie mir einmal die Gelegenheit, zu erfahren, ob man mir noch einmal gut fein kann, mir um meines armen Selbst willen."
„Unb welche Rolle denken Sie zu spielen?"
Die, welche mir das Schicksal zuwirft. In der Kunst, mich für einen anderen zu geben, als ich bin, habe ich ja Uebung genug gehabt."
an meiner Hilfe soll es gewiß nicht fehlen. Aber A brtte Sic, Waldemar, auf Ihrer Hut zu fein. Wenn ®&er„ in etn romantisches Abenteuer verstricken, welches gefährlich werden könnte — gerade jetzt, da Ihr Vater so ehrgeizige Pläne für Sie im Sinne trägt —" „So mögen die Folgen auf mein Haupt zurückfallen. Welchen Rat haben Sie mir erst vor einigen Minuten erteilt? Nun gut, ich will ihn nutzen, eher als Sie es dachten und wenigstens in diesem Fall meiner eigenen Lust und Laune den Zugel schießen lassen."
Damit ließ er das Gespräch fallen, und bald zeigte sich eine rundliche Wirtin, welche ihnen ein einfaches Mittags- maljl versprach. Ihr schlichter, gemütlicher Eheherr gesellte sich ebenfalls zu ihnen, während sie eS sich in der offenen Rohrhutte neben dem frisch geweißten Bauernhause bequem machten.
(Fortsetzung folgt.)