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Nr. 232.

Marburg, Sonnabend, 2. October 1880.

xv. Mrgaeg

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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte» sowie d.Annoncen-Bureauk von ®. L- Daube & 6o. in Aankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselost: Hermamr'sche Luchhanbl. daselbst; Jnvalidendanl in Berlin; B- Thiene» in Alberfeld; 6. Schlotte in Bremen-

Anzeigen nimmt emgegen: die Expedition d.vlatte», sowie d-Annoncen-Burem von LH, Dietrich & Co. i staffel und Hannover; LI Dietrich in Frankfurt a.'JJt. Haasenstein L Bögler i Frankfurt a M., Berlii Leipzig, 46to tu; Rudo

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Die Exped. Oberh. Zeitung.

Deutsches Reich.

Berlin, 30. Sept. Am Königlichen Hofe wird heute der Geburtstag Ihrer Majestät der Kaiserin-Königin feier­lich begangen. Die Kaiserlichen Majestäten empfingen in Baden-Baden zur Feier deö Tages die Glückwünsche der daselbst anwesenden Mitglieder der Königlichen Familie undj Fürstlichkeiten u. s. w. Die Majestäten, allerhöchst- welche den Tag alljährlich auf dem Lande zuzubringen pflegen, gedachten viesesmal einen Ausflug nach Bad Suggenthal bei Waldkirch zu unternehmen und abends nach Baden-Baden zurückzukchren. In Berlin und Potsdam wurde der Geburtstag Ihrer Majestät der Kaiserin in gewohnter Weise gefeiert. Die Königlichen und die Prinzlichen Palais, die Kasernen und die öffent­lichen Gebäude und viele Privathäuser hatten geflaggt. Die Wachen und Posten zogen im Parade-Anzuge mit Haarbusch auf. In den Hospitälern und Waisenhäusern fand eine festliche Bewirtung der Hospitaliten und der Waisenkinder statt. DieEssener Zeitung" meldet, daß in den nächsten Tagen die Verlobung des verwittweten Großherzogs von Hessen-Darmstadt mit der verwittweten Prinzessin Heinrich der Niederlande, der ältesten jetzt fünf­undzwanzigjährigen Tochter des Prinzen Friedrich Karl stattftnden werde. Der Großherzog und die Prinzessin sollen, wie eS heißt, demnächst in einem schön gelegenen Schlosse des Rheinthales eine Zusammenkunft haben und angeblich soll die Verlobung dort erfolgen. Gelegentlich der letzten großen Manöver des dritten und Gardecorps, war der Großherzog der damals hier weilenden Prinzessin wieder begegnet, und schon damals tauchte bas Gerücht als ein solches geben wir die Mitteilung und mit allem Vorbehalt in hiesigen Hofkreisen auf. Während der zu Ehren des Kronprinzen Rudolf im Opernhause stattgefundenert Galavorstellung konnte man die beiden hohen Persönlichkeiten zu wiederholten Malen in eifriger Unterhaltung begriffen sehen. Außer an die StaatSmi- nister, ist auch an eine Anzahl hervorragender Männer aus der militärischen Welt und aus den Kreisen der

Wissenschaft und Kunst die Kaiserliche Einladung zu dem Kölner Dombaufeste ergangen. Freiherr M. M. v. Weber ist von seiner im Auftrage der Regierung unter­nommenen Studienreise aus Nordamerika nach Berlin zurückgekehrt und hat ein reiches Material über den Gegen­stand derselben, Sekundärbahnen und Kanalwesen der Ver­einigten Staaten mitgebracht. Am Dienstag Nach­mittag hat die Trauung zweier Töchter deö Oberbürger­meisters v. Forckenbeck in der Garnisonkirche stattgesunden. Die ältere Tochter ward mit dem Hauptmann v. Gablenz, Adjutanten bei der 9. Infanterie-Brigade, die jüngere mit dem Lieutenant Bote im 22. Artillerie-Regiment verbunden. Die Landtagseröffnung erfolgt höchst wahrscheinlich zwischen dem 26. und 28. Oktober. Früher können die Kammern nicht zusammenberufen werden, da das nötige gesetzgeberische Material nicht eher fertig gestellt sein wird.

Kiel, 29. Septbr. Ueber die Heimkehr des Prinzen Heinrich berichtet derRh. C.": Am 5. April 1880 nahm die gedeckte PanzerkorvctteAoalbert" aus den ostasiatischen Gewässern ihren Kurs heimatwärts. Sie führte an Bord Se. Königliche Hoheit den Prinzen Heinrich, welcher mit dem Range eines Seeoffiziers im Dienste der deutschen Flotte eine Uebungsfahrt von fast 2 Jahren gemacht hatte. Für den 29. d. M. war das Eintreffen auf der Rhede von Kiel avisiert. Ihre Kaiserlichen Hoheiten der Kron­prinz und die Kronprinzessin, sowie Se. Königliche Hoheit Prinz Wilhelm mit kleinem Gefolge kamen mit den Mor­genzuge 9 Uhr 10 Minuten auf dem Bahnhofe in Kiel an. Es war jeder größere Empfang verbeten. Auf dem Perron meldete sich der oberste Chef des Ressorts: der Chef der Admiralität, Staatsminister, General der Infan­terie v. Stosch, in Galauniform. Ohne längeren Aufent­halt bestiegen die hohen Reisenden den bereit stehenden Wagen und fuhren nach der Jensenbrücke. Auf dem Wege schauten ihnen überall aus dichten Menschengruppen aus Straßen und Plätzen freudig bewegte Mienen entgegen, laute Zurufe, in denen Morgengruß und Glückwunsch sich vereinigten. An der mit Masten und Kränzen geschmückten Jensenbrücke lag das Kaiserliche Boot, blau, mit rotem Baldachin mit überhäugenden Teppichen geschmückt und mit der Kronprinzlichen Flagge beflaggt. war bestimmt, die Herrschaften eine Strecke weit in das Hafenwasser zu führen bis an die tcppichbelegte Brücke, welche zum Bord der Kaiserlichen YachtHohenzollern" empor führte. Daö Schiff lag ungefähr in der Mitte des Hafens zwischen Kiel und Ellerbeck. In gleicher Linie weiterhin waren aufge­fahren daö WachtschiffArcona", eine gedeckte Korvette und dann die UebungsschiffeRover",Mosquito" und das PanzerschiffPreußen", das größte der gegenwärtig im Hafen liegenden Fahrzeuge unserer Kriegsmarine. Sämtliche Schiffe hatten über allen Toppen geflaggt;

Die Enthüllung.

Novelle von A. Reichstädt.

(Fortsetzung.)

Krystallartig, nur von leisen Ringen überwoben, glänzte die kühle, in allen Farben spielende Flut. Sie hatte etwas verlockendes, weil kecke Sonnenstrahlen heute alle die ge­heimnisvollen Reize beleuchteten, welche sie bei jedem an­deren Wetter dem Auge entziehen, und daö wirkte zuletzt magisch auf den jungen Träumer, der so selbstvergessen in sie hinabstarrte.

Sein Gesicht war eigentümlich; die Formen edel ge­schnitten und noch jugendlich kräftig. Der sinnliche und zugleich tief schwermütige Mund schien zu verraten, daß er den Schaum vom Leben schon reichlich genug gekostet, um zu erfahren, daß im leidenschaftlichen Taumel allein kein Genuß zu finden, während in den Augen ein unstäteS Feuer glühte, wie entzündet von dem unbefriedigten Be­gehren nach versagten, vielleicht besseren Freuden.

Bis heute habe ich nicht geahnt, wie schön das Meer sein kann," rief er hingeriffen.Und doch kenne ich es seit Jahren."

Warum läßt eS uns so selten in seine reiche Tiefe blicken? Es ist eben so grausam wie das Leben, das auch manchem seine besten Perlen vorenthält."

Zum Beispiel Ihnen?" fragte mit einen Anfluge ironischer Schmeichelei sein Gefährte scherzend.

Ja. Warum nicht mir? Ist mir nicht von allem das Beste stets unerreichbar? Was bietet mir denn das Leben? Keine einzige Stunde, welche es wert wäre, sie mit diesem erbärmlichen, inhaltslosen Dasein zu bezahlen und wahrlich, wie gerne wollte ich schon in jungen Jahren

sterben, wenn ich damit nur die Wonne erkaufen könnte, ein einziges Mal das höchste Glück der Erde kennen gelernt zu haben!"

So übermütig warf er das leichtsinnige Wort hin, daß sein Gefährte in ein lustiges Lachen ausbrach.

Das ist doch nicht Ihr Ernst, Waldemar?"

«Mein voller Ernst. Kein Tod kann grausamer sein, als mein gegenwärtiger Zustand. Ich bin so elend, daß ich nicht noch elender werden kannl"

So bitter schleuderte er das Wort heraus, daß es sich dem anderen unvergeßlich einprägte.

Verzeihung, aber warum sind Sie so elend? Sie werden mir doch Recht geben, wenn ich finde, daß niemand weniger Ursache haben dürfte, es zu sein, als gerade Sie."

Oder auch mehr! Glauben Sie, daß mich die Fesseln, welche ich schleppe, weniger drücken, weil cs goldene sind? Unerträglich ist mir das Schicksal, in daö ich mich finden

Freilich Sie können nicht Alles was Sie wollen aber doch Vieles. Mehr als jeder andere. Ich würde meine Stellung gewiß nicht so ernst auffassen, sondern sie mir mehr erleichtern und verschönern--"

Wie meinen Sie das, Tönnies?"

Ein leises diplomatisches Lächeln glitt unmerklich über das glatte Gesicht des Schmeichlers.

Nun," fuhr er artig fort,ich sehe gar nicht ein, warum Sie sich Ihren Verhältnissen unterordnen wollen, gestalten Sie sich doch dieselben nach Ihrem Sinn! Sobald Sie das thun, sind Sie frei wie keiner. Wem wird es im Grunde leichter verziehen, wenn er sich über jede Schranke hinwegsctzt, als gerade Ihnen? Ein bischen Rücksicht auf die Welt, des guten Scheines wegen, Vermeidung

Flaggen wehten von dem alten festen Hause der Herzöge von Holstein, vom Schlosse in Kiel, dem künftigen Wohn­sitze des Prinzen Heinrich, von allen am Hafen befindlichen Gebäuden, drüben von der Kaiserlichen Werft in Ellerbeck, von allen kleinen Dampfern und Booten, die sich auf der blanken Flut um die in vornehmer Ruhe daliegenden Schiffe tummelten. Während die kaiserliche Barke, unter den fast in musikalischem Takte geführten Ruderschlägen der Mannschaft im Pacade-Anzuge, ihrem Ziele sich näherte, donnerte von allen Schiffen das Salut, auf den Raaen standen die Schiffsmannschaften in dem weithin leuchtenden weißen Paradeanzuge. Es wurde einmal der Kaisersalut gegeben, 31 Schüsse und dann siebenmal der Prinzensalut, jedesmal 21 Schüsse. Der Kommandant desHohen­zollern", Kapitän v. Nostiz, war den Herrschaften im Boote entgegengefahren und empfing sie dann am Bord der Kaiserlichen Yacht.Hohenzollern" ist ein aus Eisen ge­bauter Avisodampfer, der im Kriegsfälle für Kriegszwecke benutzt wird, im Frieden als Kaiserliche Yacht. DieGrille", welche früher diese Bestimmung hatte, hat sich nicht mehr als seetüchtig erwiesen und darum rüstete man dieses von der norddeutschen Schiffsbaugesellschaft erbaute Fahrzeug zu diesem Zwecke aus. Der Kaiserliche Oberingenieur Zar- nack übernahm die Ausführung dieser Aufgabe, unterstützt von dem Ingenieur Moldenschott, der Zeichnungen und Pläne entwarf. Die Tragfähigkeit des Schiffes beträgt 1700 Tonö. Die von Engels in Berlin erbaute Maschine hat eine Stärke von 3000 Pferdekraft, eine Maschine mit oscillierendem Cylinder. Das Schiff ist mit 2 hellgelben Schornsteinen und 2 Masten ausgestattet und gleicht in seiner äußeren Erscheinung der Yacht der Königin Viktoria, demOsborne". Entsprechend seiner Bestimmung legte es sich in stolzer Pracht in seinem Elemente aus, in seiner weiß und goldenen äußeren Hülle leuchtete es weithin über die Flut. Am Stern hebt sich aus einer vergoldeten Sonne der quadrierte Hohenzollernschild, umgeben von der Kette des schwarzen Adlerordens, darüber der schwarze Adler und die Kaiserkrone, am Bug der fliegende goldene Adler über dem kleineren Hohenzollernschilde, an den beiden Radkästen die Kaiserkrone mit vergoldeten Arabesken. Auf dem Hin­terdecke erhebt sich das Pavillondeck, daö nach außen hin die Pracht und Lage der Kaiserlichen Gemächer andeutet, die sich bis weit in den Kajütenraum erstrecken. Alles, was die moderne nautische Technik erfunden hat, alle Er­rungenschaften der Mechanik, alle Pracht und Eleganz haben sich in vaterländisch-deutschen Kräften zur Herstellung dteses schwimmenden Palastes vereinigt. Vier Jahre waren notwendig, um ihn herzustellen. Zum erstenmale wurde er verwandt bei der Inspektionsreise des Kronprinzen im Sommer, dieses sollte die zweite Fahrt sein, die er stiner Bestimmung entsprechend machte. Sowie die hohen Herr­schaften an Bord angelangt waren, entfaltete sich am Groß- öffentlichen Anstoßes, das ist eigentlich Alles, was man von Ihnen fordert I"

Ein ungewisser, forschender Blick aus Waldemars dunklem Auge streifte hastig, fast betroffen, Tönnies ruhig harmloses Gesicht, dem man wenig anmerkte, wie listig er jedes einzelne Wort im Stillen wog und wie er auch die weiche biegsame Stimme so geschickt zu berechnen wußte, daß sie auf das unbefangene Gemüt des andern wirkte.

So fehlt es mir, Ihrer Meinung nach, an dem Mut, die Vorzüge meiner Stellung zu benutzen?" fragte Waldemar erregt.

An Mut würde es Ihnen nie fehlen. Und nirgends I Aber sind Sie vielleicht nicht zu wenig selbstsüchtig, um diesen Mut in Handlungen zu verwandeln?"

Zeigen Sie mir nur die Blume, die wert ist, und ich werde selbstsüchtig genug sein, sie mir sogar vom Ab- gründe zu rauben I"

Tönnies lächelte ungläubig, warf aber heimlich einen zufriedenen Blick auf den Gefährten. Es war ihm gelungen, das Blut desselben in Wallung zu bringen; seine Worte übten also doch eine gewisse Macht aus. Um seine Lippen spielte ein verstohlener Triumph.

Nach einigen Ruderschlägen war der Strane erreicht.

. Nicht weit von ihrer Wohnung am Fuße einer hellen Düne stand Nanni und sah die beibett jungen Leute landen.

Waldmar, der vorher kein Ruder angerührt, überließ cs auch jetzt sorglos seinem Begleiter, das Fahrzeug an den Strand zu ziehen, und schaute der Mühe statt zu hel­fen, mit verschränkten Armen zu.

(Fortsetzung folgt.)