Rr. 280.
Marburg, Donnerstag, 30. September 1880.
xv. )lchrga»l
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Bremen
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Die Einführung der Arbeitsthätigkeit in den Schulen und die Clausou-Kaas'scheu Bestrebungen.
II.
„In diese pädagogische Lücke hinein," fährt der „Staats- Sozialist" fort, „tritt Clauson-Kaas mit seinen Arbeits- Schulen. Er ist der Mann der Praxis, sein Philosoph Fröbel. Sein System gründet sich auf den im Kinde so früh hervortretenden Schaffenstrieb.
Der Kindergarten Fröbels erweitert sich allmählig zu einer respektablen Werkstatt. „Es sind alle gebotenen Gaben und Beschäftigungen in den aufsteigenden Klassen mit erhöhter Einsicht und mit der immer ausgedehnteren Absicht vorzunehmen, das Geleistete für Produktion von Handwerks- uud Kunsterzeugnissen zu Grunde zu legen und zu benutzen." . . . DaS gefundene Leichtere foll selbstver- ständlich zu Schwererem führen. Die gelegten Stäbchen sollen dem Zeichnen vorarbeiten, das Zeichnen dem Pappen und Laubsägen, das Verschränken dem Flechten, dasPapier- streifenflechten dem Strohflechten, das grobe Strohflechten den seinen Verknüpfungen in Stroh, das Abschnciden in Thon dem Sägen in Holz. Daß und wie diese Arbeiten sämmtlich auch in den Dienst des Unterrichts zu stellen sind, wird die Erfahrung immer mehr zeigen und beweisen. Das Schneiden von Formen aus Papier und Pappe, das Bilden mathematischer Körper und die gebildeten Formen und Körper selbst wieder dienen der Formen- und Raumlehre, das Schneiden von Stäbchen und das Sägen von Klötzchen und die Produkte selbst dem Rechnen, das Legen und Abzeichnen der Stäbchen dem Schreib- und Leseunterricht, das Bauen, Zeichnen, Modellieren von Lebensformen
US* Anfang Oktober kommt im Feuilleton die Original-Novelle: „Die Enthüllung" von A. Reichstadt, zum Abdruck.
Et« Scherz aus der Rococozeit.
Frau von Gcnlis erzählt in ihrem unterhaltenden Buch „Souvenir de Felicie“ folgende amüsante Anekoote:
„Als in schöneren Zeiten die Herzogin von Orleans noch das Palais Royal bewohnte, kannte sie unter anderen Besuchern, welche täglich bei ihr ein- und ausgingen, einen gewissen Monsieur d'Etrvhan, einen Menschen, wie man deren oftmals in großen Häusern trifft, die da kommen und gehen, sich zur Tafel setzen oder wcgbleiben, Partieen arrangieren, beim Spieltisch aushelfen, ein Gewohnheitsrecht erlangt haben über Alles mitzusprechen, und an deren Gesichter Herr und Frau vom Hause so gewöhnt sind, daß sie dieselben, wenn sie zufällig einmal nicht da sind, leicht vermissen, nämlich die Gesichter, denn um das Uebrige bekümmern sie sich wenig. Monsieur d'Etrehan also gehörte, wie gesagt, zu dieser Menschengattung. Er war ein langer, hagerer, schwarzbrauner Mann von fünfzig Jahren und trug nach damaliger Mode stets ein sehr zierlich gekräuselte und weißgepuderte Perrücke. Man nannte ihn nur „den Vater" (le pere), obgleich er ein Hagestolz war, der niemals eine Frau gehabt hatte. — Einst setzte er sich gleich nach der Mittagstafel vor den Kamin und schlief richtig ein. So lange noch Gesellschaft da war, bemerkte man das nicht, denn er hatte vorhin beim Gespräch kein Wort mitgesprochen und saß nur da, um den Anfang der Oper abzuwarten, welche er niemals versäumte. Als nun aber die Gesellschaft sich entfernt hatte und nur noch Frau von
dem sogen. Anschauungsunterrichte, Reliefe bilden in Thon und Wachs der physischen Erdkunde, Ausschneiden von Schönheits- und Lebensformen der Botanik (regelmäßige und unregelmäßige Blüthe-, Pflanzen-, Blatt-, Fruchtformen), dieselben Gegenstände wieder dem Modellieren; das Fertigarbeiten von wirklich brauchbaren Gegenständen dient der Stoff- und Waarenkunde, der Naturkunde rc.
Die Gartenarbeit überhaupt erläutert Boden-, Pflanzen- und Tierkunde, Naturlehre, Chemie, Mineralogie rc.
Ebenso wichtig wie für die intellektuelle, ästhetische und moralische Bildung ist die Handarbeit für die physische. Nicht nur die Hand, auch der ganze Körper muß geschickt und gewandt gemacht werden. Daß bei uns ein Gelehrter nicht einmal einen Nagel einschlagen kann, sehen wir beinahe schon als Merkmal der Gelehrsamkeit an. Warum aber poltern wir, wenn unsere Kinder zu Hause alles so „ungeschickt" anfassen und in den einfachsten Handgriffen sich so „ungelenk" zeigen.
Nach dem Körper zu urteilen, muß die Genialität unserer Generation erstaunlich groß sein. „Die meisten Mädchen können nicht einmal gehen; manche sind schief, ohne daß die Eltern je davon Notiz genommen haben. Im Zeichnen können die meisten auch in den oberen Klassen, wenn die Kinder nicht schon in den unteren geübt worden sind, keine correkt gerade, geschweige eine Wellenlinie gestalten.
Da sie diese einfachen Operationen bisher nicht mit aus der Volksschule nahmen, so ist nicht zu verwundern, daß unsere Handwerker — namentlich in kleinen Städten — zum großen Teil erbärmliche Stümper sind, daß das Kunsthandwerk bei uns fast ausgestorben war und daß überhaupt das Leben und unsere Umgebung sehr der erfrischenden, erquickenden Erscheinungen des Schönen ermangelt."
Die Schule soll dem Leben dienen! Das Schulwissen an sich schafft aber noch keine Werte, es gibt nur die Theorie des Lebens; die praktische Befähigung liegt in den Arbeitsschulen. Nur die organische Verbindung derselben mit der Lernschule läßt die Bildung als arbeitendes Capital in die Augen springen.
Während man heutzutage für körperliche Arbeit sich für „zu gebildet", für „zu gut" erachtet und „aus Bildung" in Verbindung mit wirklichem Capitalbcsitz die bekannten römischen Klassengegensätze von „Freien und Sklaven" zu etablieren versucht, stellen die Arbeitsschulen die Arbeit selbst als Bildungsfaktor hin, verwandeln das angebliche Sklavenzeichen in ein Adelsdiplom.
Jener Schulstreit wird durch sie auf seine natürliche Basis zurückgestellt. Der Mensch ist nicht Objekt des Schulwissens, sondern gelangt im Ausgleich zwiUcn Theorie und Praxis zum Recht seiner individuellen harmonischen Entwickelung.
B. bei der Herzogin geblieben war, erblickte diese den Schlummernden und brach über den komischen Anblick in ein lautes Gelächter aus. Er erwachte nicht — und nun wurde sogleich beschlossen, ihm einen kleinen Streich zu spielen. Man setzte ihm also eine kleine Haube nach der neuesten Mode auf, ä, papillon, das will sagen mit Schmetterlingsflügeln von feinstem Drahtgeflecht und mit Gazeüberzug; man steckte ihm eine künstliche Rose, die dem Dinge ein kokettes Ansehen gab, an die eine Seite, und alles dieses wurde leise und behutsam an seiner Perrücke befestigt. Dann schminkte man ihn sanft und beklebte ihm das Gesicht mit einem halben Dutzend Schönheitspflästerchen, damals assassins genannt. Während man fo feine Toilette machte, schnarchte der Unglückliche immer fort. Jetzt war der Mutwille vollbracht. Den Lakaien in den Vorzimmern wurde Befehl erteilt, daß sie weder Lachen noch Zeichen der Verwunderung blicken lassen sollten, wenn Monsieur d'Etrehan du^chpassiere. Nach diesen Vorbereitungen ward er jählings aufgeweckt. „Geschwind!" schrie man ihm zu, „die Oper beginnt schon! eilen Sie! eilen Sie!" Er fuhr ganz verstört auf, eilte hinaus und rannte, was er konnte, durch die Corridore, um noch rechtzeitig anzukommen. DaS Theater befand sich damals im gleichen Gebäude, so daß er nicht über die Straße gehen mußte. Seine Loge war im ersten Range ganz dicht an der Bühne und den Blicken des Publikums sehr ausgesetzt. Als er eingetreten war, unterließ er eö nicht, sich nach seiner Gewohnheit über die Logenbrüstung zu neigen, um zu sehen, ob das Haus voll sei. Beim Anblick dieser seltsamen Figur erhob sich sogleich ein ganz tolles Gelächter im Parterre. Der „Vater" legte sich, um die Ursache desselben zu entdecken mit dem halben Oberkörper noch weiter heraus und sah sich befremdet und
Der Mittelpunkt der Bildung liegt weder in den wolkenlosen Aether deS Olymp, noch in dem eisernen Ge triebe der Naturgesetze, er liegt in der sittlichen Auffasiun« der Arbeit.
Je weitere concentrische Kreise die Bildung um diese: einen Mittelpunkt zieht, desto wertvoller wird sie al Culturfaktor sein und ClasstcismuS in naturgemäßer Weis abgrenzen.
Zur Verhütung von Mißständen sei nur noch bemerkt daß, wo sie existiert, die Arbeitsschule neben derLernschul hergeht und gleichsam als Erfrischung deS Körpers au geeignete Stunden deS Nachmittags verlegt ist. Daß fld daraus eine heilsame Reform der häuslichen Arbeiten voi selbst ergeben wird, leuchtet gewiß ein.
Wie bekannt, hatte der preußische Cultusminister Herri Clauson-Kaas nach Oberschlesten berufen, um durch Ein führung der Arbeitsthätigkeit in den Schulen den dortige, wirtschaftlichen Verhältnissen einen Stützpunkt namentlid zur Beförderung der Hausindustrie zu geben.
Auch in der Provinz Hannover ist die Begründunj von „Hausfleißveretnen" und „Arbeitsschulen" nach Clauson Kaas'icher Methode bereits ebenfalls thatsächlich in die Hanl genommen.
Seit dem 6. September d. I. findet in der Stad Emden unter eigener Leitung des Herrn Clauson - Kam ein 6wöchentlicher Unterrichtskursus in denjenigen Arbeite, statt, welche erfahrungsmäßig sich vorzugsweise dazu eignen von Knaben oder Männern in Schule und Haus betriebe, zu werden.
Deutsches Reich.
Berlin, 27. Septbr. Heute früh 2'/» Uhr verstarl Hierselbst der wirkliche Geh. Rat v. Strantz, zuletzt Direkte der Abteilung für Domänen im landwirtschaftlichen Mini sterium. — Am Sonnabend Nachmittag 4V2 Uhr ist de Ober-Hof und Domprediger W. v. Hengstenberg verstorben — Die Reichs-Normal-Eichnngskommisston hat wiederuo wie früher einen Bericht über ihre im Jahre 1878 geübte sich auf das ganze Reich mit Ausschluß Baiernö erstreckend Wirksamkeit erstattet. In dem Aufsichtsbereiche des Amt« befanden sich danach 1194 Eichämter, worunter 596 nu Fäsfer eichende und 598 vollständige Eichämter. Von bei ersteren sind 20 in der Provinz Hessen-Nassau, 60 in de, Rheinprovinz, 63 in Hessen-Darmstadt, 192 in Baden uni 251 in Württemberg. In den zuletzt genannten fün (Wetn)-Gcbieten wurden 1878 überhaupt 428,484 Fässc geeicht und dafür 166,482 Mark Gebühren erhoben, vo, 1870—1878 zusammen 4,287,989 Fässer, wofür 1,774,40! Mark Gebühren entrichtet wurden, in dem übrigen, drei mal so stark bevölkerten Deutschland ohne Baiern nu 1,382,819 Fässer mit 628,387 Mark Gebühren. In bei Weinländern überwiegt der Gebrauch kleinerer, in den Bier
höchst ernsthaft überall um. DaS Lachen verdoppelte sich man klaschte in die Hände, sogar die Sänger auf be: Bühne stimmten in ben rasenden Lärm ein. „Was gibt'« denn? was gibt's denn?" fragte der höchst erstaunte Monsieur d'Eträhan so lange, bis endlich Mademoiselle Fel, ein« Sängerin, in seine Loge trat und hell auflachend mi schalkhaftem Knix ihm einen Spiegel vorhielt." —
Zur Erläuterung bemerken wir, daß diese spaßhaft' Scene im Palais Royal selbst stattfand, wo sich damals noch der Saal der französischen Oper befand. Am 16 Juni 1781 brannte der Saal ab (zum zweiten Male sei 1763) und im nämlichen Jahre noch ließ der Herzog vor Orleans die schönen Kastanienbäume des Gartens — darunter auch den berühmten „Krakauer Baum", untei welchem die Politiker jener Zeit ihre Diskussionen zu Halter pflegten — fällen und die bedeckten Gänge für die Ver kaufsläden etnrichten. Die französische Oper kehrte 1781 nicht wieder ins Palais Royal zurück, sondern erhielt ein eigenes Haus.
Einige Recepte.
— Nüsse werden am besten auf folgende Art aufbe wahrt. Vor allen Dingen ist erforderlich, daß man Nüsse ob Wallnüsse, Lambertsnüsse, Zellernüsse u. s. w., au Baume oder Strauch vollkommen auswachsen läßt, so das sie beim Schütteln aus den Schalen und Hülsen fallen Hat man nun die Nüsse einzuernten angefangen, so nimm man eine Kiste oder ein Faß, bedeckt den Boden 1 Zol hoch mit ganz trockenem, reinen Sand, legt dann Wiede: eine Schicht Nüsse darauf, bedeckt sie mit Sand und fähr mit diesem Verfahren fort, bis man die gehörige Ouantitä verpackt hat. Die obere Sandschichte muß 2" hoch sein