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Nr. 22»

Marburg, Mittwoch, 29. September 1880.

xv. Jahrgang

Anzeigen nimmt entgegen: hie Expedition b.Blatte», sowie sAnnoncen-Bureaur Don Th, Dietrich & So. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frantfurt a.M.; Saasenstein & Bögler in Frankfurt a M., Berlin, Leipzig, SÜln re.; Rudolf Moste in Berlin, Krant- f«rt 6. M. ic.

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Anzeigen nimmt’ entgegen die Expedition d.vlattes sowie b. Annoncen-Bureaux von @. L- Daube & So. in

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Frankfurt a. M; Jägerei Buchhandlung daselv Herrnann'sche Buchhan! daselbst; Juvalidendank in Berlin: W. ThieneS in Merfeld; S. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilaaa »InttrirM Sonntaasblatt" hur* «>*»»«...<) 31. «.-,,bu-ch bi. b« D-Am R-ich« S »'iretÄÄiÄ Ä ÄAÄi’'**

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Die Einführung der Arbeitsthätigkeit in den Schulen «ud die Clanfo« - Kaas'scheu

Bestrebungen.

I.

Eö ist ganz unverkennbar, schreibt die „Deutsche Ge- meinde-Ztg", daß unser gesamtes Unterrichts- und Schul­wesen an einem schleichenden und schweren Uebel krankt. Denn obgleich der letzte Zweck alles Lernens und Wissens doch lediglich das Können, d. h. die Fähigmachung zur Vollbringung allerlei nützlicher, gemeinnütziger und guter Thaten und Werke ist, hat es immer mehr den Anschein und zeigt eö sich in immer bedenklicherer Weise, daß das Lernen und Wissen an sich als vorwiegender oder alleiniger Unterrichtszweck betrachtet und somit dasjenige als Selbst­zweck gehalten wird, was doch nur Mittel zum Zweck sein kann und soll.

Da nun aber schon die Bibel mit Recht bemerkt, daß „das Wissen aufbläset" und nur „die Liebe (d. h. die gute That) bessert", so treten als nachteilige Folgen unseres ge­samten, lediglich auf das abstrakte Wissen gerichteten Un­terrichts- und Schulwesens in Wirklichkeit überall „Auf­geblasenheit", Dünkelhaftigkeit und Hochmut hervor, welche sogar der Befähigung zur Vollbringung nützlicher, gemein­nütziger und guter Thaten und Werke hinderlich sind und die für das Leben praktisch und wirklich schaffende Arbeit minderwertig und verächtlich erscheinen lassen.

Von der „bessernden Liebesthätigkeit" als Resultat un­seres gesamten Lernens und Wissens von der Volksschule an bis zur Universität hinauf, erblicken wir daher auch überall herzlich wenig; Klügelei, Wortfechtcrei, Streiterei,

Verwaist.

Erzählung von Clara Waldheim.

(Fortsetzung und Schluß.)

„Ich wußte es wohl, mein Fräulein, daß Ihnen mein Anblick nur peinlich sein könnte. Ich hätte daher gern das Zusammentreffen vermieden, wenn nicht —" Sie nahm die Hände vom Gesicht.

„SD ich bitte, bleiben Sie, treten Sie näher," bat sic mit schwacher Stimme auf einen nahen Stuhl deutend.

Er nahm mit einer kühlen Verbeugung Platz.

„Ehe ich Ihnen meinen Dank sage für Alles, waö Sie an mir gethan," fuhr sie mit vibrierendem Ton fort, „möchte ich Ihnen zunächst das Bckenntniß meines Lebens ablegen."

„SD nicht doch mein Fräulein, eö möchte Sie so sehr aufregen," wehrte er ab.

„Nein," entgegnete sie entschieden. „Ich bitte, wollen Sie mich anhören?"

Er verneigte sich zustimmend. Sein Blick ruhte auf ihrem bläulich-schimmernden Haar, das aufgelöst in sessel- losen Locken über das weiße Kleid hinabwogte und in ein­zelnen feuchten Ringeln auf Stirn und Hals lag — auf dem durchsichtig bleichen edlen Anllitz mit dem blauen Adernetz an den Schläfen, auf den schlanken, biegsamen, abgezehrten Händen, die gefaltet auf der blauen Seidendecke lagen. Er wandte das Auge ab.

Sie begann ihre Erzählung von jenem Punkte, wo sie von ihm Abschied genommen hatte um in die Welt hinaus­zuwandern. Sie verschwieg nichts, keinen ihrer Fehler und Schwächen, keins ihrer Leiden und Kämpfe, auch nicht ihr kurzes Liebesglück. Sie erzählte Alles der Wahrheit getreu, kurz, bestimmt und mit glühenden Farben belebt.

Selbstüberhebung, geistige Verirrung und Verwirrung ohne Ende tritt uns dafür aber fortgesetzt desto mehr entgegen. Mit Recht sagt daher auch der Dichter von der Art und dem Ergebnis unserer heutigen Bildung: Glaube dem Leben, es lehret besser als Redner und Buch.

Als eines der charakteristischsten Zeichen der herrschenden Verkehrtheit und Verschrobenheit moderner Anschauungen über wahre „Bildung" und höhere Bildungsziele dürfen namentlich die strafrechtlichen Privilegien betrachtet werden, die von den Vertretern der „klassischen Bildung" für die »klassisch gebildeten" Schüler oder die Studierenden der Universitäten in Anspruch genommen wurden.

Der „studierte" Flegel soll wegen seiner „klassischen Bildung" vom allgemeinen Strafgesetze privilegiert und schonender als der „ungebildete" behandelt werden, während doch in Wirklichkeit die Roheit des Ersteren noch viel här­ter als die deö letzteren geahndet zu werden verdient.

Aber dies eine Beispiel genügt, um die einseitige, grundverkehrte und geradezu barbarische Richtung zu kenn­zeichnen, welche unser gesamtes Bildungswesen eingeschlagen hatte und zum großen Teile noch jetzt verfolgt; gilt doch noch heut zu Tage fast überall die kluge Rede mehr als die gute That, von der Dorfschenke an bis hinauf zum Parlament. Und wer vollends lateinisch und griechisch weiß, und wäre es auch nur, um deklinieren und conju- gieren zu können, der gilt der Regel nach als ein so „klassisch gebildetes" Musterexemplar, daß schaffende Arbeit und praktische gemeinnützige Thätigkcit als ganz unter seiner Würde stehend erachtet wird und ihm überhaupt gar nicht zugemutet werden dürfen.

Wie ist hier zu helfen? Offenbar dadurch und nur dadurch, daß die bisherige einseitige, vorwiegend oder aus­schließlich auf das theoretische Wissen gerichtete Ausbildung unserer Jugend verlassen und gleichzeitig auf das praktische Können hingewendet wird, so daß neben und mit der ah- strakten und grübelnden Denkthätigkeit auch die concrete und schaffende Arbeitsthätigkeit einhergeht, und zwar nicht blos in den Volksschulen, sondern durch alle UnterrichtS- und Lehranstalten ohne Ausnahme. Selbstverständlich darf es sich hierbei nicht um eine Vermehrung der Unterrichts­stunden und um eine Verteuerung der Unterrichts- und Lehrmittel handeln, sondern der Arbeitsunterricht und die auf die praktische und unmittelbare allgemeine Berufs- thättgkeit gerichtete arbeitliche Lehrweise müssen den bis­herigen rein theoretischen Unterricht zum Teil ersetzen, zum Teil mit ihm Hand in Hand gehen.

Ebenso soll und kann dieser Unterricht nicht die un­mittelbare und praktische Berufsunterweisung des gewerb­lichen^ Lehrmeisters in der Werkstätte oder des sonstigen Geschäfts-, Wirtschafts-, Amts- oder Berufsleiterö in irgend einer anderen bürgerlichen oder öffentlichen Berufsthätigkeit ersetzen, sondern er hat nur die Bestimmung, allgemein

Er unterbrach sie mit keinem Wort. Als sie geendet, stand er auf und ging einige Male im Zimmer auf und nieder. Dann blieb er vor ihr stehen. Er war sehr bleich.

„Ich danke Ihnen mein Fräulein, für das mir bewiesene Vertrauen," sagte er mit leicht bebender Stimme. Er sprach es herzlich uud doch fühlte sie die Kälte aus jedem seiner Worte heraus. „Ich beklage es aufrichtig, daß Sie von so schweren Schicksalsschlägen verfolgt worden und hoffe daß sich fortan Ihr Leben günstiger gestalte. Ihr letzter Unfall hat Ihnen die Teilnahme Vieler zugezogen. Schon mehrere der angesehensten Familien dieser Stadt haben sich erboten, Ihnen eine angemessene Versorgung angedeihen zu lassen. — Mir bleibt mithin nur übrig, Sie um Verzeihung zu bitten, daß ich gewagt habe, für dm Augenblick in ihre Verhältnisse einzugreifen —"

»Sie wollen mir wehe thun!" unterbrach sie ihn schmerzlich.

„Keineswegs, mein Fräulein, das ist nie meine Absicht gewesen. Allein ich sagte eö mir längst, und Ihre Er­zählung hat mir's aufs Neue bestätigt, daß Sie lieber im tiefsten Elend untergehen, als die Hülfe eines Freundes beanspruchen, der sich glücklich geschätzt hätte, sie Ihnen gewähren zu dürfen. Daß ich aus den Ruf Ihrer Pflegerin, die auS einem von mir an Sie gerichteten Schreiben, das Sie in Ihrer Wohnung hatten liegen lassen, meine Adresse erfahren — herbeigeeilt bin, geschah ohne ihr Wissen und jedenfalls wider Ihren Willen und also: Ich bitte noch einmal um Verzeihung und gebe Ihnen die Beruhigung, daß, falls es Ihnen fo recht ist, mein Weg den Ihren nie wieder kreuzen soll."

Sie wollte sprechen, suchte aber vergebens nach Worten.

„Und nun leben Sie wohl," fuhr er, nach seinem Hute

neben der Ausbildung deö Denkens und Wissens auch die Uebung der Sinne und die Geschicklichkeit des Schaffen« zu pflegen und dadurch der späteren Lern» und Berufs­thätigkeit wesentlich vorzuarbeiten.

Es ist nun das Verdienst des dänischen Rittmeisters a. D. Clauson-Kaas, zu dieser Verbefferung und Vervoll­ständigung allgemein die Anregung und den Anstoß gegeben zu haben, und in Dänemark bestehen bereits 30 bis 40 Schulen, in denen die Pflege der schaffenden Arbeitsthätig- kcit unter fachmännisch gebildeter Leitung geübt und für welche seitens der Regierung eine jährliche Unterstützung von 6800 Mark gewährt wird.

Ueber die Clauson - Kaas'schen Prinzipien und deren Bedeutung für das gesamte Unterrichtswesen äußert sich in eingehender Weise die Nr. 29 des „Staats-Socialist" fol­gendermaßen :

„Der pädagogischen Welt sind die Prinzipien der Ar­beitsschule des Rittmeisters a. D. Herrn A. Clauson-Kaas schon feit 10 Jahren bekannt. Im Ganzen und Großen ist ihr aber hier wenig Interesse entgegen gebracht worden, obwohl die Lücke, welche unsere Schulbildung nach der prak­tischen Seite hin zeigt, zu ihrer Ausfüllung gerade der Arbeitsschulen bedarf. Diese geringe Teilnahme wird er­klärlich durch die Kämpfe, welche gegenwärtig auf dem Ge­biet der Schule auögefochten werden. Es handelt sich um rstchts geringeres, als um die Gleichberechtigung der „na­tionalen" Bildung mit der „clafsischen", in praxi um die Berechtigung der Real- und Gewerbeschulen für das Unt- versitätsstudium.

Von der einen Seite wird behauptet, die Culturperlen der griechischen und römischen Bildung seien durch unsere classtsche Literatur Gemeingut deö deutschen Volkes gewor­den, daß die Nation, ebenso wie die englische und französische, wohl auf eigenen Füßen stehen könne, ohne sich von Hellas oder Rom ihre Bildung beglaubigen lassen zu müssen. Das Studium der Naturwissenschaften und der Sprache lebender Culturvölker, wie die der Engländer und Franzosen sei nicht nur nützlicher, sondern böte auch in formaler Hinsicht reichlichen Ersatz für die Bildungs­momente des Griechischen und Lateinischen. Den Gymnasien sei fürderhin nur der Charakter einer Fachschule für Ge­lehrte beizulegen.

Auf der anderen Seite werden dagegen Latein und Griechisch als die Quelle aller Bildung und Cultur be­trachtet, ohne welche der deutsche Idealismus in krassem Materialismus untergehen würde. Eine Loslösung von Rom und Hellas müßte in letzter Consequenz das deutsche Volk wieder in den Zustand des „eichelfressenden Bar­barismus" zurückführen. Die fortwährend geistige Re­generation könne nur durch das Medium des Gymnasium« erfolgen, weshalb Real- und Gewerbeschule nur insofern eine Berechtigung hätten, als sie die Gymnasien von un-

gretfend, fort. „Ich habe Sie schon zu lange aufgehalten; ich will nicht hoffen, daß unsere Unterhaltung Ihrer Ge­sundheit nachteilig sein wird."

„Sie wollen schon gehen? O bleiben Sie doch noch!" brachte Sie endlich mühsam hervor. „Der Zug gebt ja ohnehin erst Nachmittag."

„So will ich die übrige Zeit in meinem Hotel zubringen," entgegnete er, eö wäre ebenso rücksichtslos al« unzart, wenn ich noch länger hier verweilte."

„So danke ich Ihnen von ganzem Herzen," sprach sie gepreßt und reichte ihm warm die Hand.

Er zog ihre Fingerspitzen leicht an seine Lippen und entfernte sich.

ES war am Nachmittag. Erlm stand in seinem Hotel am Schreihpult und vollendete einen Brief an den Theater­direktor C. Sein Koffer war gepackt, er wollte in der nächsten Stunde abreisen.

Als das Schreiben couvertiert und gesiegelt war, blieb Erlen, das Haupt auf die Hand gestützt, eine Zeit lang in düstern Gedanken versmkt stehen. Eine Wolke lag auf seiner sonst so klaren Stirn, und um seinen Mund lagerte ein bitterer Zug.

Das Rauschen eines Frauenkleides ließ ihn auffahren. Er wandte sich um. Luise stand vor ihm.

„Sie, mein Fräulein?" rief er mit einem Aufleuchten seiner dunkelblauen Augen, aber mit kühlem, zurückhaltendem Ton. „Was führt Sie so plötzlich zu mir?"

„Sie sine im Groll von mir gegangen, ich komme, Sie um Verzeihung zu bitten," antwortete sie, noch halb atemlos vom raschen Gange.

Er lehnte mit gekreuzten Armen am Pult. „Das ist