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Nr. 2x8.

Klarburg, Dienstag, 28. September 1880.

XV. Jojtgaog

Anzeigen nimmt «mgegen; dir Expedition d.vlatte», sowie d-Annoncen-Vureaux von Th, Dietrich & Eo. in Kafiel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Hänfenstem L Bögler in Zrankfurt a- M., Berlin, üdMte, Lbln re.; Rudolf Mofse ix B-rlm, Frank­furt o. M. rc.

(Olicrljcffifdie Jritiutß.

Anzeigen nimmt entgegen dieExpeditton d. Blatter sowie d.Annoncen»Burea«k von @. L- Daube LCo. in Frankfurt a- Ai; JLger-sche Buchhandlung daselbst; Hermaun'sche Buchhaudl. daselbst; Juvaltdeudaul i» Berlin; 88. ThieneS in «berfeld: «. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen- Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen Beilage „Jlaftrtrter SonntaaSblatt" durch die Srvedition (Rn&’f&e Buchdru-lerei) bezogen 2i Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 (efcl-Wa»^ gespaltene §-10 »/- *’ *

Für in der Expedition zu ertheileude Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

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mit deren Gratisbeilage

JllustrirteS SonntagSdlatt bitten wir baldigst zu erneuern, da ohne vor­herige Bestellung die Fortsetzung seitens der Post nicht geliefert wird.

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Das neue Ministerium in Frankreich.

Seit Mittwoch haben wir in Frankreich ein neues Ca- binet: an die Stelle des Ministeriums Freycinet ist das Ministerium Ferry getreten. Dieses neue Ministerium vom 23. September ist wie folgt zusammengesetzt: Jules Ferry, Konseilsprästdent, Minister des Unterrichts und der schönest Künste; Barthelemy Saint Hilaire, Aeußeres; Cazot, Justiz und Siegel; Constans; Inneres und Kulte: Magnin, Finanzen; General Farre, Krieg; Vizeadmiral Clous, Marine; -Laoi Carnot, öffentliche Arbeiten; Tirard, Ackerbau und Handel; Cochery, Post- und Telegraphen Zur richtigen Würdigung dieses neuen Ministerwechsels muß man die Vorgänge vor und hinter den Coulissen in Erwägung ziehen. Es handelte sich um die Ausführung des zweiten Märzdekrets in Bezug auf die staatlich nicht anerkannten Ordensgesellschaften. Freycinet hielt es für gefährlich, sofort gegen die Kongregationen vorzugehcn, ehe noch der Gerichtshof für Konflikte sich über das Vorgehen der Negierung ausgesprochen hatte, und wollte die Aus­führung wenigstens bis dahin aufgeschoben wissen. Diesen Anlaß benutzte Gambetta, um Freycinet zu stürzen. Seit der Ministerpräsident in Montauban jene Rede gehalten, in welcher er der Revanche-Rede Gambettas in Cherbourg entgegentrat, war sein Schicksal besiegelt. Weil er Gam­betta, den eigentlichen Regenten in Frankreich, nicht erst gefragt, ihm nicht das Konzept seiner Rede vorgelegt, son­dern selbständige Politik zu treiben sich erlaubt hatte, mußte er fallen. Schon war eine Verständigung in bezug auf die Ausführung der Dekrete erzielt, die Krise schien gehoben und Grevy wollte schon wieder nach seinem Land-

Verwaist.

Erzählung von Clara Waldheim. (Fortsetzung-)

O, ich wünsche ich wäre auch ein Kätzchen oder ein Hund, oder ein kleiner Junge der ein Butterbrod hat. Ich bin nie, nie unglücklich gewesen bis heute, und gaubte doch oft so elend zu sein, daß ich nicht unglücklicher werden könnte.

Dunkle Nacht legte sich auf ihre Augen, vor ihren Augen brauste und rauschte es wie Wasserwogen, und sie fühlte, wie ihre Stirn hart auf die Pflastersteine niederschug.

Es hatte lange gewährt, ehe sie wieder zur Besinnung kam. Sie öffnete die Augen und blickte verwundert um sich. Die blauseidenen Gardinen ihres Lagers beschränkten ihren Blick und übergossen sie wie die gestickte Decke des Bettes mit bläulichem Schimmer. Das that ihr wohl, Blau war immer ihre Lieblingsfarbe gewesen--—

sie lehnte sich behaglich in die Kissen zurück und suchte sich die letzte Vergangenheit ins Gedächtniß zu rufen. Ihr war als habe sie immer von Butterbrod und kleinen Hunden geträumt und von Frauen mit roten Gesichtern. „Was für ein seltsamer Traum," sprach sie sinnend vor sich hin. „und doch, er war entsetzlich.".

Die Vorhänge wurden zurückgeschlagen, ein gutmütiges Fraucngesicht von einer weißen Haube umrahmt, neigte sich über sie.

Was war daS? Sie hatte so viele solcher Frauenköpfe gesehen die letzte Zeit--aber diese war nicht darunter.

Und doch war sie ihr bekannt, noch von früher her. — •

„Frau Balzeri" rief sie plötzlich in freudigem Erkennen

sitze abreisen, da hatte der Minister des Innern, Constans, noch eine Unterredung mit Gambetta und deren Folge war, daß die Minister des Innern, der Justiz und des Krieges, Constans, Cazot und Farre, die Marionetten Gambettas, ihre Entlassung einreichten. In einem neuen Ministerrat gelang es Grevy, das Kabinet abermals zusammenzuleimen. Es sollte ein Cirkular an die Ordensgesellschaften gerichtet werden, worin dieselben noch einmal aufgefordert werden sollten, die staatliche Genehmigung nachzusuchen. Dieses Schreiben wurde aber von Constans in einer Weise abge- faßt, daß es Freycinets bisherige Verhandlungen in der Ordenöfrage vollständig desavouierte und eine vollständige Niederlage des Ministerpräsidenten enthielt. Da reichte der letztere seine Entlassung ein, weil er einsah, daß ihn Gambetta doch stürzen wolle. So hatte man das schöne Schauspiel: Am Freitg Abend war dasKabinet einig und geschloffen, am Sonnabend Morgen gesprengt und am Abend wieder zusammengeleimt und am Sonntag Morgen fiel ihm der Kopf ab. Gambetta aber stand als Regisseur hinter den Coulissen. Jeder fragt nun, warum Gambetta die Neubildung des Ministeriums nicht übertragen wurde. Grevy hat sich deshalb, wie der „Times" berichtet wird, damit entschuldigt, daß er sagte: an der Spitze des Mini­steriums würde sich Gambetta abnutzen. Das könnte ihm persönlich nun schon recht sein; allein Gambetta sei der einzige Mann, welcher die republikanische Linke Zusammen­halte; ohne ihn fiele diese Partei sofort auseinander; kein anderer könnte sie in kritischen Zeiten leiten und das würde für . das Land verhängnisvoll sein. Grevy hat also das Gefühl, daß auch seine Zeit bald gekommen ist und er weiß, daß dann Gambetta an seine Stelle treten wird. DaS neue Kabinet trägt schon jetzt den Namen: das „Fe- rienminifterium"; eine lange Dauer wird ihm nicht ver­sprochen. Der Kabinetswechsel hat aber wiederum gezeigt, wer in Frankreich eigentlich regiert und da man die Ge­sinnungen Gambettas in der äußeren Politik hinlänglich kennt, so ist der deutschen Politik ihre Aufgabe genügend vorgezeichnet.^ Daran ändert die Ernennung des Herrn Barthelemy L>t. Hilaire zum Leiter des Auswärtigen Amtes nichts; das Ministerium ist eben nur ein „Ferienmtnt- sterium" und wenn eS Gambetta an der Zeit hält, wird dasselbe ebenso schnell verschwinden, wie das frühere, wenn auch der Minister des Auswärtigen Barlhelemy Saint Hilaire den diplomatischen Vertretern Frankreichs folgendes Schreiben sandte: Durch das Vertrauen des Präsidenten der Republik zum Minister des Auswärtigen berufen, ist es meine erste Pflicht, Sie zu ersuchen, der Regierung bei welcher sie beglaubigt sind, die Versicherung zu erteilen, daß das neue Kabinet nichts in der von dem letzten Ka­binet befolgten auswärtigen Politik ändern wird. Niemals hat Frankreich ein größeres Gewicht auf die Aufrechterhal­tung des Friedens gelegt, der so heilsam für feine Wohl-

aus und machte einen Versuch, der alten Frau die Hand zu reichen.

„Gott sei Dank, daß Sie mich endlich erkennen, liebes Fräulein I" rief die treue Wärterin entzückt. Was daS für 'ne Freude geben wird l Jetzt sind sie genesen, sagt der Doktor. O, Gott sei ewig Lob und Dank dafür. „

Luisens Blick schweifte im Zimmer umher. Durch die hohen Fenster kam der Sonnenschein voll und strömend herein, vor ihrem Bett stand ein zierliches Tischchen, mit eingemachten Früchten und Arzneien bedeckt.

„Aber wo bin ich denn?" fragte sie, in em sie sich auf einmal ihrer früher so bedrängten Lage entsann.

„In guten Händen, Fräulein; das ist Alles was Sie vorläufig zu wissen nötig haben. Jetzt müssen sie vor allen Dingen schlafen und gar nicht Nachdenken.

Luise erholte sich schnell. Schon nach wenigen Tagm konnte sie das Bett verlassen und im Zimmer umhergehen. Aber je mehr ihre Willensstärke wiederkehrte, desto mehr wuchs ihre Begierde, zu erfahren, wem sie all die Bequem­lichkeiten und zarten Aufmerksamkeiten zu danken habe, die sie stündlich genoß. Ihre Erinnerung war wiedergekehrt, sie wußte deutlich, wie sie auf der Straße vor Hunger um­gesunken war — aber was war dann geschehen? Sie war durch fremde Menschen aufgehoben und in ihre Wohnung getragen worden, hatte die Frau Balzer mit Thränen er­zählt. Dann hatten wohlthäüge Menschen sich ihrer ange­nommen, hatten die gutmütige Wirtin als ihre Pflegerin angestellt und auf die freigiebigste Weise für all ihre Be­dürfnisse gesorgt. Wer diese Freunde seien, dies zu er­fahren, drang sie in Frau Balzer vergebens. Sie beschäs- tigte sich unausgesetzt mit diesem Gedanken, ja, ihre Reiz­barkeit stieg zu einem so hohen Grade, daß die alte Frau

fahrt und Ehre ist. Dieses System, welches durch die Weisheit Thiers', dessen Freund ich lange gewesen bin, inauguriert worden, ist seit zehn Jahren mit Beharrlichkeit befolgt worden und hat herrliche Früchte getragen. Wir werden dieser so glücklichen Tradition treu bleiben und Alles thun, um die freundschaftlichen Beziehungen, welche die französische Republik zu anderen Regierungen unterhält, noch mehr zu entwickeln. Was mich persönlich angeht, werde ich alle meine Kräfte hierzu anwenden. Zu meiner Unterstützung in dieser patriotischen Aufgabe rechne ich auf die hingebendste Beihülfe aller unserer diplomatischen Vertreter.

Deutschts Reich.

Vtrliu, 25. Septbr. Gegenüber der Behauptung, der Reichsbank sei von London aus eine Offerte wegen Uebernahme von 100 Millionen Mark in Silber gemacht worden, bemerkt die „Berliner Börsenzeitung", nach ihren Informationen hätten in letzter Zeit wiederholt kleinere Offerten stattgefunden, eine Offerte wegen der Uebernahme von 100 Millionen Mark sei aber niemals eingegangen. — Bei der Aussicht auf die baldige Rückkehr des zweiten Sohnes unseres Kronprinzen, des Prinzen Heinrich, von der Seereise, wird es von Interesse sein, noch einmal den Kurs zu verfolgen, den das Schiff, auf welchem der Prinz die Reise machte, nämlich die gedeckte Korvette „Prinz Adalbert", geführt vom Kapitän zur See, Mac Lean, auf der zweijährigen Reise genommen hat. Am 14. Oktober 1878 verließ das Schiff den Hafen von Kiel, ging durch den großen Belt und um Skagen herum und legte zunächst Plymouth an, berührte darauf Madeira und die Capver- dijchen Inseln und wandte sich dann, westlichen Kurs ein­setzend, zu den Küsten Südamerikas. An der Ostküste die­ses Weltteils lief die Korvette zunächst Montevideo an. Das Schiff ging sodann durch die Magellanstraße, die dort befindliche chilenische Kolonie Punta Arenas anlaufend und wandte sich, in den Stillen Ozean gekommen, nordwärts nach Valparaiso, hierauf die Küstenstädte Jquque und Callao berührend, ging sodann die Panama und Acapulco hinauf und richtete hierauf seinen Kurs auf die Sand- wichs-Jnseln, im Hafen des Hauptortes derselben, Ho­nolulu Anker werfend. Von hier aus ging eö weiter nach dem Japanischen Jnsellande, wo zunächst der Stavt Yoko­hama und darauf Hokodate ein Besuch abgestattet wurde. Von letzterem Hafen aus machte der „Prinz Adalbert" einen Abstecher nach der auf dem Festlande von Asten ge­legenen russischen Besitzung Wladiwostok, ging sodann nach Jokohama zurück und berührte weiter Kobs, Nagasaki und einige andere kleinere japanische Hafenplätze, woraus er abermals nach Yokohama zurückging. Von hier aus wurde die Rückreise angetreten; zunächst die chinesischen Hafenplätze Shangai, Wusung und Hongkong berührend, begab sich das fürchten mußte, die stete fieberhafte Unruhe könn den ab­gespannten Nerven der Genesenden schaden.

„Nun denn," sprach sie eines Tages nachgebend, „da Sie gar nicht nachlassen, so hat die Person, welche so gütig für Sie gesorgt hat, eiugewilligt, hierherzukommen."

Luise fiel ihrer Pflegerin ungestüm um den Hals. „O Dank, Dank!" rief sie, freudig erregt, aus. Diese Unge­wißheit war^auch nicht länger mehr zu ertragen."

„Aber Sie müssen hübsch ruhig sein," versetzte diese, sie ins Sopha niederdrückend und die gesteppte Seidendecke sorglich über ihre Knie breitend. „Nicht so aufgeregt sonst muß ich nur bereuen, Ihnen diese Unteredung verschafft zu haben."

Sie strich mit mütterlicher Zättlichkeit die feuchten Locken ihrer Pflegebefohlenen zurecht und ging hinaus, indem sie noch einmal zur Ruhe ermahnte.

Luise preßte beide Hände auf daS ungestüm pochende Herz. Wen sollte sie jetzt sehen? Wer war es, der sie von einem gewissen Tode errettet, der ihr den Glauben an Gott und die Menschheit erhalten. Sie konnte nur auf einm raten, und ihr Herz erbebte in Wonneschauern dabei, und doch überfiel fie eine erstickende Angst, daß er es sein könnte. Sie heftete ihre dunklen, durch die Krankheit noch größer gewordenen Augen in atemloser Spannung auf die Thür.

Sie wurde geöffnet, ein Mann trat herein. Er war es, Erlen. Luise verbarg heiß erglühend ihr Gesicht in den Händen.

Er blieb an der Thür stehen, auf seinen Lippen schwebte ein bitteres Lächeln.

(Fortsetzung folgt.)