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Nr. 2S6.

Warburg, Sonnabend, 25. September 1880.

XV. Jahrgang

Anzeigen nimmt emgegen: die Expedition d.vlatte», sowie d-Annoncen-Bureaur von LH, Dietrich & Co. in Kaffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasrnstein & Bögler in Frankfurt c. M., Berlin, Leipzig, CSln re.; Rudolf Moffe in Berlin, Frank­furt c. M- ic.

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Anzeigen nimmt entgegen dirExpeditton d.vlatte» sowie d-Annoncen-Bureaur von @. L Daube & Co. in Frankfurt a- M; Jägerische Buchhandlung daselbst; Herrnann'sche Buchhandl. ♦ daselbst; Jnvalidendaui in

Berlin; W- Lhieue» in Elberfeld; C. Schlotte in

Bremen-

Ccs heint tSxstich außer an b°" W-rktag«, nach Tonn- und Feiertagen- Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „Jlufttirtes eönntägSblätt" durch die Expedition (Koch'fche Buchdruckerei) bezogen 24 Mark, durch tote Postämter des Deutschen Reiches 3 Mark 50 Pfg. sexcl. Bestellgebühr). - Jnsettionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. ’ ’ 5ftr tn der Expedition zu ert^eilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Die Postbestellungen auf das vierte Quar­tal der

Merhessischen Zeitung

mit deren Gratisbeilage

JllustrirteS Sonntagsblatt bitten wir baldigst zu erneuern, da ohne vor­herige Bestellung die Fortsetzung seitens der Post nicht geliefert wird.

SM- Die Landpostboten nehmen auf dem Lande Bestellungen entgegen.

Bestellungen für hiesige Stadt sind an die unterzeichnete Expedition zu richten. .Neu zugehende Abonnenten erhalten vom Tage der Bestellung an die Zeitung bis zum 1. October gratis. _______________Die Exped. d. Oberh. Zeitung.

E. Der Kampf gegen die Zettelbanken in der Schweiz.

In der Schweiz will man dem Unwesen der Banknoten von Privatbanken ein Ende machen. Man sagt sich, und gewiß mit Recht: nur der Staat soll das Recht haben, Geld zu machen und auszugeben, und den Nutzen, welchen die Ausgabe von Papiergeld für den, der es ausgiebt, hat, will man dem Staate und durch ihn dem Volke zuwenden, statt wie bisher den Staatsbanken. Es liegt ja auf der Hand, daß dieser Gewinn aus dem Volke kommt und so stellt das Banknotenprivilegium für die Privatbanken eine Art Besteuerung des Volkes dar. Deshalb sagt man sich: das Recht der Besteuerung darf nur der Staat haben; denn die Steuern müssen zum Besten des Volkes, welches die Steuern zahlt, verwendet werden, sie sollen aber nicht dazu dienen, die Inhaber der Zettelbanken und ihren An­hang reich zu machen. Der Nationalrat Joos hat die Anregung zu einem solchen Anträge auf Abschaffung der Privatbanknoten und ihre Ersetzung durch schweizerisches Staats - Papiergeld, gegeben. Diese Aenderung ist aber nicht möglich ohne gleichzeitige Aenderung der Verfassung; denn Artikel 39 derselben giebt den Privatbanken das Recht der Notenausgabe. Deshalb muß der Antrag sich gleich­zeitig aus Aenderung der Verfassung richten. Zu einem solchen Anträge sind aber 50,000 Unterschriften nötig. Diese Zahl ist nunmehr zusammengebracht worden und der Antrag lautet bestimmt auf Aenderung dieses Artikels 39 der Verfassung. Ueber diesen Antrag muß nun eine Volks­abstimmung stattfinden. In den Zeitungen und im National- Rat der Schweiz erhob sich jedoch ein langer Streit darüber,

B e r w a i st.

Erzählung von Clara Waldheim.

lFottsetznng.)

Frau Balzer pflegte ihre junge Mieterin mit rührender Sorgfalt, bis diese zu ihrer unendlichen Freude vom Arzte für genesen bezeichnet wurde. Das war Luise wohl äußer­lich, obgleich sie sehr zusammengefallen war, aber sie fühlte in ihrem Innern lief, daß ihr eine unheilbare Wunde ge­schlagen sei. Wie öde und grau erschien ihr die Zukunft — sie mochte den Blick nicht vorwärts lenken. Und doch trat diese Notwendigkeit dringend an sic heran. Der Arzt und die Apotheke mußten bezahlt werden, ihre geringen Ersparnisse waren längst auf ihre Pflege verwandt, sogar ihre entbehrlichsten Habseligkeiten waren zu diesem Zwecke verkauft. Frau Balzer konnte ihr nicht helfen, selbst wenn Luise ihre Unterstützung angenommen hätte; denn sie war selbst arm, ihr Mann war den Winter hindurch krank ge­wesen. Luise ließ ihr letztes Seidenkleid verkaufen, um ihre Schulden zu decken.^ Aber was sollte sie nun be­ginnen ? Sie hatte keine «Stellung, keine Hilfsmittel, keine, keine Freunde. Wie ost hatte sich dieser Gedanke schmerz­lich auf ihre Seele gelegt, jetzt beugte er sie vollständig nieder. Unter all den Menschen, die sie an ihrer Erinne­rung vorübergleiten ließ, wußte sie keinen, bett sie um Hülse hätte bitten mögen, keinen, der Etwas für sie ge- than hätte. Doch einen gab es wohl, der keine Vorwürfe Und keine verletzenden Bemerkungen gemacht hätte, wenn sie ihn um Beistand angeflcht. Aber nein, nein! Bei dem bloßen Gedanken daran verbarg sie erglühend das Gesicht in den Händen. Sie zog einen Bries hervor, den er zur Zeit, als sie Musiklehrerin war, an sie geschrieben hatte;

ob es statthaft sei, daß die Anfrage an das Volk ganz allgemein auf Aenderung der Verfassung oder auf Aen­derung eines bestimmten Artikels derselben lauten dürfe.

Die Freunde des Banknotenwesens, insbesondere die Banken und ihr Anhang agitierten lebhaft und hofften offenbar, wenn der Antrag allgemein auf Revision laute und die Revision dann dem neu zu wählenden Bundesrat Überlassen werde, so würde der ursprüngliche Antrag auf Abschaffung der Privatbanknoten in den Brunnen fallen. Es ist ihnen denn auch gelungen, einen allgemeinen An­trag durchzusetzen. Das Volk wird also gefragt, ob es eine Verfassungsänderung wünsche und im bejahenden Fall soll der Bundesrat neu gewählt werden und dieser soll dann die ihm rätlich scheinende Revision vornehmen. Es hängt also dann alles vom Ausfall der Bundesratswahlen ab. Im Nationalrat begründete der Abg. Joos seinen Antrag, indem er auf den Unfug hinwies, der darin liege, daß eine kleine Anzahl von Privatinstituten das Schweizer­volk indirekt besteuere, was endlich aufhören müsse. Ohne eine Revision des Art. 39 der Verfassung, auf dem bloßen Wege der Gesetzgebung, sei hier eine Abhülfe nicht möglich; übrigens werde jedes strenge Banknotengesetz im „Referendum" dem Einfluß der Geldaristokratie erliegen. Inzwischen werde der Umlauf der Noten immer größer und die Ge­fahr und das Uebel immer ärger. Wenn geholfen werden solle, so könne dies nur geschehen, wenn der Staat das Hoheitsretcht der Papiergeldausgabe wieder in die Hand nehme. Werde die Revisionsfrage allgemein gestellt, so werde sie wahrscheinlich verneint; damit sei aber die Banknotenbewegung nicht erledigt, vielmehr werde sie weiter um sich greifen und nicht ruhen, bis das schweizerische Calabresertum gründlich beseitigt sei.

Deutsches «eich.

Berlin, 23. September. In Bezug auf die nächste Landtagssession wird geschrieben, daß die Eröffnung in die letzte Woche des Oktobers falle. Fürst Bismarck wolle schon im November nach Berlin zurückkehrcn. Das Bud­get sei so ziemlich abgeschlossen und zwar ohne Defizit, was aber nur durch die größte Sparsamkeit und Verzicht auch auf sehr dringende Ausgabenerhöhungen möglich war. Die Einnahmen zeigen übrigens auch eine Steigerung in­folge des hier und da zu erkennenden wirtschaftlichen Auf- schwunges. — Man hofft, daß Herr Bötticher die Frage der Versorgung der Hinterbliebenen der Reichsbeamtm wieder in Anregung bringen werde. Bis jetzt ist die gesetzliche Regelung dieser für die Reichsbeamten so wichtigen Ange­legenheit noch nicht über die Sphäre des Bundesrats hinaus an das Parlament gelangt. Der Bundesrat hat zuletzt noch gegen den Wunsch der großen Mehrheit der Beamten die Herbeiziehung der Unverheirateten beseitigt und den Beitrag der Beteiligten von 2 auf 3 pCt. erhöht. Ob es standen so liebe herzliche Worte darin, Worte voll Teil­nahme, wie sie nie Jemand zu ihr gesprochen. Aber ihn jetzt um Unterstützung bitten, ihn an sein Versprechen er­innern? Nein. — Sie warf das Papier von sich und stand auf.

Frau Balzer kam mit dem MittagScssen. Mit unver­kennbarer Verlegenheit setzte sie die Schale auf den Tisch.

Luise wußte, daß sie selbst heute mit ihrem alten Mann darbte, um nur ihr ein stärkendes Mal vorzusetzen.

Ich danke Ihnen, Frau Balzer," sagte Luise gepreßt. Ich habe heute gar keinen Appetit, vielleicht bin ich doch noch nicht so recht gesund. Bitte, essen Sie nur mit Ihrem Manne; ich will einmal ausgehen und versuchen, ob ich nicht irgendwo Arbeit finden kann."

Ohne die Einwendungen der guten Frau zu achten, ging sie fort.

Die Besitzerin des Bäckerladens in der nächsten Straße brauchte eine Verkäuferin hatte ihr Frau Balzer gesagt. Dorthin begab sie sich zuerst.

Die behäbige Bäckerin saß in ihrer weißen Haube mit den breiten Bindebändern hinter dem Ladentische, daö Strickzeug in den roten, fleischigen Händen.

„Was wünschen Sie," fragte sie, ohne sich zu erheben, als Luise beklommen an der Thür stehen blieb.

„Ich möchte Sie fragen Madame, ob Sie mich nicht als Verkäuferin mieten wollten."

Die Frau fixierte sie scharf, sie suchte offenbar in ihrer Erinnerung. Wo in aller Welt hatte sie dieses bleiche Gesicht mit den großen dunklen Augen und dem liederlichen schwarzen Haar schon gesehen? Plötzlich ging ihr ein Licht auf. Sie war im Theater gewesen, als Kabale und Liebe aufgeführt wurde.

dem Reichstag in der nächsten Session endlich eine Vorlage Über die wichtige Materie zugehen wird, ist eine Frage, deren Beantwortung viele Tausende von Beamten mit ge­rechtfertigter Spannung entgegensehen. — In agrarischen Kreisen wird eine lebhafte Agitation gegen die etwa be­absichtigte Erhöhung der Branntweinsteuer unterhalten und ist man dort nicht wenig verwundert über die Mitteilung gewesen, daß nicht von der Regierung, sondern seitens der konservativen Partei im Reichstage ein dahinzielender An­trag eingebracht werden soll. Indem die Regierung sich davon hat überzeugen müssen, daß für eine Erhöhung der Brausteuer im Reichstage nur eine Mehrheit zu gewinnen sein dürfte, wenn in Verbindung damit eine Erhöhung der Branntweinsteuer in Vorschlag gebracht wird, so wird, wie es heißt, dieselbe von diefem Mittel Gebrauch machen, in­dem sie auf diese Weise hofft, einen Teil ihrer Steuerpro­jekte durchzubringen. Von der nach dem Vorschläge der Regierung anzubahnenden Steuerreform, der Entlastung der unteren Klaffen von den direkten Steuern rc., wollen die Agrarier nichts wissen, ihre Meinung geht vielmehr dahin, zuvörderst die Grundsteuer aufzuheben und an deren Stelle eine sehr hohe Börsensteuer treten zu lassen. Es verlautet, daß in agrarischen Kreisen hierüber eine Denk­schrift ausgearbeitet wird, welche dem Reichskanzler unter­breitet werden soll. — Der eben versammelt gewesene Ausschuß des Centralverbandes deutscher Industriellen hat beschlossen, über die Währungsfrage von seinen Mitgliedern Gutachten einzuziehen. Bei Erörterung dieser Frage im Schoße des Ausschusses sollen für die reine Goldwährung nur vereinzelte Stimmen eingetreten fein, deren Gewicht übrigens auch noch durch besondere Verhältnisse verringert wird. Ferner gedenkt das Direktorium des Verbandes in verschiedenen Teilen Deutschlands von Mitglieder» der ver­schiedenen Industriezweige den von Herrn Moöle vorge­schlagenen Entwurf einer surtaxe d’entrepot in seiner Einwirkung auf die verschiedenen Industriezweige prüfen zu lassen.

Darmstadt, 21. September. Die gestrige ungemein zahlreich besuchte Wählerversammlung — der große Rit- sert'sche Saal konnte die erschienenen Wähler kaum fassen — wurde von Herrn Rechtsanwalt Schödler eröffnet, wo­rauf Reichstags-Abgeordneter W. Büchner das ihm ange­tragene Präsidium übernahm und kurz betonte, daß der heute erschienene Abgeordnete Richter nicht blos einseitig, souvern zu allen Wählern über die innere politische Lage sprechen werde, was auch recht reichlich geschah.

Konstanz, 18. September. Die hier abgehaltene Ka­tholikenversammlung hat ihre Verhandlungen vorgestern geschlossen, nachdem noch folgende Resolutionen zur An­nahme gelangt waren: 1. Die 27. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands, sich anschließend an die Erklä­rungen der früheren Versammlungen, protestiert aufs Neue

„I du meine (Sütel" rief sie die Hände zusammenschlagend mit so schriller Stimme, daß Luise zu beben anfing." Das ist ja die liederliche Engländerin, die Maitresse des Herzogs! Was wagt sich die Dirne in mein ehrliches Haus! Die sollte ich als Verkäuferin anstellen? Sie stemmte beide Arme in die Seiten, um in ihrem Sermon noch kräftiger fortzufahren, als Luise, die anfangs ganz verwirrt und sprachlos dagestanden, plötzlich die Thür zuschlug und, ihrer Sinne kaum noch mächtig, davon stürzte.

Zu Hause angelangt, brach sie in einen Strom heißer Thränen ars. Frau Balzer tröstete sie: „Nur nicht den Mut verloren; geht's nicht heute, so geht's vielleicht morgen. Sie versuchen es morgen wieder."

Luise war so niedergebeugt und mutlos, daß sie am liebsten nie wieder einen Fuß auf die Straße gesetzt hätte. Dennoch mußte sie sich am folgenden Tage wieder auf den Weg machen.

Sie ging zu einer Putzmacherin, die viele junge Mäd­chen beschäftigte. Bei ihrem Eintritt ging ein Geflüster durch die Reihen der Arbeitenden. Eine machte die Andere aufmerksam und Alle betrachteten ihre Haartracht, ihre einfache Kleidung mit unverschämter Neugier.

Luise schoß das Blut ins Gesicht. Die Vorsteherin des Geschäftes kam ihr entgegen und fragte in kühlem Tone nach ihren Aufträgen.

„Ich wollte Sie bitten, mir Arbeit zu geben, gnädige Frau," flüsterte Luise ganz leise. „Vielleicht können Sie noch eine Gehülfin anstellen. Ich würde sehr fleißig sein und mich mit einem ganz kleinen Lohn begnügen."

(Fortsetzung folgt.)