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Marburg, Freitag, 24. September 1880.
XV. Mrgwg
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Znm fortschrittlichen Parteitag in Kassel schreibt das „Hess. Tgbl.": Der lange erwartete fortschrittliche Parteitag hat am vergangenen Sonntag stattgefunden. Leider war es unfern Mitbürgern nicht beschieden, das mit einigem Geräusch in Aussicht gestellte fortschrittliche Dreigestirn Löwe-Träger-Richter leuchten zu sehen, nur letzterem war eö Vorbehalten, die Ehre des Tages durch eine seiner berühmten Reden zu retten. Wenn Herr Richter sich anschickt, eine Parlamentsrede zu halten, pflegt bekanntlich der Reichskanzler den Saal zu verlassen, und er muß wohl dazu seine guten Gründe haben. Hier in Kassel drängt man sich, diesen Apostel des „Fortschritts" zu hören und ihm Beifall zu klatschen. Gerade wo Gedanken fehlen, stellt sich nicht nur das Wort, die Phrase, sondern auch der Applaus zur rechten Zeit sich ein; das zeigte auch die letzte (hoffentlich ist es die letzte) Richter'sche Rede recht evident. Das alte Sprichwort von den blinden Heffen scheint in der That nicht nur in sinnbildlichem Sinn eine gewisse Wahrheit zu haben. Denn wie wäre es sonst möglich, Politikern vom Schlage des Herrn Richter zuzujauchzen, deren ganzes Wissen und Können einzig und allein im Regieren und im Opponieren besteht. Herr Richter verwahrt sich zwar gegen den Vorwurf des Regierens, indem er sagt, die anscheinende Negation der Fortschrittspartei sei nur die Konsequenz ihrer früheren positiven Wirksamkeit; allein uns scheint der Sinn dieser etwas dunklen Worte nur der zu sein, daß die Fortschrittspartei neben anderen hohen Verdiensten auch das hat, die Quadratur des Zirkels erfunden zu haben. — Mit gerechte« Stolz spricht Herr Richter von den hiesigen fortschrittlichen
Verwaist.
Erzählung von Clara Waldheim.
(Fortsetzung.)
Es darf wohl nicht erst erwähnt werden, daß Luisens stolzes Herz unsäglich unter diesen Verhältnissen litt. Beim Direktor Klage zu führen, erlaubte ihr erstlich ihr Zartgefühl nicht, und dann hätte es auch wenig genützt — er war ja selbst ein Mann. — Oft, wenn sie aus dem wirren Treiben ihres Berufes eine einsame Stunde rettete, um ihren Gedanken nachzuhängen, überkam sie es wie brennende Neue über diesen Schritt, den sie in der Verwirrung des Schmerzes gethan hatte. — Schauspielerin sein, mit einem Wort einer Bewegung in die Herzen der Menschen zu greifen, eine ganze Reihe edler Empfindungen hervorzurufen, die schönsten Gedanken der Dichter hinauszustreuen in ein empfängliches Publikum — das dünkte sie einst ein so hoher, herrlicher Beruf. Sie schauderte, wenn sie an die Kehrseite des Bildes dachte, die sie kennen gelernt, nachdem sie einen Blick hinter die Couliffen geworfen hatte. Nur den Ablauf ihres halbjährigen Con- traktes wollte sie abwarten, um diesem Leben gute Nacht zu sagen, auf welches sie nie — das fühlte sic nur zu deutlich — ohne heiße Scham würde zurückblicken können.
Mit diesen Gedanken beschäftigt, trat sie eines Abends, von der Vorstellung kommend, wo sie in irgend einer Jakobsohnschen Poffe hatte mitwirken helfen, in ihr ärmliches Zimmer. Sie hatte in einer wenig lebhaften Straße Quartier genommen. Ihre Wirtin war eine gutinütige alte Frau, die ihrer Mieterin zu Gefallen that, was sie ihr an den Augen abseben konnte, auch ihren Mann be- ' redet hatte, sie jeden Abend, wo sie so spät nach Hause
Bestrebungen. Der Kaffcler Wahlsieg habe nicht nur auf die Fortschrittspartei einen erhebenden und ermunternden Eindruck gemacht. Er selbst könne die Wirkung desselben auf die anderen Parteien aus persönlicher Anschauung konstatieren. Diesem Wahlsieg sei auch der für die Fortschrittspartei glückliche Erfolg der Lübecker Wahl zu verdanken und auch in Hamburg, das bisher noch keinen erklärten Fortschrittler gehabt hätte, sei in der Organisation vorgegangen und dessen Wahlverein zähle bereits 3500 Mitglieder. Nun, es muß in der That jeden Heffen mit erhebendem Bewußtsein erfüllen, daß die Existenzbedingungen des lange ersehnten, endlich mit soviel Blut erkauften neuen deutschen Reichs, für dessen Gründung Hessen eines der schwersten Opfer, das der staatlichen Selbständigkeit brachte, untergrabenden Bestrebungen gerade in unserem engeren Vaterland einen solchen Stützpunkt finden müssen! Denn die Bestrebungen und Ziele der Fortschrittspartei sind, bewußt oder unbewußt, reichsfeindlich, insofern sie das Heil des Reiches auf Wegen suchen, die den realen, thatsächlichen Verhältnissen fern abliegen.
Es liegt nicht in unserer Absicht hier auf Einzelheiten der Richter'schen Rede, das bekannte Steuerthema, die konservativen Wahlen u. s. w. näher einzugehen, denn bekanntlich kann ein Richter in einem Athemzug mehr Fragen aufwerfen, als hundert Weise beantworten können und wir wollen hier keine Abhandlung schreiben. Wenn aber der hessische Parteitag am Schluß seiner ersten Resolution erklärt, er erwarte für die in seinem Sinne aufzustellenden Kandidaten „die kräftige Unterstützung aller derjenigen Hessen, welche ihrem angestammten Freiheitssinn entsprechend von gleichen oder verwandten Bestrebungen für das Wohl unseres deutschen Vaterlandes erfüllt sind", so möchten wir nur darauf Hinweisen, daß die Heffen neben dem angestammten Freiheitssinn denn doch auch einen angeborenen sehr praktischen Blick für das Leben und seine Verhältnisse haben. Ohne Zweifel wird sich dieser Blick auch in politischen Dingen noch bewähren und schärfen, um damit die wahren Propheten von den falschen unterscheiden zu können. Ohne Zweifel wird auch bei uns noch die Einsicht Bahn brechen, daß in der Politik der Fortschritt zur absoluten Freiheit der Güter höchstes nicht ist, der Uebel größtes aber — die Gedankenlosigkeit! Ein Uebel an welchem nicht nur der moderne Liberalismus im Allgemeinen sondern besonders diejenigen Parteien bedenklich erkrankt sind, welche auf der zum Abgrund führenden schiefen Ebene angelangt, dem Phantom einer deutschen Republik nachjagen. Und das ist ja doch, wenn man das Kind beim rechten Namen nennen will, das einzige Ziel der Fortschrittspartei!
Deutsches Reich.
Berlin, 22. September. Die heutige Nummer der Provinzial-Correspondenz ist der Versammlung der national
kommen mußte, abzuholen. Luise war ihr innig dankbar dafür, sie hatte sich jetzt soeben mit einigen erkenntlichen Worten von ihrem gutmütigen Begleiter verabschiedet und sich allein in ihr Stübchen zurückgezogen. Beim Eintritt in dasselbe drang ihr der frische Abendhauch und der süße Duft des Flieders durch die geöffneten Fenster entgegen. Luise fühlte sich dadurch angenehm berührt, denn sie empfand stets eine drückende Schwere im Kopf und ihre Stirn glühte wie im Fieber. Sie löste die schwarzen Flechten, daß sie wie ein dunkler Mantel sie umfluteten, dann ließ sie sich matt in einen Stuhl sinken. Luise hatte nie geglaubt, daß der Schauspielerberuf ein so ermüdender und abspannender sei; sie fühlte alle Glieder wie zerschlagen.
„Das kommt von dem wüsten, regellosen Leben, das man führen muß," sagte sie und löste das.Oberkleid.
Plötzlich hielt sie inne, ihre Pulse stockten.
Drüben hinter den Vorhängen des Alkovens, in welchem ihr Bett stand, war es ihr, als hätte sie sich Etwas bewegen sehen.
Jetzt öffneten sich die weißen Gardinen und ein Männer- antlitz schaute daraus hervor. Luise hielt sich, nicht wissend, ob sie wache oder träume, an der Lehne ihres Stuhles.
„Pst, pst, mein schönes Fräulein," flüsterte eine Stimme, „verraten Sie mich nicht — ich bitte Sie, machen Sie keine Bewegung." Er näherte sich ihr, durch die Dämmerung des Zimmers erkannte sie Alberts Züge.
„Was unterstehen Sie sich" — begann sie, mühsam nach Worten ringend. Er unterbrach sie.
„Ei nun, was schließlich wohl Jeder von uns wagt. Sehen Sie jetzt sind Sie von der Thüre abgesperrt — es in meiner Gewalt, diese Blume zu pflücken.
Er machte einen Versuch, den Arm um ihre Taille
liberalen Partei der Provinz Hannover gewidmet und bemerkt zu der Rede des Herrn v. Bennigsen, dieselbe beweise, daß der Führer der nationalliberalÄi Partei mit den vor acht Tagen gegebenen Ausführungen der Provinzial- Correspondenz sich in wesentlicher Uebereinstimmung befindet. Die Rede wird sodann in ihren hauptsächlichsten Punkten mitgeteilt, ebenso die Resolution, welche von der Versammlung angenommen wurde. Bei dieser Gelegenheit wendet sich das halbamtliche Blatt gegen die National- Zeitung, welche aus den vvrwöchentlichen Artikel der Provinzial-Korrespondenz polemisierend geantwortet hatte, daß konservativ und liberal Grundsätze seien, von denen der eine weichen muß, wo der andere sich geltend macht. Hierauf bemerkt die Provinzial-Correspondenz: „Bei den deutschen Parteiverhältniffen ist wenig Aussicht gegeben, daß eine der vorhandenen, sich immer noch weiter spaltenden Parteien in den großen Vertretungskörpern die Mehrheit für sich erlangen werde. Wenn also nicht einmal diejenigen Parteien zum positiven Zusammenwirken gelangen würden, welche darin einig sind, daß vor Allem der nationale Gedanke der Pflege und praktischen Sicherung in oer Fortbildung unserer Institutionen und Gesetze bedürfe, wie sollte dann eine positiv wirkende Mehrheit jemals zu Stande gebracht werden können? Die jetzt gebildete Gruppe, die sich noch keinen Namen gegeben, wird bei dem, laut ihres Programms verfolgten Streben, die Regierung in Abhängigkeit von den Parlamenten zu bringen, den Beistand aller Elemente der immerwährenden Opposition finden. Es ist nicht daran zu denken, aus dieser Opposition auch nur vorübergehend eine positiv arbeitende Majorität zu gewinnen. Wenn die National- Zeitung also nicht weiß, was die Auslassung der Provinzial-Correspondenz bezweckt hat, so möge wiederholt werden, was für andere Leser wohl deutlich genug gesagt war: daß die Provinzial-Correspondenz an die Pflicht der nationalen Konservativen und Liberalen erinnern wollte, ungeachtet ihrer Differenzen auf die Bildung einer positiv arbeitenden Majorität Bedacht zu nehmen. Diese Erinnerung ist durch die allseitig zugestandene Thatsache gerechtfertigt, daß für die Bildung einer solchen Majorität aus anderen Elementen keine Aussicht vorhanden ist. — In der gestern stattgefundenen außerordentlichen Generalversammlung der „Deutschen Seehandelsgesellschaft in Liquidation" sind die Liquidatoren ermächtigt worden, ein Abkommen dahin zu treffen, daß die Deutsche Seehandelsgesellschaft für ihre Forderung von 1,200,000 M. an die Deutsche Handels- und Plantagengesellschaft der Südsee- Jnseln zu Hamburg Partial-Obligationen dieser letzteren vorher zu rekonstruierenden Gesellschaft in Zahlung empfange und diese Obligationen demnächst an die einzelnen Aktionäre der Deutschen Seehandelsgesellschaft naturaliter verteile. Diese Obligationen sollen mit mindestens 5 zu legen. Sie stieß einen gellenden Angstschrei aus und drängte ihn mit unbeschreiblichem Ekel und Entsetzen von sich fort.
„Hölle und Teufel! Schweigen Sie!" zischte er mit dem Fuße stampfend. „Wollen Sie das ganze Haus in Allarm bringen, damit man uns hier zusammen überrascht. Und was hindert mich, mir wenigstens einen Kuß zu nehmen, um mich vor Ringwaldt rühmen zu können? Ehe die ehrsamen Spießbürger hier sind, bin ich längst durchs Fenster entwischt."
, Er hatte sich ihr noch mehr genähert und streckte die Hände nach ihr aus. Sie war bis ans Fenster zurückgewichen und suchte in namenloser Angst ihn mit beiden Händen zurückzuhalten. Sie wollte sich zur Bitte demütigen, wenn es nicht anders ging. Ihre großen weitgeöffneten Augen blickten ihn flehend an, ein unendlich rührender, schmerzlicher Zug glitt über ihr Gesicht. Unten im Hause regte man sich.
„Weiß der Teufel, was es mit Ihnen ist," sprach er zurückwcichend. „Ich möchte jetzt nicht — glücklich sein, wenn auch das ganze Haus im tiefsten Schlaf läge."
Er schwang sich auf das Fensterbrett. „Leben Sie denn wohl" rief er, „und wenn Sie sich je dieser Stunde erinnern, so gedenken Sie auch, daß ich kein verworfener Mensch gewesen. Ich beging einst bessere Handlungen als die heutige. Gute Nacht!"
Er war verschwunden. Die Wirtin des Hauses und ihr Mann stürzten halb angekleidet und atemlos in das Zimmer.
„Was fehlt Ihnen, Fräulein, Luise? Sie riefen um Hilfe? Was gibt's? rief die gute Frau.