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JRaröurg, Donnerstag, 23. September 1880.
XV. Fohrgliiig
Anzeigen nimmt emgegen: dir Expedition d.vlatte», sowie d-Annoncen-Bureaur von Th, Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein L Voller in
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Frankfurt «• M., Benin. Leipzig, Cöln rc.; Rudolf Bloße in Berlin. Frank'
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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte» sowie d-ünnoncen-Bureaur von @. L- Daube & Co. in
♦ da eidp; Jnvanoi Berlin; W- Th Elberfeld: 6. 6< Bremen-
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Mtuisterwechsel in Paris.
Die wenn auch nicht so bald erwartete Verschiebung des französischen Ministeriums nach links vollzieht sich dermalen. Das Ministerium Freycinet ist gestürzt und Gambetta hü gesiegt; das neue Ministerium wird nach seinem Wunsche eingerichtet. Jules Ferry, der bisherige Kultusminister, welcher den Kampf gegen die Kirche ins Leben gerufen hat, ist mit der Bildung des neuen Ministeriums beauftragt. Aus der ganzen KrisiS ist ersichtlich, daß Gambetta mit fester Entschiedenheit auf sein Ziel los geht. Seitdem Freycinet in Montauban ihm entgegenge- treten war, waren die Tage Frcycinets gezählt. Der Gegensatz bezieht sich auf die Kirchenpolitik und die auswärtige Politik. Nach beiden Seilen hin scheint Gambetta Eile zu haben. Er will keinen Aufschub in der Ausführung der Revolutionsdekrete gegen die Kirche — und ihm scheint es auch mit der Revanche zu pressieren. — Der Verlauf der Krisis war folgender: Am 16. und 17. beriet der Ministerrat über die Frage, ob Grund vorhanden sei, in der Ausführung der Märzdekrete fortzufahren, und wenn dies, unter welcher Form und zu welcher Zeit dies geschehen solle.
Der Gambettist Constans (Minister des Innern) sprach sich entschieden für sofortige Ausführung der Märzdekrete aus Freycinet wollte die Ausführung noch aufgefchoben haben und wurde darin von Varroy und Jaureguiberry sowie von Grevy unterstützt. Grevy verlangte, daß erst das Tribunal für Konflikte sich aussprecheu solle. Constans dagegen verlangte sofortige Ausführung der Dekrete, wenigstens gegen eine der Kongregationen, um der öffentlichen
Verwaist.
Erzählung von Clara Waldheim.
-Fortsetzung.)
„Er ist nicht mehr hier? fragte Luise mit einem schwachen Gefühl der Erleichterung, indem sie ins Zimmer traten.
„Nein, es dauerte ihm zu lange," entgegnete Lina errötend. „Aber mein Gott, wie siehst Du denn aus, Luise? Du bist leichenblaß, und wie kalt Deine Hände stndl"
Mir ist nicht wohl," sprach sie ausweichend, „aber komm, laß uns zu Bett gehen, wenn Du morgen abreisen willst, mußt Du ja früher aufstehen."
Sie fetzte sich ans Lager der jüngeren Schwester, bis diese einschlief; aber auch dann suchte sie nicht die Ruhe auf, sondern saß, die gefältelten Hände auf den Knieen liegend, vorgebeugt und den starren Blick vor sich hingerichtet, unbeweglich die ganze Nacht.
Als der Morgen durch die Fenster schimmerte, erhob sie sich.
„Ich liebe ihn nicht mehr!" sagte sie, daS verwirrte Haar von der Stirn streichend. Sie hatte diese Worte oft gesprochen in den letzten Monaten, aber nie so gleichgültig und entschieden wie heute.
Sie trat vor das Lager der Schwester. Wie ein schlafender Engel lag Lina da, das rosige Gesichtchen von unzähligen blonden Ringeln umgeben, die langen, goldig schimmernden Wimpern über die Augen gesenkt.
„DaS ist Schönheit! sprach Luise vor sich hin. „Ich wußte es immer, daß ich nicht schön sei, mich kann Niemand lieben."
Lina schlug die Augen auf. „Du bist ja schon angekleidet, Luise? Habe ich mich verspätet?" rief sie erschreckt.
Meinung eine Genugthuung zu geben. Man steht, diese Gambettisten stehen ganz auf dem Boden der Revolution; die öffentliche Meinung, welche sie selbst repräsentieren, ist ihnen alles, das Recht muß hinter derselben zurücktreten. Schließlich stimmte Constans, wenn auch bedingungsweise, dem Aufschub der Ausführung zu und nach de« „Temps", dem Organ Frcycinets, wurde vom Ministerrat beschlossen, den Kompetenzhof, defsen Entscheidung nur die Art und Weise der Ausführung der Dekrete betrifft, unverzüglich einzuberufen; zuvor aber im Amtsblatt zu erklären, daß die Entscheidung deS Gerichtshofes, wie sie auch auöfalle, die Durchführung des Dekrets nicht hemmen werde. Es sei sodann über den Punkt verhandelt worden, was zu thun sei, wenn dieses Tribunal die Frage in anderer Weise als die Regierung geregelt wissen wolle. An demselben Abende hatte Constans noch eine Unterredung mit Gambetta und früh am Morgen (6 Uhr) des 18., reichte er bereits sein Entlassungsgesuch ein. Dasselbe that der Justizminister Cazot. Beide erschienen bereits nicht mehr zu dem Ministerrat, welcher um 9 Uhr stattfand und nach demselben reichte auch der Kriegsminister Farre seine Entlassung ein; desgleichen der Unterstaatssekretär deS Justizministeriums Martin Fouilli und der des Ministeriums deS Innern, TellisreS. Infolge dessen wurde auf Sonnabend, nachmittags 3 Uhr, abermals ein Ministerrat unter dem Vorsitz von Grevy einberufen, an welchem auch die zurückgetretenen Minister teilnahmen. In dieser Sitzung wurde ein Einverständnis erzielt. Der Ministerrat genehmigte, wie der „Sotr" meldet, den Antrag Constans-Ferry, daß ein an die Bischöfe zu richtendes, sofort im Amtsblatt erscheinendes Cirkular die Kongregationen zum letzten Mal auffordere, die staatliche Genehmigung nachzusuchen. Dieses an die drei Erzbischöfe, welche die Erklärung der Kongregationen eingereicht Hatten, gerichtete Schreiben erschien Sonntags im „Journal officiel", in welchem Constans erklärte, die Regierung nehme gern Akt von dem von den Kongregationen kundgegebenen Beschlüsse, jede Solidarität mit den politischen Parteien und deren Leidenschaften zurückzuweisen. Bezüglich der von den Kongregationen ausgesprochenen Erwartung, daß die Regierung ihnen gestatten werde, ihre Thätigkeit fortzusetzen, weist der Minister auf das Dekret vom 29. März e. hin, welches gerade den Zweck habe, dem Zustande bloßer Duldung, dessen Beibehaltung die Kongregationen verlangen, ein Ende zu machen und dafür die Gleichheit wiederherzustellen.
Dieser Beschluß der Regierung war eine Niederlage Freycinet«; denn derselbe hatte, wie aus katholischen Blättern hervorgeht, durch den Gesandten in Rom offenbar Verpflichtungen übernommen, nach welchen es den Congre- gationen möglich sein würde, nach der von ihnen abgegebenen Erklärung, daß sie sich von aller Politik fern halten werden, sortzubestehen. Die „Aurora" spricht daS
geradezu aus, daß Freycinet solche Verpflichtungen übernommen habe und daß die Erklärung der Orden mit seinem Vorwissen erlassen worden sei. Gegenüber diesen Verpflichtungen und den neuen Beschlüssen deS Minister- 'rats war Freycinets Stellung unhaltbar geworden. Er verfällt dem Schicksal aller Opportunisten. Das Prinzip welchem er in den März-Dekreten zugestimmt, zieht feine Konsequenz und stürzt seine hinterher ergriffenen Maßregeln, mit welchem er diese Konsequenz abzuwehren gedachte, über den Haufen und Freycinet muß mit fallen. Er hat Sonntag Vormittag seine Entlassung eingereicht und Grevy hat dieselbe angenommen. Als Grund dafür wurden „Meinungsverschiedenheiten über die Ausführung der Dekrete" angegeben. Damit ist denn dir am Sonnabend verkleisterte Ministerkristö von neuem ausgebrochen. Die Gambettisten werden im Ministerium bleiben und Freycinet muß weichen, damit ist der Sieg Gambetta'S besiegelt. Wahrhaft komisch und wie Ironie klingt es, wenn in allen Depeschen Grövy gleichsam mit der Reisetasche in der Hand dargestellt wird, der dieselbe nur wiederholt noch eine Weile in die Ecke stellt, um die immer aufs neueste auftauchenden Krisen zu begleichen. Da drängt sich einem unwillkürlich die Frage auf: Wann wird Herr Grevy wirklich abreisen, wie lange wird er überhaupt noch im Prästdentschaftöpalaste residieren? Diese französische Regierung ist noch daS reinste Puppentheater. Gambetta steht hinter den Coulissen und hat alle Drähte in der Hand, mit denen er die vor dem Publikum agierenden Ministerpuppen dirigiert, und welche nicht pariert, die läßt er mit einem kleinen Ruck der Hand fallen, und Grevy spielt die Rolle der Coulisse, welche schweigend den wahren Acteur verbirgt. Von dem Willen des letzteren hängt es ab, wenn er es für angezeigt findet, die Coulisse bei feite zu schieben und sich auf offener Bühne dem Publikum zu zeigen, als daS was er ist; als der eigentliche Regent von Frankreich. Wann er dksen Zeitpunkt für gekommen hält, das läßt sich nicht bestimmen; dazu wäre nötig, daß man sehen könnte, was alles hinter den Coulissen vor sich geht. Nur soviel ist sicher, daß dieser Zeitpunkt immer näher rückt und er wird jedenfalls dann gekommen sein, wenn das ganze Ministerium und alle diplomatischen stellen mit seinen Kreaturen besetzt sind. Und biö dahin ist eS ja nicht mehr weit. Durch die jetzige Ministerkrists wird das Ziel erreicht werden. Grevy gräbt sich mit der Berufung dieses Ministeriums selbst das Grab: er wird umfallen, wie ein Baum, dem die Wurzeln durchgehauen sind. — Gambetta wird sich dann ohne Geräusch an seine Stelle setzen und der Name Gambetta'S bedeutet Kampf bis aufs Messer gegen die Kirche, Verweltlichung deS Staats- und Volkslebens — und Revanche gegen Deutschland! Damit ist zugleich die Ausgabe der deutschen Politik gegeben.
Die Schwester beruhigte sie, aber es war Zeit, sich zur Abreise fertig zu machen. Lina ging nicht so munter wie sonst an ihre Toilette, sie blieb ungewöhnlich ernst, und Luise bemerkte wie sie hin und wieder eine Thräne zerdrückte.
Werner erschien nicht als Luise die Schwester zum Bahnhof begleitete; Luise wußte warum. Sie umarmte die Schwester, die unter heißen Thränen von ihr Abschied nahm und kehrte daun so nachlässig stolzen Schrittes wie immer in die Stadt zurück.
Vor einem großen Hotel in bet belebtesten Straße hielt sie an. Sie zögerte einen Augenblick, ehe sie eintrat, dann jedoch ging sie fest und sicher die Stiege hinauf. Sie ließ sich einem ältlichen Herrn melden, der sie mit ausgesuchter Höflichkeit empfing. Es war der Direktor der hiesigen Theatergesellschaft.
„Sie verlassen noch heute diese Stadt, um mit Ihrer Truppe anderorts Vorstellungen zu geben? begann Luise.
„So ist es, mein Fräulein. Darf ich fragen, was Sie von mir wünschen?"
„Daß Sie mich prüfen und, falls dies möglich, engagieren," entgegnete sie gepreßt, in der Absicht, diese peinliche Situation so bald wie möglich zu beenden.
„Verstehe ich recht, mein Fräulein?" fragte er, ihre hohe Gestalt und ihren edlen Anstand mit Kenneraugen prüfend, „Sie wollen Schauspielerin werden?"
„Ja, wenn meine Fähigkeiten mich dazu berechtigen," war ihre Antwort.
Er nahm einige Bücher vom Schreibtisch. Sie mußte den Prolog der „Jungfrau von Orleans" und die Rolle der Portia aus „Julius Cäsar" vortragen. Der Direktor unterbrach sie mit keinem Wort.
„Wil wollen sehen," sprach er als sie geendet, „vielleicht eignen Sie sich mit der Zeit zu ähnlichen Heldenrollen — jetzt freilich geht es zum Sommer, da reifen wir beständig von Ort zu Ort, es werden schwerlich viele der größeren Stücke gegeben werden — da müßten Sie sich schon mit Nebenrollen und mit solchen, die Ihrem Talent vielleicht weniger geeignet wären, begnügen. Die Gage wäre natürlich dem angemessen. Sind Sie zufrieden?"
Sie war eö zufrieden, sie schloß den Contrakt ab. Dann ging sie nach Hause, schrieb mit fester Hand einen Brief an Werner und einen an Sina, ohne jedoch ihres neugefaßten Entschlusses zu erwähnen, packte ihre Sachen ein und kehrte in das Hotel zurück. Der Direktor stellte sie den übrigen Mitgliedern der Gesellschaft vor. Die Nachricht von ihrem Engagement war durch die beiden Töchter des Direktors, die naive und sentimentale Liebhaberin, bereits verbreitet, und alle sahen ihr mit Spannung entgegen. Die Damen waren beim Anblick der neuen Nebenbuhlerin, die sich durch so unleugbare Eleganz und Schönheit auszeichnete, nichts weniger als angenehm überrascht; desto collegialer und vertraulicher jedoch zeigten sich die männlichen Schauspieler. — Luise wälzte stchs wie ein Alpdruck auf die Brust, sich plötzlich unter so vielen lärmenden Menschen zu sehen, von denen Einige von nur zu zweideutigem Aussehen waren und die sie alle mit unverhohlener Neugierde betrachteten. Das Blut schoß ihr in die Wangen, als der zweite Liebhaber mit der zutraulichsten Galanterie sich ihres Koffers bemächtigte, um, wie er sich ausdrückte, die neue Collegin sich gleich von seiner Dienstwilligkeit zu überzeugen. Er war einrhübscher, noch sehr junger Mensch, dem selbst die Blatternarben und eine ziemlich breite Schmarre auf der Stirn nicht übelftanben, fiberble« ein nnentbehr-