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Nr. 221

Marburg, Sonntag, 19. September 1880.

XV. Jahrgang

ObkWHt jritmig

Anzeigen nimmt rmgegen: die Expedition d.vlatteö, sowie d-Annoncen-Bureaux von Th, Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Bögler in Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig, Sölu re.; Rudolf Mffr iu Berlin, Frank­furt a. $t. re.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d.vlattes sowie d-Annoncen-Bureauk von G- L- Daube & Co. in Frankfurt a- M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendank iu Berlin; W. ThteneS in Elberfeld; ». Schlotte iu Bremen-

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJRuftrtrteS Tonntagüblatt" durch die Expedition (K och'fche Buchdruckerei) bezogen 3k Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 3 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr). JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Psg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 35 Pfg. berechnet.

Die Sozialdemokratie.

Der Congreß deutscher Sozialdemokraten, welcher kürzlich in Zürich tagte, hat ein Manifest andie Bruderparteien und Vereinigungen von Gesinnungsgenossen aller Länder, welche an den jüngsten Kongreß der deutschen Sozialde­mokratie Bcgrüßungs- und Zustimmungsadressen gerichtet haben," erlassen. Das Blatt ging uns gestern aus Zürich, cingewickelt in eine Nummer einer berliner volkswirtschaft- schaftlichen Korrespondenz unter Kreuzband zu. Dieses Blatt enthält einen kurzen Rückblick auf den Kongreß. Dasselbe teilt mit, der Congreß habe die durch das Sozia­listengesetz, die Maßnahmen der Polizei und eine Hand voll Abtrünniger und Unzuverlässiger gestörte Parteior­ganisation neu geordnel und gekräftigt. In Bezug auf die Streichung des Ausdrucksgesetzlicher Weg" aus dem Gothaer Programm heißt es wörtlich:

Angesichts dieser Thatsachen konnte der Entscheid der Vertreter der Partei nicht zweifelhaft sein. Ihrer Pflicht und dem Willen ihrer Auftraggeber getreu entschieden sie für energische Wiederaufnahme der aktiven Parteithätigkeit auf allen Gebieten. Und da dieselbe unter dem heutigen Willkürsystemungesetzlich" ist und um auf die von unfern Unterdrückern gegen uns geschleuderte schamlose Acht- und Rechtsloserklärung die entsprechende Antwort zu geben, hat der Congreß aus dem Gothaer Programm die Stelle, welche davon spricht, daß wir unsere Ziele,mit allen gesetzlichen Mitteln" verfolgen, einstimmig gestrichen.

Nicht zwar, als ob durch diesen Beschluß in der Partei eine neue, von der alten abweichende Lehre eingeführt wMde. Denn die erdrückende Mehrzahl der deutschen Sozialdemokraten hat sich niemals dem Wahn hingcgeben, daß sie ihre Grundsätze in aller Friedlichkeit auf dem rein gesetzlichen" Wege würde durchsetzen können, d. h. daß die bevorrechteten Klassen freiwillig und ohne Zwang ihre be­vorrechtete Stellung aufgeben würden. Wir haben viel­mehr jenen Satz in dem Sinne verstanden, daß wir einer­seits für Anwendung aller vorhandenen gesetzlichen Mittel und, wenn auch noch so kleinenRechte" zur Förderung unserer Zwecke, d. h. gegen jede politische Abstention als ein ungeschicktes Beiseitewerfen brauchbarer Waffen sind; und daß wir anderseits zu einer friedlichen,gesetz­lichen" Lösung der sozialen Frage durch Unterhandlung zwischen den beiden einander entgegensteheuden Klaffen und dadurch ermöglichte allmähliche, organische Entwicklung bereit sind, weil wir unseren Lehrern die Kraft zutrauen, auch bei nur einiger Bewegungsfreiheit im geistigen Kampf den Sieg zu erringen. Daran aber, daß wir, wenn uns die herrschenden Klassen jedengesetzlichen Weg abschneiden, deshalb auf die Durchführung unferer Grundsätze verzichten würden, daran hat noch kein deutscher Sozialdzmokrat je gedacht, und es galt von je als

Verwaist.

Erzählung von Clara Waldheim.

(Fortsetzung)

Luise blickte dann auf die schlichte Umgebung ihres Zimmerchenö und lächelte. Wenn die Vergangenheit nicht gewesen wäre, wie zufrieden könnte sie jetzt leben! Aber immer wieder trat die Erinnerung wie ein höhnisch lächelndes Gespenst vor sie hin. Dann kam auch wohl manchmal die Frage über sie, ob sie nicht zu übereilt gehandelt, ob sie augenblicklich der Wallung ihres verletzten' Gefühls folgte, ohne Werner zur Verantwortu'g zu fordern.Und wenn er mich nun doch liebte?" fragte sie sich.Wenn es Lüge gewesen wäre? aber nein, diese stolze Frau kann nicht lügen, und sie kannte die Menschen. Wenn er mich wirklich liebte, so würde er nicht von mir gelassen haben, er würde mich aufsuchen aber er hat ein leichtsinniges Spiel mit mir getrieben, er ist ehrlos--ich liebe ihn

nicht mehr!"

Der Winter nahm einen stürmischen Abschied, nur Schritt für Schritt überließ er seinem Gegner das lange behauptete Terrain. Luise stand am Fenster und schaute dem Kampfe in der Natur zu. Sie hatte es gern, wenn es draußen so stürmte und regnete, eS schien ihr, als könne sie keine Freude haben am kommenden Frühling, als müsse es sie nur verdrießen, wenn wieder die Sonne schiene und fröhliche Menschen die Straße erfüllten, wenn die Vögel jubelten und die Rosen erbtüten die Rosen, die gelben Rosen, wie prächtig sie im dunklen Haar standen

Sie preßte die Hand vor die Stirn.

Es ist Thorheit, Thorhcit»" rief sie aus, daß ich so schwer vergessen kann! Und doch, ich will nicht daran denken, ich liebe ihn ja nicht mehr."

selbstverständlich, daß uns in diesem nach den Er­fahrungen der Geschichte vorraussichtlichen Fall jedes Mittel recht sein müsse. Will es nicht biegen von oben herab, so muß cs brechen von unten hinauf!

Auf revolutionäre Putsche will sich die Partei nicht einlassen, dagegen erklärt sie für die erste Pflicht jedes ächten Revolutionärs"durch Ausbreitung ihrer Grund- fätze im Volke und immer weitergreifende Hereinziehung desselben in die sozialdemokratische Bewegung, stramme, einheitliche Organisation, Schwächung der Gegner, kluge Taktik die kommende welterfchütternde Umwälzung samt deren gewaltsamer AeußerungSform mit allen Kräften vorzubereiten." Als hervorragendes Agitationsmittel wer­den die Land- und Reichstags-, sowie die Gemeindewahlen bezeichnet. Als offizielles Preßorgan wird derSozial­demokrat" in Zürich bezeichnet. Zur Erhaltung des Ver­kehrs mit den Sozialdemokraten anderer Länder und den Deutschen in der Diaspora ist eineauswärtige Verkehrs­stelle errichtet worden, an deren Spitze ein Herr Walther steht, der auch dies Manifest unterzeichnet hat."

Schließlich wird die Zustimmung des Kongresses zu dem sozialistischen Weltkongreß ausgesprochen. Das Blatt schließt mit einemHoch auf den internationalen Sozia­lismus."

DieMagdeb. Ztg.", welcher das Blatt ebenfalls zu­gegangen ist, bemerkt dazu:Auch dieses Manifest könnte uns wohl lehren, daß das deutsche Bürgertum alle Veran­lassung hat fest zusammen zu halten." Wir halten es nicht für einen guten Rat, wenn hier dem Bürgertum oder der Bourgeoisie als solcher, geraten wird, sich ohne das Arbeitertum zusammenzuschließen. Wenn das Bürger­tum das thäte, so würde eS die Arbeiter erst recht sämtlich in die Arme der Sozialdemokratie treiben. Der soziale Klasscnkrieg wäre damit förmlich erklärt. Nein, wir müssen der Agitation der Sozialdemokratie gegenüber immer wieder betonen: Wir kennen keine solche Klassengegensätze zwischen Arbeitern und Bürgertum, wir kennen nur einen Volks­körper, in welchem es mannichfache Glieder giebt, von denen jedes in besonderer Weise gepflegt werden muß, deren Wohl aber hauptsächlich von der Gesundheit des Gesammt- körpers abhängt. Nicht feindliche Abschließung des Bürger­tums gegen das von der sozialdemokratischen Agitation durchwühlte Arbeitertum, sondern strenges Festhalten an der Einheitlichkeit des Volkskörpers und gerechte Pflege der Interessen aller Volksglieder und Stände also auch des Arbeiterstandes. Und daß in dieser Beziehung noch vieles geschehen muß, ist unleugbar. Damit, daß man das libe­rale Bürgertum zur Verteidigung des alten Manchestertums aufruft, ist wahrlich der Aufgabe der Zeit nicht genügt. Wir hoffen, daß der Reichskanzler als preußischer Handels­minister, als welcher er die soziale und wirtschaftliche Ge­setzgebung im Reiche vorzubereiten hat, in dieser Beziehung

Es klopfte an der Thür.

Eine hohe Männergestalt trat herein, das Haar vom Sturm zersaust, die Kleider vom Regen durchnäßt. Luise stützte sich auf das Fensterbrett, denn sie fühlte alles Blut nach dem Herzen weichen.

Er streckte beide Hände nach ihr aus.

Da bist Du endlich, Luise, wie lange habe ich Dich gesucht l"

Sie bewegte sich noch immer nicht. Starr haftete ihr großes dunkles Auge auf seinem jugendlich schönen Antlitz.

Luise, meine Luise, erkennst Du mich nicht?" Habe ich nicht tausend qualvolle Stunden verlebt, habe ich darum unablässig nach Dir geforscht, um nun, wo ich endlich wieder Dich ans Herz zu schließen hoffe, so empfangen zu werden.

Er hatte sie gesucht, er hatte ihretwillen gelitten, er liebte sie noch! Vergessen waren ihre Vorsätze und bittern Entschlüsse, sie lag in seinen Armen und barg ihr Haupt an feiner Brust.

O, wenn Du wüßtest, meine Geliebte, wie schmerzlich ich Dich vermißt, wie oft ich nach meinen vergeblichen Be­mühungen, Dich aufzufinden, schon auf dem Punkte stand, Dich der Liebsosigkeit^anzuklagen aber nun sage mir, warum Du mir nicht die mindeste Nachricht von deinem Verbleiben zukommen ließest?"

O, Kurt!" sagte sie und hob ihr erglühtes Gesicht nicht empor.

Wenn ich nur wüßte, welche Mittel sie angewandt haben, dich zu verscheuchen. Eigenmächtig .genug werden sie schon gewesen sein, das sehe ich an den Zumutungen, die man an mich zu stellen wagte. Wie, du weißt davon? Ach, nun geht mir ein Licht auf 1"

das thun wird, was die Zeitlage gebieterisch verlangt. Daß man mit der liberalen Manchesterweisheit die sozialen Ver­hältnisse nicht ordnen kann, weiß jetzt alle Welt. Daß aber die seit Einführung der Maschinen in Desorganisation versetzte, ihrer alten Ordnungen beraubte Handwerker- und Arbeiterwelt einer neuen, den neuen Verhältnissen ange­messenen Organisation dringend bedarf, ist ebenso gewiß.

(R.-B.)

Deutsches Reich.

Berlin, 17. Septbr. DieNordd. Allg. Ztg." be­zeichnet die derEffener Volkszeitung entstammende Mit­teilung, daß einige größere Zechen übereingekommen seien, ihre Sendungen vorzugsweise der Bergisch-Märkischen Eisenbahn, und nicht den königlichen Bahnen zu überweisen, damit erstere konkurrenzfähig bleibe und somit auch hier der dort eingeführte niedrige Tarifsatz bestehen, als ihrem ganzen Inhalte nach jeden thatsächlichen Anhaltes ent­behrend. Dasselbe Blatt weist darauf hin, daß das Auftreten des Statthalters v. Manteuffel in den Reichs­landen kräftige, mit tüchtigen Argumenten ausgestattete Verteidiger gefunden habe, der bezügliche Streit jetzt auf­höre. Wenn die deutsche Presse über die richtige Behand­lung der Reichslande einen heftig erbitterten Streit in dem Augenblicke führe, wo viele Umstände den Franzosen die Erwägung nahelegten, ob sie aufhören sollten, die Wiedereroberung des Landes zum Angelpunkt ihrer Politik zu machen, so sei leicht zu begreifen, wie schlecht die deutsche Presse mit jenen Erörterungen dem Interesse Deutschlands und des allgemeinen Friedens diene. Der Kultusmi­nister hatte, wie bereits seinerzeit kurz erwähnt wurde unterm 31. Juli d. I. mit Bezug auf die Feier des Reformations­festes in höheren Unterrichtsanstalten, Seminaren und Präparandenaustalten eine Verfügung an die Provinzial- Schulkollegien erlassen. Diese Verfügung ist jetzt, unterm 9. September, auch den Provinzial-Regierungen u. s. w. mitgeteilt worden, mit der Anweisung, auch bezüglich der Volksschulen mit Rücksicht auf die besonderen Verhältnisse derselben entsprechende Anordnung zu treffen. Die Ver­fügung hat folgenden Wortlaut:Aus den von den Kgl. Piovinzial-Schulkollegien auf meine Zirkular-Verfügung vom 22. Juli v. I. erstatteten Berichte habe ich mit Be­friedigung ersehen, daß an denjenigen höheren Schulen, deren Schüler ausschließlich oder überwiegend dem evange­lischen Bekenntnisse angehören, sowie an den evangelischen Seminaren und Präparandenaustalten ohne besondere da­rüber getroffene Anordnung die gute Gewohnheit besteht, an dem Gedenktage der kirchlichen Reformation nicht schweigend vorüberzugehen, sondern in der Zeit des Festes den Schülern zu ihrer religiösen Erbauung die hohe Be­deutung desselben nahe zu legen. Die Verschiedenheit der Form, in welcher dies ausgeführt wird, an einzelnen An-

So ist es nicht wahr, Kurt?" fragte sie, schüchtern zu ihm emporblickend.

Laß unö aufrichtig sein," erwiderte er und zog sie neben sich auf einen Stuhl nieder. Wahr istF, daß bei der ersten Zeit meines Daseins die verwünschte Coquette mich in ihr Netz zog. Ich weiß, das Herz meiner Luise ist Über kleinliche Eifersucht erhaben, darum bin ich so offen. Du darfst indessen nicht glauben, daß ich weit genug gegangen wäre, mir Verpflichtungen aufzubürden. Amaliens Character, ja, schon ihr äußeres Benehmen, muß ja auf die Dauer Jeden abstoßen. Da sah ich dich, so rein und stolz und edel wie eine Königin und so viel tausendmal noch schöner als jene o meine Luise, was soll ich noch weiter sagen, ich war dein vom ersten Augenblick an, und nun wollen wir uns nie wieder trennen."

Sie antwortete nicht, sie erwiderte nur warm seinen Händedruck, dann fuhr er fort.

Erft vor wenigen Tagen erfuhr ich ganz zufällig deinen Aufenthaltsort durch eine Dame unserer Bekanntschaft, die dich hier gesehen, und nun eilte ich her, um dich heimzuführen in das Haus meiner Eltern.Willst du mir folgen ?" Er hielt ihre Hände fest in den seinen und schaute ihr flehend ins Auge.

Zu deinen Eltern!" rief sie zusammenzuckend,und was werden sie zu dem armen verachteten Mädchen sagen, das sich anmaßen will, deine Braut zu sein?"

Sie werden es als ihre liebe Tochter willkommen heißen," entgegnete er herzlich. Ich habe sie mit deinem Schicksal, so weit cs mir bekannt war, unterrichtet, und sie werden sich freuen, dich in ihre Arme schließen zu dürfen.

(Fortsetzung folgt.)