Nr. 2260.
Marburg, Sonnabend, 18. September 1880.
XV. MrgOg
Anzeigen nimmt entgegen; die Expedition d.Blatte», sowie d-Annoncen-Bureaux von Th, Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.Vl.; Haasenftrin & Bögler in Kranifurt a. M., Berlin, r.-epzig, Löln ic.; Rudolf -EJCaSe in N-!klin, Frank- fi-.ri a. M- ic.
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daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. LhieneS in «lberfeld: 6. Schlotte in
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition b. Blatte» sowie d. Annoncen-Bureauk von G L-Daube L Co. in
-Lei heia: täglich außer an ben Werktagen nach Zonn> un« Feiertagen- Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen Beilage ,,3la#tirte6 EountagSblatt durch die Expedltlon (Ä och sche Buchdruckerei) bezogen Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (efd. Bestellgebühr). — JnsertlonSgebühr für bte gespaltene Zeile 10 Pfg.
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Reisewagen.
Verwaist.
Erzählung von Clara Waldheim.
(Fortsetzung)
Sie errötete doch bei diesen Worten deren Wahrheit sic nur voraussetzte und die eben so leicht eine Lüge sein
LetttschrS Reich.
Berlin, 16. Septbr. Die auf den 17. d. angesetzte Sitzung des Curatoriumö der Reichsbank, ist lediglich durch die Bestimmung des § 25 des Bankgesetzes veranlaßt, wonach das Curatorium sich vierteljährlich ^einmal versammeln soll. Die Gerüchte, welcher dieser Sitzung eilte erhöhte Bedeutung beilegen, entbehren jeder Begründung. — Aus Apothekerkreisen war dem Bundesrare ein Gesuch um Erlaß gesetzlicher Vorschriften zur einheitlichen Regelung bei Abgaben von Arzneien zugegangen. Dasselbe ist mit dem Bemerken abgelehnr worden, daß der Bundesrat keine Veranlassung habe, dem Gegenstände zur Zeit naher zu treten. — Hinsichtlich der Vertretung eines erkrankten Lehrers an den staatliche Bedürfniszuschüsse erhaltenden höheren Lehranstalten hat der Unterrichtsminister bestimnit, daß zur Annahme eines Hülfslehrers bei Er- krankungsfätten definitiv angestellter Lehrer, wenn es sich dabei um Bezahlung handelt, in der Regel zur vollen Maximalzahl der Pflichtstunden herangezogen sind und es nach Lage der Verhältnisse durchaus unthunlich ist, ihnen noch über diese Zahl hinaus die nicht zu deckenden Unterrichtsstunden des Erkrankten vorübergehens zuzuteilen. Auf die Beobachtung dieser Vorschrift soll ein genaues Augenmerk gerichtet werden, und wenn durch die vorübergehende Annahme eines HülfslehrerS ein Defizit voraussichtlich nicht zu vermeiden ist, hat das betreffende Provin- ziat-Schulkollegium sich zunächst des Ministers Bereitwilligkeit zur eventuellen Ueberweisung der Deckungsmittel zu vergewissern. — Mit der hiesigen technischen Hochschule ist eine k. Prüfungsstation für Baumaterialien verbunden, welche die Aufgabe hat, „Prüfungen in Bezug auf Festigkeit und sonstige Eigenschaft der Baumaterialien auf Grund von Aufträgen der Behörden und Privaten auszuführen und Versuche im allgemein -wissenschaftlichen und öffentlichen Interesse anzustellen." An der Spitze stehl ein vom Unterrichtsminister ernannter Vorsteher, an welchen alle von Privaten ausgehenden Aufträge unmittelbar zu richten sind. Durch Schauversuche wird die Station auch den Studierenden der Hochschule nutzbar gemacht, auch können andere Personen, besonders Fachgenossen, zur Besichtigung zugelassen werden. „Der Vorsteher hat das Dienstgeheimnis zu wahren und darf weder mündlich noch fchristlich über die angestellten Prüfungen und ihre Resultate Unberufenen Mitteilung machen."
— Die erste rettende Thal ist vollbracht, mit dem gestrigen Tage ist eine „Liberale Korrespondenz" ins Leben getreten, welche der Sezessionistengruppe als anerkanntes Organ dienen wird. Um sich von vornherein der hohen Aufgabe, zu welcher sie berufen, würdig zu bezeugen, verleumdet und verdächtigt die Korrespondenz die bisherigen Parteigenossen in gröblicher Weise, indem sie sagt, neuer
konnten.
„Es ist gut!" erwiderte Luise nach einer Pause, „Es liegt wohl in unserm beiderseitigen Interesse, wenn ich so bald wie möglich das Feld räume. Sie erlassen mir die Kündigungsfrist?"
„sie sind ein vernünftiges Mädchen," versetzte die Dame in trockenem Ton, aber doch innerlich bedeutend erleichtert. „Sie ersparen mir eine Kündigung, die Ihnen auch gewiß nicht angenehm gewesen wäre. Sie können zu jeder beliebigen Zeit abreism, der Wagen steht zu Ihrer Verfügung."
„Dann lieber heute als morgen," sagte Luise kalt? „ich will sogleich meine Sachen einpacken.
Sic verbeugte sich, die gnädige Frau ging hinaus.
Rach wenigen Stunden bestieg Luise den Reisewagen. Ein kühles „Adieu" ihrer Prinzipalin, eine zärtliche Umarmung der trostlosen Schülerinnen, ein neckisches Kußhändchen Fränlein Amaliens — das war ihr Abschied, den sie ganz still und gleichgültig über sich ergehen ließ, nur innerlich von der fieberhaften Angst gequält, Werner noch einmal sehen zu müssen. Diese Befürchtung indessen erwies sich als grundlos. Werner war in Geschäften abgehalten und hatte keine Ahnung von dem, was sich auf dem Herrenhause zutrug.
Erst auf dem Bahnhofe erwachte Luise aus ihrer Betäubung. Wo sollte sie sich hinwenden? Sie hatte ja kein
dings habe die Stellung der wenn auch geringen Mehrheit zu dem kirchenpolitischen Gesetze, dessen Ausführung einem Ministerium Puttkamer anvertraut ist, ein ferneres Verweilen in demselben Lager für diejenigen Mitglieder der Partei unmöglich gemacht, „welche eine Unterordnung der Ehre und Würde des deutschen Volkes unter den Willen Roms selbst in an sich minder wichtigen Punkten entschieden zurückweisen." — Die nationalliberalen Blätter werden die Antwort auf diese Insinuation nicht schuldig bleiben: im höchsten Grade seltsam erscheint es aber, wenn die „Liber. Corresp." in unmittelbarem Anschluß an jene Verdächtigung als „letztes und unverrückbares Ziel" der neuen liberalen Organisation „die Bildung einer großen mächtigen Partei" bezeichnet, „welche den vereinigten Konservativen nicht allein an politischer Einsicht und Thatkraft, sondern auch an Zahl überlegen sein muß." —• Der Deutsche ist als politischer Parteimann allerdings zu Vielem fähig, soweit aber haben wir die politischen Flegeljahre hoffentlich doch bereits überstanden, daß „eine mächtige Partei" mit dem Programm der famosen Bankettrede int Zoologischen Garten nur im Bereich frommer Wünsche denkbar erscheint.
Offenbach, 16. Sept. Prinz Alexander von Hessen, Großfürst Sergius von Rußland und Landgraf Friedrich von Hessen mit Familie sowie die Königin von Dänemark und der König und die Königin von Griechenland sind zum Besuche des Prinzen und der Prinzessin Luise von Hessen auf Schloß Rumpcnheim eingetroffen.
Karlsruhe, 16. September. Die hier tagende Hauptversammlung des Gesammtvereins der Gustav-Adolf-Stif- tung hat mit Bezug auf die bekannte Erklärung der Tyroler Bischöfe hinsichtlich der Glaubenseinheit in Tyrol folgende Refolution gefaßt: Der Gefamtverein der evangelischen Gustav-Adolf-Stifung drückt die zuversichtliche Hoffnung aus, daß die Glaubensgenossen in Tyrol durch festen Zusammenschluß und treues Festhalten an der evangelischen Gemeinschaft sich in Wort und Wandel des evangelischen Glaubens würdig erweisen werden und sichert denselben die möglichste Unterstützung deö Vereins zu. — Gestern früh um 9 Uhr bewegte sich ein langer Festzug vom Rathaus nach der sladlkirche, voran eine g;vße Reihe weißgekleideter Mädchen, welche die vielen heiligen Gefäße trugen, die zur Verteilung an arme Diasporage- ineitibeit auf das Fest qege en worden sind. Den Fest- gotteSvienst leitete der Hofkirchenchor ein mit den herrlichen Klängen des alten Lutherliedes: „Ein' feste Burg ist unser Gott," und zwar in dem alten Text gesungen und nicht in der verwässerten Form des badischen Gesangbuches. . Hofprediger Helbing sprach daS Eingangsgebet und laS das gut gewählte 3. Kapitel deö 1. Johannisbriefes. Die Kopf an Kopf gedrängte mächtige Festversammlnng fang: „Ich lobe Dich, mein Auge schauet." und jetzt betrat Herr Oberconststorialrat Dr. Stählin von München, eine kleine
trauliches Heim, wo sic ausruhen, kein warmes Mutterherz, an dem sie sich auSweinen konnte. Sie stand allein. Wie mit Centnerlast wälzte sich der Gedanke auf ihre Seele.
„Ich danke I" sprach sie mit erstickter Stimme zu dem Kutscher, der sie hergefahren, ihm ein reiches Trinkgeld reichend.
Er küßte demütig ihre Hand und doch schien es Luise, als ob sie in seinen Augen ein Gefühl des Mitleids bemerkte. War sie so elend, daß der ärmste Mensch sie bemitleidete? Stand ihr Leid ihr denn auf ihrer «Stirn geschrieben ? Sie warf stolz den Kopf zurück und rauschte in den Wartesaal. Lautes Stimmengesurr tönte ihr entgegen; sie fühlte sich unbeschreiblich wehe davon berührt, sie wäre so gern allein gewesen.
Doch wohin nun? Sie hatte im Hause ihres Princi- pals eine vornehme Dame kennen gelernt, die reges Interesse für sie bewiesen und ihr ihre Dienste angeboten hatte. Da war ein Ausweg. Ohne noch einen Augenblick zu zögern, löste sie ein Bittet nach dem Wohnort der Frau v. Buchfeldt.
Der Abend dunkelte, als sie den Ort verließ; beim trüben Geflimmer der Wagenlaterne überdachte sie ihre Zukunft und ihre trostlose Lage. Wenn ihre Bekannten in D. wüßten, wie sie jetzt gedcmütigl und elend war! Wie würden sie spötteln und sagen: „Sie hat es nicht ancers gewollt, ich meinte es gut mit ihr, ich habe soviel für sie gethan." — Und Erlen, der sie vor ihrem cholerischen Temperament gewarnt, wie würde er sarkastisch lächeln — ihr war plötzlich, als sehe sie vor sich das bleiche Antlitz mit der gedankenvollen Stirn und dem überlegenen Lächeln, und sie verbarg heiß erglühend ihr Antlitz in den Händen.
greife Gestalt, die Kanzel, und hielt eine ergreifende, mächtige Predigt, ein gewaltiges Bekenntnis von der Herrlichkeit des Evangeliums vor vielen Zeugen. Dieses fein angelegte und znm größten Teil auch fein durchgeführte Meisterwerk evangelischer Predigt schlug ein und riß wie ein majestätisch dahinbrausender Strom die feiernde Menge, unter der ja die nach Stand und Ueberzeugung verfchiedensten Menschenkinder sich fanden, unwillkürlich mit sich fort. Die Gedanken- und Lebensfülle evangelischen Glaubens und Bekenntnisses ist uns noch selten mit solcher Gewalt von einer Kanzel entgegengetreten. Die Predigt dauerte eine starke Stunde, aber sie fesselte die gehobene Versammlung bis znm Amen, ja am Schluß, als der Redner die feiernde Gemeinde nach der Gottesstadt der Vollendung, dem himmlischen Jerusalem, führte, eher noch mehr wie am Anfang.
Ausland.
Wie«, 14. Septbr. Der Ministerwechsel in Konstantinopel hat in der diplomatischen Welt keinen besonderen Eindruck gemacht, zumal es ziemlich gleichgültig ist, wer an der Spitze der Geschäfte in Konstantinopel steht. Die Zeiten der großen Pforten-Staatsmänner, welche als echte Orientalen wohl zunächst an sich, nebenbei aber auch ernstlich an das Reich gedacht haben, ist längst vorüber. Der Sultan hat sein Ministerium gewechselt, weil die Wichtigkeit und Dringlichkeit der Lage große Veränderungen erfordere, um die schwebenden Fragen einer befriedigenden Lösung zuzuführen. Wenn es damit wirklich ernst wäre, so hätten sich auch wohl Kadri Pascha und Abeddiu Pascha zu den nötigen Maßregeln herbeigelassen. Besonders der letztere ist freilich als eifriger Anhänger der albanefischen Sache bezeichnet worden, allein so viel Verstand wird man ihm doch zutrauen müssen, daß er einsieht, daß mindestens die montenegrinische Frage gelöst werden müsse, wenn nicht die ganze orientalische Frage wieder aufgerollt werden soll. Abeddin Pascha war sicherlich kein Hindernis der Abtretung Dulcignos und man kann daher wohl annehmen, daß, wenn auch Dulcigno gutwillig übergeben wird, dem Ministerwechsel wieder nichts, als eine Jntrigne, ein neuer Versuch, Europa Sand in die Augen zu streuen, zu Grunde liegt. Die Uebergabe von Dulcigno soll morgen vor sich gehen, aber in orientalischen Dingen ist nichts wahrscheinlich, alö das ganz Unerwartete und man kann sich daher immerhin noch auf Ueberraschnngeu gefaßt machen. Jedenfalls wird sich binnen kurzem zeigen, immeferne den neuen friedlichen Versicherungen aus der türkischen Hauptstadt zu trauen ist. — Die Aufnahme, welche unferm Kronprinzen in Berlin zu teil geworden, hat hier den freudigsten Eindruck gemacht. Sie gilt den Völkern der beiden Reiche alö Symbol des Friedens, als Sinnbild ihrer Verbrüderung. Die Aufnahme unseres Kronprinzen sowohl von Seiten des Hofes als der der
Er hatte ihr seine Hülfe angeboten — wie, wenn sie jetzt vor ihn träte und sagte: „Ich bin wieder t -öricht gewesen, und jetzt muß ich büßen — bitte, helfen Sie mir, Sie sind ja so wohlthätig 1" Sie lachte bitter auf. „Nein und tausendmal nein! rief sie ans, „ich bin nicht arm, ich bin nicht schutzlos, ich bedarf seiner Gnade nicht!" Ihr Trotz erwachte wieder. „Es lohnt der Mühe nicht, sich zu grämen über ein so kurzes thörichtes Glück," sagte sie sich, „ich sehe wohl, ich bin für die Freude nicht geschaffen — nun denn, so will ich's mit dem Schmerze aufnehmen! Ich will dem Schicksal die Stirn bieten, und nun möchte ich das Unglück fehen, daö mir noch einmal die Fassung rauben könnte."
Mit diesem hecoischen Entschluß lehnte sie sich zurück, wies mit eiserner Beharrlichkeit alle widerspenstischen Gedanken ab und durchwachte ernst und gefaßt die Nacht. Gegen Morgen langte sie an ihrem Ziele an. Sie ließ ihren Koffer in ein Hotel bringen und stand nach wenigen Stunden vor Frau v. Buchfeldt.
Letztere war eine tactvolle Dame und fragte nicht mit einem Wort über Luisens plötzliche Entfernung von ihrer innegehabten Stelle
„Es ist recht schön, daß Sie Ihre bisherige Lebensweise mit dem Stadtleben vertaufchen wollen. Es hat seine Annehmlichkeiten, namentlich jetzt, wo der Winter naht. Wir erwarten eine vorzügliche Theatergesellschaft. — In welcher Art gedenken sie sich hier zu beschäftigen?"
„Ich möchte Musikuutericht erteilen," erwiderte Luise, „mein Lehrer sprach mir einst nicht alle Fähigkeiten dafür ab."
„Das glaube ich, Sie besitzen ein hübsches Talent, ich erinnere mich mit Freuden ihrer musikalischen Vorträge.