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Marburg, Freitag, 17. September 1880.

XV. Jajrgaafl

Anzeigen nimmt entgegen: sie Expedition d.vlatte», sowie d-Annoncen-Bureaux von Th, Dietrich & Co. in staffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Bögler in Frankfurt a- M., Berlin, Ktpzig, C2ln it.; Rudolf L'ioffe in Berlin, Ararü- ftlri a. M. re.

OdttMcht Iritm.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d.vlatte» sowie d-Annoncen-Bureauk von @. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hrrmannffche Buchhaudl. daselbst; Juvalidenvank in Berlin; W- ThirneS in Elberfeld; L. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für da» Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JlustrtrteS SonutagSblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen Statt, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr). - JnfertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet.

Zur Lage tu Frankreich.

Die gegenwärtige französische Republik ist bekanntlich schon die dritte, deren sich das Land seit der großen Revo­lution von 1789 erfreut. Die beiden ersten endeten damit, daß jedesmal ein Napoleon den sich zankenden eitlen und redseligen Advokaten das Slaatsruder aus der Hand riß und sich zum Herrn von Frankreich machte. Die jetzige Republik hat schon viele Wandlungen durchgemacht, von Thiers und Mac Mahon bis zu Gcövy. Keiner dieser Präsidenten hielt seine Regterungszeit ordentlich auS. Ob es Grövy thun wird — erscheint sehr zweifelhaft. Aber welchen Wechsel bieten uns erst die Ministerien dar! Ganze Scharen sind bereits abgethan — und die jetzigen Minister stehen auch wieder auf dem Sprunge. Nur ein Mann ist von Stufe zu Stufe an Macht und Ansehen gestiegen und beherrscht thatsächlich Frankreich, obgleich er kein ei­gentliches obrigkeitliches Amt bekleidet — und dieser Mann ist Gambetta. Er stürzt und beruft Minister nach Be­lieben, wenn sie sich seinem Willen nicht fügen. Er hat es fertig gebracht, daß die alten aus der Kaiserzeit stammenden Beamten beseitigt und alle Verwaltungsämter mit Leuten besetzt sind, welche nach seiner Pfeife tanzen, insbesondere hat er das bei allen einflußreichen Stellen fertig gebracht Auch in der Armee sind die wichtigsten Posten mit Kreaturen von ihm besetzt. Nachdem er so alle seine politischen Gegner beseitigt hatte, wendete er sich gegen die Kirche. Die alten Gesetze der Revolutionszeit gegen die Orden wurden hervorgeholt und in Anwendung gebracht. Die kirchlichen Orden sollten aufgehoben und vertrieben werden, während die Kommunisten und Mord­brenner nach Paris zurückgerufen wurden. Der Minister­präsident Freycinet wollte aber bloß die Jesuiten beseitigen, Gambetta jedoch will alle Orden beseitigt wissen und man darf überzeugt sein: wenn er das erreicht hat, so wird er weitere Schritte gegen die Kirche thun, um sie lahm zu legen. Seine Parole lautet: „Verweltlichung I" — Dieses Ziel ist aber nicht zu erreichen, so lange die Kirche noch steht und schon durch ihre Existenz auf ein Jenseits, auf den Himmel hinweist. Gambetta ist Atheist und Materialist und will den Staat und die Gesellschaft nach den An­schauungen und Grundsätzen des Materialismus umgestalten. Natürlich wird ihm das so wenig auf die Dauer gelingen als es den Männern der ersten Revolution gelang, aber eö wird dies Streben ein Meer von Verderben über Frank­reich und über Europa bringen. Denn der materialistische Zündstoff ist überall aufgehäust. Gambetta wird freilich schwerlich das Ende davon schauen; denn hinter ihm stehen bereits die von ihm auö der Verbannung gerufenen Kom­munisten, welche über ihn wegschreiten werden, wie ihre Gesinnungsgenossen ehemals über Robespierre Hinweg­schritten. Wenn sie aber an die Gewalt kommen, dann

wird die Sache für ganz Europa verhängnisvoll, denn mit ihnen stcbt die Sozialdemokratie von ganz Europa in Ver­bindung! GambettaS Hauptziel, zu dem alle seine bis­herigen Maßregeln nur die Vorbereitung bildeten, ist aber der Revanchekrieg gegen Deutschland, das hat er neulich in Cherbourg deutlich genug ausgesprochen; aber eö war auch ohnedies bekannt. „Mein Name bedeutet die Re­vanche!" hat er einst gesagt. Als Waddington diesen seinen Bestrebungen im Wege stand, wurde er gestürzt. Nun ist Freycinet neulich in Montauban ebenfalls dieser Revanche­politik entgegengetreten. Seitdem ist auch seine Stellung erschüttert und sein Rücktritt kann jeden Tag erwartet werden. Wenn aber Freycinet fällt — so fragt es sich, wen Gambetta dann an seine Stelle bringen wird? Man weist jetzt schon auf seinen Freund Challemel Lacour hin, der jetzt Gesandter in London ist. Allein die öffentliche Meinung drängt nun dahin, daß Gambetta selbst die Regierung in die Hände nehmen soll. Ob er das thun wird? Man glaubt, sein Blick sei auf den Präsidentenstuhl gerichtet, und er werde sich nicht als Minister verbrauchen. Die Lage wird für ihn offenbar kritisch. Die Zeit seines Spiels hinter den Coulissen naht offenbar ihrem Ende. Was wird er nun thun, um sich aus dieser Lage zu be­freien? Dieser Tage ging die Nachricht durch die Zei­tungen, es sei eine intime Annäherung zwischen Frankreich und England erzielt worden, der Rußland als dritter im Bunde beitreten werde.

Die Zusammenkunft der beiden Kanzler von Deutsch­land und Oesterreich bringt man damit in Verbindung. Zunächst soll es sich dabei um die Orientfrage handeln. Jene Mächte wollen Oesterreich auf der Balkanhalbinsel lahm legen. Das will aber Oesterreich sich nicht gefallen lassen und Deutschland unterstützt es dabei,-weil es den Südosten Europas für den deutschen Handel nicht will verschließen lassen. Rumänien soll ebenfalls für Oester­reich gewonnen sein. Gladstone hat neulich sich dahin aus­gesprochen, daß die Orientfrage jetzt zur Entscheidung kommen müsse; die Türkei müsse gehorchen oder beseitigt werden. Die Gefahr scheint also jetzt größer denn je zu sein, daß die Orientfrage zur europäischen Frage auswachsen kann, und Gambetta hat dabei offenbar seine Gedanken immer aus Elsaß-Lothringen gerichtet, wenn er von Grie­chenland und Bulgarien redet. Daß die Lage eine kritische ist, läßt sich schwerlich in Abrede stellen.

Deutsche- Reich.

Berlin, 15. September. Fürst Bismarck ist szum Handelsminister und der seitherige Oberpräsident v. Böt­ticher zum Staatssekretär des Reichsamts des Innern und zugleich zum Staatsminister ernannt worden. — Die „Provinzial-Corresp." bringt einen Artikel unter der Ucber-

schrift: Der Gegensatz von konservativ und liberal in Deutschland — worin es heißt: Wenn nun den Werken der Gesetzgebung, welche in den letzten 14 Jahren die ver­bündeten Regierungen mit den Reichstagen zu Stande brachten, weder die wissenschaftliche noch praktische Kritik erspart bleibt, wenn gewisse Einseitigkeiten bereits lebhaften Tadel Hervorrufen und schleunige Anlegung der bessernden Hand verlangt wird, so gibt dies niemandem das Recht, die reformierende Bewegung als überall unberechtigt und als künstlich gemachte Reaktion darzustellen. Eö ist die Pflicht der nationalen Parteien, der conservativen wie der liberalen, an der Vervollkommnung der Gesetze, an der ruhigen Erörterung ihrer Principien sich beiderseits zu be­teiligen. Zum Schluß des Artikels heißt es: Es wäre eine schwere Gefahr für die deutsche Zukunft, wenn es gelänge, zwischen beiden Richtungen, der conservativen und der liberalen, den Gegensatz bis zur Unversöhnlichkeit zu verschärfen; so lange die besten und geistig tüchtigsten Elemente in beiden Parteien für ihre Bestrebungen die Schranke des nationalen Wohles und der Pflicht gegen das nationale Gemeinwesen anerkennen, wird es dahin nicht kommen. — Im Kultusministerium werden, wie mit Be­stimmtheit gemeldet wird, sür den Landtag Entwürfe vor­bereitet, welche sich auf die Verbesserung der Lage von Lehrerwittwen beziehen. — In Bezug aus die Varnbüler- schen Enthüllungen wird der „Krz.-Ztg." geschrieben: „Ohne Ausnahme ist das Urteil sowohl über den Redner, als über seine Aeußerungen zur auswärtigen Politik ein wenig günstiges. Einstimmig ist man in der Diplomatie der Ueberzeugung, daß die hochpolitischen Enthüllungen des Herrn Varnbüler in der ausgesprochenen Form unzu­treffend sind, und daß entschiedene Dementis von berufener Seite nicht ausbleiben werden. Abgesehen von der sür eine Volksversammlung berechneten Ausdrucköweise, welche sich diametral widerspricht und deshalb schon an sich Miß­trauen erregen muß, gilt es unzweifelhaft, daß Herr v. Varnbüler niemals zu den in die große Politik Einge­weihten gehört hat. Wer da weiß, mit welch außerordent­lichem Geheimnis die auswärtige Politik umgeben wird, so daß sie selbst den höchsten Reichs- und Staatsbeamten, in sofern sie nicht amtlich und direkt daran beteiligt sind, der kann sich der Ueberzeugung nicht verschließen, daß diese Annahme richtig sein muß. — Der „Post" wurde aus Paris gemeldet, daß der als offiziös geltende „Tele­graph" die Waddington betreffende Stehe der Varnbüler- schen Rede vollständig zu dementieren sucht und „Hirsch's Telegraph. Bureau" berichtet: „Wie verlautet, hat Herr v. Waddington heute das direkte Ersuchen an den Fürsten Bismarck gerichtet, die Varnbülerschen Behauptungen in soweit wenigstens, als dieselben ihn — Waddington — beträfen, durch eine Kundgebung der deutschen Regierung für unwahr und erfunden erklären zu lassen."

Verwaist.

Erzählung von Clara Waldheim. (Fortsetzung)

Luise wußte nicht, wie ihr geschehen. Sie fand sich erst auf dem Sopha ihres Zimmers wieder, wo sie in einen heißen Thränenstrom ausbrach. Sie war unbeschreiblich Peinvoll berührt. In jenem Moment, dem schönsten und süßesten ihres Lebens, so grausam und rücksichtslos verletzt zu sein beugte sie tief nieder, ja, eö machte sie völlig trost­los und verzweifelt. Es schien ihr, als sei ihr zartes, eben erst erblühtes Glück mit rauher Hand für immer zerstört, als könne sie dasselbe nie ohne eine qualvolle Erinnerung mehr genießen. So viele Thränen hatte sie nie vergossen, so halt- und faffungslos sich nie gefühlt. —

Drüben aber, im Wohnzimmer des Herrenhauses, stand Fräulein Amalie und erzählte lachend ihren Eltern die eben gemachte piquante Entdeckung, und dabei zerpflückte sie die Blätter der Rose, die sie wieder auö ihrem Haar gezerrt hatte, und streute die Stückchen in der ganzen Stube umher.

Der Vater hörte, int Sopha zurückgelehnt und den Kopf nachlässig aufgestützt, mit seinem ironischen Lächeln der Erzählung zu; die Mutter erhob keinen Blick von ihrer Handarbeit, und ihre Lippen waren fest zusammen­gekniffen.

„So, so," sprach der alte Herr, als seine Tochter ge- E"det, „das ist Euch ja wohl ein Strich durch die Rech­nung, Bertha, wie?"

Er erhob gar nicht den Kopf dabei, aber seine hell­blauen Augen blitzten vor Spottlust und gutmütiger Scha­denfreude, wie er nach seiner Gemahlin hinüberjchaute. Er

liebte es gar zu sehr, sie die so stolz und selbstbewußt ihm an Willensstärke weit überlegen war, ein wenig zu ärgern.

So gleichgültig sie sich sonst auch gegen die Spötteleien ihres Gemahls bewies, diesmal überflog eine flammende Röte das wohlconscrvierte Antlitz der älteren Dame.

„Allerdings," entgegnete sie mit scharfer Betonung ihn fest anblickend, „allerdings, ich hatte andere Pläne, zu welchen mich das anfängliche Auftreten des jungen Mannes berechtigte. Es ist eine gute Partie, Werner ist reich, gut erzogen und von nachgiebigem Charakter, er sagt Amalie zu und — sie wird nächstens fünf und zwanzig Jahre! In unseren bekannten Herrenkreisen ist sie nicht beliebt, sonst wärt sie längst vergriffen wie die andern Töchter. — Aber Du denkst doch nicht im Ernst, ich wollte mir diese passende Gelegenheit durch unsere Gouvernante ent­reißen lassen?"

„Behüte Gott!" entgegnete der Gatte gähnend, „ich denke nichts, das überlasse ich Deiner Weisheit. Nur bin ich neugierig, wie Ihr jetzt noch die Sache anstellen wollt. Mir schein!, da ist schon Alles abgemacht, und Herr Wer­ner bedarf Eurer Versorgung nicht " Er lachte laut auf, indem er sich die stolze, spröde Erzieherin in den Armen des jungen Mannes vorstellte.

„Das überlasse nur mir," wies ihn die Gattin kalt­blütig zurück, indem sie behutsam ihr Strickzeug zusam­menrollte.

„Unser Fräulein Tochter scheint die ganze Sache nichts anzugehen," bemerkte der Papa, den Blick von den starren Augen seiner Gemahlin ablenkend. „Aber ich bitte Dich, Amalie, höre auf an die Fensterscheiben zu trommeln — ein musikalisches Talent hat Dir der Himmel zu Deinen

vielen Gaben leider nicht verliehen, sonst würdest Du fühlen, wie solche Verlegenheitsmanöver das Ohr zerreißen."

Amalie war viel zu sehr mit ihren Gedanken beschäftigt, alö daß sie die Worte ihres Papa gehört hätte, weshalb derselbe diesmal ungestraft davon kam.

Das Strickzeug war zusammengelegt, die stattliche Ma­trone verwahrte es ruhig an seinem Ort und erhob sich dann.

„Du willst Dich also wirklich hineinmischen, Bertha?" fragte der Gatte, den Kopf ein wenig emporhebend. „Ich bitte nur das Eine, Kinderchen macht Euch nicht lächerlich."

„Das hast Du von mir nie zu erwarten," entgegnete sie, schon die Thür in der Hand haltend, scharf. „Ich bitte Dich überhaupt ein für allemal, Dir wegen dieser Angelegenheit nicht den Kopf zu zerbrechen." Sie schlug die Thür zu, und man hörte sie sich mit festen Schritten entfernen.

Sie trat in das Zimmer der Gouvernante. Luise, die sich bei ihrem Erscheinen mit rotgeweinten Augen vom Sopha erhob, hätte nichts UngelegenereS kommen können. Ihr alter Stolz wallte noch empor und überflutete ihr Gesicht mit heißer «Schamröte. In diesem Moment, wo die Gegenwart eines Menschen ihr eine unerträgliche Qual dünkte, in Thränen überrascht zu werden von jener Frau, sie, die noch Niemand aufgeregt oder niedergeschlagen ge­sehen hatte — welche Demütigung für sie. Nur mit Mühe gewann Luise eS über sich, die Worte an die Dame zu richten:

„Was führt Sie zu mir gnädige Frau?"

„Ich werde ohne Einleitung beginnen," sprach diese, sich niederlaffend und Luise durch eine Handbewegung auf-