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Marburg, Donnerstag, 16. September 1880.
XV. Jahrgang
OlikWschk jfitniio
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»Mn Rudolf
Kosse in Äerlin, Fraut- fan a. M- re.
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Hermann'sche Buchhandl. ♦ daselbst; Juvolidrndanl in
Berliu; fei. LtzleneS tu
Elberfeld: C. Schlotte i»
Herr fcv Barubüler,
der Mitbegründer der gegenwärtigen Zollgesetzgebung, hat in einer Versammlung seiner Wähler in Ludwigsburg einen Rechenschaftsbericht gegeben, in welchem er zunächst für die Notwendigkeit der Verstärkung des Zollschutzes eintrat und sodann den Erfolg der neuen Zollgesetzgebung für die Industrie glaubte constatieren zu können. Zweifelhafter stellte sich Herr v. Larnbüler der Besteuerung des Getreides mit einer Mark für den Doppelccntner gegenüber, allein, so meinte er, der Notschrei aller Landwirte von Norddeutschland und von Baiern habe diesen Zoll verlangt und ohne Bewilligung dieses Zolles wären die anderen auch nicht zu Stande gekommen, also sei er notwendig gewesen zur Erlangung der anderen Zölle. Auch einige gute Seiten hat übrigens Herr v. Varnbüler nachträglich beim Getreidezoll entdeckt, es sei mehr Reellität in das Geschäft gekommen und die 16—24 Millionen, die er dem Reich eintrage, könne man denn auch mitnehmen. Dann kam auch das Tabak-Monopol zur Sprache. Ob,es eingeführt werde, wisse er nicht. Mit Einführung desselben würde man gar nicht bedeutend theurer rauchen als jetzt, davon habe er sich durch einen Einblick in die Tabaksmanufaktur in Straßburg überzeugt. Man könnte, ohne aufzuschlagen, einen Gewinn von 150 Millionen jährlich erzielen. Für seine Behauptung, daß die Zölle in Zukunft mehr eintragen werden, könne er noch die in der Commission des Reichstags von Gegnern der Zölle, wie Benda, Delbrück u. 31., «^gestellten Berechnungen ins Feld führen, die einen Mindestertrag von 71 und einen Höchstertrag von 110 Millionen angenommen haben. Nichtsdestoweniger habe er seinen Wählern seine Ueberzeugung auszusprechen, daß dem Reichstag weitere Anträge auf Einführung von Steuern zugchen werden und zwar zu dem Zweck, um die Matricularumlagen ganz aus der Well und dem Reich solche Mittel zu verschaffen, um den Einzelstaaten noch hcrauszubczahlen. Gegen die Quittungssteuer und die Wehrsteuer sprach sich Herr v. Varnbüler sehr bestimmt aus. Was die Börsensteuer betrifft, so sei er im Allgemeinen gegen die Besteuerung der Geschäfte in beweglichen Sachen und int Princip gegen die Börsenstcuer. Bezüglich der Münzfrage erklärte Herr von Varnbüler sich aus eine Interpellation hin sehr entschieden für das Festhalten der Goldwährung im Interesse der Redlichkeit in Handel und Wandel und der Stetigkeit aller Preisverhältnisse. Zum Schluß behandelte der Redner mit sehr viel Ernst und Nachdruck die Militärnovelle. Wir wollen die Leser unter dem Eindruck der merkwürdigen Enthüllung lassen, die Herr v. Varnbüler über die Vorgänge des verflossenen Sommers gab.
Der frühere württembergische Staatsminister, unter dessen Amtsthätigkcit Fürst Gortschakoff Gesandter in Stuttgart war, hat seine Worte gewiß sorgfältig erwogen, als
B e r w a i st.
Erzählung von Clara Waldheim.
«Fortsetzung)
Der junge Mann hob die Kleinen zu sich empor, um sie zu küssen, dann wollte er discret seinen Weg wieder fortsetzen, als Amalie, sich zur Laube hinauSbcugend, fragte: „Bitte, Herr Werner, erlaubt es Ihnen Ihre Zeit nicht, uns hier ein Stündchen Gesellschaft zu leisten?"
Sie wies ihm durch eine Handbewegung den Platz an ihrer Seite an, mit der ihm eigenen Schüchternheit schien er dies jedoch nicht zu bemerken, sondern nahm auf der andern Ba>rk, Luise gegenüber, Platz.
Amalie, die heute bei vorzüglicher Laune schien, hatte bald ein Gespräch eingeleitet, auf das der junge Mann lebhaft einging, Luise jedoch nur mit einsilbigen Bemerkungen antwortete. Dennoch schien Werner denselben mehr Wert beizulegen, als Amaliens wortreichen Auseinandersetzungen. Diese schien sich über die Ehrfurcht, mit welcher er stets das Wort an die Erzieherin richtete, höchlichst zu amüsieren, und als er sogar eine hingeworfene Bemerkung derselben in einer längeren, sehr eifrigen Rede beantwortete, erhob sie sich mit malitiösem Lächeln und sagte, die Schleppe ihres hellen Seidenkleides aufnehmend, zu ihren Geschwistern :
„Kommt, Kinder, wir wollen hier nicht stören."
Sie rauschte, gefolgt von ihren Geschwistern, ein fröhliches Liedchen trällernd, davon.
Luise empfand diese tactlose Handlung der junge Dame sehr peinlich. Sie machte einen Versuch, ihr zu folgen, wurde jedoch durch eine Bewegung des jungen Mannes zurück gehalten, der in bittendem Tone zu ihr sagte:
„Bleiben Sie, Fräulein, ich möchte Ihnen etwas sagen."
er das Folgende seinen Wählern mitteilte. Bei Einbringung dieser Novelle habe Gambetta seine Cherbourger Rede noch nicht gehalten gehabt, damals sei der Horizont noch viel friedlicher gewesen, allein eine andere Gefahr habe sehr nahe gelegen. Es war nachgewiesen, osficiell, daß Rußland auf 2 Stunden von der deutschen Grenze rückwärts angehäuft an den Eisenbahnen eine kriegsbereite Armee aufgestellt hatte. Es ist darüber eine Karte herausgc- kommen von Major v. Tröltsch, woraus zu ersehen, wie die Truppen angehäuft sind, und zwar so, daß sie in drei Tagen mit über 300,000 Mann bei Breslau über die deutsche Grenze gehen können. Damit war verbunden: Rußland hatte Frankreich den Antrag gestellt, ein Offensivbündnis gegen Deutschland abzuschließen und sofort zu verwirklichen und zwar deshalb, weil Deutschland zugegeben habe, daß Oesterreich Bosnien und die Herzegowina besetzt habe. Dieser Antrag wurde nach Paris geschickt und der französische Minister hat diesen Antrag an Bismarck nach Gastein geschickt. Das hat Waddington gethan, den einige Monate später Gambetta gestürzt hat. Wenn Etwas gefährlich ist, so ist das gefährlich. Und wie klar Fürst Bismarck diese Lage angesehen hat, beweist, daß er sofort seine Cnr abgebrochen hat, sofort nach Wien reiste und das bekannte Bündnis zum Schutz gegen solche Angriffe abgeschlossen hat. Also es lag Gefahr nahe. Der Mann, der dies Bismarck mitgeteilt hat, ist von Gambetta gestürzt worden, der vor wenigen Wochen seine Rede gehalten hat. Das Resultat dieser Novelle sei, daß im Fall eines Angriffs Deutschland um 300,000 Mann stärker ins Feld rücke als vorher. Wenn seine Wähler bedenken, daß ja möglicherweise das Unglück wolle, daß auf der einer Seile die Franzosen, auf der anderen die Russen einrücken können, dann sei es die Pflicht des Abgeordneten, selbst auf die Gefahr hin bei seinen Wählern anzustoßen, für eine solche Vorlage einzutreten.
Deutsches Reich.
»» Berlin, 14. Sept. Durch die Verfügungen des Kultusministers vom 12. Inti 1867 und vom 12. April 1878 war den Königlichen Negierungen der Monarchie sowie den Königlichen Konsistorien der Provinz Hannover die Ermächtigung erteilt worden, über die versuchsweise und demnächst auch über die definitive Wiederaw- stellung unfreiwillig aus dem Amte entlassene Volksschullehrer selbstständige Entscheidung zu treffen. ES war dabei vorzugsweise die Rücksicht darauf maßgebend gewesen, daß der Behörde, welche das Verfahren auf Entfernung aus dem Amte gegen einen Lehrer eingeleitet, die Verhält- niffe, welche bei feiner Wiederanstellung in Betracht kommen, am nächsten bekannt sein müßten. Inzwischen hat sich herausgestellt, daß unfreiwillig aus dem Amte geschiedener Lehrer ihre Wiederanstellung in den meisten
Noch mehr verwirrt, blieb sie sitzen, während eine heiße Glut ihr Gesicht bis unter die Locken überzog. Auch Werner war errötet und zupfte verlegen an seiner Manchette.
Nach einer langen Pause begann er stockend:
„Ich schätze mich glücklich, mein Fräulein, eine Gelegenheit gefunden zu haben, wo ich Sie ohne Zeugen sprechen kann, um Ihnen ein Bekenntnis zu machen —"
Seine tiefe Bewegung raubte ihm die Sprache. Luise wollte ihn bitten, nicht fortzufahren, sie wollte davon eilen, aber sie blieb gesengten Hauptes ganz still auf ihrem Platze. ES war über sie gekommen wie eine namenlose Angst, und doch machte ein unbeschreibliches Wonnegefühl sie erbeben.
„Ein Bekenntnis, Fräulein Luise," fuhr, der junge Mann, seine ehrlichen, braunen Augen auf sie richtend, fort, „das Ihnen vielleicht kein Geheimnis mehr ist. Oder habe ich noch nötig, Ihnen zu sagen, daß vom ersten Augenblick an, wo ich Sie kennen lernte, mein Herz nur Ihnen gehört und ich keinen andern Wunsch hege, als den, ihre Gegenliebe zu erringen?" ' , .
Luise athmete schwer und tief. Es kam ihr wre em schöner Traum vor, daß Jemand sie um ihrer selbst willen — denn sie hatte nie verhehlt, daß sie eine alleinstehende, vermögenslose Waise sei — lieb gewonnen und um ihre Gegenliebe wie um ein Gnadengeschenk des Himmels flehte.
Ihr stolzer Trotz war gebrochen, ihre eisige Kälte geschwunden in diesem Moment. Sie hob schüchtern den Blick, und Thränen schimmerten in ihren dunkeln Augen.
„Luise I" sprach der junge Mann ergriffen und zog ihre Hand leise an sich, „darf ich diese Thränen zu meinen Gunsten deuten? O sprechen Sie, können Sie mich jemals ein wenig lieb gewinnen?"
Sie zweifelte noch immer. Sie war so wenig an Glück
Fällen in anderen Verwaltungsbezirken suchen, jener Grund also hinfällig wird. Mit Rücksicht darauf, sowie auf die Erfahrungen, welche mehrfach bei der Wiederanstellung abgesetzter Lehrer gemacht worden sind, hat der Kultusminister durch Verfügung vom 31. August d. I. dir beiden erstgenannten Verfügungen aufgehoben und die Kgl. Regierungen u. s. w. angewiesen, in Fällen, wo die versuchsweise oder die definitive Wiederanstellung eines unfreiwillig aus dem Amte geschiedenen Lehrers beabsichtigt wird, mittelst nrolivierter Berichterstattung die Genehmigung des Ministers einzuholen. — Durch einen Erlaß vom 15. Juli 1873 war bereits darauf hingewiesen worden, daß es geboten erscheint, der Unterhaltung der Eisenbahn-Anlagen, insbesondere des Oberbaues, die äußerste Sorgfalt zuzuwenden und in dieser Beziehung durch periodische oder außerordentliche von Kommissarien der Direktion vorzunehmende Revisionen der Bahnstrecken eine eingehende Kontrolle auszuüben. Die in Folge dessen vorgenommenen Revisionen haben seitdem zwar alljährlich stattgefunden, scheinen jedoch mehr allgemeiner Natur gewesen zu sein und sich auf das Detail nur ausnahmsweise erstreckt zu haben. Der Minister der öffentlichen Arbeiten hat nun unterm 4. September es als notwendig bezeichnet, daß solche ins Detail gehende Revisionen mindestens auf einzelnen dazu herausgegriffenen Strecken des Bahnkomplexes vorgenommen werden. Die Königl. Eisenbahn-Direktionen, Kommissariate und Kommissionen werden daher angewiesen, sowohl bei den periodischen Bahnrevisionen, als auch außer der Zeit derselben einzelne beliebig auszuwählende Strecken des unterstellten Bahnbezirks vurch einen technischen Kommissar einer ganz speziellen .und eingehenden Revision zu unterwerfen. Dieselbe hat sich nicht allein auf den Zustand des Bahnplanums und aller Nebenanlagen, der Bauwerke uno des Oberbaues zu erstrecken, sondern ist auch auf die bei Unterhaltung des Oberbaues, insbesondere bei Auswechselung der Schienen und Schwellen und der Erneuerung ganzer Geleisestrecken angewendeten Methoden und die dafür etwa gegebenen fpeziellen Instruktionen, sowie auf die Signaleinrichtungen und deren Handhabung auszudehnen. In gleicher Weise sind auch beliebig herauszugreifende Lokomotiven und Wagen einer detaillierten Revision zu unterwerfen. Wahrgenommenen Mißständen ist sofort abzuhelfen, und nicht zu versäumen, die Revision auch weiter auszudehnen, sofern das Ergebnis solches angezeigt erscheinen läßt. — Im Jahre 1879 wurden in der Provinz Hannover von evangelischen Eltern 61,974 Kinder geboren und davon 58,424 getauft. Bürgerliche Eheschließungen evangelischer oder gemischter Paare fanden 14,445 statt, evangelische Trauungen 13,728. In der Provinz Hessen-Nassau wurden 39,610 Kinder evangelischer Eltern geboren, von denen 36,395 getauft wurden. Von 8320 bürgerlichen Ehen wurden 7080 kirchlich ein.
gewöhnt, daß sie ihm jetzt nicht traute, da eS so süß und überwältigend auf sie einströmte.
„Kurt," fragte sie leise, „lieben Sie mich wirklich?"
„O Mädchen, Mädchen I" tief er jubelnd, „diese Frage sagt mir, daß ich Dir auch nicht gleichgültig bin, o Luise, mein Glück, meine Wonne." —
Er umschlang sie stürmisch mit beiden Armen, sie ließ selig, willenlos ihr Haupt an seine Brust sinken und duldete es, daß er ihre Locken mit Küssen bedeckte.
„O Gott, ich Unglückskind I gerade im ungelegensten Augenblick zu kommen I" rief Fräulein Amalie, mit ihren kleinen Schwestern in die Laube eintretend. „Ich bitte tausendmal um Vergebung, Herr Werner, aber einer unserer Arbeiter wünscht Sie dringend zu sprechen."
„Einen Augenblickl" entgegnete Werner, mühsam an sich haltend, um nicht im Zorn aufzufahren, bann wollte er sich zu Luise wenden, die sich töüich erschreckt aus seinen Armen aufgerichtet hatte.
„Ich glaube nicht, daß eS Papa angenehm ist, wenn Sie die Leute warten lassen," entgegnete sie scharf, und fuhr dann mit leichtem unbefangenem Tone fort: „Doch das ist ja Ihre Sache und ich kümmere mich darum nicht." Sir steckte eine leuchtend gelbe Rose in ihr schwarzes Haar.
Werner biß die Lippen zusammen. „Leben Sie denn wohl, mein Fräulein," sagte er, ohne Amalie anzusehen, zu Luise, „ich hoffe, Sie bald weiter zu sprechen."
Er drückte einen heißen Kuß auf -ihre Hand und eilte fort.
Fräulein Amalie riß trällernd einen Zweig von dem Weingerank der Laube ab, schlang ihn im Weitergehen durch das Haar ihrer Schwester und schlug den Weg zum Hause ein. (Fortsetzung folgt.)