gtr. 217.
Marburg, Mittwoch, 15. September 1880.
xv. Jahrgang
Anzeigen nimmt rmgegen: die Expedition d.vlatteS, sowie b-Annoncen-Bureaux von LH, Dietrich & Co. in Raffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt aM.; haasenstein L Vogler in Frankfurt e- M., Berlin, Leipzig, CSt» re.; Rudolf Lursie in Berlin, Iraut- filti 0. M. JC.
OhcheUche jritmiß.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition 6. Blatte» sowie d. Annoncen-Bureaur von ©• L- Daube & Co. in
Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung bajelSfti; Hermann'sche Buchhandt. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W TtzieueS in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen-
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Die Steuerreform.
Es ist eine bekannte Thatsache, daß die direkten Steuern für Staat und Gemeinde eine solche Höhe erreicht haben, daß an eine weitere Erhöhung derselben zur Deckung der unabänderlich steigenden finanziellen Bedürfnisse nicht mehr gedacht werden kann. Haben wir doch genug Gemeinden, in welchen die Kommunalsteuern 100, 200, ja 400, 500, 600, selbst 700 Prozent der staatlichen Einkommensteuer betragen. Hätte man die Defizits in Staat und Reich durch die direkten Steuern decken wollen, so würde man die Klassen- und Einkommensteuer um den doppelten Betrag haben erhöhen müssen. Das drückende der direkten Steuern besteht gerade für die ärmeren und mittleren Volksklassen darin, daß ihre Beträge zur bestimmten Zeit in runder Summe bezahlt werden müssen. Die indirekte Steuer wird bezahlt, ohne daß man es merkt, pfennigweise beim Einkauf der Sachen, auf welche sie gelegt ist. Und wenn sie wirklich zur Preiserhöhung für bestimmte Waren beiträgt, so wird das die Folge haben, daß auch die Arbeitslöhne und Arbeitspreise steigen, während die Erhöhung der direkten Steuern auf die Erhöhung der Löhne keinen Einfluß hat. Deshalb ist die indirekte Steuer gerade für die ärmeren Volksklassen viel weniger drückend als die direkte Steuer — vorausgesetzt, daß dieselbe nicht einseitig auf die Bedürfnisse der ärmeren Volksklassen gelegt werde. Die indirekten Steuern haben auch noch den Vorzug, daß zu ihnen auch die Ausländer, welche in unserer Mitte leben oder ihre Produkte bei uns verkaufen wollen, herangezogen werden können. Denn die Ansicht, daß die Zölle auf auswärtige Waren lediglich von uns getragen werden müßten, ist falfch. Wenn der Kaufmann im Auslande Waren kauft, so geht sein Streben dahin, sich schon beim Einkauf für den zu zahlenden Zoll schadlos zu halten. Und gerade bei den am meisten angefochtenen Zöllen — den landwirtschaftlichen Zöllen ' — ist das am leichtesten möglich, weil hier das Angebot so groß ist, daß der Käufer freie Hand hat: die Konkurrenz des amerikanischen, ungarischen und russischen Getreidcmarktes ist so groß, daß der deutsche Getreidcimporteur da leichtes Spiel hat. Man kann es deshalb nur mit Freuden begrüßen, daß der Reichskanzler eine Steuerreform auf der Grundlage der indirekten Steuern anstrebt, wie das alle anderen Staaten längst ge- than haben. England, Amerika und Frankreich erheben weitaus den größten Teil ihrer Steuern auf indirektem Wege, und mittels direkter Steuern würde es für sie nicht möglich sein, die großen Bedürfnisse zu bestreiten. Für das deutsche Reich blieb überdies auch gar nichts anderes übrig, als den Weg der indirekten Besteuerung zu beschreiten, weil ihm direkte Steuern nicht zu Gebote stehen und auch nicht eingeführt werden konnten, ohne die direkten Steuern der Einzelstaaten in die größte Verwirrung zu bringen.
Verwaist.
Erzählung von Clara Waldheim.
(Fortsetzung.)
„Nein gewiß nicht," entgegnete Luise, indem sie aufstand und ihm warm die Hand reichte, „ich danke Ihnen — ich werde es beherzigen! Und nun leben Sie recht, recht wohl."
„Denselben Wunsch hege ich für ihre Zukunft. Und sollten Sie auf Ihrem ferneren Lebenswege eines Freundes bedürfen, der Ihnen mit Rat und That beisteht, so werde ich stolz darauf sein, wenn Sie sich an mich wenden."
Er begleitete sie galant zu der sie vor der Thür erwartenden Droschke, verabschiedete sich durch einen Handkuß, und Luise fuhr nun allein der Zukunft entgegen.
Seit einigen Monaten befand sich Luise in ihrer neuen Stellung, und sie hatte sich in die dortigen Verhältnisse zwar noch nicht vollständig eingelebt — denn es lag in ihrem Charakter nicht, sich irgendwo schnell einzulcben — aber doch hinlänglich mit denselben bekannt gemacht. Man begegnete ihr mit Höflichkeit — mehr verlangte sie nicht und mehr gab sic nicht zurück und daß ihre beiden Schülerinnen ihr mit großer Liebe anhingen, that ihrem vereinsamten Herzen unbeschreiblich wohl. Sie empfand es noch immer als eine Erleichterung, nicht täglich kleinlichen Quälereien und Gehässigkeiten ausgesetzt zu sein, und wenn sich bei dem Gedanken an ihre Zukunst und an ihre einsame, schutzlose Lage ihr das Herz auch manchmal bange zusammenzog, so sagte sie sich doch immer wieder mit stolzem Selbstgefühl, daß jetzt, wo sie auf eigenen Füßen stehe, sie jeden Kummer, den sie sich nun selbst zuzuschreiben habe, nicht schmerzlich empfinden werde.
Die Matrikularbeiträge aber noch immer mehr zu erhöhen, ging auch nicht mehr an, weil dadurch die direkte Steuerlast der Einzelstaaten ins Unerträgliche hätte vermehrt werden müssen, was für viele um so drückender gewesen wäre, als dieselben nach der Kopfzahl der Bevölkerung aus- gefchlagen werden und also die Steuerkraft der Länder gar nicht berücksichtigt wird. Auf 100,000 Bewohner von Hamburg und Bremen werden da nicht mehr Beiträge gerechnet, als auf 100,000 Bewohner von armen Gebirgs- und Heidegegenden. Deshalb blieb gar nichts anders übrig, als daß für die Bedürfnisse des Reiches die indirekten Steuern, die Zölle, welche dem Reiche bereits als Einnahmequelle überwiesen waren, weiter ausgebildet wurden. Das Reich hatte geradezu die Pflicht, diese indirekten Steuern nicht blos zu einer ergiebigen Einnahmequelle für sich selbst, sondern auch für die Einzelstaaten zu machen. Sollen die drückenden direkten Steuern in den Einzelstaaten ermäßigt werden, so bleibt kein anderer Weg übrig, als der der indirekten Steuern, und zwar zunächst der für das Inland am wenigsten drückenden Zölle. Diesen Weg hat die Reichsregierung bereits beschritten. Es ist festgesetzt, daß alles, was über 130 Millionen Zolleinnahmen bsnausliegt, zur Erleichterung der Einzelstaalen verwendet werden muß, und es ist in Preußen bereits ein Garantie- Gesetz gemacht worden, in welchem die Art der Verwendung dieser Ueberschüsse festgestellt worden ist. Bis jetzt freilich haben die kaum eingeführten Zölle keine erheblichen Mehreinnahmen ergeben und man hat erkannt, daß die Zölle allein nicht ausreichen, wenn den Einzelstaaten soviel Ueberschüsse vom Reiche ausbezahlt werden sollen, daß sie ihre direkten Steuern bedeutend ermäßigen und also eine wirkliche Steuerreform vornehmen können. Die Frage ist also, durch welche weiteren indirekten Steuern die dazu nötigen Einnahmen gewonnen werden können. Die Reichsregierung hatte dem Reichstage und die preußische Regierung hatte dem Landtage im vorigen Jahre eine Anzahl Steuervorlagen gemacht, welche aber meistens nicht^zu Stande kamen. Die Regierung muß aber, wenn sie ihre Steuerreformpläne zur Ausführung bringen will, neue Steuern haben. Wie es heißt, will die preußische Regierung dem Landtage diesmal einen ausführlichen Plan vorlcgen, in welchem dargelegt wird, welche direkte Steuern die Regierung ermäßigen will und wie viel neue indirekte Steuereinnahmen sie dazu noch nötig hat. Gleichzeitig will sie dann Vorschläge machen, durch welche indirekten Steuern diese Beträge herbeizuschaffen sind. Der Reichskanzler hatte im Reichstage erklärt, daß er beabsichtige, die Grund- und Gebäudesteuer ganz den Gemeinden zu überlassen und die Klassen- und niederen Stufen der Einkommensteuer ganz abzufchaffen. Die Grund- und Gebäudesteuer in Preußen beträgt 60 Millionen und die Klassen-, niedere Einkommen- und Gewerbesteuer 90 Millionen. Wenn also diese Steuern sämt-
Jhr Principal war Gutsbesitzer, ein alter, gutmütiger Herr, leichtlebig, gewandt und voller Spottsucht, die er an Niemand lieber als an seiner Gemahlin ausließ. Diese war eine stolze, imponierende Erscheinung, der das üppige graue Haar eben so gut zu dem ernsten Gesicht stand, wie ehemals das dunkle, von festem unbeugsamen Charakter, langsam zum Zorn und langsam zum Vorurteil, aber unerschütterlich in ihrer einmal gefaßten Meinung und vernichtend in ihren eisernen Consequenzen. Ihre älteste Tochter Amalie hatte die hohe Gestalt der Mutter und die leichte Beweglichkeit des Vaters geerbt. Sie galt für eine interessante Gesellschafterin und eine piquante Erzählerin und in der That wußte sie alle Neuigkeiten deS Tags, die sie, weiß Gott woher, nicht selten aus der Dienstboten Munde erfahren hatte, so anmutig und witzig vorzutragen, daß sie stets vor einem dankbaren Publikum sprach. Daß Fräulein Amalie trotz dieses vielbewunderten Vorzugs doch bei ihren vicrundzwanzig Jahren noch keinen Mann gefunden, blieb wunderbar und war ein Grund zum stillen Aerger der Mutter und das Stichblatt für des Vaters ewige Neckereien. Sie selbst sprach ungeniert von ihrer Männerfeindschaft, behauptete wählerisch zu sein, wie die Prinzessin im Märchen und behandelte überhaupt dies heikle Thema mit so vieler Unbefangenheit, daß in der That Niemand sie peinlich berührt davon glaubte.
Soeben saß sie Luise gegenüber in einer Laube, deren hintere Bank Luise mit ihren Zöglingen, den verspäteten und deshalb von Allen verhätschelnden Nachkommen der Familie, eingenommen hatte. Die Tochter des Gutsbesitzers war nicht gerade vollkommen schön, aber sie hatte ein feingeschnittenes Gesicht, dem die langen schwarzen Augenwimpern, die die grauen und etwas zu kleinen
lich durch indirekte Steuern ersetzt werden sollten, so wäre dazu ein Betrag von 150 Millionen Mark nötig. Neuerdings hat nun der Abg. v. Kardorff, wie man glaubt nicht ohne Vorwissen des Reichskanzlers, einen Plan veröffentlicht, wonach nur die Hälfte dieser Steuern abgcschafft bezw. den Gemeinden überwiesen werden solle, so daß also nur ein Zuschuß von 75 Millionen Mark aus indirekten Steuern nötig wäre, was für das Reich eine Erhöhung seiner Einnahmen um 100 Millionen Mark erfordern würde. Diese Summe will er, abgesehen von der voraussichtlichen Vermehrung der Zolleinnahmen, durch folgende Steuererhöhungen zu Stande bringen: 1) Erhöhung der Tabakssteuer um 25 Millionen, 2) der Stempel- und Börsensteuer um 20 Millionen, 3) der Brausteuer um 15 Millionen, 4) der Spiritussteuer um 15 Millionen und 5) der Rübenzuckersteuer um 15 Millionen, zusammen also um 90 Millionen Mark.
Deutsche- Reich.
Berlin, 13. Sept. Dem heutigen Paradediner im weißen Saale des königlichen Schlosses wohnten bei: der Kaiser und die Kaiserin, Kronprinz Rudolf, das griechische Königspaar, die sämtlichen Mitglieder der kaiserlichen Familie, alle fürstlichen Gäste, alle Militär-Machos, die fremdherrlichen Offiziere, alle hier anwesenden landsässtgen Fürstlichkeiten, die activen Staatsminister, die ganze Generalität sowie alle in Parade gestandenen Stabsoffiziere, im Ganzen gegen 370 Personen. Die Tafelmusik führte das Musikcorps des Königm-Augusta-Garderegiments aus. Abends findet Festvorstellung im Opernhause statt, welcher der gesamte Hof mit den Allerhöchsten Gästen beiwohnen wird. — Der König und die Königin von Griechenland haben auf Einladung der Kaiserlichen Majestäten im königlichen Schlosse Wohnung genommen und empfingen dort die Besuche des Kaisers und der Kaiserin, der Mitglieder des königlichen Hauses, des Kronprinzen von Oesterreich und der übrigen fürstlichen Gäste. — Die Parade des Garde-Corps, die 10 Uhr begann und gegen l’/s Uhr beendigt war, nahm den glänzendsten Verlaus. Derselben wohnten bei: der Kaiser und die Kaiserin, der König und die Königin von Griechenland, Kronprinz Rudolf, die Herzoge von Cambridge und Connaught, sämtliche Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hauses, die Großherzoge von Hessen und Mecklenburg, sowie die übrigen fürstlichen Gäste nebst einem glänzenden Gefolge. Die Kaiserin fuhr mit der Königin von Griechenland, der deutsche Kronprinz mit dem Kronprinzen von Oesterreich in je Einem Wagen nach dem Paradefeld. Die Truppen des Gardecorps waren in zwei Treffen aufgestellt. Nach dem Abreiten der Front erfolgte zweimaliger Vorbeimarsch, wobei Der Kaiser das Gardegrenadierregiment Augusta der Kaiserin vorsührte, während der Kronprinz das erste
Augen viel größer und dunkler erscheinen ließen, einen eigentümlich fesselnden Ausdruck gaben. Sie plauderte, ohne der Schweigsamkeit ihres Gegenübers zu achten, unaufhörlich fort, namentlich in der Absicht, etwas über die Vergangenheit und sonstigen Verhältnisse der Erzieherin zu erfahren, die ihr, die doch eben so geschickt zu fragen, wie mitzuteilen verstand, noch bisher immer dunkel geblieben war. Luise hatte zwar keinen Grund sich über die Tochter ihres Prinzipals zu beklagen, aber sie liebte eö nicht, über ihre eigenen Verhältnisse zu sprechen und zudem waren ihre Erinnerungen so wenig angenehm, daß sie dieselben so selten wie möglich hervorrief. Sie wollte vergessen, um ein ganz neues Gedankenleben anfangen und heiter in die Zukunft schauen zu können.
„Sie müssen oft bei gesellschaftlichen Veranlassungen gesungen haben," sprach Amalie während die Nadel ihrer Stickerei gleichsam wie im Takte zu ihren hastigen Worten hin und her flog. „Ihre Stimme ist recht sicher und wohlgeschult. Sie besitzen überhaupt ein leidliches Organ."
Sie machte eine Pause, wie um Antwort zu erwarten, da dieselbe jedoch ausblieb, fuhr sie fort.
„Apropos, wie fanden sie neulich Fräulein Lucie Klingen, die Dame die nach Ihnen uns mit ihrem musikalischen Vortrag entzückte. Himmlisch, nicht? Sie rauscht in rosa Gazewolken einher wie eine Göttin! Wie man übrigens Rosa tragen kann, wenn man ein so blühendes Gesicht hat, ist mir unbegreiflich. Und dieses Geklimper! Himmel! ich mußte unserer kleinen Diana die Ohren zuhalten, damit sie nicht mit lautem Wehegeheul den Vortrag begleitete, so tief war ihre zarte Seele durch Fräulein LueteS reine Töne berührt."
„Ich wußte nicht, daß Sie so viel Interesse für Musik