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Nr. 916.

Fllarburg, Dienstag, 14. September 1880.

XV. ZtchkMg

Anzeigen nimmt cmgegen: die Expedition d.vlatte», sowie d-Annoncen-Bureaux von LH, Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; LH. Dietrich in Frankfurt a.M.; haasrnstein & Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, ßeipzig. Cöln re.; Rudolf Stosse in Berlin, grani- furt a. M. re.

ObchksMc jcitmig

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition 6. Blatte! sowie d-Annoncen-Bureaux von L Daube & Co. in Frankfurt a. M; JSgerffche Buchhandlung daselbst!; Hermann'sche Buchhandt. daselbst; Kvalidendank in »erli«; W. Lhieues in Elberfeld: 6. Schlotte in Bremen

Zischeint täglich außer an den Werktagen nach Tonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJlustxixteS LountagSblatt" durch die Expedition (Koch fche Buchdruckerei) bezogen 2t Mark, durch die Postämter d-S Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr). - JnfettionSgebühr für bte gespaltene Zeile 10 Pf«.

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pf«, berechnet.

Der Kongretz der deutschen Sozialdemokraten.

Der nachfolgende Kongreß-Bericht zeigt in seinen Be­schlüssen und Begrüßungen uns gar unheimliche Minen­gänge die sich unter dem Boden des Staates wie der Ge­sellschaft hinziehen. Es sind mit vielem anderen zusammen­gehalten dieses sehr ernste Zeichen der Zeit, die alle auf Sturm deuten, gegen die aber Augenschließen am wenigsten am Platze wäre.

DerZüricher Sozialdemokrat" vom 29. August ent­hält einen ausführlicheren Bericht über diefen Kongreß, aus welchem wir folgendes mitteilen, woraus sich die Haltung der deutschen Sozialdemokratie wie ihre Beziehung zur Sozialdemokratie anderer Länder mit erschreckender Klarheit ergiebt. Der Kongreß fand vom 22. bis 23. August in dem alten abgelegenen unbewohnten Schloß Wyden bei Offingen im Kanton Zürich statt. Man hatte diesen ab­gelegenen einsamen Ort gewählt, um, wie es in dem Be­richt heißt,den preußisch-deutschen Reichsspitzeln das Schnüffeln und Spionieren möglichst zu erschweren" und sei diese Absicht auch vollständig erreicht worden. Das Schloß war für den Kongreß gemietet und mit einem eigcnö dafür eingesetzten Kastellan versehen. Die Nächte verbrachten die Anwesenden auf Stroh lagernd in einem Seitengebäude zu und nur ein kleiner Teil derselben hatte sich während der Nacht in die Gasthäuser des. Dorfes be­geben. Eine kommunistisch eingerichtete ambulante Küche, von einem schweizer Genossen und seiner Frau bedient, habe für die leiblichen Bedürfnisse gesorgt. Es waren 56 Mit­glieder Deutschlands und der Schweiz anwesend, auch zwei österreichische Genossen waren anwesend; die deutschen So­zialdemokraten in Frankreich und Belgien hatten einen Ver­treter geschickt. Aus London war in Anbetracht der großen Entfernung niemand da. Die Versammlung begann mit Vorlesung von Zustimmungsadressen und Grüßen von deutschen, schweizerischen, niederländischen, belgischen, fran­zösischen, ungarischen, polnischen, russischen Sozialisten. In diesen Zuschriften wirddie Notwendigkeit der engsten So­lidarität der Sozialisten aller Sprachen" betont. In dem Gruß aus Marseille werden die deutschen Sozialdemokraten aufgefordert,das heilige Werk der proletarischen Eman­zipation durch die universelle Revolution mit Energie fort­zusetzen." Der Brief schließt mit dem Zuruf:Gruß und AnarchieI" Die Zuschrift aus Paris, welche von den Re­dakteuren derEgalits" unterschrieben ist, ruft ihnen zu:

Wir sind gewiß, daß die Beschlüsse würdig sein werden dieser großen deutschen Arbeiterpartei, deren rasch an­schwellende und feste Organisation die besitzenden und herr­schenden Klassen aller Länder erzittern gemacht hat, während sie die Sozialisten der ganzen Welt mit Freude und Hoff­nung erfüllte. So organisiert, ist die sozialistische Arbeiter­partei Deutschlands mächtig genug, den gewaltthätigsten

Verwaist.

Erzählung von Clara Waldheim, i Fortsetzung)

Als ich meine Anstellung hatte, da mußte ich endlich an den Schritt denken, zu dem ich mich verpflichtet. Ich erinnerte mich, die betreffende Dame früher in Gesellschaft meiner Braut gesehen zu haben, sie war damals wie diese kaum dem Kindcsalter entwachsen und ich hatte sie nicht näher kennen gelernt. Ich hatte ja nur Augen für Alice zu der Zeit. Jetzt sollte ich wieder mit ihr zusammen­treffen. Unter welchen Umständen I Sie war durch Ali­cens Verwandte von meinem Gelöbniß unterrichtet worden und sah meiner Werbung entgegen."

Luise machte unwillkürlich eine Bewegung des Abscheus.

Ich sah fie wieder. Sie war noch in schönster Jugend­blüte und wurde allgemein für liebenswürdig und schön gepriesen. Ich hätte meinem Schicksal banken können, nicht wahr? Ich gestehe, ich hegte noch eine leise Hoffnung, jedenfalls aber wollte ich nicht mit einer Lüge vor sie treten und machte sie möglichst schonend mit der Wahrheit bekannt. Sie nahm nichts desto weniger meine Wer­bung an."

Wie,'ist es möglich?" rief Luise empört.

Sie nahm sie an, indem sie die Hoffnung aussprach, meine Gleichgültigkeit durch ihre Liebe zu besiegen. Wir wurden Mann und Frau."

Jetzt ist die Poesie meines Lebens vollends zu Ende, seit meiner Heirat trat die kahle graue Prosa ein. Es ist eine Qual geliebt zu werden ohne Gegenliebe -schenken zu können, aber eine dreifache Qual ist es, stets mit einem Wesen vereint zu sein, das uns gleichgültig ist, dem man aber nicht nur Liebe vor der Welt heucheln, deffen Zart­

Verfolgungen zu widerstehen und, wenn nötig, auch der Gewalt mit der Gewalt zu antworten.

Deutsche Genossen! Ihr habt zuerst die unschätzbare, treffliche Form gefunden, eine mächtige und disziplinierte Arbeiterpartei zu schaffen. Die französischen Sozialisten, welche eben mit der Organisation einer selbstständigen, im Gegensatz zu allen anderen stehenden Parteien beginnen, sie haben das Recht, auf Euch zu zählen, gleichwie Ihr auf uns zählen könnt in der Stunde der nahen, unver­meidlichen internationalen Revolution, aus welcher die Be­freiung des Proletariats beider Welten hervorgehen wird.

Die Zuschrift aus Gent von dem Schriftführer des Landesrats der sozialistischen Arbeiterpartei Belgiens ruft ihnen zu:

Deutsche Sozialisten, zählt auf uns! Wir haben zur Zeit Eurer Wahlkämpfe unser Bestes gethan, um Euch. zu unterstützen, und auch jetzt werdet Ihr uns, was auch komme, an Eurer Seite finden, und zwar nicht nur als Männer, welche die gleichen Gedanken teilen. Nein, wemr Ihr eines Tages durch die unerträglichsten Bedrückungen, durch die Macht der Ereignisse, durch taktische Gründe oder durch sonstige Beweggründe auf die revolutionäre Bahn gedrängt sein werdet, wenn eines Tages die Fahne der Empörung erhoben wird: dann wird der Widerhall dieses Allarmrufes bei uns ungeheuer sein und große Massen werden dem Rufe folgen.

Wir sind überzeugt, daß das Proletariat die Herrschen­den nur durch die Gewalt von ihren Thronen stoßen wird, aber wir enthalten uns heute jedes revolutionären (gewalt­samen) Vorgehens, weil wir in der Minderheit sind. Wir sammeln die Arbeiter, wir klären sie durch unermüdliche Propaganda auf, wir bereiten unser Proletariat vor für den großen Tag. Alle unsere Anstrengungen zielen dahin, daß das Volk an diesem großen Tag nicht nur von einem Enthusiasmus des Augenblicks erfüllt sei, sondern mit einer dauernden Begeisterung, welche die Wissenschaft, die Kennt­nis seines Rechts und die Hoffnung, die Gewißheit des Sieges seiner Sache giebt. Zählt auf das sozialistische Proletariat Belgiens! Im Augenblick Eurer Triumpfe war es entzückt, im Augenblick der Gefahr wird es an Eurer Seite sein!

Eine Zuschrift der russischen Sozialisten aus Genf hebt zuerst hervor, die deutschen Sozialisten seien die Vorboten und Gründer des wissenschaftlichen Sozialismus der Gegen­wart, ihre Organisation, ihre Solidarität und Disziplin dienten den Sozialisten anderer Länder als Muster, und zum Schluffe heißt es:

So empfanget denn unseren brüderlichen Gruß, Ge­nosse», und die Versicherung, daß Euch die russischen So­zialisten mit der That beistehen werden. Sobald die Stunde schlägt, wo Ihr beschließen werdet, der feindlichen Gewalt Widerstand entgegenzusetzen, werden sie nicht zögern, der

gefühl man auch aus Barmherzigkeit fortwährend schonen muß. In den Augen der Leute mußte unsere Verbindung eine Musterehe sein, oder mein ganzer Lebenszweck war verfehlt. Unser Verhältnis zu einander erlitt nur dann eine Veränderung, als auch die Liebe meiner Frau erkaltete und sich in maßlose Bitterkeit gegen mich verwandelte, um dessentwillen sie ihre schönsten Jugendhoffnungen getäuscht hatte. Nur mit größter Anstrengung vermochte ich den äußeren Anschein einer glücklichen Ehe aufrecht zu erhalten mein häusliches Leben war doch ich will Aurelia nicht anklagen; sie hatte ja eben so gut wie Andere ein Recht auf Glück, ihre Liebenswürdigkeit hatten sie zu gol­denen Hoffnungen berechtigt. Nun hatte sie ihr ganzes Lebensglück auf eine einzige Karte gesetzt und diese war ihr fehlgeschlagen was Wunder, wenn die Bitterkeit sie endlich übermannte? Arme Frau! Sie starb nach sechs­jähriger Ehe, und wir schienen versöhnt."

Aber Sie hatten einen Dvhn?" fragte Luise nach einer Pause.

Ja, meinen Bruno!" entgegnete er hastig. O er war meine Freude, mein Stolz! Es pflegt gewöhnlich der Fall zu sein, daß Väter an ihren Kindern allerlei Vollkommen­heiten entdecken für die sonst Niemand Augen hat; aber mein Bruno war wirklich ein reizendes Kind. Und so klug! Er konnte schon fertig lesen und schreiben, bevor er sechs Jahre alt war, er wäre gewiß etwas Tüchtiges in der Welt geworden, und ich hätte meine Freude an ihm gehabt. Eine Kinderkrankheit, die in der Gegend aus­brach, raffte ihn mir hinweg, meinen lieben Jungen. Ich hätte ihn so gern behalten!"

Aber mich dünkt, ich hätte von einem größeren Knaben gehört" bemerkte Luise.

sozialdemokratischen Partei Deutschlands ihre Sympathie und ihre Solidarität zu beweisen."

Ein mitgeteilter Kassenbericht konstatierte, daß seit Er­laß des Sozialistengesetzes bis zum 1. August d. I. die gesammelten Beiträge auf 37,310 Mark, mit Hinzurech­nung direkter Unterstützungen für Gemaßregelte und für Wahlen aber nahezu das doppelte dieser Summe betragen. Gegenüber der Klage über eigenmächtiges Vorgehen der Führer erklärte ein Mitglied, daß man nichts dagegen habe, wenn eine förmliche Diktatur in der Partei eingerichtet werde. Außerordentliche Umstände erforderten auch außer­gewöhnliche Maßregeln. In der dritten Sitzung wurde einstimmig beschlossen, aus dem Gothaer Programm den Satz zu streichen, in welchem gesagt wird, daß die Sozial­demokratie ihre Ziele aufgesetzlichem Wege" zu erreichen strebe, weil das Sozialistengesetz diesengesetzlichen Weg" unmöglich mache. Diesem Gesetze gegenübermüsse die Sozialdemokratie erklären, daß ihr jedes Mittel recht sei, dies Gesetz illusorisch zu machen." In einer Rechtfertigung des Auftretens Liebknechts im Reichstage heißt eS:Lieb­knecht habe nie die Partei für eine Reformpartei erklärt; denn dieselbe sei durchaus revolutionär, weil sie eine voll­ständige Umänderung der bestehenden politischen und wirt­schaftlichen Verhältnisse erstrebe." Gegen Joh. Most wurde folgender Antrag mit allen gegen 2 Stimmen an­genommen:

In Erwägung, daß Johann Most seit längerer Zeit sich in Widerspruch mit den von ihm selbst noch unter dem Sozialistengesetz vertretenen Grundsätzen der Partei gesetzt und nur noch den" Einflüssen seiner häufig wechselnden Laune folgt;

In fernerer Erwägung, daß Most sich zum Kolporteur jeder gegen die deutsche Sozialdemokratie erhobenen Ver­leumdung, komme sie, von welcher Seite sie wolle, gemacht hat und notorischen Polizeiagenten trotz erteilter Warnung Vorschub leistete, nur weil sie auf die sogenannten Partei­führer schimpften;

In schließlicher Erwägung, daß Most Handlungen be­gangen hat, die allen Gesetzen der Ehrenhaftigkeit wider­sprechen,

Erklärt der Kongreß, daß er jede Solidarität mit Jo­hann Most zurückweist und ihn als aus der sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands ausgeschieden betrachtet."

In der 5. Sitzung, in welcher über das Verhalten der Abgeordneten im Reichstage beraten wurde, erklärte ein Redner folgendes:

Nachdem das Attentatsfieber stch gelegt und die Stim­mung umgeschlagen ist, ist die Zeit gekommen, wo die Partei wieder mehr positiv vorgehen kann und muß. Bis­her galt es, zu retten und zu sammeln; jetzt wird man mehr agitatorisch auftreten. Der notwendigeRückzug" beim Eintritt deö Sozialistengesetzes war nicht einRück-

Der unter meinen Händen verwahrloste und hernach das Wette suchte, nicht wahr?" fiel er bitter ein.Das war mein Neffe, der Sohn meines einzigen Bruders, der mir von seinem sterbenden Vater anvertraut war. Ich hoffte, er sollte mir den Sohn ersetzen, ich gab mir viele Mühe mit seiner Erziehung und es war mir auch gelungen, ihm einen tiefen Abscheu vor dem Laster einzupflanzen. Es ging Alles gut bis er auf das Gymnasium kam und meiner Wachsamkeit entzogen wurde. Er geriet in leicht­sinnige Gesellschaft, die ihn zur Schwelgerei verführte, Einmal gefallen und der Achtung vor sich selbst beraubt, wagte er nicht mehr, mir vor die Augen zu treten und meldete mir dies schriftlich mit der bestimmt ausgesprochenen Absicht, nach Amerika überzustedeln. ES war vergebens, daß ich ihm bis Hamburg nacheilte, wo seine Mutter wohnte, die er noch vorher aufsuchen wollte. Er war schon fort und ich habe ihn nie wieder gesehen.

Erlen stützte das Haupt auf die Hand und starrte düster vor sich hin.

Von allen Schicksalsschlägen, die mich betroffen, war dies nicht der leichteste," fügte er nach einer Pause hinzu. Sie mögen denken, wie ich vor der Mutter dastand, die ihren Sohn aus meinen Händen forderte! Seitdem bin ich meinen Weg einsam gewandelt und habe nicht mehr gewagt, das Geschick irgend eines Wesens mit dem meinen zu verketten, vor allem aber habe ich nie wieder Hand an die Erziehung eines Kindes gelegt. Aber da habe ich mehr gesagt, als ich wollte," unterbrach er sich aufblickend,ja mehr, als ich jemals zu erzählen ge­dachte. Doch ich weiß, Sie werden keinen Mißbrauch damit treiben."

(Fortsetzung folgt.)