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Rr. 215

Marburg, Sonntag, 12. September 1880.

xv. Jahrgang

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Anzeigen nimmt entgegen; die Expedition d.vlatte», sowie d.Annonken-Bureaur von Th, Dietrich & Co. in staffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haafenstein & Bögler In Frankfurt a M., Berlin, Leipzig, Söin zu; Rudolf Kioffe in Berlin, Frank­furt 6. M. 1C.

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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Mattes sowie d.Annoncen-Bureauk von ®- L- Daube & Co. in

Frankfurt a. M; Jägerische Buchhandlung daselbst-; Herrnann'sche Buchhanor. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W- ThieneS in Merfeld; 5. Schlotte in Breruea.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Bonn- und Feiettagen- Preis für da- Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JArrftrirttS EonntagSblatt" durch die Expedition (K o ch fche Buchdruckerei) bezogen 2h «ark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr). — JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet.

Tratsches Reich.

Berlin, 10. Sept. Unter den Manövergästen des Kaisers bestnbet sich auch ber gestern früh hier eingetroffene Generalissismus beS britischen Heere«, Felbmarschall Herzog von Cambribge, welchem die Norbb. Allg. Ztg. heute Abenb einen besonberen biographisch-genealogischen Artikel wibmet. Nicht unbekannt ist es, baß ber genannte eng­lische Prinz keine preußenfreunbliche Stellung einnimmt, namentlich nach den Ereignissen des JahreS 1866 und der preußischen Besitzergreifung Hannovers. Sein jetziger Besuch kann also als Umwandlung seiner Gesinnung gelten. — Gestern Abenb eröffnete ein Zapfenstreich sämtlicher über 1000 Mann starker Musikcorps beim königlichen Palais Unter den Stuben die Reihe ber Festlichkeiten, bei der die hier in großer Zahl anwesenben Fremden nicht nur eine militärische oder vielmehr musikalische Massen­entfaltung , sondern auch ein gutes Stück Berliner Wesens sehen konnten. Militärische Schaustellungen sind immer ein großes Fest für das Berliner Volk, das stets, sei es infolge ber allgemeinen Wehrpflicht oder aus alt­preußischer Gewohnheit, ein starkes Gefühl der Zusammen­gehörigkeit mit der Armee besitzt. Realistisch, wie der Ber­liner überhaupt ist, wendet er ferner das Sprichwort: „Was der Deutsche bezahlt, daö ißt er auch" auf die Armee an, und wenn er es auch liebt, auf die großen Heereskosten nach Kräften zu schimpfen, so will, er doch wenigstens diejenigen Annehmlichkeiten, welche ihm der Glanz militärischer Machtentfaltung bieten kann, voll und ganz auskosten und sich dadurch gewissermaßen für seinen Steuerzettel bezahlt machen. Ein zweites Moment kommt ferner hinzu: der Berliner, welcher Parteistellung er auch angehören mag, hegt eine tiefe patriarchalische Anhänglich­keit an die Person des Kaisers, und da er die gegenwär­tigen militärischen Schauspiele gewissermaßen als Feste betrachtet, zu denen der Kaiser die Bevölkerung, seiner Haupt- und Resibenzstabt einlabet, so sucht jeder, wenn er irgend kann, bieser Einladung gerecht zu werden. Anders kann man es kaum auffassen, daß gestern Abend weit über 100,000 Menschen nach den Linden strömten, um dem Zapfenstreich beizuwohnen, von dem nach menschlicher Be­rechnung doch nur ein verschwindender Bruchteil etwas sehen, sehr viele aber auch nicht einmal etwas hören konn­ten. Schon um 6 Uhr wurde der ganze Platz von der Charlottenburgerstraße bis zum Lustgarten polizeilich abge­sperrt, so daß der ganze Platz vom kaiserlichen Palais bis zur Schloßbrücke freigehalten war. Auf ihm entwickelte sich bald ein regeö Leben und man konnte dort alles feheu, was sich zu den bevorzugten Kreisen Berlins rechnen darf. Begreiflicherweise überwog die Zahl der Uniformen, gegen die der Civilrvck zurücktrat. Auch das schöne Geschlecht glänzte durch seine Anwesenheit und durch geschmackvolle

und reiche Toiletten. Im Lustgarten hatten die verschie­denen MusikcorpS Aufstellung genommen, denen sich ein aus 400 Mann bestehenbes Fackelträgercommanbo angeschloffen hatte. Um 7^/4 Uhr setzte sich ber vielfarbige Zug nach beut eigentlichen Aufstellungsorte beim Palais in Bewe­gung. Alle Waffengattungen waren vertreten unb namentlich die roten Uniformen der Zieten-Husaren brachten Farbe in die vom Scheine der Fackeln beleuchtete Colonne, welche vom brausenden Jubel der Zuschauer begrüßt wurde, der sich von Straße zu Straße fortpflanzte. Sehr bald kam Ordnung in das Ganze; auch im kaiserlichen Palais wurde es lebendig und auf dem Balcon desselben zeigte sich mit Jubel begrüßt die Gestalt unseres Kaisers, umgeben von den preußischen Prinzen und den fremden fürstlichen Gästen. Unter den Klängen des Dorischen Marsches waren die Musiker herangezogen; der Choral „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre" leitete die Musikaufführung vor dem Palais ein. In diesem Augenblick erstrahlte vom Dache des alten Zeughauses, der zukünftigen Ruhmeshalle, das blendende Licht einer elektrischen Sonne, die im Verein mit den 400 Fackeln das Denkmal Friedrichs des Großen und die Standbilder der Generäle zwischen dem Palais und dem Opernhause magisch beleuchtete. Mit bewunderns­werter Präeiston wurden unter Leitung des Musikdirectors Piefke die verschiedenen Stücke vorgetragen, den Haupter­folg aber errang wie gewöhnlich der große Zapfenstreich und die Retraite mit ihren aufregenden und bann wieder einschmeichelnden Tönen. Zur höchsten Stärke anwachsend wurden die Trommelwirbel leiser unb leiser, bis sie voll­ständig verklangen. Der Zapfenstreich war zu Ende. Jetzt galt es, die aufgestauten Menschenmassen nach Been­digung des Zapfenstreichs zu entwirren und die Linsen für den Verkehr roieoer frei zu machen; doch auch dies gelang in bester, sonst nicht immer bemerkbarer Harmonie zwischen Publikum und Polizei, so daß die Festlichkeit in bester Ordnung ohne jedwede Störung endete.

— 10 Sept. Die „Nordd. Allg. Ztg." bespricht einen vor Kurzem erschienenen Artikel der „Königsberger Hartung'schen Zeitung" über die deutschen Eisenbahnen int Jahre 1880, welcher offenbar den Zweck habe, den Ein­fluß des Uebergauges mehrerer Privatbahnen auf den Staat in möglichst ungünstigem Lichte erscheinen zu lassen Die „Norddeutsche" stellt mehrere Angaben und Schluß­folgerungen jenes Artikels richtig und bemerkt weiter: Die Vorarbeiten für Zusammenlegung ber neu erworbenen Linien mit bett älteren Staatsbahnkörpern zu größeren Verwaltungskörpern seien nahezu abgeschlossen, auch die vom Minister der öffentlichen Arbeiten in allen Zweigen der Verwaltung und des Betriebes int Verkehrs-Umfange durchgeführt. Daß die Beseitigung der übelempfuudeuen Zustände in vielen Fällen erst allmählig möglich sei, daß die segensreichen Wirkungen des einheitlichen Staatsbahnbe­

triebes erst mit der Zeit zur Geltung kommen könnten, liege für einen halbwegs Sachkundigen auf der Hand.

Köln, 8. Sept. Heute Abend fand eine Katholiken­versammlung hierselbst statt, um die Stellung zu präcisteren, welche mau gegenüber dem Dombaufest einzunehmeu habe. Man nahm mehrere Resolutionen an, dahingehend, dir Versammlung begrüße die Vollendung des Domes mit Freuden und spricht allen denen, welche den Bau förderten, ihren Dank aus; bedauert aber aufs Tiefste, daß die Feier der Vollendung in die Zeit des kirchlichen Conflics fällt, in welchem der Oberhirte zur Teilnahme verhindert ist: ferner spricht die Versammlung die Erwartung aus, daß die katholischen Bürger sich an dem Dankgottesdienste beteiligen, den übrigen Festlichkeiten gegenüber aber eine würdige Zurückhaltung beobachten im Sinne des Dom- Capitels unb beö Erzbischofs.

Goslar, 8. Sept. Die achte Jahresversammlung des Evangelischen Lehrerbundes wird dieses Jahr am 28., 29. und 30. September in Goslar tagen. Ein Local- comite hat sich unter dem Vorsitzenden des Directors Dr. Leimbach gebildet und sind alle bezüglichen Anfragen an denselben zu richten. Ein ausführliches Programm wird nächstens erfolgen. Behufs Erlangung ermäßigter Eisen­bahnfahrpreise sind bereits die nötigen Schritte gethan. Auch ist das Comits in der angenehmen Lage, eine große Anzahl Freiquartiere, sowie billige Logis in den hiesigen Hotels unseren geehrten Gästen zur Verfügung zu stellen.

Leipzig, 10. Septbr. Die dritte Abteilung des deutschen Juristentags sprach sich einstimmig gegen die Beschränkung der Wechselfähigkeit aus. — Das Reichsgericht in Leipzig hat eine für Kaufleute, Mühlenbesitzer rc. wichtige Ent­scheidung getroffen, welche in weiten Kreisen bekannt zu werden verdient. Man teilt darüber folgendes mit: — Ein Kaufmann in der Rheinprsvinz versandte mit der Eisenbahn 50 Säcke Weizenmehl, welche in einem bedeckten Wagen verladen auf der Empfangsstation vorn Regen durch­näßt eintrafen. Nach Constatierung des Schadens durch beide interessierte Parteien erfolgte die Abnahme des Gutes unter Vorbehalt beS Schadenersatzanspruches. Der Em­pfänger des Mehles belangte die betreffende Eisenbahnver- waltnng vor dem Handelsgericht in Köln auf Ersatz deS Schadens, indem er anführte, daß die Durchnässung durch schlechte Beschaffenheit des zum Transporte benutzten Waggons herbeigeführt fei, dessen Decke so defekt gewesen, daß er unmittelbar noch diesem Vorgänge habe außer Betrieb ge­stellt werden müssen. Die Eisenbahnverwaltung bestritt die Verpflichtung ihrerseits zum Schadenersatz, da Mehl zu den Gütern gehöre, welche nach den tarifarischen Be­stimmungen in unbedeckten Wagen befördert werden dürsten. Das qu. Gericht verurteilte die Verklagte zur Zahlung ber Klagesumme und ber Prozeßkosten. Das Urteil führte

Verwaist.

Erzählung von Clara Waldheim.

(Fortsetzung)

„Gut denn, das wäre erledigt. Erlauben Sie mir — ich meine es gut mit Ihnen — einen Rat. Bemühen Sie sich, Ihren leidenschaftlichen Charakter ein wenig zu dämpfen, Sie tragen sonst die Quellen unendlicher Leiben in sich selber, und werben jeden Schmerz, jede Kränkung, die Ihnen die Fremde nicht erspart, doppelt empfinden."

„Ich kann es nicht!" entgegnete sie heftig, ich habe mir oft vorgenommen, ruhiger zu werden, und eS ist mir nicht gelungen. Wem, wie Ihnen, Langmut und Philo­sophie angeboren ist, der hat keine Ahnung, was es heißt, den Kampf gegen seine Leidenschaften zu führen."

„Sie glauben also," fragte er bitter, „baS, was Sie Langmut unb Philosophie nennen, sei mir von einer gütigen Fee als Pathengeschenk in die Wiege gelegt? — Ich bin auch jung gewesen und weiß wie glühend das Blut bann durch die Adern tobt. Ich möchte Ihnen ein Stückchen aus meinem Leben erzählen, wenn ich wüßte, daß Sie mich hören wollten."

„Ich bitte Sie darum!" antwortete sie gespannt. Ihr Blick flog unwillkürlich zu dem Porträt der schönen Frau hinüber. Seine Augen folgten den ihren.

„Das war meine Gattin," sagte er, auf das Bild beu­tend, „aber sie ist eS nicht von der ich jetzt reden will. Die war viel schöner, viel zarter und lieblicher. Erinnern Sie sich der ätherischen, durchgeistigten Frauengestalten in Jean Pauls Romanen? So war meine Alice. Nie im Lebe» bin ich einem ähnlichen Wesen begegnet, so blond, so fein, so sanft, so engelhaft! Daß ich sie liebte vom

ersten Augenblick an, wo ich sie sah, war natürlich — Niemand konnte sie ohne tiefe Bewegung anblicken — baß sie mich toteber liebte, war bas Unerwartete, das Wunber, welches mich unaussprechlich beseligte. Ich war Stubent damals und nicht der solideste unter meinen Kameraden — aber von dem Augenblick, wo ich Alice erblickte, war ich wie verwandelt. Ich lebte nur für sie, ja ich fühlte mein Dasein überhaupt nur in ihrer Nähe. Alle unsere Wünsche, unsere Absichten und Entschlüsse harmonierten merkwürdig miteinander; aber einmal — hatten wir doch eine Meinungsverschiedenheit. Ich richtete eine Bitte an sie, die sie mir abschlug. Ihre Gründe waren gewiß aus­reichend, ich aber sah das damals nicht ein, ich bat zum zweiten, zum dritten Male und zuletzt, in maßlosem Er­staunen, bei diesem sanften Charakter auf so unerwarteten Widerstand zu stoßen, forderte ich trotzig die Erfüllung meines Wunsches als Beweis ihrer Liebe. Sie antwortete nicht, sah mich gar nicht an; mein heftiges Temperament wallte im heißen Zorn empor, ich überhäufte sie mit Vor­würfen und erklärte ihre Weigerung für Lieblosigkeit und Eigensinn. So ging ich von ihr. — Ich sah noch einmal nach ihr zurück — mir ist als wäre es gestern geschehen! — sie stand an das Gitter bcs Balkons gelehnt; die blon­den Locken von einem blauen Bande durchschlungen, hingen lang auf daö weiße Kleid herab, und der Schein der Abend­sonne lag darauf. Wie oft habe ich daran denken müssen, wenn ich Sonnenstrahlen auf blondem Haar flimmern sah! — Sie stand von mir abgewendet und schaute in den Garten hinab, daher konnte ich nicht sehen ob sie weinte. Eine Thräne von ihr hätte mich wieder zur Besinnung gebracht. So aber ging ich fort mit dem festen Entschluß, sie dadurch zu bestrafen, daß ich sobald nicht wieder käme.

Daß ich mich selbst dadurch am meisten bestrafte, darf ich wohl nicht erst sagen. Ich zählte die Tage und Stunden bis zu dem Zeitpunkt, den ich mir festgesetzt — später die halben Viertelstunden; aber mein starrer Eigensinn, den ich Energie nannte, ließ mich nicht früher den Schritt zur Versöhnung thun."

Er stand auf und ging einigemale im Zimmer aus und ab, dann fuhr er, leicht auf die Lehne seines Sessels gestützt, fort.

„Es ist die alte Geschichte von Zorn und später Reue, die man unzählig oft in Büchern lesen kann — wohl dem der sie nicht an sich selbst erfährt! Schon fah ich mit fieber­hafter Ungeduld den Augenblick nahen, wo ich sie wieder­sehen wollte, da erhielt ich eine Botschaft, die mich unver­züglich zu ihr rief. — Was soll ich weiter sagen? Sie litt seit lange an einem unheilbaren Uebel, — ich hatte das gewußt, aber ich dachte nicht an die Zukunft, so lange ich sie besaß — jetzt war die Krankheit in ihrer ganzen Heftigkeit auSgebrochen, ich fand meine Braut auf dem Sterbebett. Sie war so schön, so engelgut wie immer, unter Thräneu gestand sie mir, daß sie die letzten Tage unendlich traurig und voller Sehnsucht verlebt, aber nicht früher gewagt habe, mich rufen zu lasten. Meine ver­zweifelten Klagen, meine Selbstvorwürfe beantwortete sie mit himmlischer Sanftmut, ja, mit einer Bitte um Ver­zeihung ! Und als ich sie beschwor, mir irgend einen Wunsch zu nennen, den ich ihr noch erfüllen könnte, da sprach sie die Bitte aus--"

„Aber Sie dürfen dies nicht mißdeuten Luise. Sie sagte eS in ihrer rührenden Unschuld und HerzenSgüte, nur dem Begehren nachgebend, ein geliebtes Wesen glücklich zu machen: „Ewald, meine Freundin Aurelie liebt Dich