Nr. SU.
Marburg, Sonnabend, 11. September 1880.
XV. Jahrgang
Anzeigen nimmt cmgegen; die Expedition d.vlatte», sowie d-Annoncen-Bureaur von LH, Dietrich & Co. in Staffel und Hannover; LH. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasensteiu & Vogler in Frankfurt a- M., Berlin, Leipzig, (Hin re.; Rudolf Stoffe i» Berlin, Frankfurt a. M- »e.
ObttWschc Mm«.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatter sowie d-Annoncen-Bureaur von ®. L Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jägerische Buchhandlung bafelbfti; Hermann'sche Bllchyandk. daselbst; Jnvalidendauk in Berlin; W LhieneS in Merfeld; L. Schlotte in Bremen-
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Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werde» 25 Pfg. berechnet-
Die Agitation gegen die Getreidezölle.
Die freihändlerische, insbesondere die fortschrittlich gerichtete Presse hat in der letzten Zeit einen förmlichen Sturmlauf gegen die Getreidezölle in Scene gesetzt. Schon im Frühjahr, als die Maifröste in vielen Gegenden die Saatfelder geschädigt hatten, benutzten diese Blätter diesen Umstand, um gegen die Getreidezölle zu donnern. Als dann Die ungewöhnlich fruchtbare Witterung im Monat Juni den Schaden der Maifröste vielfach auswetzte, legte sich allmählich der Zollsturm. Als aber dann Ende Juli und Anfang August anhaltende Regengüsse und Überschwemmungen neuen Schaden für die Landwirtschaft, namentlich in Schlesien und Westpreußen brachten, brach der Sturm von neuem los und zwar diesmal mit ungewöhnlichem Ungestüm. Man wollte mit Gewalt den Ge» treidezoll über den Hausen rennen. Die Nachrichten aus Schlesien und Westpreußen über die Erntebeschädigungen wurden so übertrieben und so verallgemeinert, daß es schien, als hätten ganze Provinzen gar nichts geerntet und stände die schrecklichste Hungersnot direkt vor der Thüre. Von den überall günstigen Ernteberichten aus dem Westen und Süden Deutschlands wurde ebenso wenig Notiz genommen, als von den guten Ernteberichten aus dem südlichen Rußland, Ungarn, Frankreich und Amerika. Unter dem Einfluß dieser übertriebenen und einseitigen Berichte wurden an der Getreidebörse die Getreidepreise immer höher hinaufgetrieben. Dabei wurde die Sache so dargestellt, als müßten wir bei Getreideeinkäufen im Auslande den vollen Zoll bezahlen und sei eigentlich der Zoll an dem Steigen der Preise schuld, und als hinge Sein oder Nichtsein der landwirtschaftlichen Bevölkerung jener Gegenden von der Abschaffung oder Ausrechthaltung der Zölle ab. Nachgerade, nachdem sich die Wasser der Ueberschwemmung verlaufen haben und trockene Witterung eingetreten ist, hat es sich herausgestellt, daß das Regenwetter in einzelnen Gegenden allerdings großen Schaden angerichtet hat, daß aber die Ausdehnung deö Unglücks bei weitem nicht den Umfang angenommen hat, wie die übertriebenen Berichte anfänglich darstellten; und da die Ernte in anderen Gegenden so vorzüglich ist, wie seit vielen Jahren nicht, so ist man nachgerade zu der Ueberzeugung gekommen, daß wir schwerlich viel mehr Getreide aus dem Auslände werden einführen müssen, als in anderen Jahren. Aber selbst, wenn wir mehr Getreide einsühren müßten, so würde eine Abschaffung der Zölle die geschädigten Landwirte in -Schlesien und Westpreußen wenig nützen. Es ist durch die That- sachen erwiesen, daß der Zoll, welcher für den Centner nur 50 Pfennige beträgt, auf die Preise keinen Einfluß übt. In der Freihandelsperiode, wo wir meistens gute Ernten hatten, stiegen die Preise fortwährend, so daß sie die Höhe der jetzigen — trotz Maifröste und Ueberschwemmungen —
einigemale sogar überstiegen. Damals priesen die Frei- handelsblätter diese Preissteigerung als ein Zeichen, daß der Konsum sich gemehrt und die Leute mehr Geld hätten als früher. So wissen sich diese Herren immer zu helfen. Was sie damals als Zeichen des Wohlstandes dargestellt, schildern sie jetzt als Zeichen größter Not. Damals redete man den Konsumenten vor, die teueren Preise seien ein Beweis, daß sie viel Geld hätten, ein Sinken der Preise würde also ein schlimmes Zeichen sein; jetzt heulen sie den Konsumenten Tag für Tag vor, wie dieselben denn bei den teuren Preisen bestehen wollten, das müsse ja doch anders werden, die Getreidezölle müßten abgeschafft werden. Der Konsument wird von ihnen wie eine Puppe behandelt, der man bald ein lachendes, bald ein weinendes Gesicht machen tarnt. Als zu Anfang dieses Jahres, wo die Getreidezölle eingeführt wurden, die Fruchtpreise sanken, statt, wie die Freihändler prophezeit hatten, zu steigen, da mußten die vollen Magazine herhalten, um dieses zu erklären, und jetzt wieder müssen die leeren Magazine herhalten, um die Furcht vor Hunger und Teuerung zu erwecken. Es ist das ein ganz widerwärtiges Gebühren. Das Interesse der Konsumenten ist ein vorgeschobenes, in Wirklichkeit ist die ganze Agitation nur im Interesse des Handels, der etwas mehr verdient, wenn er keinen Zoll zu zahlen braucht. Das tollste aber ist, daß auch das Interesse der Landwirte gegen den Zoll ins Feld geführt wird. Was nützte eö den Landwirten, welchen die Ernte verdorben ist, wenn der Zoll aufgehoben würde? Dadurch würde ihre üble Lage nicht im geringsten gebessert und wenn die Regierung ihnen mit nichts anderem als mit einer Aushebung der Getreidezölle unter die Arme greifen würde, so wäre ihnen wenig geholfen. Hier gilt es, daß dafür gesorgt werde, daß diesen Leuten Saat- und Brotfrucht ytr Beifügung gestellt wird, auch wenn sie kein Geld haben, und daß ihnen auch in der Zahlung ihrer Abgaben Erleichterungen gewährt werden. Das würde den Leuten wirklich helfen und sie vor den Wucherern beschützen. Aber die Aufhebung des Zolls würde ihnen gar nichts nutzen. Wollte man den Getreidezoll aufheben, so müßte natürlich auch der Vtehzoll fallen, und mit den landwirtschaftlichen Zöllen würden selbstverständlich auch die Jndustriezölle abgeschafft werden müssen. Mit den Zöllen aber fiele jegliche Aussicht auf eine heilsame Steuerreform und wir würden wieder ganz in die Freihandelsära, die unsere wirtschaftlichen und sozialen Zustände so schwer zerüttet hat, zurückfallen. Die Freihändler wissen deshalb sehr wohl, was sie thun, wenn sie fort und fort gegen die Getreidezölle agitieren; aber wir wissen auch, was wir thun, indem wir ihrer Agitation entgegentreten. Es handelt sich um die Aufrechterhaltung der neuen, auf den Schutz der nationalen Arbeit gerichteten Zollpolitik! Möchte deshalb unsere Industrie-Bevölkerung sich ja nicht durch jene Agitation bethören lassen. Dieselbe
würde ihnen jetzt so wenig als in der Freihandelöära billiges Brot bringen, aber sie würde sie wieder der Konkurrenz des Auslandes völlig schutzlos preisgeben.
Deutsches Reich.
Berlin, 9. Sept. Der Kaiser stattete heute Mittag 12x/2 Uhr dem Herzoge von Cambridge, derZam Morgen hier eingetroffen war, einen Besuch im Schlosse ab. Der Kaiser und die Kaiserin empfiengen um 1 Uhr den Herzog im königlichen Palais. Um 5 Uhr ist Hoftafel, zu welcher der Kronprinz, die hier eingeiroffenen fremden Fürstlichkeiten, Botschafter Ruffel, Graf Moltke und viele höhere Offiziere geladen find. — Die morgen zur Ausgabe gelangende 5. Nummer des „Kirchengesetz- und Verordnungsblattes" enthält, wie bereits von mir angekündigt worden, die Kirchengesetze, betreffend die Trauuugsordnung und betr. die Verletzung kirchlicher Pflichten in Bezug auf Taufe, Konfirmation und Trauung, sowie die Instruktion zu letzterem Gesetze. In der Einleitung sind die allgemeinen Grundsätze enthalten, nach welchen den Auffassungen des ev. Oberkirchenrats gemäß die Handhabung des Gesetzes erfolgen soll- Es heißt dort in Bezug hierauf: „Die nach Einführung der Civilehestandsgesetzgebung zahlreich hervorgetretenen Unterlassungen der Taufe und Trauung, welche an einigen Orten bereits den christlichen Charakter nuferes Volkes in dem Fundament des Familienlebens ernstlich bedrohen, haben es notwendig gemacht, die den Gemeinde-Kirchenräten erteilten Vollmachten zur Uebung kirchlicher Zucht, durch die Zuweisung geeigneter Zuch- mittel zu ergänzen und ihre Aufgabe, christliche Gesinnung und Sitte in der Gemeinde sowohl durch eigenes Vorbild, *al6 auch durch besonnene Anwendung aller dazu geeigneten und statthaften Mittel aufrecht zu erhalten und zu fördern, bei Verletzung kirchlicher Pflichten in Bezug auf Taufe, Konfirmation unv Trauung durch ein besonderes Kirchengesetz in feste und verbindliche Regeln zu fassen. Mit der Anwendung der in dem Gesetz enthaltenen Vorschriften ist allerdings die Obliegenheit gemeindlicher Kirchenzucht keineswegs erschöpft, wie der § 17 des Gesetzes ausdrücklich bestimmt, daß die nach dem Staatsgesetz vom 13. Mal 1873 zulässigen, kirchenordmmgsmäßig festgestellten oder In einzelnen Landesteilen observanzmäßig bestehenden anderweitigen Hebungen der Kirchenzucht, auch in ihrer Anwendung auf die in den §§ 4 bis 7 genannten kirchlichen Pflichtversäumnisse, durch dies Gesetz nicht berührt werden! Vielmehr steht zu erwarten, wenn die Gemeinde-Kirchenräte gegenüber den äußerlich leichter erkennbaren und meßbaren Pflichtverletzungen die vielfach ganz außer Uebung gekommene Kirchenzucht nach sicheren Grundsätzen wieder handhaben lernen, daß das Bewußtsein von dm überhaupt zur Wahrung christlicher Sitte uno zur Abwehr von Aerger- niffen in den Gemeinden ihnen anvertrauten Obliegenheiten
Verwaist.
Erzählung von Clara Waldheim.
(Fortsetzung.)
Dieser Duft und die dämmerige Stille deö KabinetS erweckten bekannte Erinnerungen in der Seele des jungen Mädchens. Es fiel ihr ein, daß sie zur Zeit ihres Con- firmanDenunterrichts diesen Ort mehrmals mit ihren Gefährtinnen betreten habe, und unwillkürlich suchten ihre Blicke die Hinterwand, welche sie damals Alle ganz besonders interessiert hatte. Dort hing, von dunklem Epheu, der sich aus zierlichen Gefäßen daran emporrankte, umkränzt, daS lebensgroße Portrait einer wunderschönen, in vollster Jugendblüte stehenden Frau. Die Augen so blau, tote die Kornblume im lichtbraunen Haar, blickten froh und übermütig in die Welt hinein, den purpurrothen, halbgeöffneten Lippen schien noch der frische Lebenshauch zu entquellen.
Luise erinnerte sich, wie unter den Konfirmandinnen damals die Sage gegangen, jene Frau sei die Gattin des Pfarrers gewefen, die er leldentschaftllch geliebt habe und feit deren Tod er so melancholisch geworden sei, denn daß er melancholisch sei, stand bet ihnen fest. Das verlieh ihm erstlich einen Reiz mehr und erklärte auch Den Gleichmut, mit welchem er ihre Huldigungen duldete, anstatt sich beglückt und geehrt dadurch zu fühlen.
„Also das ist das Weib, das er geliebt hat, der vollkommene Mann, in dessen Gegenwart mir alle meine Fehler von selbst ins Gedächtnis kommen," dachte Luise in ihrer gereizten Stimmung. „Sie muß sehr vollkommen gewesen sein, aber — bah, sie ist schön und das ist auch schon genug. Welche schönen blauen Augen — fast so
reizend, wie Schwester Lina'ö. — Er hat auch Lina entschieden immer den Vorzug gegeben, mich mochte er nicht leiden, aber eS ist mir so gleichgültig. — Wie lange es schon her sein mag, daß er sic geliebt hat? Tante erinnert sich doch dvran uno pflegt dann die Bemerkung zu machen, daß dies noch eine vortrefflichere Ehe gewesen sei, als die ihre mit Onkel. Das glaube ich wohl. — Aber so sehr lange kann es doch nicht her fein, daß er sich verheiratete — oder er verändert sich überhaupt gar nicht. Mir scheint er steht noch ebenso aus, wie damals, als ich ihn zum ersten Male sah."
Diese letzte Bemerkung bestätigte sich im nächsten Moment, als die Portiere zurückgeschlagen wurde und Erlen mit einer leichten Verbeugung eintrat. Die letzten Jahre schienen spurlos an ihm vorübergegangen, weder sein Gesicht, noch seine Gestalt waren im mindesten verändert.
„Ach, Sie sind es, mein Fräulein," begann er, mit väterlicher Freundlichkeit dem jungen Mädchen die Hand reichend. „Darf ich fragen, was mir die seltene Ehre Ihres Besuches verschafft?"
Luise war ihm innerlich sehr dankbar, daß er diese Begegnung, die ihr ohnehin unendlich peinlich war, so ganz als eine geschäftliche auffaßte.
„Ich bin gekommen, um Abschied zu nehmen," antwortete sie gepreßt, während ein Blutstrom in ihre bleichen Wangen schoß.
„Sie verlassen diese Gegend?" fragte er, erstaunt auf« blickend.
„Ja, und das auf immer."
ES entstand eine Pause; endlich sagte er: „Mein Kind, ich habe es Ihnen schon oft gesagt, Sie sind zu heißblütig und leidenschaftlich."
„Diese Bemerkung erwartete ich im Voraus," entgegnete sie schroff; Sie haben es leicht, Moral zu predigen, aber wenn Sie wüßten, was es heißt, täglich und stündlich mit einem Charakter zusammen zu fein, gegen den man die entschiedenste Antipathie hegt, fortwährend-die kleinlichsten Quälereien zu dulden, an seinen heiligsten Gefühlen angegriffen zu werden, keine Seele zu haben, an die man sich anfchlicßen kann — Sie würden nicht mehr von Geduld und Sanftmut sprechen."
„Und wer sagt Ihnen, daß ich es nicht weiß?" fragte er ernst. „Und dennoch, oder eben deshalb, sage ich, Sie müssen sich vor dem Schicksal beugen, denn es beugt sich vor Ihnen nicht."
„Das heißt," rief Luise, aufs Aeußerste gebracht, „ich soll noch länger die erbärmlichen Launen dieser Frau ertragen, auch wenn — wenn sie sich so weit vergißt, mich — zu schlagen?"
Im nächsten Augenblick bereute sie, daß sie es ausgesprochen, sie bedeckte das erglühende Gesicht mit beiden Händen.
Erlen war aufgestanden und ging im Zimmer auf und ab.
„Wohl denn", sagte er, vor ihr stehen bleibend, deö Menschen Wille ist sein Himmelreich, und ich mag Niemanden in seinen Entschließungen beschränken. Aber darf ich mir die Frage erlauben, was Sie jetzt zu thun gedenken ?"
„Ich habe mir einige Kenntnisse gesammelt, ich möchte Erzieherin werden," erwiderte sie, die Hände sinken lassend.
„Das dürfen Sie nicht!" sprach er hastig.
„Nun?" fragte sie herauslockend, „weßhalb?"
„Sie sind zu schön dazu," entgegnete er langsam.