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Marburg, Freitag, 10. September 1880.

XV. Jahrgang

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Verwaist.

Erzählung von Clara Waldheim.

(Fortsetzung.)

In ihrem Zimmer angekommen, lehnte Luise lange Zeit regungslos am Fenster. Sie empfand nicht den Duft der Rosen, die sich daran emporrankten und sah ihre Schönheit nicht; ihre Augen waren starr und thränen- los in die Ferne gerichtet.

Endlich raffte sie sich empor, strich das Haar von der Stirn und sagte zu ihrer Schwester, die bitterlich weinend in einer Ecke des Zimmers saß:

„Ich bitte Dich, Lina, hilf mir meine Sachen ein­packen, damit ich noch vor Abend dieses Haus verlassen kann."

„Was sagst Du da, Luise?" fragte die Kleine erschreckt näher tretend.

Bei dem Blick dieser großen, kindlichen, angstvoll auf sie gerichteten Augen brach Luisens mühsam behauptete Fassung. Ein Thränenstrom entstürzte ihren Augen, sie sank in einen Stuhl und legte die Arme um die zarte Taille ihrer Schwester.

„Mein Gott, Luise, Du weiust?" fragte diese mehr und mehr beängstigt „Du sprichst von Abreisen? Aber be­ruhige Dich doch, die Tante wird hernach schon bereuen, was sie gethan hat, wird wieder freundlich sein und Du kannst dann ungestört hierbleiben."

„Wo denkst Du hinl" sagte Luise stolz, sich empor- richtend und ihre Thränen trocknend. „Meines Bleibens in diesem Hause ist keinen Tag mehr. Wie gern sage ich ihm Lebewohl l nur die Trennung von Dir fällt mir schwer. Ich mag Dich nicht in den Händen dieser — Frau wissen.

Eine neue Partei.

Unter diesem Titel bringt die neueste Provinzial- Korrespondenz eine Besprechung des Manifestes der na­tionalliberalen Sezessionisten, welchem sie eine eingehende Beachtung widmet, da die Absicht offenbar vorläge, die Wähler zu veranlassen, ihre Stimmen ‘bei den nächsten Wahlen auf Anhänger dieses Programms zu lenken. Zu­nächst schildert das offiziöse Blatt die Personen der neuen Partei:

„Es ist der linke Flügel der Partei, der seinen Aus­tritt erklärt, und es bestätigt sich auch die Voraussetzung, daß dieser Flügel die Minderzahl der Fraktion gebildet hat, was ihn nicht verhinderte, in wichtigen Fragen der Partei eine Oppositionsstellung aufzudrängen, welche, mochte sie nun vor der letzten parlamentarischen Entscheidung noch verlassen oder behauptet werden, auf das politische Leben sehr nachteilig eingewirkt hat. Im ersteren Fall wurde die ganze Partei dem unbegründeten Vorwurf ausgesetzt, ihre eigentliche Ueberzeugung verleugnet zu haben; im an­deren Fall sah sich die Regierung verlaffen, wo sie ans Verständnis und Beistand zu hoffen berechtigt war. Die Unsicherheit, welche dadurch in das parlamentarische Leben kommen mußte, konnte nur lähmend und verwirrend wirken, und wenn der Austritt des linken Flügels zur Beseitigung derselben führt, so wird er nach dieser Richtung von wohl- thätiger Wirkung sein."

Eine sehr scharfsinnige Auseinandersetzung widmet als­dann die Prov.-Korr. dem in den Mittelpunkt des Pro­gramms gestellten Ausdruck: wahrhaft konstitutionelles System:

„Dieser Satz erregt sogleich Befremden. Schon die Wahl des Kunstausdrucks „konstitutionelles System" ruft ein solches hervor. Dieser Ausdruck war nahezu aus unserer politischen Sprache verschwunden. Er war außer­ordentlich beliebt, als der deutsche Liberalismus seine Vor­bilder aus dem politischen Leben Frankreichs unter der Julidynastie nahm. Als aber schon vor dem Jahre 1848 die Güte dieses Typus nicht mehr anerkannt wurde, als eine radikale Richtung sich als Demokratie aufthat, da wollten die gemäßigt Liberalen das Vorbild der Vereini­gung der Freiheit mit der Monarchie nur noch in England finden und als Kunstausdruck für das, was man dort zu finden glaubte und bei uns erstrebte, kam der Name „parlamentarische Regierung" auf.

„Warum haben die Unterzeichneten diesen Namen nicht gewählt? Erschien ihnen der von ihnen beliebte etwa un­verfänglicher? Wenn der Ausdruck „parlamentarische Re­gierung" dem einfachen Wortsinn nach verstanden würde, so würde die Anwendung des Namens und der Sache in der bei uns herrschenden Regierungsweise überall ange­nommen werden, denn Niemand will die große Wirksam­keit der parlamentarischen Körperschaften, welche ihnen die

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Deutsches «eich.

Berlin, 8. September. Der „Nationalztg." zufolge trug die heutige Besprechung einiger aus der nationallibe­ralen Partei ausgetretener Abgeordneter mit einzelnen Ver­trauensmännern aus verschiedenen Teilen Deutschlands einen privaten Charakter. Man constatierte den günstigen Ein­druck der Austrittserklärung. Beschlüsse wurden nicht ge­faßt. — Der „Nordd. Allgem. Ztg." zufolge sind die neuerdings wieder in Umlauf gesetzten Nachrichten ver­schiedener Blätter über eine bevorstehende vom Vorsitzenden des Reichsgesundheitsamtes angeregte Veränderungen im Ressort dieses Amtes auch diesmal unbegründet. — Der Besuch des Ministers v. Haymerle bei Fürst Bismarck kann als Austausch freundschaftlicher Versicherungen charak­terisiert werden. Besonders flagrante Fragen lagen nicht zu Grunde. Auch nehmen die orientalischen Fragen an­scheinend zur Zeit eine ruhigere, von drängenden Jncidenz- fällen freiere Entwickelung als bisher. — Der hier woh­nende geschäftsführende Ausschuß deS „deutschen Lehrerver­eins" hat an den internationalen Unterrichtscongreß in Brüssel folgendes Schreiben gerichtet: „Der geschäftssührende Ausschuß des deutschen Lehrervereins beehrt sich, dem inter­nationalen Unterrichts-Kongreß zu Brüssel feinen Dank auszusprechen für die Einladung zur Teilnahme an den Arbeiten des Kongresses. Bei den lebhaften Sympathieen, die in den Kreisen unseres Vereins für den Kongreß und seine hohe pädagogische Bedeutung vorhanden sind, bedauert es der unterzeichnete Ausschuß um so mehr, der ehrenvollen Einladung Folge leisten zu können. Die gegnerische Stel­lung unserer vorgesetzten städtischen Schulbehörde zu den Bestrebungen unseres Vereins ließ es zu unserem tiefen Bedauern nicht angemessen erscheinen, den erforderlichen Urlaub nachzusuchen. Wir dürfen aber versichern, daß unser ungeteiltes Interesse dem Congresse gehört. Mögen seine Beratungen der Volks- und Jugendbildung aller Länder zum Segen gereichen. Der geschäftsführende Aus­schuß des deutschen Lehrervereins. I. A.: O. Tiersch, Vorsitzender.

Köln, 6. September. Heute früh durchlief die Kunde von einem schauerlichen Verbrechen unsere Stadt. Gegen 4 Uhr erhielt der Oberwächter Freudenau die Meldung, daß soeben im Glacis vor dem Severinsthor ein Mann durch einen Militärsergeanten erschossen worden sei. Er begab sich mit, einigen Wächtern vor das Severinsthor, wo er auch eine männliche Leiche mit einem Schuß in der Brust neben dem Militär-Wachthause liegen fand. In der Wachtstube befand sich ein Frauenzimmer von hier, welches auf Befragen folgendes aussagte: Gestern Abend sei sie mit ihrem Liebhaber im Glacis spazieren gegangen, als gegen 11 Uhr plötzlich fünf Kerle erschienen seien, sie angegriffen und besonders ihren Liebhaber derartig miß­armes Herz, vergiß die Qual, nun muß sich Alles, Alles wenden I — Doch jetzt lebe wohl, Lina, ich kehre nicht mehr hierher zurück." — ■

„Du bist so hastig, so seltsam, Luise," sagte die jüngere Schwester, sie besorgt anblickend, „Deine Hände glühen, Du sprichst so viel — ich habe Dich nie so gesehen."

„Ich auch nicht," entgegnete Luise bitter auflachend, „habe auch nie geglaubt, mich so — beschimpft zu sehen. Aber sei unbesorgt, das ist die Freude, von hier fortzu- kommen. Thue mir noch den Gefallen, diesen Koffer durch irgend Jemand auf den Bahnhos zu senden, nicht durch einen Diener des Hauses —"

„Warum nicht, sie werden es so gern thun, sie werben so betrübt sein über Deine Abreise."

• „Betrübt! Du bist ein Kind, Lina, sie sind alle Heuchler und mögen mich nicht leiden — Du weißt ja — weshalb. Niemand wird mich hier vermissen, mir ist als wäre ichS wie ein böser Geist durch dieses HauS gewandelt, und All« müßten nach meiner Entfernung freier aufathmen. Ein! süßes Bewußtsein, hahaha I" Sie lachte ironisch.

„Ich bitte Dich, Luise, sei nicht so aufgeregt, ich möchte weinen, wenn ich Dich so sehe."

„Das ist nur für den Augenblick," antwortete Luise^ sich vor dem Spiegel das verwirrte Haar zurecht streichendl und mit beiden Händen den Hut darauf drückend. „(Sieb' Acht, jetzt werde ich gleich ruhig sein, denn ich gehe ja zu einem sehr sanften, tugendhaften Mann, weißt Du, dessen - Langmut in aller Munde lebt. Hahaha! Ich wüßte wohl, mit wem ich ihn zusammenwünschte, um seine Geduld zu erproben. — Doch jetzt adieu liebes Kind, ich habe Eile."

„O, ich komme ja noch zum Bahnhof, um von Dir Abschied zu nehmen," schluchzte die Kleine.

Verfassung des Reichs tote des preußischen Staats bei­legen, einengen oder gar beseitigen. Parlamentarische Ne­gierung in dem Sinne, daß die Negierung in wesentlichen Funktionen an die Mitwirkung des Parlaments gebunden ist, herrscht bei uns und wird nicht bekämpft. Allein die herrschende politische Sprache legt in den Ausdruck eine Bedeutung, welche der Wortlaut nicht ergibt; sie versteht unter parlamentarischer Regierung die alternierende Partei­regierung, deren Wechsel durch die Krone, welche auf die Entscheidung ohnd Einfluß ist, formell bestätigt wird. Zn diesem System gehört vor Allem, daß alle politische Kraft des Lande« und deö Parlaments in den Dienst zweier sich in der Negierung ablösenden Parteien gestellt ist. Sobald ein Zustand eintritt, wo die Regierung nicht zwischen zwei Parteien wechselt, sondern von Partei zu Partei ins Unbe- stimmte übergeht, ist der Verfall des Staates und des Volkes in die unmittelbarste Nähe gerückt. Die Partei­regierung ist nur dadurch erträglich, daß mit dem Sturz einer Regierung die einzige immer vorhandene Nachfol­gerin gegeben ist und ohne Widerspruch angenommen wird."

„Diese Regierungsweise ist aus leicht begreiflichen Grün­den nicht ein Grundsatz des Staatsrechts, sondern höchstens eine Gewohnheit deö Staatslebens geworden. Dieselbe dadurch irgendwo einzuführen, daß man zum Grundsatz des Staatsrechts macht, an die Abstimmung formaler, sachlich in sich gehaltener Majoritäten die Entscheidung über den Regierungswechsel zu knüpfen, erscheint als ein wenig durch­dachtes Unternehmen. Das Unternehmen wird dadurch nicht vorsichtiger und besser berechtigt, daß man zur Bil­dung einer Partei einlabet, welche die Forderung jener Regierungöweise zu ihrer Triebfeder machen soll. Aller- wenigstens müßte erst ein großer lebendiger Vorrat ge­meinsamer Ueberzengungen geschaffen fein, der alle poli­tischen Gegensätze des Landes bis auf den einzigen als al­ternierende Ergänzung gedachten in sich aufnähme und harmonisch vereinigte. Es ist ooch sehr seltsam, die Wähler zur Sendung von Männern aufzufordern, die einer solchen Partei angehören wollen, bevor der geistige Inhalt einer derartigen Partei vorhanden ist, so lange vielmehr das politische und geistige Leben sich in einer Reihe von Gegen­sätzen, anstatt in einem einfachen Gegensatz bewegt.

„ES ist aber die Frage, ob große Parteien, wie man sie im Auge hat, durch die Gleichheit der geistigen und politischen Anschauungen und nicht vielmehr durch andere Triebfedern zusammengehalten werden."

In seinem letzten Teil beleuchtet der Artikel der „Prov.- Corr." kritisch die allgemeinen Forderungen des Programms. Schließlich wird die Meinung ausgesprochen, daß das Pro­gramm „die allgemeine und freudige Zustimmung, auf welche die Unterzeichner wohl gerechnet haben müssen, bis­her nicht gefunden zu haben scheint."

Komm mit mir Lina, die Welt ist groß genug für uns Beide. Ich will für Dich arbeiten, will für Dich sorgen wie eine Mutter. — Komm mit mir, begleite mich!"

„Aber das geht doch nicht, Luise," wandte die Kleine ängstlich ein. „Ich möchte ja so gern bei Dir bleiben — aber, es geht doch Alles nicht! Ich bin ja noch nicht einmal konfirmiert, habe auch ' mein Einsegnungskleid noch nicht — und dann, was würden meine Freundinnen sagen und die Tante und alle Leute? Wir könnten uns hier nie wieder sehen lassen."

„DaS wollen wir hoffentlich auch niemals," antwortete Luise bitter, „aber Du hast Recht, ich darf Dich nicht an mein Geschick ketten, das selber noch unbestimmt genug ist. Für die erste Zeit wird die kleine Summe wohl ausreichen, die ich mir durch meine heimlich gefertigten Compositionen erworben, und bann — werde ich schon irgend ein Unter­kommen finden. Vielleicht erlange ich einmal soviel, daß eS für uns Beide ausreicht, und dann kommst Du zu mir, Lina, nicht wahr?"

„Gewiß, gewiß," schluchzte diese.

„Und nun laß uns eilen," fuhr Luise ausstehend fort.

„Mich duldet es nicht eine Stunde länger hier."

Binnen Kurzem waren alle Sachen, die Luise sich durch eigenen Verdienst erworben, in einen Koffer gepackt — die reichen Geschenke der Tante ließ sie unbeachtet liegen: Es hatte ihr, seit sie erwachsen war, stets Selbstüberwindung gekostet, ein geschenktes Kleid anzulegen

„So," sagte sie, deu Schlüffel abziehend und in fieber­hafter Haft nach einer Umhüllung greifend. „Jetzt noch einen Gang zu unserem Vormund, und daun fahre ich in die weite Welt hinein. Wie leicht mir fein wird, wenn ich diese Stadt im Rücken habe." Dann heißt'S: „Nun

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