Nr. 212
Marburg, Donnerstag, 9. September 1880.
XV. Jahrgang
GerMlhk jritimii
Berlin; W. LhienrS ie «iberseld: L. Schlotte in Breme».
Verwaist.
Erzählung von Clara Waldheim.
(Fortsetzung.)
„Mein Gott die arme Adele, wie mag ihr Stolz ge litten haben die ganze Zeit! Sie war immer stolz, ein wenig zu stolz eigentlich. Nun, ich habe ja das Meinige für sie getan und bereue es nicht, aber welche Last sie mir mit Deiner Erziehung aufgebürdet hat, das weiß Gott allein."
Sie hatte mit schwacher, hinsterbender Stimme gesprochen und verbarg jetzt ihr Gesicht tief aufseufzend in den Händen.
Luise drückte den Fuß krampfhaft auf den Teppich nieder, um ein heftiges Emporfahren zu unterdrücken. Ihre Züge jedoch behielten den gleichgültigsten Ausdruck, und sie beschäftigte sich spielend mit dem Glase.
„Ja," fuhr die Leidende fort, „Gott weiß, wie ich mir Mühe gebe, Dich zu ändern, aber leider war eS schon zu spät. Dein unbezähmbarer Eigensinn, Dein maßloser Trotz —"
„Aber Mama hat Luise doch immer gelobt und sie ihre artigste Tochter genannt," unterbrach Lina entschuldigend.
„DaS ist eben der Verderb!" rief die Kranke diesmal mit mehr Eifer, als ihrem leidenden Zustande zuträglich sein mochte. „Man muß Kinder nie ins Gesicht hinein loben. Dadurch entwickelt sich — sie hatte dies irgendwo gelesen — ihr Selbstgefühl und macht eine weitere Erziehung unmöglich. Daher sind auch alle meine Anstren- «ungen, sie nach mir zu bilden, gescheitert. Nur noch gestern jjagte die Rätin Freiwald zu mir: „ES ist doch seltsam
Herrschaft über das Berliner Philistertum streitig machen. Ohne auch den geringsten Beweis dafür zu haben, sprechen sie den Verdacht aus, die beiden Agitatoren seien von der Negierung gekauft, um sie als Hechte in den Berliner Fortschrittsteich zu setzen. Dabei nehmen sie in sofern die Partei der Sozialdemokraten, daß sie sagen, die letzteren würden gewiß nicht so dumm sein, um sich von Körner und Finn einfangen zu lassen. Körner und Finn haben nun ein Flugblatt herausgegeben, in welchem sie darauf Hinweisen, wie jämmerlich es doch mit der Fortschrittspartei bestellt sein müsse, daß ihre Presse durch zwei einfache Handwerker in solche Furcht und Aufregung versetzt würde. Dann weisen sie die Arbeiter darauf hin, mit welcher peinlichen Sorgfalt, diese Fortschrittsblätter die Interessen des wohlhabenden Bürgerstandes bewachten durch ihr Manchestertum das handelnde Kapital unterstützten, die Arbeit zur Ware machten, aber alle Versuche des Staates, das Wohl der Arbeiter zu fördern, als Sozialismus verdächtigten und bekämpften. Sie fordern deshalb die Arbeiter auf, sich nicht mehr von der Fortschrittspartei irre führen zu lassen.
— Aus den Publikationen bei Anlaß des Jubiläums der Gardedragoner wird auch jetzt erst die bisher noch nicht veröffentlichte Allerhöchste Kabinets - Ordre bekannt, laut welcher der General-Feldmarschall Freiherr v. Manteuffel aus Anlaß seines fünfzigjährigen Dienstjubiläums a la suite des 1. Garde-Dragonerregiments, in welchem er einst seine militärische Laufbahn begann, gestellt wurde. Diese Kabinetsordre lautet: „Mein lieber General-Feld- marschall! Der Rückblick auf eine 50jährige Dienstzeit zeigt selten eine solche Mannigfaltigkeit der wichtigsten und verschiedenartigsten Dienste und Stellungen, wie sie heute bei Ihrem Jubiläum Meine dankbare Erinnerung in Ihrer rühm- und ehrenreichen Dienstlaufbahn findet. Sie find wie es Wenigen beschieden worden ist, in seltener Vereinigung der Mann des Rates und der That gewesen, Sie haben mir mit unübertrefflicher Treue zur Seite gestanden, als es galt, die Armeeorganisation zu erlangen: Sw haben in Meinem Offizierkorps den alten preußischen Sinn für Ehre und Pflichterfüllung zu pflegen gewußt, daß eö vorbereitet m die ernste Zeit trat, und daß es die schweren Prüfungen derselben bestehen konnte; Sie haben wiederholt Armeecn vor dem Feinde und immer zum Siege geführt, und Sie hatten es wahrlich um die Armee »et« du'Nt, daß Ihnen auch diese höchste und größte Auszeichnung deö Soldaten zu Teil wurde. Wenn Ihr Vater bei Ihrem Eintritt in die Armee dem Könige versprach, daß Sie bestrebt sein würden, dem Könige und dem Vaterlande nützliche Dienste zu leisten, so werden Mein in Gott ruhender Vater und Bruder, sowie Ich selbst, dahin ^eua- nls ablegen, daß dieses Versprechen wahrlich erfüllt worden ist. Ich spreche Ihnen heute nicht weiter von Meinem meine Liebe, daß Ihre älteste Nichte Ihnen so wenig gleicht Bei der Sorgfalt, die Sie auf Ihre Erziehung verwenden — — Du darfst nicht lachen, Luise," fuhr sie erbittert fort, indem sie sich halb aufrichtete, und ihre sonst so weiche Stimme klang nichts weniger als sanft, „Du darfst nicht lachen, Dein Benehmen bei dem gestrigen Garten- concert war allerdings dazu geeignet, solche Bemerkungen zu veranlassen. Die Art, wie Du die Huldigungen der anwesenden Herren aufnahmst, namentlich" — ihre Stimme sank zu einem verständlichen Zischen herab - „namentlich die deö schönen Herrn von Steilem —"
Bei diesen Worten umzog ein spöttisches Lächeln die Lippen des jungen Mädchens. Herr von Stettern, ein junger flatterhafter Cavalier, galt für den bevorzugten Verehrer der kleinen, niedlichen Frau.
„Dieses Herrn von Stettern," fuhr die Tante höhnisch .«fort, „der wohl der Neueste der von Dir inö Netz ae- ' lockten Anbeter ist —" b
Luisens Augen blitzten zorniz auf. Dann sagte sie kalt, aber mit vernichtendem Hohn:
„Du irrst, Herr von Stett-rn kümmert sich Gott sei Dank nicht um mich, und beglückt mit seiner Verehrung wohl eine andere Dame. —"
Im nächsten Augenblick brannte ein Schlag auf ihrer Wange Die kleine sanfte Fmu war aufgesprungen, mit Gliedern"» wutfunkettlben Augen und bebenden Gliedern stand sie vor ihr.
Luise war tötlich erbleich: einen Schritt zurückgewichen, und aus ihren Blicken leuchtete für einen Moment ein so ar“ tli(^er daß selbst die Wütende augen- blickuch ihre Augen verwirrt ablenkte. Dann jedoch eraina sie sich in um so lauteren Ausbrüchen ihres Zornes.
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Deutsches Reich.
Berlin, 7. Sept. Die „Deutsche Landesztg." nimmt eine von dem französischen Senatspräsidenten Leon Sah bei der Preisverteilung in der Meierei Eprunei gehaltene Rede zur Veranlassung zu einem Ausfall auf den preußischen Minister für Landwirtschaft. Herr Leon Sah hatte ausgeführt, daß die Konkurrenz der amerikanischen Getreideproduktion eine Herabsetzung der französischen Grundsteuer, welche bekanntlich höher als die kontingentierte preußische ist, nötig machen würde. Die „Landes-Ztg." nimmt daraus Veranlassung, sich dahin zu äußern, daß zwar von Ermäßigung der Grundsteuer, resp, Ueberführung derselben in die Gemeinde auch bei uns die Rede gewesen sei, es sei aber bei schönen Worten geblieben! — Nun — was in aller Wett hat denn Herrn Leon Sah anderes als schöne Worte gegeben? Wir wollen eben abwarten, wo der erste Schritt zur Reform der Grundsteuer gemacht werden wird, ob in Preußen, wo die kontingentierte Grundsteuer der alten Provinzen 30 Millionen Mark einbringt, oder in Frankreich, wo bis zum letzten Kriege die Grundsteuer Vi der Staats-Einahmen ausmachte. Im übrigen steht es in dem republikanischen Frankreich den Ministern und Kammerpräsidenten völlig frei, mit ihren Projekten beliebig anfzutreten. Bei unö sind die Minister, also auch der landwirtschaftliche, an die Zustimmung ihrer Kollegen und des Königs gebunden, bevor sie den Beitritt der Landesvertretung erbitten, d. h. mit ihren Plänen an die Oeffentlichleit treten können. Jedenfalls konnte die Staatsregierung eine Reform der Grundsteueuer bisher nicht in Angriff nehmen, weil ihr die Ersatzmittel für dieselbe im Reich wie in Preußen verweigert wurden. — Die auSge- wiesenen Sozialdemokraten Wilh. Körner und Karl Finn, beiten die hiesige Polizei bekanntlich die Rückkehr nach Berlin gestattet hat, haben von weiten der Fortschrittspartei heftige Angriffe erfahren. Die Berliner Fortschrittler fürchten, die beiden Agitatoren möchten ihnen die süße
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Dank für alle Ihre Dienste, beim biefen Dank empfinbe Ich immer unb über ben Ausdruck aller Worte hinaus Ich mochte aber diesen Tag nicht vorübergehen lassen, ohne Ihnen eine Freude zu machen, und dies darf ich bei Ihrer warmen Erinnerung an Ihre ersten Dienstverhältnisse da- dur-ch zu erreichen hoffen, daß Ich Sie hierdurch ä la suite des 1. Garde-Dragoiierregiments stelle. Mögen Sie diese ^hre erste Uniform noch recht lange wieder tragen Das wünsche Ich Ihnen und den Ihrigen und das wünsche "3ch ganz besonders auch Mir und der Armee. Berlin den 1. Mai 1877. Ihr dankbarer König Wilhelm.
Duisburg, 3. Sept. Das Kuratorium der hiesigen Realschule I. Ordnung hat unterrn 16. v. M. eine Petition an den hohen Bundesrat des Deutschen Reiches, zu Händen des Herrn Reichskanzlers Fürsten v. Bismarck ge- in welcher unter Erneuerung des Petitums vom 18. Oktober 1878 „um Zulassung der Realschulabitu- nenten zum Studium der Medizin, für jetzt darum ge- horsamst gebeten wird: „daß ein hoher Bundesrat die Entscheidung über § 4 des Entwurfs einer neuen Prüfungsordnung für Aerzte bis zur Publizierung der von dem ^mglich preußischen Unterrichtsministerium beabsichtigten Reform der Gymnasien und Realschulen I. Ordnung aussetzen wollte." °
Leipzig, 5. Septbr. Die sozialdemokratische Partei hier unb, in anderen sächsischen Städten hat ihr Mißvergnügen über die Sedanfeier durch Ausstreuen von Schriften aufrüherischen Inhalts bekundet. U. a. macht der Stadt- rat in Crimmitschau bekannt, daß am Morgen des 3. September daselbst derartige Schriften mit dem Titel Hoch lebe die Revolution!" vielfach aufgefunden worden sind, und em Gleiches wird aus Meerane gemeldet, wo Schriften mit dem Titel „Nieder mit den Schmarotzern", in Couverts verpackt, in viele Häuser geworfen waren.
München, 5. Septbr. Durch einen an die Kreisregierungen, Distrikspolizei- und Gemeindebehörden gerichicten Erlaß des Königl. Staatsministeriums des Innern wird zur Kenntniß gebracht, daß der „Kaiser-Wil! elmsspende, allgemeine deutsche Stiftung für Alters-, Renten- und Kapitalverstcherung in Berlin", die Erlaubniß ihres Ge- schäfisbetriebes. auf das Königreich Bayern erteilt worden ist. Im Hinblick auf den gemeinnützigen Zweck der Anstalt, in deren Aussichtsrat sich auch ein Vertreter der bayrischen Staatsregierung befindet, wird den Königlichen Kreis- rcgterungen rc. in Folge eines Ersuchens der Direktion der Stiftung durch Königl. Ministerialerlaß empfohlen, diejenigen Kreise der Bevölkerung, deren Interesse die Stiftung hauptsächlich zu dienen bestimmt ist, über die Vorteile welche eine Beteiligung an der WilhelmSspende bietet, in geeigneter Weise aufzuklären unb bk Bemühungen der genannten Direktion um Gewinnung ausreichender lokaler Organe, unbeschadet der bezüglich der Uebernahme von
„O meine arme Luise!" rief Lina herzueilend unb die Wankenbe mit ihren Armen stützenb, „warum hast Du bas getan, Tante!" , v 1
Die kleine Frau zerriß ihr buftigeS Taschentuch zwischen ben zitternden Hänben. Wie war alle Anmut unb Kindlichkeit so ganz von ihr gewichen in diesem Moment!
-Elende!" kreischte sie heiser, mit den kleinen Füßen den Teppich stampfend, „was wagst Du? Ist das der Dank, den Du mir schuldest? Du, die Du ohne meine Gute verhungert wärst? Du verdienst mein Brot nicht, was Du issest. Du — Du — Du Undankbare!"
Sie stürzte plötzlich hinaus und warf die Thür schmetternd hinter sich zu.
Es war ganz still Im Zimmer, Lina weinte, die Gold fischchen huschten in ihrem Bassin umher, der Sonnenschein flimmerte auf den hundert vergoldeten Zieraten des Salons. Erst nach einer Pause erhob der Canarienvogel, der vor Schreck verstummt war, seinen gellenden Gesang.
Luise richtete sich aus den Armen ihrer Schwester ans.
Tir 5*’. fa0te au den Käfig beutenb" „laß unö gehen, Lina." '
3hr Antlitz drückte die vollkommenste Ruhe ans, so baß ber Diener, welcher den Lärm gehört und sich plötzlich gedrungen gesuhlt hatte, die Wasserkaraffe eben jetzt herein- zubniigen, seinen Kameraden unten in der Küche erzählte eS sei oben wieder ein fürchterlicher Streit gewesen, aber die gnädige Fran sei weggelaufen und die Fräulein als Sieger auf dem Platze geblieben.
k /Das geht ja immer so," sagte ein ältlicher Diener, „bas älteste Fraulein hat einen Eisenkopf, mit der darf Kerner anbtnbcn, sie behält doch immer das letzte Ende."
»Das ist aber sehr schlecht von ihr, daß sie der gnfc