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Marburg, Dienstag, 7. September 1880.

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Anzeigen nimmt tmgegen: die Expedition d.vlattes, sowie d-Annoncen-Bureaur von LH, Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; LH. Dietrich in Frankfurt a.M.; Hänfenstem & Bögler in Frankfurt a. M., Berlin, rripzig, Cökn re.; Rudolf Stosse in Berlin, Arant- furt a. M- ic.

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Anzeigen nimmt entgegen dieGxpeditton d. Blattes sowie d- Annoncen-Bureauk von 8- Daube & Co. in K-ankfurt a. M; JLger'sche Buchhandlung daselbst^; Hermann'sche Buchhanbl. daselbst; Jnvalidendanl in Berlin; W- LhieneS in Elberfeld: C. Schlotte in Bremen-

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Tonn- und Feiertagen- Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „3Iuftrirte5 eonutagSblatt" durch die Srvedition lK o ch'sLe Äu.,druckerei) bezogen 2fc Wart, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Wart 50 Pfg. (ejcl. Bestellgebühr). — JnsettionSgebühr für die gespaltene Zeitt 10 Pfa. ijftr in der Expedition zu erthetlende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Bestellungen für den Monat September auf die

Bberhessische Zeitung

mit deren Gratisbeilage

JllustrirteS Sonntagsblatt bitten wir baldigst bei den Postanstalten machen zu wollen.

Die Landpostboten nehmen auf dem Lande Bestellungen entgegen.

Die Ex-ed. d. Oberh. Zeitung.

Die neue liberale Gruppe.

Der linke Flügel der nationalliberalen Partei hat nun tatsächlich seinen Austritt aus derselben erklärt und hat eine diesen Schritt begründende Erklärung darüber ver­öffentlicht, welche von 28 Abgeordneten unterschrieben ist, und, wie es heißt, werden derselben noch einige Abgeordnete beitretcn. Die liberale Partei ist damit aufgelöst; es gibt nur noch eine Anzahl Gruppen, die sich mehr oder weniger gereizt einander gegenüber stehen: da sehen wir die Gruppe Bennigsen, die Gruppe Schauß-Völk, die Gruppe Rickert- Bamberger, die Gruppe Richter-Hänel (Fortschrittspartei) und die Gruppe Sonnemann. Das ist eine wahre Muster­karte. Und in diesem Gruppengcwirr soll sich das Volk zurecht finden! Welcher Wirrwarr mag erst entstehen, wenn demnächst bei den Wahlen alle diese Gruppen in die Wahl­bewegung eintreten und jede ihr besonderes Wahlprogramm veröffentlicht! und da soll daS politische Leben gedeihen! Aber die Gruppen selbst hoffen, daß das Volk bei den Wahlen die eine Gruppe mit der anderen totschlagen und daß aus der Wahlurne eine große liberale Partei gestiefelt und gespornt hervorspringen werde. Das wäre doch nicht anders möglich, als daß das Volk keinen einzigen der bis­herigen Abgeordneten wieder wählte; denn wenn dieselben wieder gewählt werden, so ist eS doch gar nicht anders zu erwarten, als daß auch sofort die jetzige Zersetzung wieder eintreten wird. Es ist doch gar nicht anzunehmen, daß die Männer, welche sich jetzt von einander trennten, nach den Wahlen sich wieder vereinigen werden. Da müßten die Wahlen auch die Menschen ändern können. ES ist also eine große Thorheit, anzunehmen, vaß aus den Wahlen eine Einigung der liberalen Partei hervorgchen werde. Man sieht aber daraus, daß diese Leute sich so thörichten Hoffnungen hingeben können, daß sie sich selbst noch gar nicht darüber klar sind, was die Ursache dieser Zersetzung

Verwaist.

Erzählung von Clara Waldheim.

(Fortsetzung.)

„Wie ärmlich Ihr hier wohnt Kinder," sagte sie, sich leise schüttelnd, „aber wir haben uns ja noch gar nicht gegrüßt! Kommt, sagt mir doch guten Tag, ich habe ja Kinder so gern."

Die elegante Dame mit ihrem sanften Gesicht galt wirklich in dem Kreise ihrer Bekannten für eine große Kinderfreundin. Hier indeß schien sie ihre gewohnte An­ziehungskraft nicht auszuüben, denn Luise trat bei ihrer Anredung unwillkürlich einen Schritt zurück intb die kleine Lina hielt sich scheu und ängstlich an der Schwester fest.

„Kommt doch, und gebt mir einen Kuß," fuhr sie schmeichelnd fort und zog die Kleine an sich, „ich will Euch ja jetzt mitnehmen in mein Haus und will Eure Mutter sein — ist es nicht komisch, Herr Erlen, schon zwei solche großen Kinder zu haben?"

„Meine verstorbene Schwester war fünf Jahre älter als ich," fuhr sie, da ihr keine Antwort wurde, fort, „aber wir haben uns doch sehr lieb gehabt, weiß Gott" — sie fuhr mit dem Taschentuch über die feuchten Augen — „und darum will ich Euch jetzt zu mir nehmen. Ihr werdet doch artig sein und mich recht lieb haben?"

Lina brachte ein schüchternes „Ja" hervor, Luise be­harrte in ihrer starren Verschloffenheit.

„Nun, und Du?" fragte die Tante. „Sagst Du nicht auch, daß Du mich lieb haben willst?"

„Nein," rief daö Kind mit auSbrechcnder Leidenschaft­lichkeit, „Du hast unsere Mama auch nicht lieb gehabt, und darum mögen wir Dich nicht! Ich will nicht in Dein stolzes Haus ziehen, lieber bleibe ich bei meiner toten Mama und sterbe vor Hunger, oder ich vermiete mich als Kinderwärterin--"

ist- Die bisherige Haltung der nationalliberalen Partei unter der Führung Bennigsens ist nicht die Ursache des Zerfalls, sondern diese Haltung ist selbst nur eine Er­scheinung dieses Zerfalls. Die Ursache desselben liegt tiefer. Sie liegt in der durch die Macht der Thatsachen gewirkten Erkenntnis, daß die liberalen Grundsätze und Anschauungen, welche so schlimme Notstände hervorgerufen haben, unmöglich die richtigen sein können. Man spricht auf liberaler Seite diese Erkenntnis zwar nicht in dieser unverhüllten Form aus, will sie sich auch nicht eingestehen, aber die Zustimmung so vieler Liberaler zu dem Zolltarif und der Kirchen­vorlage ist ein thatsächlicher Beweis dafür. Im Volke aber breitet sich diese Erkenntnis immer weiter aus. Der ursächliche Zusammenhang zwischen den liberalen Gesetzen und den vorhandenen Mißständen liegt auf vielen Gebieten ja so klar zu Tage, daß er mit Händen zu greifen ist. Man denke nur an die Gründerei mit ihren Verwüstungen des Volkswohlstandes und an das Aktiengesetz; an das Vagabondentum, das Massenproletariat in den großen Städten und an das Freizügigkeitsgesetz, an den Rückgang des Handwerks neben den großen Waarenmagazinen und die schrankenlose Gewerbefreiheit, an das Ueberhanduehmen des Wirtshauslebens und die Schankfreiheit, an die Ver­wüstungen des Wuchertums und die Wucherfreiheit, an die hunderttausend ungetaufter Kinder und ungetrauter Ehen und das Civilstandsgesetz. Hier ist doch überall der Zu­sammenhang mit Händen zu greifen und jeder verständige Mensch sagt sich doch: sollen diese Mißstände beseitigt werden, so müssen jene Gesetze geändert werden. Ohne eine solche Reform ist an eine wirkliche Besferung gar nicht zu denken.

Die eingefleischten Liberalen wollen aber von einer solchen Reform nichts wissen; sie machen vor den Thatsachen die Augen zu und versteifen sich auf ihre liberalen Grund­sätze, machen den Anhängern Bennigsens zum Vorwurf, daß dieselben bereits davon abgewtchen wären und wollen nun wieder auf den Boden des alten liberalen Programms zurückkehren und alle Reformvorschläge rundweg abweisen. Wenn es nach diesen Herren ginge, so würde also an eine Besserung der vorhandenen Mißstände gar nicht zu denken sein. Dem deutschen Volke wird zugemutet, zu Ehren der liberalen Grundsätze auch fernerhin seinen sozialen Frieden zu opfern. Ob daö Volk dazu fernerhin Lust hat, das werden die nächsten Reichstagsmahlen zu zeigen haben. Gewiß, wenn dem Volke die Sache in dieser schlichten, wahren Einfachheit vor Augen stände, dann würde dasselbe unzweifelhaft keine liberale Abgeordnete wählen; allein durch die liberalen Phrasen wird ihm dieser wahre Sachverhalt verhüllt. So redet auch die Erklärung der neuen Gruppe nur in solchen Phrasen. Sie schreibt die „Einheit politischer

Eine Hand legte sich sanft auf ihr Haar und unter­brach ihre heftig hervorgestoßenen Worte.

„Du weißt nicht, was Du sprichst, mein Kind," sagte er mit freundlichem Ernst. „Die Tante meint es gut mit Dir, Du thust unrecht, wenn Du solche Worte zu ihr sprichst. Würde Deiner Mama das gefallen, wenn sie Dir zuhörte?"

Das Mädchen schlug erglühend die Augen nieder.

„Geh, gieb der Tante einen Kuß und versprich, sie recht lieb zu haben, wie ste eS wünscht, damit Deine Mama die von oben auf Dich herab steht, sich über Dich freuen kann."

Luise ließ eS jetzt willig geschehen, daß die Tante, deren Augen schon längst in Thränen der Rührung schwammen, sie in ihre Arme zog, und einen Kuß auf ihre Stirn drückte.

„O," sagte sie dabei, „wir werden unS schon verstän­digen. Du bist freilich ein wenig seltsam, Kind, Deine Schwester ist lieber und zutraulicher, — Du gleichst, fürchte ich, nur zu sehr Deiner verstorbenen Mama, die auch immer etwas eigensinnig war." — Luise machte sich, bei diesem Wort zusammenzuckend, aus ihrer Umarmung frei — „darum hat sie sich gewiß auch nicht an mich gewandt, obgleich sie, wie mir scheint, Grund genug dazu gehabt hätte. Nun ist es wahrhaftig nicht meine Schuld, daß Ihr möglicherweise sehr eingeschränkt gelebt habt; ich helfe ja so gern, wo ich darum gebeten werde. Fragt nur den Herrn Pfarrer, er kann'S Euch bezeugen, daß ich keinen Notleidenden von meiner Tür weise, und überall gern bei­springe, wo meine Hilfe beansprucht wird. Wie gern wäre ich auf den Ruf Eurer Mutter auch gleich herbeigeeilt, wenn nicht die vielen Abhaltungen — bei alledem war es doch ein guter Gedanke von mir Herrn Erlen um seine Begleitung zu bitten, denn da meine Freundin D. erkrankt

Denkart", das „wahrhaft konstitutionelle System", das „Festhalten an den politischen Freiheiten", „unnötige Be­lastung des Volkes," „kirchliche und religiöse Freiheit" auf ihre Fahne. Das lautet alles ganz schön, und wer nicht tiefer blickt, der sagt: Ja, das will ich ja auch, also kann ich für diese Partei stimmen. Und in der That, das alles wollen alle Parteien, auch die konservativen.

Allein mit solchen allgemeinen Sätzen lockt man keinen Hund hinterm Ofen hervor. Wie will man beispielsweise mit der Phrase: „Erhaltung der politischen Freiheiten" die Notstände in unfern Handwerkerstand, unter den Arbeitern beseitigen? Von all' diesen Phrasen können wir kein Brot backen. Wir brauchen reelle, bestimmte Vorschläge. Die Parteien müssen sagen, wie sie die Unterdrückung und Zerdrückung des kleinen Handwerker-, Bauern- und Kauf­mannsstandes durch das große Handelskapital zurückhalten, wie ste die Steuerlast des Volkes erleichtern und doch die Finanzen des Reiches vermehren, wie sie die daö Volks­leben zerstörenden Folgen des Freizügigkeitsgesetzes beseitigen und das wirtschaftliche wie sittliche Leben der Nation zu heben gedenken! Die Partei, welche das mit klaren, jedem einfachen Manne einleuchtenden Worten sagt, wird jetzt die Herrin der Situation sein. Die konservative Partei hat daö Zeug dazu. Sobald sie mit klaren, bestimmten Vor­schlägen hervortritt, ist sie Herrin der Lage. Möchte sie diese Gelegenheit nicht versäumen! Sie ist es dem Vater­lande schuldig.

Deutsche» Keich.

Berlin, 4. Septbr. Der Kaiser und die Kaiserin begaben sich heute Vormittag 10V< Uhr zur Besichtigung der Kadettenanstalt nach Lichtenfelde und kehrten von dort mittelst Extrazugs nach 1 Uhr nach Babelsberg zurück. — Der Großfürst Alexis ist gestern Nachmittag nach Paris weitergereist. — Der ehemalige portugiesische Minister- Präsident Fontes Pereira de Mello ist heute Nachmittag zu den Majestäten nach Babelsberg befohlen und mit einer Einladung zur Tafel beehrt worden. — Der französische Botschafter am hiesigen Hofe, Graf St. Ballier kehrt in den ersten Tagen deö Oktober hierher zurück. Von einem Wunsche des Grafen, den hiesigen Posten zu verlassen, ist, nach der „Nat. Ztg." in keinem Augenblicke die Rede ge­wesen. Der Präsident Grevy und der Minister Freycinet sind gleichfalls für den Fortbestand des bisherigen Ver­hältnisses, an dessen Aenderung überhaupt nur dann zu denken ist, falls Gambetta und sein Einfluß dem Botschafter seine hiesige Stellung zu verleiden vermöchten. — Die »Nordd. Allgem. Ztg." berichtigt eine Anzahl von Zeitungs- Nachrichten, zunächst die Nachricht von beabsichtigten Unter­handlungen mit Rom, welche bald in Kisstngeu, bald in

ist, hätte ich schließlich auch jetzt noch nicht kommen können. — Aber es ist wahrhaftig spät," unterbrach sie sich plötz­lich, nach ihrer goldenen, von Brillanten funkelnden Uhr sehend, „wir wollen Alle mit einander in das Hotel gehen. Morgen lasse ich die Leiche nach meinem Wohnort trans­portieren, damit sie in unserem Erbbegräbnisse beigesetzt werde. Sie soll nicht schlechter ruhen als die Andern, die arme Adele, obwohl sie so heruntergekommen war, das leid ich nicht!"

Sie ergriff Lina bei der Hand um sie mit sich fortzu- führen, die Kleine blickte sich schüchtern nach ihrer Schwester um, die noch unbeweglich neben dem Lager der Toten ver­weilte.

Erlen begriff ihren Wunsch, erst von der Mutter Ab­schied zu nehmen. „Gehen Sie nur unbesorgt voraus, gnädige Frau," sagte er, „ich komme mit Luise später nach."

Die gnädige Frau zuckte die Achseln, fügte sich aber doch seinem Wunsch. Kaum hatte sie daS Zimmer ver- laffen, als die Kleine mit dem wilden SchmerzenSauSbrnch dessen anscheinend kalte zurückhaltende Naturen im Augen­blick höchsten Affekts fähig sind, sich über das Bett der Verstorbenen warf und ihre Glieder mit heißen Küssen bedeckte. Erlen ließ sie eine Zeit lang scheinbar unbeachtet gewähren, dann trat er zu ihr, ließ sich auf den Bettrand nieder und schlang liebkosend seine Arme um ste. Da ließ ste daS müde Haupt an seine Brust sinken und der starre Krampf, der ihr Herz zusammenschnürte, löste sich in milbe Thränen auf.

AlS sie Beide aufbrachen, küßte bk Kleine gefaßt unb getröstet seine Hand mit betn Versprechen blefe Stunde und die guten Vorsätze, die ste heute gefaßt, nie zu bergefien.

(Fortsetzung folgt.)