Nr. 209.
Marburg, Sonntag, 5. September 1880.
XV. Mlgmg
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition ».Blatte», sowie d-Annoncen-Bureaur von Th, Dietrich & Co. in Raffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Bögler in Frankfurt a- M., Berlin, Leipzig, Cvln Rudolf Stoffe in Berlin, Frankfurt a. M- «.
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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition ».Blatte« sowie d. Annoncen-Bureaur von ®. L- Daube & Co. in
Berlin:' Ä Thienes in Clberfeld: C. Schlotte in Bremen-
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Die Sxpeo. d. Oberh. Zeitung.
Zur deutschen Auswanderung.
IV.
Es gibt nur einen einzigen Fall, in welchem man sich mit der scharenweisen Auswanderung versöhnen kann. DaS ist der Fall, wo die letztere als eine von der Heimat aus betriebene, der Heimat zu gute kommende und von der heimatlichen Regierung oder einer sicheren, wohlbegründeten, unter Aufsicht der Behörden stehenden Gesellschaft geleitet wird. Vor Kurzem hieß es, daß ein solches Kolonisationswerk von Württemberg aus ins Werk gesetzt werden solle; allein die Mitteilungen, welche darüber in die Oeffentlich- keit gedrungen sind, scheinen hinlänglich zu beweisen, daß es auch bei diesem Unternehmen wieder nur auf das Einfangen thörichter Europamüder abgesehen ist. Man hat sogar nicht Anstand genommen, das Kolonisations-Projekt im „Württembergischen Staats-Anzeiger" zu veröffentlichen, und man hat ihm damit den Schein der Zuverlässtkeit und vertrauenswerter Wahrheit unterzulegen versucht, aber dieser Versuch ist doch etwa« zu plump ausgefallen, um einen nennenswerten Erfolg zu versprechen. In dem genannten amtlichen Blatte heißt es nämlich: Die im Westen Amerikas zu gründende Kolonie solle als gemeinschaftliches Heim errichtet werden und den Namen „Stuttgart" führen. Die Auswahl des Landes werde in diesem Herbste getroffen werden und während des Winters würden bereits alle die Vorbereitungen getroffen werden, welche notwendig, damit im Frühjahr die Einwanderer gleich die Einsaat vornehmen könnten und für sich und ihre Familien ein Haus auf der von ihnen gewählten Parzelle vorfänden. Die Kolonie, heißt es weiter, bezwecke Beseitigung der mit der Gründung einer Heimstädte im amerikanischen Westen für den Einzel- Ansiedler verbundeneir Schwierigkeiten und Entbehrungen und Sicherung der Annehmlichkeiten der Civilisation, als da sind: Schule, Kirche, Arzt, Apotheke, Mühle, gute Wege, Erleichterung des Einkaufes der Bedürsniffe zur Einrichtung, Pflege nachbarlicher Freundschaft, Austausch geselliger Ge-
Verwaist.
Erzählung von Clara Waldheim.
(Fortsetzung.)
Immerhin aber machte der eigentümlich milde, sinnende Blick seiner ernsten Augen, die leicht sarkastisch sich kräuselnde Oberlippe einen gewissen frappanten und fesselnden Eindruck.
„Ja, Kinder," fuhr er in gewinnendem Tone fort, die Hände der beiden verwaisten Mädchen in die seinen nehmend, „eure Mutter weiß jetzt, daß der liebe Gott für Euch sorgen wird und darum möchte sie nicht, daß Ihr jetzt lange traurig bleibt. Auch werdet Ihr bald eine zweite Mutter finden. Eure Tante, eine liebenswürdige und wohlthätige Dame, wird sogleich Herkommen. Sie hat Kinder sehr gern und wird auch Euch recht innig lieb haben."
„Wir wollen die Tante nichtI" rief Luise plötzlich leidenschaftlich aus. „Sic. hat nichts von uns wissen wollen, weil wir so arm sind. Darum hat sie meiner armen Mama auf ihren Brief nicht geantwortet. Ach, es war ein so rührender Brief, Mama weinte so sehr, als sie ihn schrieb, und hernach war sie noch viel kränk-r als vordem. Und die Tante hat uns doch nicht geantwortet und hat Mama in Angst gelassen so viele Wochen." — Ein heftiges, krampfhaftes Schluchzen erstickte ihre Worte. „Wie sagst Du Kind?" fragte der Geistliche betroffen, „Wochen." —
„Ja, vorgestern waren eS drei Wochen, als Mama den Brief absandte, sie war damals schon krank und ist nachdem nicht wieder aufgestanden; sie konnte nicht einmal sterben deshalb, ich weiß es recht gut. Und weil die Tante sich nicht um Mama gekümmert hat, wollen wir sie auch
nüsse u. s. w. Das ist so viel auf einmal des Versprochenen, daß man von vornherein schon mißtrauisch werden muß. Dies Mißtrauen aber wächst, wenn man liest, daß das Grundstück mit einer Anzahlung auf Credit gegeben wird und daß der Ansiedler außer der Anzahlung noch mindestens über ein Kapital von 2000 Mark verfügen muß zur Bestreitung seiner Einrichtung, der Anschaffung von Gerätschaften und für seine Lebensbedürfnisse bis zur ersten Ernte. Man fragt wohl mit Recht, was dann geschehen wird, wenn die erste Ernte mißrät und die Mittel der Auswanderer erschöpft sind. Schießt ihnen dann die Gesellschaft neue Mittel vor oder jagt ste die Leute von dannen? Oder spekuliert ste nur auf reiche Leute? Das wäre fürwahr erst recht kein Segen für die Heimat. Die ganze Sache scheint also Schwindel zu sein, berechnet von pfiffigen Agenten, um einfältige Leute für die Ueberfahrt einzufangen. Was aus ihnen später wird, ist ja gleichgiltig. Jedenfalls hat die württembergische Regierung mit vieser Kolonie nichts zu schaffen; ste hat zu Hause genug zu thun, um nicht noch den ihr Geld aus dem Lande Tragenden im fernen Westen Amerikas Kirchen und Schulen, Apotheken, Mühlen und gute Wege auf Credit zu bauen, und ebenso wenig ist anzunehmen, daß eine Privatgesellschaft so viel Geld hat, um all das Versprochene herzurichten. Wie gesagt, wenn die Regierung oder eine fest gegründete und mit den nötigen Geldmitteln versehene Gesellschaft (nach dem Vorbilde der einstigen ostindischen Kompagnie) im stände wäre, eine Kolonisierung ins Werk zu setzen, die im Verkehr mit dem Mutterlande bliebe und die Aussicht böte, dem Mutterland? nützen, dann und nur dann wäre der Auswanderung, aber auch nur bedingungsweise, das Wort zu reden. Ist das aber nicht der Fall, so muß jeder Einsichtige, jeder Menschen- und Vaterlandssreund nur wünschen, daß das alte Sprichwort wieder beherzigt werde:
„Bleibe im Lande und nähre dich redlich."
Tagesbericht.
Die zehnjährige Wiederkehr des Sedantages ist in unserem Hessenlande sowohl als in ganz Deutschland mit Einmütigkeit als Festtag gefeiert worden. Denkmalsweihen und Totenfeiern für die im deutsch-französischen Kriege Gefallenen, Gottesdienste und Schulfestlichkeiten, Beflaggung von Türmen und Gebäuden, Illuminationen, Fackelzüge und Bergfeuer, Festzügc und Bankette ließen die Bedeutung des Tages für alle Kreise und Bevölkerungsschichten erkennen. Es wird nicht nötig fein, die Kundgebungen der Festesfreude und der dankbaren Erinnerung an die fchwere, aber große Zeit alle aufzuführen und zu beschreiben; im große»! Ganzen haben sich die Festlichkeiten, wie es sich ja von selbst versteht, überall in demselben Rahmen bewegt.
nicht lieb haben, und wenn sie kommt, gehe ich nicht mit ihr." —
Ein seidenes Frauenkleid rauschte vor der Thür. Man hörte die Gattin des Hauseigentümers mit einer Fremden sprechen.
„Lieber Gott, welch eine dunkle Treppe," sagte die Dame. „Also hier? Viele»! Dank, gute Frau!"
Sie trat ein. Erlen erhob sich bei ihrem Erscheinen. „Sie kommen sehr spät, gnädige Frau"
„Mein Gott, konnte ich den« eher? Ich ließ mir nur die nötige Zeit, meine Toilette in meinem Hotel zu wechseln und auch das mußte in rasender Eile geschehen. Sie wiffen, wie unrecht Sie mir mit Ihren Vorwürfen thun, da Sie meine fieberhafte Sehnsucht nach der Schwester kennen." — „Aber mein Gott, wo ist ste denn?" unterbrach sie sich plötzlich, unsicher im Zimmer umher blickend, „ich hoffe doch, daß —"
Er zuckte die Achseln. „Trotz der anerkennenswerten Eile, gnädige Frau, mit der Sie Ihre Toilette besorgt haben," sagte er ironisch, ist es leider zu spät."
„Er wies mit der Hand auf das Sterbelager, das in einer Ecke deS schon ziemlich tunkten ZimmerS sich befand, und nachdem er noch mit de» Worten „Hier, Kinder ist Eure Tante," den Mädchen die Dame vorgestellt, zog er sich mit gekreuzten Armen KS ans Fenster zurück.
„Wie meinen Sie daSk" fragte die Dame verwirrt, dem Bett näher tretend, „Adele," rief sie, die darauf Lie- Stbe gewahrend, „Du bist also bettlägerig — oder läft sie?"
„Sie ist tot!" sprach Luise finster.
„Tot? Allmächtiger Sott, wer hätte daS geahnt! O, nun erkläre ich mir «eine Sehnsucht, die mich gestern
Die „Prov.-Corresp." schreibt gelegentlich der Vollendung des Kölner Doms: „Am 14. August 1248, zwei Jahre vor dem Ende der Regierung des Kaisers Friedrich II., wurde der erste Grundstein des Kölner Domes gelegt, unter einem Kirchenfürsten, der gegen den Kaiser als einer der eifrigsten Kämpfer stand. Aber in den Entwürfen der Baumeister lebte deutscher Geist, lebte die erhabene und zugleich zartsinnige Art, wie der deutsche Geist damals das Christentum erfaßte. Es war ein auS Nord- Frankreich herüber gekommener Baustil, in welchem das edle Gotteshaus errichtet werden sollte, aber die deutschen Meister verwendeten diesen Stil in ihrem, in deutschem Sinne, gaben seinen Formen die höchste Vollendung, als Darstellungsmittel eines Geistes, wie er in diesen Formen noch nicht gewohnt hatte. Dieser Geist und dieser Baustil hatte sich nie auf den italienischen Boden verpflanzt, und die römische Kirche war demselben fremd, fast feindlich geworden, als sie im Gegensatz zur Reformation sich selbst mit einem neuen Geist erfüllt hatte. Die letzten Kurfürsten von Köln im 18. Jahrhundert hatten den Charakter des Domes durch fremdartige Reparaturen dem Untergang entgegenführen lassen, weil ste den Geist deS Werkes nicht verstanden. Deutscher Sinn hat diesen Geist wieder belebt, den vorhandenen Bau von fremdartigen Zuthaten gereinigt und endlich den ganzen ursprünglichen Entwurf zur Wirklichkeit gemacht. Als ein Denkmal deutscher Einigkeit hat König Friedrich Wilhelm IV., als er am 4. September 1842 den Grundstein zu den neuen Türmen legte, die Vollendung des Kölner Domes bezeichnet. Am 15. Oktober, am Geburtstag des hochseligen Königs Friedrich Wilhem IV., so hat unser erhabener Kaiser angeordnet, soll die Vollendung des Kölner Domes an Ort und Stelle in des Kaisers Gegenwart und der Gegenwart des königl. Hauses hochfeierlich begangen werden."
Die Liberalen sind mit der Erklärung ihrer neuen Gruppe selbst nicht befriedigt. Sie fühlen eben, daß die Gruppe mit solchen allgemeinen Redensarten, wie ste seit Jahren auf allen Zäunen ausgehängt waren, keine Vögel mehr zu fangen sind. Auf diesen allgemeinen Leim geht niemand mehr. Aber was geschehen, ist geschehen und deshalb fordert die „Nat.-Ztg." die liberalen Blätter auf, sich mit Würde in das Unvermeidliche zu fügen — und mit geschloffenen Augen tapfer für die neue Gruppe einzutreten ; wer nicht für die Gruppe eintritt, ist kein Liberaler mehr. Der Tagesbefehl in der „Nat.-Z." lautet wörtlich: „Nu»: handelt es sich für die liberale Partei um eine wichtige, ernste Sache, um die Lebensfrage, und es würde zu bekiagen sein, wenn auch liberale Zeitungen bei solchen kahlen Beurteilungen verweilen wollten. Fördern läßt sich damit nichts, auf welchem Standpunkt man auch stehe; es können nur Zweifelsucht und Mißbehagen damit verbreitet
beinahe gewaltsam vorwärts trieb. Aber wer hätte gleich das Schlimmste geahnt? Also tot! Und so plötzlich, so überraschend --."
„Wie ich höre, hat Ihre Frau Schwester Ihnen ja schon vor drei Wochen von ihrer Erkrankung und ihren Befürchtungen dieserhalb Mitteilung gemacht," unterbrach sie Erlen vom Fenster her.
„Ja, ich glaube wohl, daß es schon einige Zeit her ist, wie lange weiß ich freilich nicht," entgegnete die Dame verlegen an ihren Handschuhen zupfend. „Aber Sie wiffen ja selbst, Herr Pfarrer, wie meine Zeit in Anspruch genommen ist. Was hätte die Gesellschaft gesagt, wenn sie der Gartenfestlichkeiten verlustig gegangen wäre, die ich immer im Spätsommer arrangiere. All meine Zeit und meine Gedanken mußte ich diesen Angelegenheiten widmen, erst daS jetzt eingetretene abscheuliche Wetter ließ mich freier aufatmen. Da bin ich nun sofort aufgebrochen — mehr kann man wahrhaftig doch nicht von mir verlangen."
Erlen hielt es nicht der Mühe wert, Einwendungen gegen diese schlagenden Gründe zu erheben. „So muß ich es aber unverantwortlich nennen," sagte er ernst, „daß Sie mich als den Vormund dieser Kinder nicht früher benachrichtigt haben. Wissen Sie, was Sie gethan haben? Ein Mutterherz an seinen heiligsten Gefühlen grausam verletzt, eine lange qualvolle Hoffnung leichtsinnig getäuscht, den Todeskampf einer scheidenden Seele--"
„Um Gotteswillen hören Sie auf!" unterbrach Sie ihn sich die Ohren zuhaltend, mit wehklagender Stimme, „Sie sind geradezu entsetzlich in Ihrer schonungslosen Rücksichtslosigkeit. Wie konnte ich es wissen, daß Sic sich so nahe für diese Angelegenheit interessieren! Und überdies ist es grausam von Ihnen, mir jetzt Vorwürfe zu machen, wo