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XV. Mrgaii

Nr. 20#.

JRorfiucg, Sonnabend, 4. September 1880.

Anzeigen nimmt entgegen: »je Expedition d.vlatte», sowie d-Annoncen-Bureaux von Tb, Dietrich & Co. in Knffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Bögler in Frankfurt a- M., Berlin, x^pzig, 4ölu 2t.; Rudolf LLope in Berlin, Frank­furt a. M- 1L

WkWschc ZitW.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte» sowie d.Annoncen-Bureaur von ®. L Daube & Co. in Frankfurt a. M; JSger'sche Buchhandlung daselbkl; Hermann'sche Buchhanbl. daselbst; JnvalidendaÄ in Berlin; W- Thiene» in «berfeld; ff. Schlotte in Bremen-

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Die Expev. d. Obertz. Zett«»«.

Der Tag von Sedan,

schreibt die „Prov. Corresp.", wirkt nun zehn Jahre im Leben des deutschen Volkes. Denn wie am Tage helden­mütiger Anstrengung eines ganzen Volkes die Arbeit Aller, das Genie und die That der Leitenden, auS einem Born lang gesammelter Kraft der Vergangenheit schöpfend, zu­sammen wirken, so wirkt ein solcher Tag auch lange im Leben des Volkes fort, erziehend auf den Willen, erhebend auf das Gefühl, gestaltend in den Einrichtungen, die er hervorgerufen und ermöglicht hat. Ein solcher Tag ist im höchsten Maße derjenige, dessen zehnjährige Erinnerung daS deutsche Volk jetzt begeht. Es hat sich diese Erinnerungs­feier nicht nehmen lassen, was auch von Ueberklughcit und heimlichem Neid dagegen versucht worden ist.

Ein zehnjähriger Abschnitt ruft das Bedürfnis nach dem Rückblick hervor auf das, was ein solcher Sieg an Früchten bisher gezeitigt, vor Allem darauf, wie er von denjenigen, denen ihn Gott verliehen, benutzt worden ist.

Die Parteisucht ist in der letzten Zeit wieder vielfach bemüht gewesen, dem deutschen Volk die Genugthuung über seinen gegenwärtigen Zustand, der größtenteils eine Frucht jenes Tages ist, zu verbittern. Aber selbst eine strenge Prüfung muß zugestehen, daß daS deutsche Volk, seitdem es als erste Folge der Entscheidung von Sedan seinen RcichSbau wieder auftichten konnte, oft einmütigen Sinnes und mit Erfolg gearbeitet hat, um feinem Gesamtleben nach allen Richtungen hin gesicherte Bahnen zu schaffen. Die großen Leistungen der Ordnung des Heerwesens, des Bank, und Münzewesens, der Ausgestaltung der Reichsämter, der einheitlichen Justizgesetze, die mit dem rüstig fortschreitenden Werk des bürgerlichen Gesetzbuches ihren Abschluß erreichen werden, sind hier zu nennen Andere Reformen haben sich unter lebhaften Meinungskämpfen vollzogen und große Aufgaben sind noch unvollendet, über deren richtige Lösung der Streit der Meinungen, deren die Parteien sich als Waffe bemächtigen noch im Fortdauern ist. ES ist be-

Verwaist.

Erzählung von Clara Waldheim.

(Fortsetzung.)

„O Gott, Gott, laß mich nicht so sterben," flehte vie Kranke inbrünstig. „Diese letzte Beruhigung laß nut noch zu Teil werden. Ach wenn Eugenie wüßte--—

Ein erstickender Husten unterbrach sie und preßte ihre Brust zusammen. Die Kleine an ihrem Bett brach in ein neues Weheschrei aus.

„O liebe Mama," rief sie die Hände der Kranken streichelnd, „die Tante wird ja kommen, Luise wird gewiß einen Brief bringen, denke doch nicht immer daran."

„Ja, sie muß," flüsterte die Kranke, der Sprache wieder mächtig geworden, heiser und heftete die weit geöff­neten Augen, auf die schon die Schleier deS TodeS sich legen begannen, in fieberhafter Spannung auf die Thür. „Eugenie kann so grausam nicht sein — oh, Luise — —"

Ein Strahl der Hoffnung leuchtete in ihren Blicken auf beim Eintritt deS Mädchens. Die Kleine war noch bleicher als vorher und um ihren festgeschlossenen Mund lagerte ein bitterer Zug.

„Luise, du bringst Antwort. Hieb her, wo hast du den Brief? O schnell, ich kann nicht gut mehr sehen."

Das Mädchen schüttelte die Waffertropfen auS ihren schweren dunklen Zöpfen fort, um dem angstvollen Blick der Mutter nicht zu begegnen.

„Es ist nichts, Mamachen," sprach sie nach einer Pause mit zuckenden Lippen, „cS ist kein Brief da: aber da« schadet auch nichts. Der liebe Gott wird unS schon fort­helfen, auch ohne die Tante, die nichts von unS wissen will, weil wir arm und unglücklich sind.

bäuerlich, wenn der Parteigeist, anstatt die Rätlichkeit der vorgeschlagenen Wege unbefangen zu prüfen, sogleich zu Verdächtigungen greift. Aber wie unbesonnen diese Waffe teils aus Vorurteil, teils aus Furcht, teils aus Eigensucht angewendet werden möge, daS deutsche Volk in seiner großen Mehrheit wird durch den Ruf angeblicher Warner nicht in Besorgnis gesetzt. Es hat der Einsicht und dem Ver­dienst der Männer an seiner Spitze zu viel vertrauen ge­lernt, um ihnen kurzsichtige und engherzige Pläne zuzu­trauen, und eS lebt namentlich zu sehr im Gefühl seiner eigenen Gesundheit, die sich keinen Krankheitskeim einimpfen läßt. Aber dafür ist das Gefühl lebhaft und allseitig vorhanden, daß viel zu schaffen ist, daß wir unsere Kraft nach allen Seiten sichern und entfalten müssen, um in den großen Entwickelungen, zu welchen daS Leben der Völker sich anschickt, mit ebenbürtiger und gesunder Kraft auf unserm Platz zu stehen.

Außerordentlich klein erscheinen die Zerwürfnisse deS Parteilebens, wenn man den Blick auf jene Zukunft richtet, auf die Probleme, die sich aus der Entwickelung der fremden Weltteile mit dem Leben der europäischen Nationen ver­schlingen und vielleicht deren Schicksal bestimmen. Der Tag von Sedan muß in jedem ernsten Sinn den Gedanken wachrufen, daß, wie wir an jenem Tage, weil wir in langer Friedensarbeit unsere Pflicht gethan und unsere Kräfte erzogen hatten, die herrlichste Entscheidung gewannen noch mancher Tag an das deutsche Volk herantreten wird, an dem, wenn auch nicht auf dem Schlachtfeld, über weit­reichende Entwicklungen, über Fall und Größe entschieden wird. Auf diese Tage wollen wir uns vorbereiten, damit wir ihnen genügen können, damit wir am Erinnerungstage von Sedan uns immer wieder sagen können, daß wir die neue Prüfung bestanden haben. Möge Kleinlichkeit, Ver­worrenheit, das Eingraben in befangene Leidenschaftlichkeit uns immer fremder werden. Das walte Gott!

Deutsche- Reich.

*» Berlin, 1. Septbr. Aus der in verschiedenen Landesteilen durch elementare und sonstige Ereignisse her- beigeführtcn Bedrängnis einzelner Klassen der Bevölkerung hat der Minister der öffentlichen Arbeiten Veranlassung genommen, die Regierungen anzuweisen die kräftige und energische Förderung der sämtlichen Neu- und Unterhal­tungsbauten, soweit dies die zur Verfügung gestellten Mittel gestatten, sich ganz besonders angelegen sein zu lassen. Ferner hat der Minister in einer Verfügung an die Kgl. Eisenbahn-Direktionen sich dahin ausgesprochen, daß, da die heimische Obsternte in diesem Jahre in für die Bevölkerung wichtigen Artikeln einen fo bedeutenden Ausfall erlitten, es zur Herbeiführung eines thunlichsten Ausgleichs angezeigt erscheint, den Obsttransport auf den dcutfchen Eisenbahnen noch vor Eintritt der rauhen Jahres-

Jhre Wangen waren erglüht bei dieser für sie unge­wöhnlich langen Rede, und ihre Augen blitzten trotzig.

Die Mutter hatte nur ihre ersten Worte gehört. Einen Augenblick lang trat ein bitteres Lächeln auf ihre Züge, dann aber wurde wieder der Ausdruck sanfter Ergebung darin vorherrschend. Sie nahm diese letzte grausame Täu­schung mit derselben Geduld auf, vie all die andern ihres freudenlosen Lebens.

„Macht das Fenster auf," bot sie nach einer kleinen Weile, die Sonne will nicht mehr fcheinen, aber ich möchte doch die frische Luft noch einmal genießen."

Es war nicht der duftige, erquickende Hauch des Früh­lings, der durch das geöffnete Feaster hereindrang — der schwere, beengende Herbstnebel legte sich feucht auf die Brust der Kranken, die in immer schnelleren Athemzügen sich hob und senkte.

Ein hastiger Schritt erklang auf der Treppe und gleich darauf pochte Jemand an die Thür.

„Bin ich hier recht bei Fmu Adele Möller?" fragte der Eintretende ein hoher, schlaaker, nach den Gesetzen der vornehmen Welt gekleideter Mcnn.

Er trat, da ihm Niemand antwortete, den wahren Sach­verhalt ahnend, auf das Lager zu.

„Ja, Sie sind's, gnädige Frau," sprach er sichtlich schwer betroffen, „aber in wachem Zustande! So bin ich zu spät gekommen?"

Die Sterbende richtete ihre erloschenen Blicke empor, aber sie konnte ihn nicht nehr erkennen. „Ich bin der Pfarrer Erlen aus D., der Vormund Ihrer Kinder, gnä­dige Frau," sagte der Angelommene, sich über sie beugend. „Leider erfuhr ich erst gestern Abend von Ihrer Frau

zeit angemessen zu erleichtern. Unter Hinweis auf den Erlaß vom 18. Februar 1879, betreffend Len Transport von leicht verderblichen Gegenständen, ermächtigt der Mi­nister die Kgl. Eisenbahn-Direktionen, die Direktionen der für GesellschastSrechnung v:rwalteten Privatbahnen in Voraussetzung der Zustimmungen der Gesellschaftsvertre­tungen — die Fracht für Obsttransporte in Wagenladungen im Lokalverkehr und in den direkten Verkehren bis zum Ablauf dieses Jahres nach den Sätzen des SpezialtarifS I zu berechnen. — Hinsichtlich der Ernteergebnisse liegt ein amtlicher Bericht aus dem Regierungsbezirk Stralsund vom 21. August vor, in welchem konstatiert wird, daß die Regenzeit in der Mitte August die Einbringung der Ernte zwar ernstlich gefährdet habe erscheinen lassen, daß jedoch das Dazwischentreten einzelner schöner Tage die Einbrin­gung des Roggens ermöglicht und daß bei der dann fol­genden schönen Witterung auch die Bergung der übrigen Kornarten gesichert sei. Die Ernte selbst werde, obschon der Roggen in einzelnen Teilen des Regierungsbezirks in Folge der Nachtfröste im Mai gelitten habe: allem An­schein nach ein ziemlich befriedigendes Ergebnis liefern und im Ganzen als über Miitelernte sich Herausgestellen, da anscheinend der Erdrusch ein zufriedenstellender zu werden verspricht. — Seitens des Handelsministerium ist bestimmt worden, daß die vom Minister der öffentlichen Arbeiten erlassene Verfügung, durch welche die Kgl. Prüfungsstation für Baumaterialien in Berlin als diejenige Instanz be­stimmt wird, welche Streitigkeiten zwischen Baubeamten und Cementfabrikanten fit er die Güte gelieferter Cemente in technischer Beziehung entscheiden soll, auch für das Ressort des Handelsministeriums in Anwendung kommen soll.

— 2. Septbr. Zur Feier des Sedantages fanden heute in allen Gymnasien und Schulen der Hauptstadt Festakte statt. Um 1 Uhr ertönte vom Balkon des Rat­hauses Festmustk. Die Stadt ist allenthalben mit Flaggen, die Schaufenster mit Den Büsten des Kaisers und des Kronprinzen geschmückt. Die meisten Fabriken und viele Geschäfte sind geschlossen, die Straße von der festlich be­wegten Menge belebt. Für den Nachmittag und Abend sind in allen öffentlichen Lokalen und vielen Privatkreisen besondere Festlichkeiten veranstaltet.

Dresden, 1. Septbr. Soeben ist hier die Hülle des auf dem Altmarkt errichteten, von Professor Henze entwor­fenen Siegesdenkmals gefallen. Die Stadt war vom Mor­gen an aus diesem Anlaß festlich geschmückt, in allen Kirchen fanden Vormittags Gottesdienste statt. Um 11 Uhr traf der König mit der Königin, kurz vor den Maje­stäten der kommandierende General des XU. (königlich sächsischen) Armeecorps, Prinz Georg, nebst Prinzessin Georg, Prinz Friedrich August, Prinzessin Mathilde und den jüngeren Mitgliedern des Königshauses aus dem Alt­markt ein. Hier waren ferner erschienen: Die Rcpräsen-

Schwester, daß Sie erkrankt seien, und obwohl ich sogleich aufgebrochen bin, konnte ich doch nicht früher hier sein."

Die Kranke versuchte zu sprechen, aber kein Laut drang über ihre Lippen.

„Wenn Sie mir in Bezug auf Ihre Kinder Etwas mitzuteilen haben, gnädige Frau," begann der Pfarrer, ihre Bemühungen, sich aufzurichten, mit feinem Arm unter­stützend, von Neuem, „so dürfen Sie beruhigt sein." —

Eine verzweifelte Anstrengung der Sterbenden sich ver­ständlich zu machen, ließ ihn inne halten. Er neigte sich ganz dicht zu ihr herab, aber plötzlich trat, statt der Worte ein dunkler Blutstrom auf ihre Lippen. Sie sank mit ihrem ganzen Gewicht auf seine Arme, noch ein zitternder Athemzug — und als er sie sanft in die Kissen zurück­gleiten ließ, war sie tot.

„Zu spät!" sagte er leise und heftete sinnend den Blick auf die furchtbar verheerten Zügen der Toten, welche die durch Mutterliebe unnatürlich verlängerten Leiden hervor­gerufen hatten.

Draußen plätscherte der Regen fort und fort in er­müdender Eintönigkeit, dichter grauer Nebel verhüllte die Aussicht — ein trostloser Tag!

Drinnen herrschte lautloses Schweigen; in solchen Augen­blicken, pflegt man zu sagen, geht ein Engel durch's Zim­mer, hier war es der Todesengel, der eine der sanftesten Dulderinnen mit sich geführt hatte in fein unbekanntes Reich.

Luise stand unbeweglich an den Bettpfosten geklammert, ohne ihrem Schmerz durch Thränen oder Klagen Luft zu machen, die jüngere Schwester weinte leise.

„Kannst Du mir nicht sagen, mein Kind," wandte sich der Pfarrer endlich an Luise, deren starre Ruhe ihm Be