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XV. MlMg

Marburg, Freitag, 3. September 1880.

Nr. 207.

(OlicrlirflW j fit miß

eintraten.

in einer unsere kühnsten Hoffnungen und größten Erwar-

Es war schon, spät am Nachmittage, als die letzten Salven dieser ewig denkwürdigen Schlacht, in welcher die stolze französische Kaiserkrone in den blutigen Staub der Gefilde von Sedan fiel, erdröhnten; — noch einmal entbrannte in der Ferne bei dem brennenden Dorfe Bazeilles bei einem versuchten Durchbruche der Franzosen auf einige Momente ein heftiger Artilleriekampf — als aber, von unserer Ar­tillerie beschossen, ein großes Fabrikgebäude in Sedan zu

verliehen hat.

Ich rufe denen, welche in jener Zeit schon der Armee angehörten, die ernsten Empfindungen in die Erinnerung zurück, mit denen wir in diesen Krieg gegen eine nus in ihren ausgezeichneten Eigenschaften bekannte Armee gingen, ebenso aber auch die allgemeine Begeisterung und das er- hebenve Gefühl, daß alle deutsche Fürsten und Völker eng verbunden für die Ehre des deutschen Vaterlandes

tungen weit übertreffenden Weise fiel.

Ich erinnere auch mit wärmsten Dankgefühl an die Männer, welche Euch in jener RuhmeSzeit geführt haben, und Ich erinnere endlich an die schweren, schmerzlich be­trauerten Opfer, mit denen wir unsere Siege erkämpften.

Es war eine große Zeit, die wir vor zehn Jahren durchlebt haben; die Erinnerung an sie läßt unser aller Herzen bis zum letzten Atemzuge hoch schlagen, und sie wird noch unsere späteren Nachkommen mit Stolz auf die Thaten ihrer Vorfahren erfüllen.

Wie in Mir die Gefühle dcS tiefsten Dankes für des

gütigen Gottes Gnade und der höchsten Anerkennung — insbesondere für alle, die in dieser Zeit mit Rat und Thal hervorgetreten sind — leben, das habe Ich oft ausgesprochen, und Ihr kennt das Herz Eures Kaisers genug, um zu wissen, daß diese Gefühle in Mir diefelben bleiben werden, so lange Gott Mir das Leben läßt, und daß Mein letzter Gedanke noch ein Segenswunsch für die Armee fein wird.

Möge die Armee aber in dem Bewußtsein des Dankes und der warmen Liebe ihres Kaisers, wie in ihrem gerechten Stolz auf ihre großen Erfolge vor zehn Jahren auch immer dessen eingedenk fein, daß sie nur dann große Erfolge erringen kann, wenn sie ein Musterbild für die Erfüllung aller Anforderungen der Ehre und der Pflicht ist, wenn sie unter allen Umständen sich die strengste Disciplin er-

Jch erinnere an die ersten Tage banger Erwartung, an die bald nachfolgenden ersten Siegesnachrichten, an Weißenburg, Wörth, Spichern, an die Tage von Metz, an Beaumont und wie endlich bann bei Sedan die Entscheidung

Erinnerungen eines Dreinndachtzigers au die Schlacht von Sedan.*)

Um 2 Uhr am Morgen deö ersten September dröhnte, wie wir glaubten, ein Kanonenschuß über das Lager hin, das Nahen des für Deutschland ewig denkwürdigen Tages verkündend; in Wahrheit war aber dieser Kononenschnß die Detonation einer von uns gesprengten Eisenbahnbrucke, welche die Franzosen auch besser hätten bewachen sollen. Rasch wurde das ganze Lager allarmiert und der Befehl gegeben, sich mit dem Kaffeekochen (Kaffee und Zucker war genug da aber kein Brod) so viel als möglich zu beeilen. Um 3 Uhr erhielten wir den Befehl zum Abmarsch. Es war noch stichdunkel, als wir bei unfern Vorposten an den Maashöhen ankamen. Auf einer breiten Straße stiegen wir dann zu dem Städtchen Donchery hinab, in dessen Nähe in der Nacht durch Pioniere zwei Pontonbrücken geschlagen worden waren, auf welchen nun die Heersäulen in der Morgenfrühe die Maas überschreiten sollten. Etwas oberhalb war, wie gesagt, kurz zuvor die Brücke der Me- riers-Sedaner Bahn gesprengt worden. Bei Donchery ver­nahmen wir in südöstlicher Richtung starken Kanonendonner, der uns ankündete, daß die Sachsen und Baiern das Ge­fecht bereits eröffnet hatten. — Wir wußten, daß wir erst in späterer Stunde in daö Gefecht kommen würden, da wir, um an den Feind zu gelangen, falls derselbe den ihn bereits angreifenden Truppen Stand hielt, eine wette Um­gehung zu vollführen hatten. - Dichter Nebel lag auf dem Maasthale, aber lautes Dröhnen und Rasseln der im Marsch befindlichen Colonnen tönte an unser Ohr. — Nachdem wir die Brücke passiert, wurde zuerst ein drei- viertelstündiges Rendezvous gemacht, während dessen sich die einzelnen Regimenter zu Brigaden und Divisionen sammelten. Kurz nach Wiederantritt unseres Marsches merkten wir, daß der Kanonendonner nicht blos uns naher kam, sondern auch mit jeder Minute an Heftigkeit zunahm; sehen konnte man nichts, aber es war, als ob zwei furcht­bar schwere Gewitter im Maaöthale sich gegenuberftanden und in jeder Secuude Blitz und Donner gegen einander

Deutsche» Reich.

Berlin, 1. Sept. Das Armee - Verordnungsblatt bringt folgende Ansprache des Kaisers an die Armee:

Soldaten des deutschen Heeres!

Es ist Mir heute ein tiefempfundenes Bedürfniß, Mich mit Euch in der Feier des Tages zu vereinigen, an welchem vor zehn Jahren des allmächtigen Gottes Gnade den deutschen Waffen einen der glorreichsten Siege der Weltgeschichte

*) Wir entnehmen diese Schilderung tarn 1bereit« Wer toon uns mitaeteilten Tagebuch eines Dreiundachtzigers. Dasselbe ist im Verlage der Elwert'schen Buchhandlung dahier compleit er­schienen sind als ein vortreffliches Erinnerungsbuch empfehlen wir dasselbe hierdurch wiederholt-

schleuderttn^arsch ^rU un8 nun durch Felder und Wiesen, bis wir plötzlich eine Rechtsschwenkung machten und durch diese auf die große Straße kamen, welche der Maas ent­lang nach dem Dorfe St. Albert führt. Links von der Straße machten wir, da wir durch den Marsch ziemlich ermüdet waren, noch ein kurzes Rendezvous, wahrend das 13 Lusarenregiinent mit zwei Batterieen zwischen uns durch- und vorging. ' Es war schon 9 Uhr vorbei, als wir an ben immer näher erschallenden Geschützdonner und Klein- I gewehrfcuer merken konnten, daß der Feind vor den Trup­pen der Armee des Kronprinzen von Sachsen welche und uns entgegengetrieben werde, daß somit auch und die stunde des Kampfes geschlagen habe. — Wir b-gannen wieder vorzurücken, der Marsch gtng jedoch sehr, langsam von Statten, da die Terrainverhältnisse (rechts die Maas, von der nnö nur ein schmaler Wiesenstrich trennte, und links | ein ziemlich hoher Berg) das Vorgehen in breiteren Co­lonnen sehr hinderte. Wir mußten den vorwärts eilenden Batterieen Platz machen — und etwas spater ttennte sich die 21. Division vor den unseren, um gegen einen Berg hin zu orderen, der, wenn ich nicht irre, einige Aehnlich- keit mit dem Dammelsberg bei Marburg hatte; wir blieben auf der Straße und erreichten bald nach 9 Nhr, die 1. Com­pagnie als Spitze, das Dorf St. Albert. B.S dahin hatten wir noch keinen Schuß vom Feinde erhalten, obgleich jetzt schon aus dem bereits vor uns nach und nach entbrennen­den Gefechte einzelne Verwundete hierher gebracht wurden. Kaum aber war jenseits des Dorfes, nach Floing zu, das Bataillon von der Straße ab links auf eine Wiese au8ge< bogen, als zwei genau, aber etwas zu hoch gerichtete Gra­naten rasch hintereinander über unser Bataillon hlnweg- sausten um etwa 20 Schritte hinter un« in einer Heck zu krepieren; nur etwa drei Fuß nichtiger hätten sie kommen dürfen und wir hätten harte Verluste zu beklagen gehabt I — Das Bataillon dirigierte sich nun dem Abhänge des gegenüberliegenden Berges zu und erhielt hier zwar kein ©ranatfeuer mehr, desto mehr aber kamen von Floing her die Chassepotkugeln geflogen und wurde uns durch die­selben bei dem ersten Halt, den wir ma^en, ein Mann getöbet und ein anderer verwundet. — Nach ungefähr

™ud,6cu ' * 9 Mr in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden L» Pfg. berechnet.

Anzeigen nimmt entgegen: rteErpedttiond.vlatter, fouHe d.Annoncen-Bureaux von Th, Dietrich & Co. in Mel und Hannover; Th, Dietrich in Frankfurt a.M.; Laasenstein & Vogler in Frankfurt a M., Berlin, Leipzig, Cöln rc.; Rudolf Mofle in Berlin, Frank­furt -. M. re.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte« sowie d. Annoncen-Bureaux von S-L-Daube L Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung bafelbn,; Hermannssche Buchhandl. ♦ daselbst; Juvalidendank in

Berlin; Ifc LhieneS in Elberfeld; L. Schlotte in

Bremen-

i/4 Stunde erhielten wir Befehl, in der Augrisiscolonne des Halbbataillons vorzugehen, um der vor uns stehenden und stark vom feindlichen Feuer leidenden Batterie Reichard als Bedeckung zu dienen. — Ungefähr 200 Schritte von der Batterie machten wir Halt; hier wurde es nun schon sehr unangenehm; Granaten, Chassepotkugeln und Schrap- nels (von welch' letzteren ein Marburger Jäger behauptete: „wenn'S auf den Kochgeschirren und den Dächsen zu rap- , ........- - - - ~ 1

peln anfing, bann matte gleich Jeder, daß die Franzosen brennen begann und, schauettich von der Abendsonne be-

mit den Dingern schossen") kamen in außerordentlicher leuchtet, eine ungeheuere pechschwarze Rauchwolke empor-

Menge angeflogen, gingen aber fast alle zu hoch — nur qualmte, stieg, von ben Truppen, beiten sie sichtbar würbe,

ein Sprengstück zerschmetterte einem atmen Lazaretgehülfen mit lauthallendem Jubel begrüßt, die weiße Fahne empor,

das Bein. — Die Lage, in der wir uns befanden, war, — und die Waffen durften ruhen von dem gräßlichen

wie immer als Bedeckung einer Batterie, peinlich und ge- Tagewerke. In und um Sedan waren die m Verwirrung

fabtvoll — und die 3/< Stunden, die wir auf dem Boden geratenen Heerhaufen des Feindes eng zusammengebrangt

fniecub aushalten mußten, würben uns ziemlich lang, bis unb es hätte unserer Batterieen nicht mehr beburft -

uns bet Befehl zukam, gegen bas Dorf Floing vorzugehen, schon bie jenseits der Maas, bet Wadeltncourt postierte

Wir wußten gut genug, baß es dort heiße Arbeit für uns große Batterie von 60 Geschützen hätte wahrscheinlich ge-

gab, waren aber doch froh, ans der unangenehmen Stellung nügt, die ganze französische Armee binnen Kurzem in ihrer

hinter der Batterie herauszukommen. — Die etwa 800 bis jetzigen Stellung zu vernichten Diese Batterie mußte es

1000 Schritte, die wir noch bis zur diesseitigen Dotflistsre auch gewesen sein, welche m dem Hohlwege, unmittelbar

hatten, legten wir im Laufschritt unb mit Hurrah! zurück; vor dem Nordthore von Sedan, so furchtbar unter den

der Feind suchte unfern Anlauf damit zu hindern, daß er in die Stadt drängenden Haufen der Franzosen gewirkt

uns mit einem wahren Kugelregen aus Mitrailleusen und hatte; dort lagen Menschen- und Pferbelerchen zerrissen

Cbassepots zu überschütten versuchte; drei Leute aus meiner und in schauerlichen Knäueln zusammen und m den Furchen

Section fielen hierbei links unb rechts von mir — aber unb tieferen Stellen des Weges floß em Blutbach. —

wir erreichten doch ben Eingang bes Dorfes. Die ersten Einen der scheußlichsten Anblicke gewahrte etwas werter

Häuser hatten nur eine schwache Besatzung, die uns wenig oberhalb auf dem Berge der in Stucke zerissene Körper

Arbeit machte; kaum waren wir jedoch etwas weiter in das eines Turkos. Demselben muß, wahrend er vielleicht im

Dorf hineingerückt, als eine Compagnie Zuaven im Lauf- Liegen feuerte, eine Granate durch Kopf, Brust und Bauch

schritt uns entgegenkam und mit wirklicher Bravour sich gefahren und in letzterem geplatzt sein; die verbrannten auf uns stürzte; es entspann sich ein sehr hartnäckiger Ueberrefte lagen zerstreut umher.

Straßenkampf, der unS mehrere Tote und viele Verwun- Unsere Compagnie hatte rm Vergleich zu dem heute bete kostete. - Indessen kam auch unser 2. Bataillon an, Geleisteten unb bem bet Wörth, lange mch so viele Ver- lim Begriffe, es herbeizurufen, wurde unser Bataillons- lüste. Außer den schon oben Genannten hatte Dieselbe noch Adjutant von Henning durch einen Schuß in die Brust 1 Offizier, 1 Unteroffizier und 8 Mann tot und o Unter­getötet) und diesem folgte bald das Füstlierbataillon. — Offiziere und 16 Mann verwundet.

Auch die anderen Regimenter kamen heran und durch ihre Mithülfe wurde der Feind aus dem Dorfe wenigstens hin- ausgedrängt. — Aber nun gali's erst bas schwerste Stück Arbeit! Aus bem Dorfe hatten wir ihn glücklich, aber über bem Dorfe, an bem mit vielen Gartenmauern ver­sehenen Berge staub er in ausgezeichneter Position — unb auch ba sollte er heraus, unb sollte es auch baS Leben kosten, waö bei gar manchem unserer braven Kameraben freilich auch ber Fall war. — Hätten unsere Batterieen hinter uns jetzt nicht so ganz ausgezeichnet geschossen unb da- mit dem uns außerordentlich hartnäckig widerstehenden Feinde starke Verluste beigebracht, so wäre es uns, ich will nicht agen unmöglich, aber doch ein weitaus schwereres Stück Arbeit gewesen, die Zuaven unb TurkoS hinter ihren Gar­tenmauern unb aus ihren Schützengräben zu vertreiben. Aber so, unb ba wir auch in unserer linken Flanke Unter« stützung erhielten, gelang es, un8 in ben Besitz ber Höhe unb ber feinblichen Stellungen zn setzen; hierbei fielen u a. Lieutenant v. Apell, Vicefelbwebel Kriesch unb Unter­offizier Haas. Links von uns, am Floinger Kirchhof hatten bie 5. unb 11. Jäger unb bie Achtziger ein hitziges Ge­sicht gegen bie feinblichen Truppen, brachten sie aber auch bald zum Weichen.

Auf ber Höhe hielt uns bie feinbliche Infanterie übri­gens nicht mehr Stand, fonbern iing nach bem Walde zurück, von unseren Battcrieen hart bechossen. — Da dröhnte auf einmal ber Boben von anftürmmben Cavalleriemassin. Wie bei Wörth, so suchten auch tier bie Cavalleriebivisionen (diesmal gegen uns bie Divisi.n Marguerite, bereu Som« manbeur beim Angriff tätlich lertounbet würbe) bie Ehre des Tages zu retten, und so fiürmten beim gegen bie auf der Höhe aus allen Regimenter! gesammelte Cavalleriemasse feinbliche Cuirasstere, Sanders mb ChasseurS d'Afrique mit wahrer Todesverachtung heran Die LancierS griffen zuerst in Escabronsfront an, boch b< empfing sie unb bie nach- brängenbe zweite Escadron en solches Schnellfeuer von unserer Seite, baß nur wenig Reiter im Sattel blieben. Richt viel besser erging es bei Cuirassteren unb Chasseurs, unb was nicht von unseren kugeln getroffen wurde, fiel hinter uns den Husaren unb Pionieren, wenn nicht schon an bem steilen Bergabhange Dann unb Roß gestürzt waren, in bie Hänbe; manche, bie aich durch bie Husaren hindurch gejagt waren, fanden in der Naas durch Ettrinken ihren Tob, währenb eö Anderen gelaig, die durch Floing führende Dorsstraße zu erreichen. Dort wäre mein Bruder, während er mit einem Verwundeten bechästigt war, um ein Haar von einem schwer verwundetenCuirassier, welcher kaum 30 Schritte weiter aus dem Sattl stürzte, überritten worden.