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Marburg, Donnerstag, 2. September 1880.
gir. 206.
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OlicWHc Aitmg.
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Die Schlacht bei Sedan am 1. September 187V.
Frühmorgens setzen sich die deutschen HeereSteile in Bewegung, um jeden Versuch der französischen Armee, sich der Umzingelung zu entziehen, zu vereiteln. Schon bei Tagesanbruch eröffnet das 1. bayerische Corps den Kampf in dem großen, von Gärten und Parkanlagen umgebenen Orte Bazeilles. Zur Rechten der Bayern beginnen um 6 Uhr die Sachsen in die Schlacht einzugreifen. Marschall Mac Mahon wird um 6 Uhr Morgens bei La Moncelle durch einen Granatsplitter verwundet, verläßt daö Schlachtfeld und übergiebt mit Uebergehung der älteren Generale Wimpffen und Douay das Kommando dem General Ducrot. Dieser ordnet sofort den Rückzug auf Meziöres an, weil er die Straße dahin für ungefährdet hält. Mit dieser Anordnung ist jedoch der General Wimpffen nicht einverstanden und beansprucht die Heeresleitung für sich, die ihm General Ducrot sogleich abtritt. Er befiehlt, zunächst die eingenommene Stellung zu behaupten. Um 9 Uhr allgemeine Vorwärtsbewegung der Franzosen gegen die Bayern und Sachsen. Die aus den vier französischen Marine- Jnfanterie-Regimentern zusammengesetzte Division Vassoigne dringt in Bazeilles vor, als um 10 Uhr die Spitze des den hartbedrängten Bayern zu Hilfe kommenden, 4. preußischen Corps am Bahnhofe von Bazeilles eintrifft. Um diese Zeit haben die Sachsen unter heftigem Kampfe gegen das Corps Ducrot bereits das Dorf und den Givonne- Uebergang Daigny genommen. Rechts von den Sachsen fängt an der oberen Giyonne die preußische Garde an aufzutreten. Bayern und Sachsen gehen gegen die Höhen von La Moncelle vor und nehmen (12 Uhr) Bazeilles in Besitz. Die preußischen Garden gehen auf dem äußersten rechten Flügel unaufhaltsam vor; um 11 Uhr schon passiert eine Schwadron der Gardehusaren den Ardennerwald bei La Chapelle und stößt in der Gegend von Olly auf den äußersten linken Flügel der Sedan im Westen umzingelnden kronprinzlichen Armee. Während in den Vormittags
stunden die Maasarmee dem Feinde jeden Ausweg nach Osten verlegt, schließt die dritte Armee den Ring von der Westseite. König Wilhelm ist um 7V» Uhr Morgens aus einer Höhe südlich von Frenois eingetroffen; der Kronprinz ist um 4 Uhr Morgens aufgebrochen und hält seit 6 Uhr auf dem Bergabhange bei Piaux. Das 5. und 11. Armee- Corps überschreiten die Maas bei Donchery, die Württemberger weiter unterhalb. Das 2. bayerische Armeecorps nimmt mit einer Division Stellung südlich von Sedan, mit der anderen kommt es dem 1. bayerischen Corps zu Hilfe. Das 11. Corps, bei welchem sich die Hessen befinden, marschiert um 3 Uhr Morgens aus seinen Bivouaks ab, hat um 5V< Uhr die Maas passiert und setzt zur Rechten des 5. Corps den Marsch gegen die Straße nach Mezisres fort. Das 80. Regiment hat in der Dunkelheit den Weg verfehlt, sich mit Truppen des 5. Corps gekreuzt und kann erst etwas später die Maas passieren. Bis 7 /z Uhr ist noch kein Feind angetroffen, als der Befehl des Kronprinzen eingeht, rechts auf St. Menges zu marschieren und zugleich dem Feinde den Ausweg nach Belgien zu verlegen. Um 10 Uhr ist die gesamte Artillerie des 11. Corps versammelt und vereinigt ihr Feuer auf die feindlichen Stellungen.
Während der Kämpfe des 11. Armeecorps ist das 5. bis nahe an die belgische Grenze gelangt. Um 11 Uhr bilden 24 Batterieen beider Corps eine mächtige Feuerlinie von Floing bis an den Ardennerwald.
Um die Mittagszeit machen die Franzosen mit starken Massen Angriffe aus das von Truppen der 21. Division besetzte Dorf Floing, werden aber zurückgeworfen. General v. Gersdorf, Führer des 11. Armeekorps, wird in diesem Gefechte tötlich verwundet. Der französische Oberbefehlshaber, General von Wimpffen zieht alle Reserven vor, um seinen im vollen Rückzüge auf Sedan befindlichen linken Flügel zu unterstützen. Das auf dem rechten Flügel befindliche Corps Douay erleidet unter dem preußischen Artilleriefeuer empfindliche Verluste; um 2 Uhr erlahmt die Widerstandskraft der Franzosen und sie räumen die wichtige Position auf dem Calvrrienberge bei Jlly und ziehen sich in den Wald von La Garenne zurück, den nunmehr die preußische Artillerie mit Granaten bewirft. Nach und nach richten 71 deutsche Batterieen von 3 Seiten ihr Feuer auf den engen Raum nördlich von Sedan, fo daß der AuSgang der Schlacht auch ohne weiteres Vorgehen der Infanterie nicht mehr zweifelhaft ist. Nur die französische Division Siebert leistet noch zähen Widerstand in einer starken Stellung bei Cazal. Noch einmal wirft sich die französische Cavallerie opferwillig in den Kampf. Ihr Anführer General Margueritte fittt, General Galiffet übernimmt daö Cornrnando. Eine halbe Stunde lang dauert das wilde Getümmel und endet mit der vollständigen I Auflösung der französischen Reitcrschcaren, die in ruhmvoller
(Nachdruck verboten.j
Verwaist.
Erzählung von Clara Waldheim.
Ein graues trübes Herbstwetter I Wie die Wasserstrahlen einer Fontaine plätschert der Regen unaufhörlich mit einförmigem Geräusch herab, und das geht nun schon seit einer Reihe von Tagen so fort: eine Stimmung der Natur, die mit der Zeit den Uebermütigen ernst, den Launischen verdrießlich und den Niedergebeugten noch elender macht.
„Kein SonnenstrahlI" klagte die müde, gebrochene Stimme einer totkranken Fran, die in einem einfachen Stübchen der schmalen verräucherten Häuser der Vorstadt lag. „Kein Sonnenstrahl, mein sterbendes Herz zu erquicken; o, und ich sehne mich so sehr nach einem lichten, sonnigen Augenblick I"
Arme Fraul Ihr ganzes Leben war trübe und voll schwerer, grauer Sorge gewesen; was Wunder, daß ihr die Todesstunde auch die letzte Erquickung versagte. Es giebt Naturen, die eigens sür das Unglück geschaffen zu sein scheinen, die nur zu dem Zweck Wünsche und Hoffnungen zu hegen scheinen, um von ihnen betrogen zu werden. m
Die Sterbende gehörte zu diesen Unglücklichen. Von Geburt einer reichen und vornehmen Familie angehörig, war sie, daS am wenigsten bevorzugte Kind ihrer launischen Muller, in noch sehr jugendlichem Aller an einen jungen Mann verheiratet worden, dessen Charakter sowohl wie Vermögensoerhältnisse keine sichere Garantie für ihre Zukunft bieten konnte. So früh dem Elternhause entrissen, vernachlässigt von ihrem Gatten, der sie nur um ihres Vermögens willen geheiratet, hatte sie fortan ihr ganzes
Leben der Erziehung ihrer beiden Kmder gewidmet, bis eine langwierige Krankheit, die sich ihr Gemahl durch seine Ausschweifungen zugezogen, denselber in ihre Arme zurück- führte. Sie war ihm eine treue Pflegerin gewesen während seines vieljährigen Siechtums, abe: als endlich der Tod erlösend zwischen sie trat, sah die arme Frau sich nebst ihren beiden Kindern dem Mangel preisgegeben. Ihre Familie hatte sich schon seit Beginn ihres Unglücks ziemlich fremd von ihr zurückgezogen, uni sie war zu stolz, sich jetzt Hülfebittend an dieselbe zu werden. Von diesem Zeitpunkte an, wo sie durch Handarbet und Musikunterricht der Ihren Unterhalt zu erschwingen gesucht, war ihr Leben eine Kette von Mühseligkeiten und Entbehrungen aller Art gewesen — eine Existenz, die nur de Liebe zu ihren Kindern erträglich machte, und die wch eben diese Siebe so ungeheuer erschwerte und erbitterte. — DaS ist freilich eine alltägliche Geschichte, die die Welt höchstens zu ein paar trivialen mitleidigen Ausdrücken veranlaßt, und der nur von Demjenigen Wichtigkeit beigemssen wird, der sie zufällig an sich selbst erfährt.
Es war unheimlich still in dem leinen Stübchen, nicht einmal das Picken einer Wanduhr das oft,, wie das Schnurren der Katze, schon allein dazu beiträgt, einem Wohnzimmer den gemütlichen, traulchen Anstrich zu geben, unterbrach hier das unheimliche Shweigeu. Die einzige Uhr war längst während der Kranheit der Mutter nebst allen anderen kaum entbehrlichen Schm in das Pfandhaus gewandert. So genoß die Arme aff ihrem Krankenlager wenigstens das Bewußtsein, mit hrer eigenen Person Keinem ihrer Angehörigen zur Lai zu fallen. Hatte eö ihr doch schon ungeheure Selbstübrwindung gekostet, sich wegen der Zukunft ihrer Kinder sh ihre Schwester zu
Weise dem Gegner erliegen. Um 3 Uhr wird auch die Stellung der Division Siebert erstürmt. Der General Wimpffen entschließt sich um 1 Uhr zu einem Durchbrnchs- versuche nach Osten, wo er die Baiern für erschöpft hält. Der Kaiser Napoleon fordert die Generale Ducrot und Sebrun auf, sich an die Spitze ihrer Truppen zu stellen, die es sich zur Ehre rechnen würden, dem Kaiser einen Weg durch das deutsche Heer zu bahnen. Allein die Befehle erreichten teils zu spät, teils gar nicht ihre Bestimmung. Erst um 2 Uhr kann sich General Wimpffen mit der Marine-Jnfanterie-Division und einigen anderen Truppen in Bewegung setzen. Der Vorstoß führt noch zu einigen heftigen Gefechten, mißlingt aber vollständig. Um 4 Uhr wird in Sedan die weiße Fahne aufgepflanzt, auf das Gerücht hin aber, Marschall Bazaine sei im Anmarsch, wieder eingezogen. Um 5 Uhr erhält Wimpffen den Befehl des Kaisers, Unterhandlungen mit den Deutschen an« zuknüpfen; infolge dessen ordnet er den allgemeinen Rückzug nach Sedan an. Bayerische und württembergische Batterien beginnen vom Süden ans das Bombardement der Stadt in der es zu brennen ansängt. Eine bayerische Jäger-Kompagnie beginnt bereits, in die Stadt einzudringen, als die weiße Fahne abermals aufgezogen wird. Auf allen Seiten werden die Feindseligkeiten eingestellt. König Wilhelm entsendet den Oberstlieutenant von Bronsart nach Sedan, um den französischen Oberbefehlshaber zur Ueber- gabe der Armee und Festung aufzufordern; von der Anwesenheit des Kaisers Napoleon in Sedan weiß man auf deutscher Seite noch nichts. Napoleon übergibt dem Oberstlieutenant von Bronsart folgendes Schreiben an den König von Preußen: „Mein £>err Bruder! Nachdem es mir nicht vergönnt war, in der Mitte meiner Truppen zu sterben, bleibt mir nichts übrig, als meinen Degen in die Hände Ew. Majestät zu legen. Ich bin Ew. Majestät guter Bruder Napoleon." König Wilhelm antwortet: „Indem ich die Umstände, unter denen wir uns begegnen, bedaure, nehme ich den Degen Ew. Majestät an und bitte Sie, einen Offizier zu bevollmächtigen, um über die Kapitulation der Armee zu verhandeln, welche sich fo brav unter Ihrem Befehle geschlagen hat. Meinerseits habe ich den General von Molkte hierzu bestimmt." Die Kunde verbreitet - sich blitzschnell in der deutschen Armee; der beispiellose Erfolg wird überall mit ungeheurem Jubel begrüßt.
Denisches Reich.
•* Berlin, 31. August. Das Auftreten der Sozialisten Körner und Sinn und der Umstand, daß ^>as Berliner Polizeipräsidium ihnen den Aufenthalt gestattet hat, ist Gegenstand vielfacher Betrachtungen, zum Teil auch lebhafter Angriffe gegen die Regierung gewesen. Es braucht wohl nicht erst gesagt zu werden, wovon jeder verständige
wenden, die seit dem Tode ihrer Eltern ihre einzige nahe Verwandte war. Diese Dame lebte, seit mehreren Jahren Wittwe und Herrin eines bedeutenden Vermögens, in einer entfernten Stadt und stand in dem Rufe großer Sanftmut und Wohltätigkeit. Die Kranke Durfte daher hoffen, keine Fehlbitte zu thun, wenn sie diese Schwester, die selbst kinderlos geblieben, ersuchte, Mutterstelle an ihren beiden Nichten zu vertreten. Seit einer Reihe von Tagen harrte sie voll banger Sehnsucht auf Antwort, ja, eö schien fast, als sei es nur diese fieberhafte Erwartung, die die Seele noch immer an diesen gebrochenen Körper fesselte und die völlige Auflösung verhinderte. Ach. und so oft schon war der Postbote in das Zimmer getreten ohne den ersehnten Brief in ihre Hände zu legen, so unzählig oft hatte sie jedem fremden Schritt, der auf der Treppe hörbar ward, mit ängstlicher Spannung gelauscht — keine Antwort auf ihren letzten, glühenden Herzenswunsch!
Die Kranke seufzte tief auf bei diesem Gedanken, der wohl zum hundertsten Male ihr Gehirn zermarterte. Seit den letzten Tagen hatten die Schmerzen, die sie vorhin gepeinigt, nachgelaffen, und eine unüberwindliche Schwäche und Apatie war an ihre Stelle getreten. Die Seibenbe wußte, baS war ber Tob, ber ihr langsam ans Herz trat, unb mit bent Gefühl unendlicher Erleichterung schloß sie die Augen in ber Aussicht baldiger Erlösung; aber der Gedanke an ihre unversorgten Kinder stachelte ihren müden Geist immer wieder zu machtloser Verzweiflung auf.
Ihre Töchter befanden sich neben ihrem Bager. Sutfe, die ältere, von jener streng regelmäßigen Schönheit, wie sie bei Kindern mehr befremdet als entzückt, den Stempel allzu früher geistiger Reife auf dem ernsten Antlitz, hielt die erkaltende Rechte der Mutter in den Händen. Ohne