XV. Zatzrgog
JTlarßucg, Sonnabend, 28. August 1880.
gtr. 20».
WtzcMche Zeitiiiiz
zeigen nimmt emgegen: ?te Expedition d.vlatte«, uWie d.Annoncen-Bureaur „on Th, Dietrich & Co. in Baffel und Hannover; Th. Dietrich in Franksirrt a.M.; ^«lsenftein & Logier m ijanlfurt e. M., Berlin, S.indfi, CSln ic.; Rudolf N ia Berlin, Kranl. ' futi a. M. ic.
Anzeigen nimmt entaegen die Expedition b. Blatte« sowie d- Annoncen-Bureaux von @. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jägerffche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. daielbst; Jnvalidendank in Berlin; W- ThieneS in Elberfeld; C. Schlotte in
Bremen-
täatidb außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen- Preis für da» Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JlustrirteS eonntagSßlatt" durch die Trp-dition (Koch'sche ijrschrmt täglich autzer an 2^M»rk, durch di- Postämter b-S Deutschen R-icheS 2 Mark 50 Pfg. (*jcl. Bestellgebühr). -Znsertionsgebühr für die gespaltene Zelle 10 Pf«.
Bllmoruaereii ss» - 'zur in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet-
Bestellungen für den Monat September auf die
Kberhessische Zeitung
mit deren Gratisbeilage
Jllustrirtes Sonntagsblatt bitten wir baldigst bei den Postanstalten machen zu wollen.
Mk- Die Landpostboten nehmen auf dem Lande Bestellungen entgegen.
AM- Anfang September beginnt im Feuilleton eine Original-Erzählung „Verwaist" von Clara Waldheim und im Illustrierten Sonntagsblatt: „Nur tttt Caaot" historische Erzählung von Franz Eugen.
8 Die Ex-ev. d. Oberh. Zeitung.
Tagesbericht.
Der Fürst und die Fürstin von Rumänien treffen am 28. August zum Besuche des königl. Hofes in Berlin ein und steigen im Stadtfchlosse zu Potsdam ab.
Mit der Ausführung der Absicht, den Landtag spätestens in der dritten Oktoberwoche zu berufen, scheint eö emst werden zu sollen. Es sind neuere Weisungen ergangen, nach denen die commissarischen Beratungen zwischen dem Finanzministerium und den einzelnen Ressorts noch im Lause dieser Woche ihren Anfang nehmen sollen, so daß spätestens bis zum 5. September diese Arbeit ihren Abschluß erreicht haben kann. Was dann noch erübrigt, ist, einschließlich des Druckes, reichlich in 4—5 Wochen fertig zu stellen. Dazu kommt, daß die beiden in der letzten Session unerledigt gebliebenen Vorlagen des Ministers des Innern unverändert wieder vorgelegt werden, so daß bis zur Zusammenberufung des Landtages genug Material vorliegt, um denselben sofort ausreichend zu beschäftigen. Uebrigenö werden Anstrengungen gemacht, um auch aus den übrigen Resforts Arbeiten für den Zusammentritt des Landtages um die gedachte Zeit fertig zu stellen. Eine Vorlage, betreffend die Kosten, welche durch den Abschluß von Altona an den Zollverein erwachsen, wird vorraussichtlich gleichfalls an den Landtag gelangen, wenngleich sich gegen die Durchführbarkeit der Absicht, den Zollanschluß schon zum 1. April k. I. zu bewerkstelligen, neuerdings wieder Zweifel geregt haben.
Dem Reichstage soll in nächster Session, wie neuerdings gemeldet wird, ein neuer Brausteuergesetzentwurf vorgelegt werden. Zur Erlangung des erforderlichen Materials sind
an fämtmliche Hauptzoll- und Hauptsteuerämter kürzlich Fragebogen versandt worden, welche bis Ende dieses Monats ausgefüllt resp. beantwortet dem Finanzministerium wieder vorzulegen sind. Diese Fragebogen enthalten je vier Tabellen über umfaffende statistische Ermittelungen.
Seitens der Regierung sind Erhebungen über den Stand des Turn-Unterrichts an den Gymnasien und Realschulen angeordnet worden. Ein Beamter des Cultusministeriums bereist die Provinzen, um unter Beihülfe von Beamten der Provinzialregierungen die Turnplätze, Turnhallen und Gerätschaften in Augenschein zu nehmen. Ob die Erhebungen auch auf die Volksschulen ausgedehnt werden sollen, ist nicht bekannt. Seitdem auf das Turnen bei der militärischen Ausbildung so großes Gewicht gelegt wird, hat sich vielfach der Wunsch nach umfangreicherer und wirksamerer Vorbildung durch den Turn-Unterricht auf den Schulen geltend gemacht. Möglich, daß man zunächst eine Grundlage für erweiterte Leistungen nach dieser Richtung aus den gedachten Erhebungen gewinnen möchte.
Es circuliert nach der „Fr. Ztg." selbst in den der Regierung nahestehenden Kreisen das ziemlich laut auftretende Gerücht, wonach mit Bennigsen Verhandlungen wegen Uebernahme der Stelle des Vicekanzlers mit ständigem Vorsitze im Bundesrate gepflogen werden. — Der Gruppe Forckenbeck werden von nationalliberalen Reichstagsabgeordneten ans Süddeutschland höchstens 6 Abgeordnete beitreten; als solche werden bezeichnet Stauffenberg, Blum (Heidelberg), Bamberger, Deruburg unv Gareis.
ES ist vielfach in neuerer Zeit vorgekommen, daß in Spezerei- u. s. w. Geschäften zum Ausmessen von trockenen Gegenständen Hohlmaße angewandt worden, wie solche für Flüssigkeiten üblich und zulässig sind, und zwar von verhältnismäßig geringem Durchmesser und größerer Höhe. Die Localbehörden haben sich veranlaßt gesehen, die Bestimmungen der Eichordnung in Erinnerung zu bringen, wonach der Durchmesser der Hohlmaße für trockene Gegenstände zur Höhe sich zu verhalten hat wie 3 : 2 und daß, wer andere anderSgeformte Gegenstände benutzt, nach dem Strafgesetzbuche zu empfindlichen Strafen Verurteilung zu gewärtigen hat. '
Aus Anlaß der soeben erfolgten Eröffnung der Jagd haben die Regiemngsbehörden folgende Bestimmung in Er- innerung gebracht: „Jagdberechtigte, welche bei der Ausübung der Jagd nach erfolgter Eröffnung derselben ohne Erlaubnis des Eigentümers die noch in der Reife befindlichen nicht eingeernteten Halm- oder Oelfrüchte beschädigen, verfallen, insofern nicht der Thatbestand einer vorsätzlichen oder rechtswidrigen Vermögensbeschädigung vorliegt, in eine
Geldstrafe bis zu 6 Mark.* — Der Fang von Krammcts- vögeln darf als Ausübung des Jadrechts nur von Personen ausgeführt werden, welche mit Jagdscheinen versehen und zur Ausübung des Jagdrechts befugt sind.
Deutsche- Reich.
Berlin, 26. August. Die Formulare für die am 1. Dezember stattfindende Volkszählung werden schon jetzt in der Reichsdruckerei hergestellt und sollen bis ende Oktober fertig fein. In den ersten Tagen des November werden die Karten den Regierungen überschickt und von diesen an die einzelnen Landratsämter versandt, die sie ihrerseits wieder an die Gemeindevorstände nach Bedarf zu verteilen haben. — Von den beiden früher vom hier ausgewiesenen sozialdemokratischen Führern Wilhelm Körner und Karl Finn, welchen von fetten des Polizeipräsidiums der Aufenthalt hierfelbst auf ihr Ansuchen gestattet worden ist, geht den Zeitungen folgender Aufruf zu: An die Arbeiter Berlins! Das Königliche Polizeipräsidium hat uns die Rückkehr nach Berlin gestattet. Vor uns sind bereits die üblichen Verdächtigungen hier eingetroffen,. die uns veranlassen, die unsere Rückkehr begleitenden Umstände offen darzulegen. Zunächst weisen wir die Insinuation zurück, dem Sozialismus den Rücken gekehrt zu haben. Unsere Rückkehr nach Berlin und der Bruch mit der dominierenden Strömung in der sozialistischen Partei,galt vielmehr der Ueberzeugung, daß diese Partei, soweit überhaupt von einer solchen noch die Rede sein kann, sich gegenwärtig auf Bahnen befindet, auf welchen sie einesteils zu einer nörgelnden „Partei der Unversöhnlichkeiten" -auszuarten und zum andern Teile aufzugehen droht in dir Partei der Berliner Hauswirte. Richt also dem Sozialismus, sondern jener Richtung, die in prinzipienwidrigster Weise mit dem denkbar größten Gegensatz des Sozialismus, mit dem Manchestertum der Fortschrittspartei kokettiert, jener nur verhetzenden Agitationsweise, die keinen Respekt selbst vor den sittlichen Institutionen unseres modernen Gefell- schastslebeus kennt und unter dem Vorwande der Arbeiter- freundlichkeit nur selbstsüchtigen Zwecken fröhnend, jeden wirklichen Fortschritt von sich weisend, den Arbeiterstand mit revolutionären Phrasen abzufüttern fucht, — jener bedauernswerten, in sich überlebten unsozialistischen Clique haben wir den Rücken gekehrt. Arbeiter Berlins! Uns, die wir durch die uns seinerzeit betroffene Ausweisung die traurige Gelegenheit bekamen, das am Parteikörper parafitenartig herumlungernde sog. Führertum des Näheren kennen zu lernen, hat sich die Ueberzeugung anfgedrängt, daß es die große Mehrzahl dieser Leute nicht ehrlich mit dem Arbeiterstande meinen kann, und daß in der Regel höchst zweifelhafte Moral dieser Leute nur der unmittelbare Ausfluß der jahrelang getriebenen, oft höchst ganz unsittlichen Agitationsweise ist, unter der der Arbeiterstand nicht vorwärts
Eva.
Novellette von E. ReiSner.
(Fortsetzung) ‘ <>' *-
Nun sage mir Eimr, daß eS nicht noch leibhaftige gute Geister und Schutzengel für die schwergeprüften Menschenkinder giebt!" sagte lachend der joviale Herr. „Retter in der Not, wollen uns auch entpuppen: bin der Oberamtmann Borne aus Wolfsburg, und hier mein Töchterlein Lina — bleiben Beide Ihnen stets dankbar verpflichtet.
Holm blickte auf Lina hinüber — in dem holden, leicht errötenden Gesicht lag die Freude über den unverhofften Ausweg mit schüchternem Bedenken im Kamps; — der Ausdruck war so über alle Beschreibung lieblich, daß das bisher stets kühl und gleichmäßig pulsierende Herz deS jungen Mannes zum ersten mal in stürmische Bewegung geriet. „Gute Nacht, schöne Eva!" dachte er, sich widerstandslos dem neuen, übermächtigen Eindruck hingebend, „mir leuchtet fortan ein anderer Stern — möge der luftige Expedient in Himmels Namen sein Glück machen!"
Auch der Papa hatte in Linas Zügen gelesen; er strich begütigend mit der Hand über das zierliche Köpfchen und ein paar leise Worte schienen ihr Bedenken beschwichtigt zu haben, denn sie neigte sich jetzt mit unbefangener Freundlichkeit gegen Holm, und gestattete ihm, da eS Zeit zum Aufbruch geworden, sie in den Reifepelz zu hüllen, während der Vater ging, das Nötige mit dem zurückbleibenden Knecht zu besprechen. Gemeinsam fuhrm sie dann dem aufdämmernden Morgen entgegen.
„Wie sich das fügt, wie sich das trifft!" sagte der Oberamtmann mit vergnügtem Händereiben, da der Reisegefährte sich bescheidentlich als Teilnehmer des heutigen i Festabends bezeichnet hatte. „Kommt noch ein alter Freund
von mir, haben uns besprochen, würden sonst gewaltig isoliert dort fein; — ganz neue Generation, kaum noch zwei ober drei von der alten Garde; — Linchen findet freilich Bekannte — aber wollen nun einen kreuzfidelen Abend haben!" Und dann folgte noch die Ankündigung einer solennen Burgunderbowle, die das Fest krönen müsse. Lina blickte mit einem vielsagenden, halb neckischen, halb besorgten Lächeln nach dem Papa, und Holm fand für sich den Burgunder vollkommen überflüssig, — sein sonst so nüchterner Kopf war bereits vom Herzen In Mitleidenschaft gezogen — wozu noch Oel ins Feuer gießen?
Die kurze Fahrt ging nur zu schnell zu Ende; Station Wellheim war erreicht, die weitere Strecke bis B. durch die Kraft des Dampfes im Handumdrehen zurückgelegt, und das Reisekleeblatt fuhr nun gemeinsam den „Drei Mohren" zu, nach denen Holm, dem Wunsch des Ober- amtmanneS zufolge die Droschke dirigiert hatte. „Dort will uns nämlich mein Freund Horst erwarten!" sagte erläuternd der alte Herr während der Wagen in die Lindenstraße einlenkte.
„Horst," tief Ernst Holm in fröhlicher Ueberraschung — Senator Horst aus Liebenstädt?"
| „Aus Liebenstädt" bestätigte der Alte, sichtlich noch mehr als fein vis-ä-vis verwundert. „Aber wie ist das — kommen Sie — ? Wahrhaftig, da ist er, da steht er!" unterbrach er sich plötzlich, als eben bei einer Biegung der Straße die „Drei Mohren" in Sicht tarnen.
In der Thal — vor dem Thorweg deö soliden, altrenommierten Gasthauses stand im Reisepelz, die Gespenster- mütze auf dem ehrwürdigen Haupte, der von den Toten erftanbene Onkel — der Neffe rief ihm, noch ehe der Wagen hielt, den herzlichsten Morgengruß entgegen, der
bann freilich, den Umständen angemessen, wieder mit einem erstaunten: „Alle Wetter — Junge, Du? — wo kommst Du her?" beantwortet wurde.
„Wie sich das fügt, wie sich das trifft!" schmunzelte der Oberamtmann abermals, die fleischigen Hände reibend, als nach einigen Minuten arger Verwirrung, nach einem Dutzend ungeduldig hin und herschwirrender Fragen und Antworten, das Chaos sich zu klären begann. Nur meinte Jener, zweifelnd zum alten Horst gewendet, der Freund habe ihm ja stets nur von einem Neffen geredet, und doch könne Holm der oft erwähnte nicht wohl fein, da der Name desselben ihm völlig fremd gewesen.
„Hab' ihn nur immer Ernst genannt, den alten Jungen, wie ich'S gewöhnt bin," sagte der Onkel trocken, und es schien, als betrachte Papa Borne den Neffen seitdem mit erhöhtem Interesse. Daß der Letztere in Liebenstädt gewesen, wußte übrigens sein Oheim noch nicht, da er am Abend das Comptoir bereits geschloffen, am Morgen aber den Buchhalter, den Einzigen, der von Ziel und Zweck der Reise unterrichtet war, nicht anwesend gesunden hatte. Ihn über beides aufzuklären, war einem Plauderstündchen en deux Vorbehalten — vor Lina und ihrem Vater sich in bet Rolle des Mystificierten zu präsentieren, war dem jungen Mann geradezu unmöglich erschienen.
Dies Plauderstündchen fand denn auch nach Tisch, auf des Onkels Zimmer, der stchs nicht hatte nehmen lassen, für Alle den splendiden Wirt zu spielen, und nun in heiterer Weinlaune herzlich über des Neffen Abenteuer lachte, wenn er auch den Scherz, der ihn selbst so ohne weiteres ins Schattenreich, ober doch an dessen Schwelle spedierte, ein wenig zu stark fand.
(Schluß folgt)