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201.

Marburg, Freitag, 27. August 1880.

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Das stebenhnndertjährige Jubiläum des Hauses Wittclsbach.

■ Am 25. August, dem Geburtstage des Königs Ludwig II., \ begeht das Haus Wittelsbach die Feier seiner siebcnhuneert- s jährigen Dauer -als regierendes deutsches Fürstenhaus.

Es war im Sommer 1180, wo der Kaiser Friedrich L, \ Barbarossa, nachdem er den Herzog von Bayern und । Sachsen, Heinrich den Löwen, dieser beiden Herzogtümer ! für verlustig «klärt, dem Pfalzgrafen Otto von Wittels- I bach das Herzogtum Bayern übertrug. In ununter­brochener Dauer hat seitdem und seit 1214, wo es die Rheinpfalz erlangte, das Haus Wittelsbach, zu Zeiten in zahlreiche Linien, zuletzt in zwei geteilt, von denen die älteste am Ausgang des vorigen Jahrhunderts erlosch, in Bayern und in der Rheinpfalz geherrscht, und endlich seinen Besitz in der Hand Einer Linie vereinigt. Biel früher aber, ehe Kaiser Friedrich I. das Herzogtum Bayern dem Pfalzgrafen Otto von Wittclsbach verlieh, schon in den Karolingischen Zeiten, hatten Vorfahren des Letzteren als Herzöge in Bayern geherrscht, nur hatten sie in der Herrschaft des Landes mit anderen Geschlechtern gewechselt. Seit dem Jahre 1180 datiert die ununterbrochene Herr­schaft des Hauses Wittelsbach über einen und denselben Stamm im deutschen Reichsverband, und den siebenhundert- jährigen Abschnitt dieser Herrschaftsdauer begeht jetzt das Königshaus von Bayern mit seinem Volk. König Ludwig hat nicht gewollt, daß der Tag durch große Festanstalten, historische Aufzüge und Aehnliches verherrlicht werde. Dem Wunsche ihres Königs, das Gedächtnis des Tages lieber durch Stiftungen zu wohlthätigen und gemeinnützigen Zwecken zu erhalten, kommt die Bevölkerung willig nach, und so beschränkt sich die Feier auf einfache hauptsächlich kirchliche Akte. Ganz Deutschland aber fühlt mit dem Volke von Bayern die Bedeutung und den Gehalt dieser Erinnerung. Die Kammern des bayerischen Landtages haben vor ihrem Auseinandergehcn Huldigungsadressen an

den König Ludwig aus Anlaß der Erinnerungsfeier dieses Sommers gerichtet. In der Adresse der Kammer der Reichsräte vom 31. Juli heißt es: „Sieben Jahrhunderte sind vorübergegangen, seit der erhabene Stamm der Wittels­bacher auf Bayerns Herrschersitz blüht; mit nie versagender Kraft cmporragend in den Stürmen der Zeit, hat er in den Herzen des .Volkes unzerstörbare Wurzeln gefaßt". In dem Ausdruck „nie versagende Kraft" ist die richtige Bezeichnung für das Wittelsbachsche Fürstenhaus gefunden. Bereits am 28. Juli d. I. hielt die Königlich bayerische Akademie der Wissenschaften ihre Festsitzung zur Feier der Jubelerinnerung dieses Sommers. Die Festrede sprach der Stiftsprobst I. v. Döllinger, jener durch Fülle und Tiefe des Wissens dem bayerischen Namen zum hohen Ruhm gereichende Gelehrte. In schlichter Erzählung führte er die reiche Fülle der Thatsachen der Geschichte des Hauses Wittelsbach den Zuhörern vor, und in Gegenwart der Prinzen des Wittelsbachschen Hauses verschwieg er kein dunkles Blatt der Geschichte desselben. Den Geschichts­schreibern des Altertums ähnlich ließ er den Eindruck der Thatsachen walten, ein Wort der Betrachtung nur bei Hervorhebung einiger Wendepunkte einflechtend. Döllinger begann damit, daß kein europäisches Fürstengeschlecht an das Alter der Wittelsbacher hinanreicht. Und in diesem vielhundertjährigen Zeitraum war es die Krast des Lebens und des Wirkens, welche den Sprossen des Wittelsbachschen Stammes nie versagte, welche den erlauchten Stamm seine Wurzeln immer tiefer in den Boden der heimatlichen und der deutschen Geschichte treiben ließ.

In dem ersten Teil der Regierungsgeschichte des Hauses Wittelsbach, welche in den Höhepunkt und den allmähligen Ausgang des Mittelalters fällt, wo in dem immer ver- worreneren Gegeneinanderringen der nationalen Kräfte lange Zeit kein einziges Herrscherschloß zur Bedeutung ge­langt, sind es die persönlichen Eigenschaften und Schicksale einzelner Wittelsbacher, deren sich die Poesie und Sage des deutschen Volkes bemächtigt hat. So jenes Otto von Wittelsbach, des Neffen des ersten Herzogs, dessen argloses Herz durch grausame Hinterlist zu einer blutigen Thal getrieben wurde, und jenes Herzog Albrecht, dem die rührende Liebe zu Agnes Bernauer ein so herbes Schicksal bereitete. Zwischen diesen beiden poetischen Gestalten aber tritt der Fall ein, wo das Haus Wittelsbach zum ersten Mal eine große Rolle in der deutschen Geschichte über­nimmt, als Herzog Ludwig, bekannt als Ludwig der Bayer, zum deutschen Kaiser erwählt wird. Es ist bekannt, wie bedeutungsvoll die Stellung dieses Kaisers in der deutschen Geschichte ist, unter welchem zum ersten Mal, nachdem der Sieg der Päpste über die Hohenstaufenschen Kaiser die Oberherrschaft deö Papstes in Deutschland befestigt zu haben schien, alle nationalen Tendenzen gegen das Papsttum sich erhoben und wenigstens die große Errungenschaft der

von Rom unabhängigen Wahl des Kaisers durch die Kur­fürsten als dauernden Erfolg hinterließen. Auch die Mark Brandenburg erwarb bekanntlich dieser Kaiser auf kurze Zeit für sein Haus, ohne den Besitz behaupten zu können, wie es dem Hause Wittelsbach auch nicht gelang, die Kaiser­würde festzuhalten. Das damals mit ihm rivalisierende und eine Zeit lang so mächtig gewordene Luxembergische Haus behielt die Oberhand, von ihm ging die Kaiserwürde dauernd auf die Habsburger über.

Zwei Jahrhunderte später wird das Haus Wittelsbach der Urheber einer den von ihm im vierzehnten Jahrhundert verfolgten Tendenzen entgegengesetzten Entscheidung in der deutschen Geschichte. Die Herzöge von Bayern sind es, welche dem siegreichen Fortgang der Reformation in Süd­deutschland Einhalt thun und zum ersten Stützpunkt des päpstlichen Widerstandes und der später wieder so gewaltig vordringenden Gegenreformation werden. Die pfälzische Linie der Wittelsbacher aber schließt sich der Reformation an, indem sie jedoch die romanische Form derselben im Calvinismus annimmt, verpflanzt sie diese Form auf deutschen Boden und hebt damit die Einheit der deutschen Resormations- bewegung auf.

Ein Jahrhundert später, als die katholische Gegenrefor­mation gewaltig erstarkt ist und im Verein mit neuen politischen Kräften sich anschickt, das Werk der Reforma­tion völlig zu zerstören, da steht unter den ringenden Kräften des dreißigjährigen Krieges der Kurfürst Maxi­milian I. als eine hoch merkwürdige Gestalt. Einerseits ist er das Haupt und die Seele der katholischen Liga, andererseits ist er die Seele der reichsständischen Opposition gegen die die kaiserliche Gewalt über die Reichsfürsten und die weit hinaustragenden Tendenzen Wallensteins. Die pfälzische Linie des Hauses Wittelsbach aber steht an der Spitze der Opposition gegen die katholischen und spanischen Tendenzen des Kaiserhauses und zieht dadurch schwere Schicksalschläge auf ihr damaliges Haupt.

Nach dem Westfälischen Frieden beginnt mit einer neuen Epoche der deutschen Geschichte auch eine neue Epoche des Hauses Wittelsbach.

Die große Arbeit der Epoche nach dem Westfälischen Frieden ist die Bildung der europäischen Großmächte. Während das Mittelalter Besitz, Macht nur an die Person knüpfte uno diese Güter ohne Rücksicht auf den Zusammen­hang gesucht und genommen wurden, wo sie sich fanden, so beginnt in der zweiten Hälfte ves siebzehnten Jahrhun­derts ein unwiderstehlich er Trieb, große, innerlich und äußer­lich konsolidierte Besitzmassen zu bilden. In der Geschichte Deutschlands wiederholt sich im Kleinen mit sehr ungleichem Erfolg, was auf dem großen europäischen Theater sich be- giebt. Nach mannigfachen Gefahren, welche dem Hause Wittelsbach um seinen Besitz namentlich bei dem Erlöschen der herzoglichen und kurz darauf der älteren pfalzgräflichen

Eva.

Novellette von E. Reisner.

«Fortsetzung)

Holms Plan war nun schnell fertig, er bat die Wirt­schafterin, die, jetzt freundlicher gestimmt, für seine Bewir­tung sorgen wollte, nur um Kaffee, und schickte Matthcö zum nächsten Lohnkutscher — zum Morgenzuge, um sieben Uhr wollte er bereits wieder in Wellheim sein. Dann trieb er Mamsell Sabine auf ihr Zimmer, streckte sich für ein paar Stunden aufs Sopha, und fuhr, um ganz sicher zu gehen, schon um zwei Uhr wieder in die noch immer stürmische, nur von schwachem Mondschimmer erhellte Nacht hinaus. Jetzt quälten ihn wenigstens keine abergläubischen Anwandlungen mehr, er freute sich aufs Wiedersehen deS Onkels, auch ein wenig auf deS Expedienten längliches Gesicht beim Begegnen im Ballsaal, und schlief endlich, in die Ecke gelehnt, behaglich ein.

Wie er erwachte, hielt der Wagen; der Kutscher stand am Schlage und meinte, hier wäre der Wernshäuser Kretscham, kaum noch eine Meile von Wellheim, und die Uhr zeige erst als halb fünf, er wolle die Pferde ein wenig „verpusten" lassen. Sein Paffagier warö zufrieden, er fühlte sich durchfroren und übernächtig und eilte, sich in, der großen Gaststube deS ansehnlichen Hauses zu er­wärmen.

Aber an der rasch geöffneten Thür verging ihm die Lust dazu. Ein entsetzliches Chaos von umgestürzten Stühlen, Strohbündeln, schlafenden Menschen lag vor feinem Blick, mit der Wärme des mächtigen Kachelofens schlugen auch widerlich die Bier- und Branntweindünste «us dem wüsten Raume ihm entgegen — er war im Be­

griff, umzukehren. Die junge, am Ofen beschäftigte Wirtin aber, die seine retrograde Bewegung bemerkt, deutete, nach höflichem Morgengruß, mit Blick und Fingerzeig auf ,eine Nebenthür; auf schmalem Steige zwischen den Lagerstätten wand der Gast sich durch, und stand, die Thür öffnend, auf der Schwelle des kleinen, anstoßenden Gemachs.

Da drinnen wars sauber und anheimelnd, aber zu seiner Ueberraschung befand sich Holm nicht allein. Auf dem schmalen, schwarzen Ledersopha saß ein ältlicher, wohl­beleibter Herr, den Blick mit einer Art von scheuem Miß­trauen auf die umfangreiche, braune Kaffeekanne geheftet, die nebst Taffen und übrigem Frühstückszubehör vor ihm stand, vorn an der Thür lag Koffer und Reisetasche, Pelz und Fußsack, — links aber vor dem kleinen Wandspiegel, ordnete eine schlanke Mädchengestalt, das Licht in der Hand, flüchtig das glänzend braune Haar. Betreten wollte Holm sich wieder zurückziehen.

„O, nicht doch — immer herein, mein Herr!" rief ihm plötzlich eine Stimme entgegen, deren jovialer Klang den mißtrauischen Blick ihres Eigners Lügen strafte. „Mit gefangen, mit gehangen I" scherzte der alte Herr weiter, während Holm grüßend näher trat, und jetzt auch die junge Dame sich ihm zuwandte, „hat Ihr Schicksal Sie an diesem gottbegnadeten Morgen hierhergeführt, wie uns, müssen Sie auch der Dritte in unserem Bunde sein und den ächten Mocca vertilgen helfen, den die Hebe da draußen in so unermeßlicher Fülle gebraut hat. Getellter Schmerz ist halber Schmerz — schenk ein, Linchen!"

Das junge Mädchen fügte sich, wenn auch ersichtlich ein wenig verlegen über des Papas so gar so rückhaltslose Bonhommie und diese Verlegenheit ging — er wußte nicht wie — auf Holm über, so daß der gcmülliche alte Herr

zuerst fast allein das Wort führte. Jndeß gab seine Schil­derung des Unfalls, der ihn hierhcrgebracht und noch für unbestimmte Zeit hier festhalte, auch den Andern bald ihre Unbefangenheit zurück; er war gar zu komisch in seinem halb verdrießlichen Humor.

„Müßten zum Frühzug in Wellheim sein — wollten gestern schon fahren, wurden abgehalten — der Kutscher krank und so weiter. Nun denken Sie sich: finstere Nacht — denn der Mond war milverschworen, steckte ewig hinter Wolken — grundlose Wege, einen Tölpel von Knecht, auch fremd in der Gegend — wär' ein Wunder Gottes gewesen, wenn wir ohne Unheil fortgekommen. Ging aber bis dicht hier vor's Dorf; da, mit einem mal — knack — die Achse gebrochen! Und nun zum Ueberfluß hier, — Sie sehn draußen: gestern pränumerando Fastnacht gefeiert, halbe Dorf betrunken, Stellmacher, Schmied — werden vor Mittag nicht nüchtern! Thut mir nur um daö Kind leid, um die Line, sonst —"

„Meinetwegen sei unbesorgt, Papa," fiel die Tochter ihm freundlich ins Wort, „bis Nachmittag wird jedenfalls der Schaden gut gemacht sein und wir fahren dann —"

„Mit dem Abendzuge nach B., und möglichst direkt vom Bahnhof ins Casino, he?" neckte der Vater halb ärgerlich. „Und die Toilette? — brauchst doch allein zwei Stunden, geht nicht, wär mehr als Hetzjagd!"

Ins Casino also ebenfalls! Der junge Kaufmann fühlte sein Herz ganz seltsam warm werden, indeß er erfreut den Moment ergriff, um für die Fahrt nach Wellheim die Be­nutzung seines Wagens anzubieten und zugleich seinen Na­men nennend, sich in aller Form vorzustellen.

(Fottsetzung folgt )