gtr. 198. Marburg, Dienstag, 24. August 1880.
xv. Jahrgang
Knieigen nimmt emgegen: tit SrpedttivR b.Blattei, fpt»ie d.Annoncen-Bureaux von LH. Dietrich & Eo. in Mel und Hannover; LH. Dietrich in Frankfurt a.M.; Kaafeustein & Bögler in Frankfurt a. M., Berlin, g-ipiig, Sfiln re.; Rudolf Zioffe in Berlin, Frankfurt a. M. ic.
GkWHk Ztitiiilg.
Anzeigen nimmt entaegen dir Expedition b. Blatte» sowie d. Annoncen-Bureour von S-L-Daube & So. in Frankfurt a- M; JSger'schk Buchhandlung daselbstt; Hermann'sche Buchhanvl. daselbst; JMlidenoank in Berlin; W- LhieneS in «klberfeld; «. Schlotte in Bremen-
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JlustrirteS evllntagSblatt" durch die Srvedition (fl o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2k Wart, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Wart 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr). - JnfertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Psg. Mr in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pf«, berechnet.
Zur deutsche« Auswauderuug.
II.
Es wäre nun, einseitig betrachtet, eigentlich kein Schaden für die engere Heimat und für Deutschland, wenn die Bevölkerung sich im ganzen verringerte, denn es würden auf diese Weise der Esser weniger; aber es werden nicht blos der Esser weniger, sondern damit leider zugleich auch der Erzeuger der Nahrungswerte, der Bodenbebauer und der kräftigen Landarbeiter, deren das Vaterland vor allen bedarf. Krüppel und Greise verlassen daS Land ja nicht, sondern meist gesunde, kräftige Menschen. Auch Proletarier und Fabrikarbeiter rekrutieren die Scharen der Auswanderer gar wenig; diese behalten wir hier. Und nicht die großen Städte find es, die durch die Auswanderung entvölkert werden, sondern vorzugsweise das platte Land und die kleinen Ortschaften, in denen ein gesunder, derber und biederer Mittelstand, wie eine große Zahl von Ackerbürgern wohnt und den Kern der Bevölkerung bildet. Von diesen Leuten ziehen unverhältnismäßig viele fort, verkaufen ihre Habe und nehmen ihr Geld und ihre Arbeitskräfte mit auf Nimmerwiederschn, und wenn es ihnen da drüben in ihrer selbstgewählten Vereinsamung schlecht geht, bereden sie trotzdem brieflich die heimgebliebenen Landsleute, ihnen zu folgen, in der Absicht, von der Ansammlung gleichsprachiger und arbeitsfähiger Gefährten des Unglücks Vorteile zu erlangen. Dazu kommen dann noch gewisfenlose Agenten, Länderschacherer und solche, welche bei den BeförderungS- geschästen ihre großen Gewinne einheimsen, und locken durch Zeitungsannoncen unerfahrene und mit ihrem Lose in der Heimat unzufriedene Personen an, sich ihnen in die Arme zu werfen. Erst kürzlich machten die Zeitungen darauf aufmerksam, daß an der neuerdings in Westpreußen wahrgenommenen Steigerung der Auswanderung die Agitation einer Londoner AuswandemngS-Agentur schuld sei, bei der sogar der Gebrauch ganz verwerflicher Mittel auf- gedeckt worden. Man hat nämlich sogenannte „Freikarten" ausgeboten und untergebracht, Karten, welche die Leute als ihnen zur Freifahrt gegebene betrachteten, die aber nichts waren als Antragformulare mit einem in englischer Sprache abgefaßten zur „späteren Tragung der Kosten verpflichtenden Reverse. Die Regierung kann gegen solche Manipulationen nicht einschreiten, weil sie keine Handhabe dazu hat, aber Pflicht jedes rechtschaffen Denkenden und Pflicht aller, die das Auswanderungsfieber als wirkliche Krankheit und als einen Schaden für unser Land ansehen, ist es, öffentlich und laut dagegen zu eifern und jeden Fall, in welchem Leute auf gewissenlose Weise für die Auswanderung eingefangen find, an die Oeffentlichkeit zu bringen und damit wenigstens eine der unlauteren Quellen der Auswanderung bloßzulegen.
Was nun diese Quellen und Ursachen der AuSwande-
mngsepidemie im allgemeinen betrifft, so sind sie außer den angeführten, der Lockung durch Angehörige und der Verführung durch Agenten, noch mannichfaltige, aber gewiß nicht da zu suchen, wo sie viele liberale Blätter finden wollen. Diese Blätter geben vor, es sei die „wirtschaftliche Notlage", welche die Leute zur Auswanderung treibe; ferner schieben sie die Schuld auf die „traurigen" politischen Verhältnisse, die herannahende „Reaktion", die wieder überhand nehmende „Einmischung der Polizei in die steten Bewegungen der Gewerbtreibeuden", den „immensen Steuerdruck". Aber die meisten dieser Behauptungen sind nichts als leere und unbewiesene Redensarten, denen der Umstand entschieden widerspricht, daß gerade in einer Zeit, auf welche all diese Phrasen nicht im mindesten passen, in der Zett des größten wirtschaftlichen Aufschwunges, in den Jahren 1872 und 1873, die Auswanderungssumme sich am höchsten gestellt hat. Möglich ist eö ja immerhin, daß die Verteuerung der Lebensmittel und die Geringfügigkeit des Verdienstes hie und da Einzelne veranlassen, ihre Schritte nach Amerika zu lenken; gewiß ist auch wohl, daß viele stch durch heimische Besttzverhältnisse oder Abhängigkeitsverhältnisse bedrückt fühlen und darum den Wanderstab ergreifen; aber auf die große Mehrzahl der Auswandernden passen diese Triebmittel nicht; die große Mehrzahl ist einer Krankheit verfallen, die verschiedene Ursachen hat, denen entgegen zu wirken Sache jedes BolksfreundeS und namentlich der christlichen Presse ist. Zu diesen Ursachen gehört vor allen das immer mehr sich ausbreitende Schwinden der Heimatsliebe und das durch Abnahme des religiösen Sinnes stetig fortschreitende Wachsen einer Pietätlosigkeit, die es ganz vergißt, was man seiner Heimat, seinem Vaterlande an materiellen und geistigen Gütern verdankt, die Zunahme der Vaterlandslosigkeit, die nur da das Vaterland sucht und finden will, wo es dem Menschen äußerlich gut geht. Ferner gehört zu den Ursachen des Auswanderungsfiebers der von den Lehren der Liberalen und Sozialisten geförderte Freiheitsschwindel, der falsche, ungezügelte Freiheitsdrang, der Widerwille gegen jede höhere Ordnung und Aufbäumen gegen jede das persönliche Belieben beschränkende Feffel, sowie die damit zusammenhängende Unzufriedenheit, die keine Milderung und keine versöhnende Lösung findet, und welche Hand in Hand geht mit jenem Leichtsinn, der ohne Bedauern die heiligsten Baude zu zerreißen im stände ist, wenn es gilt, äußere Vorteile zu erlangen. Wenn gegen diese Ursachen der Auswanderungsepidemie mit Wort und That gekämpft würde, dann würde die Krankheit stch gewiß bald sehr vermindern.
Deutsche- Reich.
yetlitt, 21. Aug. Kronprinz Rudolf von Oesterreich wird zu den bevorstehenden Manöver» am 11. September in Berlin eintreffen. Zum Empfange desselben wird Graf
Szechenyi, der von hier sich nach Wien begeben, hierher zurückgekehrt fein. — Graf Münster ist gestern Nachmittag von hier nach London abgereift. — Der Herzog von Edin« bürg wird erst morgen Abend im Neuen Palais eintreffen — Die „Nordd. Allgem. Ztg." sagt in einem längeren Artikel, welcher die der Ernte widerfahrenen Schädigungen bespricht, es liege auf der Hand, daß von jeder Calamität, welche die deutsche Landwirtschaft treffe, zunächst die Landwirte zu leiden haben und die große Majorität der Bevölkerung, welche von der Landwirtschaft lebe, nämlich 20 bis 25 Millionen. In dem Artikel heißt es ferner, wenn wirklich die Abgaben, welche das Getreide zahle, bevor eS zur Confumtion gelange, auf den Preis deffelben einen entscheidenden Einfluß haben, wenn eS als notwendig erkannt würde, behufs der Minderung dieses Preises eine Minderung dieser Abgaben herbeizuführen, so sollte man zuerst daran denken, diejmigen Abgaben zu vermindern, welche auf der inländischen Produktion des BrvdkornS lasten, bevor man eine ungerechte Begünstigung des steuerfreien ausländischen Landwirtes durch die Aufhebung der Kornzölle in vollem früheren Umfange herzustellen denke. — Ueber die Ausführung des Projekts eines Nord-Ostsee- KanalS wird binnen kurzem eine Entscheidung getroffen werden; es konkurrieren zwei Bewerber, die Herren Dahl- ström und Bartling. Wie aus Kiel gemeldet wird, wird die Realisierung des Projekts des Herrn Bartling mit großem Eifer betrieben, und es hätte dieselbe um so größere Chancen, als die nötigen Mittel für den Bau des Kanals und des Glückstädter Hafens nachgewiesen werden können. Welcher von den Bewerbern den Vorzug erhalten wird, ist inveß noch nicht entschieden. — Die Vereinigung der Betriebsleitung auf den mehreren Verwaltungen gemeinsamen Bahnhöfen der preußischen StaatSbahnen macht weitere Fortschntte. Wie wir einer Zusammenstellung der „Ztg. d. Vereins dtsch. Eisenb.-Verw." entnehmen, sind neuerdings Verwaltung und Betrieb der Bahnhöfe der Köln-Mindener und Rheinischen Bahn in Troisdorf, der der Köln-Mindener und Main-Weser-Bahn in Gießen, der der nassauischen und rheinischen Bahn in Niederlahnstein, der der Köln-Mindener und hannoverschen Bahn in Münster, sowie der der rheinischen und hannoverschen Bahn in Burgsteinfurt vereinigt und je einer der beteiligten Verwaltungen unterstellt worden. Mit Beginn deS neuen Etatsjahres dürste auch die definitive Organisation der Verwaltung der Magdeburg-Halberstädter und der Berlin-Potsdam-Magdeburger Eisenbahn durchge« führt werden. Die der letzteren gehörigen Strecken find gegenwärtig noch sämtlich dem hiesigen Betriebsamte unterstellt; so viel verlautet, wird der Bezirk deffelben demnächst auf die Strecke Berlin - Magdeburg beschränkt werden, während die übrigen Linien, Magdeburg-Zerbst und Magdeburg-Schöningen resp. Helmstedt einem zweiten Betriebsamte unterstellt werden, welches seinen Sitz in Magdeburg
t Nachdruck tierboten.] Eva.
Slotiettette von E. Reisner. ' t -
Durch die Straßen der großen Stadt heulte der Februarwind; er trieb mit wildem Ungestüm Schnee» und Regenschauer gegen die Fenster, er ließ die Gasflammen unstet auf- und niederflattern, entführte Hüte und Mützen, und trieb« so arg, daß, wie der Abend vorrückte, die Zahl der Fußgänger sich mehr und mehr verringerte — wer'S nur irgend vermochte, suchte daS behagliche Heim oder sonst ein schützendes Dach zu erreichen. Dagegen rollten noch ununterbrochen elegante Equipagen und schlichte Droschken über das vielgeschmähte Pflaster der Plätze and Gassen — es war ja im Carneval.
„Hört!" sagte lebhaft ein junger Mann, — der jüngste des Dreiblatts, das in einem hübsch auSgestatteten Junggesellenzimmer plaudernd um eine kleine Bowle dampfenden Glühweins saß — „hört, wie unausgesetzt drüben am „Stern" die Wagen anfahren; der Costümball muß außerordentlich besucht sein. Schändlich, daß Einem ewig die Kette des Beamtentums am Fuße klirrt — hätfi ich nicht von elf Uhr ab Dienst —"
„Aber was wollen Sie denn, lieber Menzel", unterbrach den Erregten hier der Wirt, Kaufmann Holm, der eben mit fehr ruhiggemeffener Bewegung die Gläser auf'S Neue füllte: „sitzen wir nicht hier ganz conune il faut, zehnmal behaglicher, als sich« da drüben in Saus und Sums, obendrein in irgend einer unbequemen, närrischen Verpuppung jemals sitzen ließe? Freilich, ein Damenritter, wie Sie —"
„Oder ein Lehnstuhlheld, wie Sie I" gab der Andere
lachend zurück. Und so flogen die Neckereien lustig hin und wieder, lebhaft beschwingt durch die kleinen, übermütigen Kobolde, die in bett Dampfwölkchen der Bowle gaukelten, bis endlich der junge Postbeamte halbärgerlich ausrief: „O, Sie trübseliger Philister! Ich sollte an Ihrer Stelle sein: gut situiert, unabhängig, freier Herr meiner Abende und eines passablen Geldbeutels — welche Triumphe würde ich feiern, welche Erfolge verzeichnen I Die schönste, holdeste, reichste aller Erdentöchter würde im Hand- nmdrehen mein, während Sie —"
„Ei, wer sagt Ihnen denn, liebster Freund," fiel Holm belustigt ein, „daß etwas AehnlicheS nicht auch zu meinen ZukunftSplänen gehört? Ich finde nur nicht eben unbedingt nötig, meine Frau mir aus dem Ballsaal zu holen — daS ist, wie mir scheint, eine mehr bequeme als praktische Weise deS Freiens — was meint Freund Ludwig dazu?"
„Alles nach Umständen", sagte trocken der Dritte der kleinen Tafelrunde, Assistenzarzt Ludwig, der bisher schweigend den Dampfringeln seiner Cigarre nachgeschaut hatte. „Ich lernte meine Braut am Krankenbett kennen und denke, gut gewählt zu haben, ein anderer wählt vielleicht beim Tanz nicht minder gut; darüber ist nicht zu streiten. — UebrigenS, Ernst, fällt mir eben ein: — für einen Abend wirst Du, mir zu Gefallen, Dich doch von Deinem Lehnstuhl loSreißen müssen; unser Casino feiert heut über acht Tage fein sünfundzwanzigjährigeS Stiftungsfest mit Souper und Ball. Meine ganze Familie nimmt Teil, auch meine Braut mit den Ihren. So kann ich mich nicht anöfchließen; ich schicke Dir in diesen Tagen eine Liste zu und hoffe —"
„Daß Holm unterschreibt? ja; — daß er hinkommt? nein!" fiel Menzel lachend ein. „Er wird bis zur letzten
Stunde den besten Willen haben, dann aber siegt die liebe Gewohnheit, und er bleibt zu Hause. Denken Sie an mich Doctor!"
„Sie könnten stch irren, Bester!" sagte ruhig bet junge Kaufmann. „Diesmal werb' ich kommen unb wärS auch nur, nm Ihre Prophezeiung Lügen zu strafen. Verlaß Dich auf mich, Lubwig, und bitte einstweilen Deine Schwester in meinem Namen nm ben ersten Walzer."
„Thun Sie'S nicht, Doctor!" wehrte ber Anbere, „Sie riskiren, baß Ihre Schwester fitzen bleibt; er kommt nicht — was gilt bie Wette?"
„Drei Flaschen Champagner, die wir am Ballabend auf Ihre Kosten ausstechen — schlagen Sie ein!" rief Holm in gesteigerter Glühweinlaune, seine Hand hinreichenb. Der Postexpebient zögerte. „Nun," spottete der Arzt, „ist Ihre Courage dem Wagestück nicht gewachsen?" — Die Sache liegt ungleich," meinte Jener kleinlaut, „wenn Holm verliert, schickt er einfach feinen Knecht in ben Keller, aber ich —* „Nun, so halte ich bie Wette für Holm — ich habe keinen Weinkeller," fiel ber Doctor ein. — „Das ist toieber zweierlei," remitierte ein wenig boshaft ber Expedient; „Sie bleiben ben Wein schuldig, aber ich, ein armer kaiserlicher Beamter, der keine Schulden haben darf! Jndeffen — fei’«, wetten wir! Eine reiche Frau macht solch' kleine Extravaganz zehnfach wieder gut I"
Der Doctor erwähnte — war'S Zufall oder Absicht? — eben jetzt eines Briefes, ben feine Braut gestern erhalten, unb der ihr den Besuch einer PenstonSfreunbin zu dem besprochenen Balltage ankünbigte. „Mein Lieb ist völlig auS dem Häuschen," setzte er hinzu „und entwirft von ber erwarteten Freunbin — bie übrigens auch meine Schwester kennt — ein fo entzückendes Bild, daß ich selbst.