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srr. 197

Marburg, Sonntag, 22 August 1880.

xv. Jahrgang

«„zeigen nimmt tmgegen: rtt Expedition d.vlatte», foipie d-Annoncen-Bureaur jOn Th, Dietrich & So. in g„ffel und Hannover; Th. Dietrich in Franlfurt a.M.; öaasenstein & Vogler in Frankfurt a M., Berlin, Zkipsig, Cöln re.; Rudolf Mffe in Berlin, Zrani- furt a. M rr.

GkWHk Zeitmg.

Anzeigen nimmt entgegen die Spedition d. Blatte» sowie d.Annoncen-Bureaux von S-L. Daube & So. in Franlfurt a. M; JLger'sche Buchhandlung daselbst!; Herrnann'sche Buchyandl. daselbst; Juvalidendanl in Berlin; W. Thiene« in Elberfeld; 4. Schlotte in Bremen.

Zescheint täglich außer an den Werltagen nach Sonn« und Feiertagen. Preis für da« Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllUfttirteS LountagSblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdrucker«i) bezogen Stark, durch die Postämter des Deutschen Reiche« 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr). - JnsettionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Zur Lage in England.

Beaconsfield hatte hochfliegende Pläne von der Welt­herrschaft Englands. Zu Gibraltar und Malta fügte er Cypern und das Protektorat über Kleinasten als Stationen und Relais für die Herrschaft in Asien. In Afghanistan sollten die von Osten hervordringenden Engländer den von Westen vorbringenden die Hände reichen, um den Gürtel an beiden Enden festzuknüpsen. Aber in Afghanistan ent­schlüpfte das eine Ende wieder ihren Händen und nachdem es endlich mühsam geknüpft war, wurde Beaconsfield selbst durch die englischen Wähler gestürzt, welchen die Welt- herrschaftspläne zu schwer auf die Schultern drückten und welche fürchteten, man werde vor lauter Weltherrschafts­sorgen keine Zeit mehr finden für die Sorgen, für die Dinge im eigenen Lande. So fiel Beaconsfield und die Hände wurden schlaff, welche den Herrschaftsgürtel in Asien knüpfen follten. In Afghanistan scheint man jetzt das entschlüpfte Ende desselben nicht mehr recht fassen zu können — und eö ist zu fürchten, daß es noch weit über Afghanistan hinaus zurückgeschnellt wird. Beaconsfield war wohl auch nicht gerade ein besonderer Freund der Türkei; aber er stützte dieses alte Gebäude, um es als Unterschlupf und Deckungsmittcl, insbesondere der Eifersucht Rußlands gegenüber für seine englischen Herrschastsplänc benutzen zu können. Der Sultan merkte wohldie Absicht, allein er wußte, daß er ein besseres LoS doch kaum erlangen werde und ließ sich das englische Protektorat gefallen, weil ihm das doch noch profitabler dünkte, als das russische. Glad­stone aber zieht es vor, sich mit Rußland zu verständigen. Es bewog ihn dazu wohl die Ansicht, daß der alte Bau doch nicht lange mehr werde zu halten und derselbe also auch nicht mehr würde im Stande sein, die Zwecke, zu welchen Beaconsfield seine Erhaltung wünschte, zu erfüllen, Gladstone dachte wohl, es sei besser, sich jetzt mit Rußland über den Abbruch des alten Hauses zu verständigen, als dann, wenn es zusammenfällt, mit ihm darüber in Streit zu kommen — zumal er fürchtet, daß England dann für seine Zwecke als nächsten Gegner Oesterreich würde zu be­kämpfen haben — und zwei auf einmal — das scheint Gladstone zu viel zu sein. Deshalb verständigte er sich mit Rußland und trat gegen den Sultan barsch auf. Allein bis jetzt hat ihm die Verständigung mit Rußland noch nicht viel geholfen; denn die Türkei hat ein zäheS Leben — und wird vielleicht auch Gladstone überleben. Nun ist aber der Sultan über England erzürnt — und sucht ihm zu beweisen, daß er doch auch noch Einfluß in der Welt hat und England an einer ganz empfindlichen Stelle Schach zu bieten vermag. Wir haben früher schon darauf htngewiesen, daß die Thatsache, daß England in Indien circa 50 Millionen Muhamedaner zu Unterthanen hat, für Beaconsfield mit ein Grund war, mit dem Sultan

Die Ruine des Frauenbergs unweit Marburg.

Von K. W. Justi, weiland Professor und Superintendent zu Marburg.

(Aus dem Journal von und für Deutschland Jahrg. 1788.) (Schluß«.

Nach einem ziemlich allgemeinen Vorgeben der hessischen Geschichtsschreiber, die leider nicht nur erst in späteren Zeiten anfangen, sondern auch von diesem Schlöffe kaum «was mehr als gar nichts sagen, ward eS darum zerstört, tveil eS ein Raubnest geworden sein soll, ob sich gleich nirgends eine Angabe des Jahres seiner Zerstörung,tior« findet. Daß es aber zerstört, und nicht sich selbst über- I lassen in Schutt und Trümmer verfallen sei, lehrt der Augenschein sehr deutlich, denn allenthalben findet man die । klarsten Spuren einer gewaltsamen Zerstörung. Fast eben ' i» allgemein ist die Sage, daß die Familie der von Scheuern- , schloß den Frauenberg bewohnt habe. Da uns aber weitere Nachrichten mangeln, so bleibt uns am Ende nichts übrig, einige auf diese wahrscheinlichen Angaben gegründeten Mutmaßungen zu versuchen, davon ich die meinigen ganz kurz hier miiteilen will.

Weitn in altern Zeiten der Frauenberg — nach jener '^geführten wahrscheinlicben Sage — von der adligen 'Mmilie der von Scheuernschloß bewohnt ward, so fragt ' ochs, warum diese Familie in der Folge dieses Schloß ver- j 'offen habe? Man wird die Mutmaßung nicht sehr uner- i^rtet finden, daß diese Edelleute, die nach dem Genius , ,r damaligen Jahrhunderte in Räuber auöarteten, genötigt Morden seien, dies Schloß, das nun als Raubnest zerstört i^Urde, zu verlassen. Die Herren sahen sich also gezwungen, ^endwo anders Wohnsitze zu suchen, und dazu nahmen

freundlich zu thun. Gladstone hat das nicht beachtet und nun wird berichtet, der Sultan suche diese indischen Muha­medaner gegen England aufzureizen, eS seien aufreizende Schriften dorthin geschickt und 6 indische Prinzen weilten in Konstantinopel als Gäste des Sultans; ebenso soll der Sheriff von Mekka den Engländern ungünstige Instruk­tionen vom Sultan erhalten haben. Die letzten Nieder­lagen in Afghanistan haben den Respekt vor der englischen Macht auch in Indien erschüttert, und wenn der Funke erst nach Indien hittüvergeworfen ist — dann kann über Englands Herrschaft dort ein Flammenmeer entstehen, dem es schwerlich gewachsen ist. — Die Sache ist um so be­denklicher für England, als nun auch die Unzufriedenen in der Heimat die günstige Gelegenheit dieser auswärtigen Schwierigkeiten zur Geltendmachung ihrer alten Forderungen ausbeuten.

Die Irländer, gekränkt durch die Ablehnung des Ge­setzes über die Entschädigung für die Pächter im Ober­hause, legen eine sehr gefährliche Stimmung an den Tag. Es werden aufregende Volksversammlungen gehalten, Morde, Brandstiftungen, als Akte der Rache entlassener Pächter kommen fast täglich vor, alles sucht sich zu bewaffnen. Ein Schiff mit Waffen wurde bekanntlich geplündert und der Telegraph brachte sogar eine Nachricht, welche an die dä­monische Taktik der Nihilisten erinnerte — an die Unter­minierung einer Kaserne. In Schottland zeigen sich auch bereits bedenkliche Erscheinungen, welche gegen die feudalen Agrarverhältnisse des Landes gerichtet sind. In England ist man bisher diesen Fragen immer aus dem Wege ge­gangen; ob das auch diesmal gelingen wird und ob die Regierung es nicht für ihre Aufgabe hält, diese Dinge endlich zu einem großen AuStrage zu bringen? Einer Re­volution in Irland würde die Regierung schwerlich ge­wachsen sein, da sie nur 21,000 Mann Militär und 12,000 Konstabler im Lande hat. Das irische Parlaments­mitglied Mr. Dillon, welcher die Agitation vorzugsweise leitet, meinte, es könnten aus den Pächtern allein sich 300,000 bewaffnen.

Es tauchen somit große schwere Fragen vor Gladstone auf, woran er selbst durch seine Agitation vor den Wahlen nicht unschuldig ist. Ec hat damals viel versprochen und Versprechen machen Schulden. Alte soziale Ordnungen lassen sich nicht so leicht ändern. In England ruht auch die politische Gestaltung auf der Agrarverfassung. Aber auch an die kirchlichen Verhältnisse hat Gladstone durch das Kirchhofsgesetz und den Fall Bcadlaugh die Hand ge­legt. Wenn er nicht stark genug ist, die Fäden in seiner Hand zu behalten, wenn Agitatoren sich der Sache be­mächtigen, dann kann die Sache nicht bloö für Gladstone, sondern auch für England schlimm werden, da eine Revo­lution in England sehr leicht eine Revolution in Indien im Gefolge haben kann. — In England schlägt aber die

sie wahrscheinlich den nächsten und bequemsten Ort. Dieser Ort ihrer Niederlassung aber scheint mir auS ziemlich starken Gründen das Dorf Hachborn gewesen zu sein, welches etwa eine Stunde weit vom Frauenberg liegt. Diese Meinung nähert sich fast der Gewißheit, wenn wir noch folgenden Umstand zn Hülfe nehmen: die letzten Nach­kommen dieser Familie wohnten nämlich in dem Kloster zu Hachborn, wo ich selbst noch in der Kirche die Epita­phien dieses letzten adeligen Zweiges gefunden habe, und weil unS dieser Umstand wichtig ist, so will ich dessen noch mit ein paar Worten erwähnen. Unter den, mit vielen in Stein gehauenen Wappen gezierten Epitaphien von einem Herrn von Scheuernschloß, dessen Gemahlin und dreien seiner Kinder schien mir das erstere einer besonderen Erwähnung nicht unwürdig zu sein. Es hat die merk­würdige-Ueberschrift:

„Johann der Edle, der Scheuernschloffen Stamm

Ist dies gewest der letzte Mann!"

Und unten steht: den 2. November 1593 des Nachts 12—1 Uhr ist der Edle und ehrenveste Hanß Scheuern­schloß im Herrn seelig eutschlaffen. Aus dem Grabstein seiner Gruft neben dem Altar sind von den ausgeschliffenen Buchstaben diese Worte und Jahrzahl nur noch leserlich: „Hier ruht der Edle und ehrenveste Hanß Scheuernschloß, so anno 1548 den--gebohren. —*

So hätten wir nun den Ursprung und die Lage dieses verödeten Schlosses und seine merkwürdige Erbauerin näher kennen gelernt; auch seine nachfolgenden Bewohner uns, soviel es bei der jetzigen Lage der Sache nur thunlich war, einigermaßen — und wäre es auch nur dem Namen nach — bekannt gemacht, und nicht unwahrscheinliche Gründe seines Untergangs gefunden. Seit jener gewaltsamen Zer-

Stimmung leicht um: Tritt heute Gladstone zurück — wer weiß, wer dann übermorgen in England regiert. Aber immer wäre es die Frage, ob angerichtete Schaden leicht wieder gut gemacht werden könnten. Man erklärte es bei dem Fall Bradlaugh für ein bedenkliches Zeichen der Zeit, daß man dem Atheisten zu Liebe die alte Parlaments- Ordnung durchbrochen hat. Sind einmal die Dämme durchstochen — dann flutet das Waff er bald übers Land, und wenn die alte Ordnung dem Atheismus zu Liebe durchbrochen wird — warum denn nicht auch anderen Bestrebungen zu Liebe? R. B.

Tagesbericht.

Am Anschluß an unsere kürzliche Notiz, daß das Re­gulativ, betreffend die Dienstwohnungen der Staatsbeamten, demnächst publiciert werden würde, wollen wir heute diesem durch die Königl. Ordre vom 26. Juli d. I. ge­nehmigten Regulative folgende Daten entnehmen: Daffelbe enthält 24 Paragraphen und soll auf alle Dienstwohnungen der Staatsbeamten, der Beamten und Lehrer staatlicher oder vom Staate zu unterhaltender Unterrichtsanstalten, sowie derjenigen Geistlichen und Schullehrer, welchen der Staat in ihrer Eigenschaft als solchen Dienstwohnungen überläßt, unbeschadet der ihnen etwa zustehenden Befreiung von Kommunallasten und Abgaben, Anwendung finden. Ausgeschlossen bleiben die Lokalbeamten der Domänen- und Forstverwaltung, sowie der zum Ressort der Bergwerks-, Hütten- und Salinen-Verwaltung gehörigen Unterbeamten. Auch findet das Regulativ auf Geistliche, Kirchenbeamte und Schullehrer, denen Dienstwohnungen von Kommunen und fiskalischen oder Privatpersonen überwiesen sind, keine Anwendung. Die Ueberlassung von Dienstwohnungen er­folgt nach Maßgabe des Etats. Die Annahme einer vom Staate angewiesenen Dienstwohnung kann nicht verweigert werden. Wird dem Beamtett auf seinen Antrag aus be­sonderen Gründen das Bewohnen der Dienstwohnung er­lassen, so erfolgt die Festsetzung der näheren Bedingungen durch den Ressortchef im Einvernehmen mit dem Finanz­minister. Dem Inhaber von Dienstwohnungen liegt die Unterhaltung derselben nach bestimmten Festsetzungen ob, welche das Regulativ ebenso genau präciffert, wie die Unterhaltungspflicht des Staates. Bei Unterbeamten findet jedoch in Betreff der Leistungen eine Begünstigung insofern statt, als sie nicht alle Leistungen in Bezug auf die Unter­haltung der Wohnungen zu erfüllen haben. Für die Be­nutzung der Dienstwohnungen ist, wenn eS nicht als frei verlangt ist, eine Vergütung an den Staat seitens des Inhabers zu entrichten. Diese Vergütung bestimmt sich in den verschiedenen Orten nach der Klasseneinteilung, wie sie im Gesetze vom 25. Juni 1862 festgesetzt ist, d. h. in Orten der Servisklasse A. und I. 10 pCt., II. und III. 7Vg pCt., IV. und V. 5 pCt. des Diensteinkommens.

störung ist der Frauenberg nie wieder aufgebaut worden, waö menschliche Gewalt verschont hatte, war der alles zer­störenden Zeit überlaffen. Ob dieses Schloß sich in der Zu­kunft aus seinen Trümmern, wie der Phönix aus seiner Asche, wieder erheben werde, kann allein die Zeit entscheiden. Der Gedanke daran möchte vielleicht nicht bloö in der Studierstube Aufmerksamkeit verdienen! —

Gegenwärtig wohnt unten am Berge, worauf sich die Ruinen des Schlosses befinden, eine französische Kolonie, die sich auf Erlaubnis Landgraf Karls hier angebaut hat, und nur in dreien Bauernhöfen besteht. Diese Kolonie gehört also zu den minder beträchtlichen in Hessen, davon man die eigentliche Zeit ihrer Anlegung nicht — wie man von den anderen größeren Kolonien zu thun im Stande ist — angeben kann.

Auffallend und sonderbar bleibt jedem Nachdenkenden der Kontrast voriger und jetziger Zeiten. Zu einer edlen Absicht erbaut, artete dies Schloß bald selbst in ein Raub­nest auS, und mußte in der Folge das traurige Schicksal seiner Brüder teilen. Von seiner ersten Bestimmung so­wohl, als von seinem nachherigen Mißbrauch ist eS bei­nahe zur Nichtexistenz herabgesunken, und da wo einst mutige Ritter wohnten, und bald darauf verkommene Räuber ihre Beute verzehrten, wohnen jetzt wenige Land­leute in friedlichen Hütten. So hinreißend ist der Strom der Zeit, und die Sitte des Jahrhunderts I Alles ist der Vergänglichkeit unterworfen.

Von einem vormals stolzen Gebäude blieb dem Forscherauge nichts übrig, als wenige Reste, die auch in ihren Trümmern noch der Vergänglichkeit zu trotzen scheinen! —