1880.
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Mr. 195.
Marburg, Freitag, 20 August 1880.
XV. Jahrgang
«n,eigen nimmt entgegen: rtt Expedition d.vlattes, fgioie o-Annoncen-Bureaux pgn Th, Dietrich & Co. in gaffet und Hannover; Th. Dietrich in Frankiurt a.M.; Saasenstein & Bögler in ffranifurt a- löt., Berlin, geipzig, S5(n ic.; Rudolf «losie i» Berlin, Frankfurt a. M- re.
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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattes sowie d. Annonren-Bureanr von ®- L- Daube & 6o. in Kanlfurt a- M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst.; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Jnbalidendanl in Berlin; W- LhieneS in «berfeld; 4. Schlotte in Bremen-
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Tagesbericht.
Der „Reichs-Anzeiger" meldet: Der Kaiser hielt an das erste Garderegiment zu Potsdam im Lustgarten folgende Ansprache: Die preußische Armee begeht heute für die Teile, welche 1870 die erste und zweite Armee bildeten, im Vereine mit den damals Uns verbündeten sächsischen und hessischen Truppen den zehnjährigen Jahrestag der ruhmreichen Schlacht von St. Privat-Gravelotte. Ich habe das erste Garderegiment um Mich versammelt als das erste Regiment Meiner Armee, nicht nur dem Range nach, sondern weil eS denselben auf allen Schlachtfeldern der Neuzeit zu erkämpfen wußte. Ich erwarte, daß das Regiment stets dieses Tages bewußt bleiben und dies in Krieg und Frieden bethätigen wird. Daher betrachte Ich eS heute als Vertreter der ganzen Armee. Der schwer erkämpfte Sieg von St. Privat-Gravelotte ist der Wendepunkt zu den großen Erfolgen des Krieges von 1870/71 geworden, was man am Abend der Schlacht kaum ahnen konnte. Sie hat große und schmerzliche Opfer verlangt; Ich brauche in diesem Kreise nur den Namen v. Röder zu nennen: Wir achten diejenigen Alle, welche ihr Leben Hingaben zum Ruhme des Vaterlandes. (Bei diesen Worten entblöste der Kaiser das Haupt.) Nie wird in Meinem Herzen die Dankbarkeit erlöschen für den Heldenmut, die Tapferkeit, Hingebung und Ausdauer, mit welcher die Armee gefochten. Erneuert spreche Ich hiermit diese Anerkennung aus.
Aus Anlaß einer dem Kultusminister übergebenen Petition in Betreff der Rücksichtnahme auf die confesstonellen Verhältnisse bei Ernennung der Kreis- und Lokal-Schul- inspektoren hat der Minister sich dahin ausgesprochen, daß die Auffassung, wonach die Unterstellung katholischer Schulen unter die Aussicht evangelischer Lokalinspektoren als eine Verletzung der heiligsten und durch die Verfassung verbürgten Rechte der Katholiken zu erachten sei, nicht die auf der Verfassung und den Landesgesetzen beruhende Rechtslage gehörig würdige; denn das in Ausführung des Art. 23 der Verfassung ergangene Gesetz, betreffend die Beaufsichtigung des Unterrichts- und ErzichungSwcsenS vom 11. März 1872 bindet die Staatsregierung bei der Auswahl der Schulinspektoren, welche.nicht Organe der Religions- Gesellschaften oder Kirchen, sondern Staatsbeamte sind, nicht grundsätzlich an die Richtung auf confessionelle Verhältnisse. Dies schließt nicht auö, daß bei Ernennung von Schulinspektoren die umfassende Berücksichtigung cvnfes- sioneller Verhältnisse gleichwohl insoweit angestrebt wird, als es je nach den gegebenen Umständen statthaft und thunlich ist. Der Minister will in der Handhabung deS Gesetzes diese Rücksicht überall da walten lassen, wo dies überhaupt möglich ist, ohne das allgemeine staatliche und das Schulinteresse zu beeinträchtigen; im vorliegenden Falle
könne aber dem Gesetze, die Entsetzung des evangelischen Kreisschulinspcktors, um so weniger gewillfahrt werden, als derselbe mit Treue und Hingebung sein Amt verwalte.
Ueber die Wasserschäden in Schlesien schreibt die „Prov.- Corrcsp.": die nächste Pflicht der Regierung sei, der ersten Not zu steuern. Ob außerordentliche Maßregeln umfaffen- deren Charakters zu ergreifen seien, werde geprüft und hänge von dem bisher noch nicht erreichbaren Ueberblicke über die Gesamtgröße des Schadens ab. Die Vorbereitung der auf die» dauernde Besserung der Verhältnisse Ober- schlestens abzielenden wirtschaftlichen Maßregeln werde nachdrücklich fortgesetzt, um Material für die bez. Vorlage an den Landtag zu gewinnen.
Aus dem In- und Auslande liegen nunmehr ziemlich sichere Berichte über die diesjährige Ernte vor. Oesterreich hat eine sehr gute Ernte, Ungarn kann in Weizen, Hafer und Gerste für etwa 30 Millionen Mark auS- führen, die französische Ernte ist gut, so daß das Land weniger auf Einfuhr angewiesen ist, alS beispielsweise in den beiden Vorjahren; die russische Ernte scheint unter Mittel zu bleiben. In Deutschland ist die Ernte nach Provinzen sehr verschieden. Mittel- und Westdeutschland verzeichnen in Getreide und Kartoffeln ein vorzügliches Jahr, ein Teil von Schlesien, sowie Ost- und Westpreußen, dagegen haben infolge zur Unzeit eingetretener Nässe und Gewitterschäden teilweise eine völlige Mißernte, infolge davon Notstände für den kommenden Winter in Aussicht. Es ist lobend anzuerkennen, daß die Landräte und Amtsvorsteher in den betroffenen Provinzen schon jetzt auf die drohende Notlage aufmerksam machen, damit in weiteren Kreisen und namenllich auch innerhalb der Regierung die Mittel zur Linderung überlegt werden können.
Bekanntlich war auf der 1878er Pariser Postconferenz von Deutschland ein Antrag gestellt worden, in ähnlicher Weise wie für alle Briefpostsendungen, so auch für kleine Pakete im internationalen Verkehr übereinstimmende Normen, namenllich auch in Bezug auf die Tarifierung ^u treffen. Die Zweckmäßigkeit der Herstellung einer auf einheitlichen Grundlagen beruhenden internationalen Paketpost wurde von der Pariser Postconferenz anerkannt. Auch vom Publikum ist der Vorschlag mit lebhafter Sympathie begrüßt worden. Der Verwirklichung des Plans stellten sich damals nicht unerhebliche Schwierigkeiten entgegen. Insbesondere kam zur Geltung, daß in mehreren großen Ländern, wie England, Frankreich, Italien, die Postverwaltungen sich überhaupt mit der Beförderung von Paketen nicht befaffen. Inzwischen sind die Bemühungen unausgesetzt darauf gerichtet gewesen, die bestehenden Hindernisse zu beseitigen, um wenigstens mit einer gewissen Anzahl von
Ländere des Weltpostvereins eine Verständigung in der Sache herbeizuführen. Die Angelegenheit scheint auch in der That Fortschritte gemacht zu haben; denn eS wird der Zusammentritt einer aus Fachmännern bestehenden neuen Konferenz zum 1. Oktober in Paris stattfinden, welche sich ausschließlich mit der Herstellung einer internationalen Paketpost beschäftigen wird. Vom Staatssekretär des Reichö- postamts sind die Geh. Oberposträte Günther und Mießner beauftragt worden, an der Parifer Confercnz teilznnehmen. Im Zusammenhänge hiermit können wir die erfreuliche Thatfache mitteilen, daß der englische Generalpostmeister kürzlich im Unterhause sich aufs lebhafteste für die Einrichtung einer Paketpost in England selbst, wozu die Vorbereitungen im vollen Gange sind, ausgesprochen und dir Entsendung von Vertretern der brittschen Postverwaltung zu der bevorstehenden Pariser Paketpostkonferenz zugesagt hat. Hoffen wir, daß ein so wichtiger und bedeutungsvoller Vorgang auch in den übrigen Ländern, welche bisher noch keine Staatsfahrpost besessen haben, volle Würdigung finde, damit der angeregte Gedanke zum Segen der internationalen Handels- und Verkehrsbeziehungen verwirklicht werde.
Dttrtsche» «eich.
Berlin, 18. August. Wie es heißt, wird im nächsten Reichshaushalt eine wesentliche Erhöhung des Etats des Reichseisenbahnamts gefordert werden, um den Wünschen des Re.chstageL auf Herstellung einer sorgfältigeren und regelmäßigen Statistik genüge zu leisten. Die Nachrichten über die preußischen Eisenbahnen, welche in dem technischen Bureau deö Arbeitsministeriums hergestellt werden, sollen der zukünftigen Reichsstattstik über die Eisenbahnen zu Grunde gelegt werden. — Graf Harry Arnim war in dem bekannten ersten Prozesse zu einer achtmonatlichen Gefängnishaft, sodann vom Staatsgerichtshof wegen der Veröffentlichung der Broschüre „Pro nihilo“ wegen Landesverrat zu einer fünfjährigen Zuchthausstrafe verurteilt wordeu. Wie man hört, will Graf Harry Arnim diese letztere Verurteilung dadurch anfechten, daß er sich behufs der in diesem Falle zulässigen nochmaligen Verhandlung der Anklage in seiner, deS Angeklagten, Anwesenheit dem Gerichte stellt. Graf Arnim hatte, um dies thun zu können, ohne zur Verbüßung der in dem ersten Prozesse gegen ihn erkannten Freiheitsstrafe alsbald verhaftet zu werden, vor einiger Zeit „freies Geleit" nachgesucht, daS ihm aber verweigert wurde. Er hat jetzt zu dem gleichen Zwecke unter Einreichung ärztlicher Zeugnisse, welche bekunden, daß sein Gesundheitszustand eine Haft nicht gestatte, bei der Staatsanwaltschaft um Aufschub der Straf- Vollstreckung betreffs jener achtmonatlichen Gefängnisstrafe nachgesucht. Er soll übrigens so leidend sein, daß man ihn auch ohne solchen Aufschub nicht inö Gefängnis bringen
Die Ruine des FraneubergS ««weil Marburg.
Bon K. W. Justi, weiland Proseffor und Superintendent zu Marburg.
(Aus dem Journal von und für Deutschland Jahrg. 1788.)
Etwa anderthalb Stunden von Marburg jenseits der Lahn, liegt auf einem mäßig hohen Berg, ein ehemalig berühmtes, jetzt aber ganz verwüstetes Schloß, der Frauenberg genannt, das wegen seines Alters, seines Schicksals und der großen Festigkeit seiner noch übrigen Trümmer allerdings Aufmerksamkeit — und vorzüglich von Heffens Bewohnern — verdient; da diese Ueberreste mit zur Aufklärung und Kenntnis vom Genius der entwichenen Jahrhunderte beitragen und zugleich einer lebhaften Einbildungskraft zu vielen nicht unwichligen Betrachtungen Anlaß geben.
Der Weg nach dieser Ruine von Marburg aus hat nichts besonders auffallendes. Man geht, wenn man den sogenannten Kappeler Berg erstiegen hat, meist durch Waldungen auf einem sich wechselweis hebenden und senkenden Boden, oder eigentlicher, auf dem Rücken einer Gebirgskette, die unter- dem Namen des Lahnberges bekannt ist. So einfach aber der Eingang ist, so contrastierend und frappant sind hernach die Gegenstände, die den Blick fesseln, wenn man an Ort und Stelle ist.
Noch am Ausgange des Waldes zeigen sich die auf der Bergspitze emporrageden Mauenrn des verfallenen Schlöffe«. Man wendet sich rechts und gelangt zuerst an die friedlichen Hütten einiger Landleute, welche da ruhig ihre Herden weiden. Dieser Anblick ruft gewiffermaßen das Bild jener unschuldigen Schäferwelt in die Seele zurück. Aber bald hernach, wenn man einige am Fuß des Berges
angelegte Fruchtfelder durchwandert hat, versetzt der Anblick eines verödeten Schlosses die Einbildung wieder plötzlich In die alten Ritterzeiten. Man muß sofort den öden, mit Heidekraut, Wachholver, wilden Rosen und anderem Gesträuche bewachsenen Berg hinanklimmen, auf dem sich die ehrwürdige Ruine des vormals festen Schlosses befindet. Diese Mühe bleibt nicht unbelohnt. Wenn man oben auf den Berg gelangt ist, glaubt man sich gleichsam umgeschaffen, und in retr.crem Aether zu leben. Beständige Winde — das bekannte Phänomen hoher Berge — verjagen alle Dünste, und mildern in heißen Sommertagen die brennende Hitze. Der düstere Wald, welcher von zwei Seiten oen Fuß des Berges einschließt, und darüber die romantische Aussicht in die fruchtbaren hessischen und main- zischen Gefilde mit ihren Städte» und Dörfern, erfüllen die Seele mit jener vermischten Empfindung, welche solche Gegenstände einflößen, deren Größe nicht auffallend ist, um bloS Schauder zu erregen. Man erblickt hier auf einer Seite Marburg, auf der andern die Amöneburg, und ein bewehrtes Auge übersteht in der angenehmsten Mischung eine Gegend, die an vierzig Ortschaften in sich schließt.
Vom Schlosse selbst stehen nur noch einige ungleiche hohe, augenblicklichen Umsturz drohende, und dennoch ungemein feste Mauern, die einen ziemlich geräumigen, mit Rasen und Heidekraut dürftig bewachsenen Boden einschließen. Eigentlich erblickt man Ueberreste von zwei verschiedenen Mauere, einer innere und äußern. — Die innere Mauern sind noch ungleich höher und minder verfallen, als die äußern, und mögen da, wo sie am stärksten sind, etwa 10 bis 12 Fuß in der Dicke haben. Ihre Masse besteht meist auö Basaltsteinen, die das Innere ausmachen, und äußer
lich mit nicht allzugroßen, aber regelmäßigen Sandsteinen bekleidet sind. DaS Gebäude ruht auf natürlichem Fels.
So viel sich noch aus diesen Trümmern erkennen läßt, ist daS ehemalige eigentliche Schloß auf der südwestlichen Seile in einem Bogen ausgeschweift gewesen. Noch ziemlich wohl erhalten ist der gewölbte Eingang in daS Schloß auf einer Ecke der erwähnten ausgesprungenen Seite desselben zu sehen. Der innere Raum ist 32 Schritte lang und 22 Schritte breit. Merkwürdig und auffallend ist die seltsame Bauart dieses Schloffeö, und ebenso auffallend war mir der anscheinende Mangel aller Sparen eine« Turmes oder einer Warte, wie man sie gewöhnlich bei alten Schlöffern findet. Weder ich noch andere haben sie bisher wahrgenommeu, nur das scharfsichtige Auge meine» Gesellschafters, Herrn Professor Engelschalls, entdeckte zu beiden Seiten des Eingangs ziemlich deutliche Reste von runden Wachttürmen oder VorsprungShäuSchen. Er machte dabei die gegründete Anmerkung, daß, da die Mauern auf dieser Seite am dicksten wären, man auch auf eine größere Last schließen müsse, die sie zu tragen gehabt hätten. Eben so ist es bekannt, daß bei den sogenannten altgothischen Gebäuden die Haupteingänge gemeiniglich unter den Türmen angebracht sind.
Dies vormalige eigentliche Schloß nun ist mit einer andere, so viel sich noch erkennen läßt, meist parallel laufenden Mauer, welche vermutlich den Hof eingeschloffen hat, umgeben. Von dieser äußern Mauer aber sind nur noch wenige Trümmer übrig.
Die ganze Gegend um den Frauenberg herum ist erhaben, der Berg selbst, worauf das Schloß ruht, erhebt sich aber noch um ein merkliches über alle ihn umgebenden Gebirge, und daher kommt die schöne Aussicht, die hier