Nr. 198.
Marburg, Mittwoch, 18 August 1880.
XV. Mgaig
«areige» nimmt entgegen: »t, Expedition d.Blatte», (Otgie d-Annoncen-Bureaux pgn Th, Dietrich & So. in Raffel und Hannover; Th. xietüch in Iraulfurt a.lllt.; ögasenstein & Vogler in Iranihict a M., Berlin, Lcipziz, LAn iu; Sindols Listie in Ärrlin, Jranl- fsrt o. M. re.
ObnIjkM jritmiii.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte» s owie d. Annoncen-Bureaux von ®. L- Daube & Eo- in Frankfurt a- M; JLger'sch« Buchhandlung daselosta Hermami'sche Buchhandl. Lafelbft; Jnoalidcndani in Berlin; D- Thiene» in Elberfeld: L. Schlotte in Bremen.
Srlcheini täglich außer an den Werktagen nach Gönn- und Feiertagen- Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „ZlnftrirtrS LouutagSLIatt" durch die Expedition (Koch'fche Buchdruckerei) bezogen 2^ Mark, Lurch die Postämter des Deutschen Reiche» 3 Mark 50 Psg. (excl. Bestellgebühr). — JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Psg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Psg. berechnet.
Die Goldwährung.
Die Goldwährung bildet bekanntlich auch eine der vielgenannten Errungenschaften der liberalen Aera, welche dem Reiche, wenn sie ganz durchgeführt werden sollte, was übrigens nie geschehen wird, die Kleinigkeit von etwa 150 Millionen Mark kosten würde — ganz abgesehen von den enormen Verlusten welche sonst dem Volke durch die Entwertung des Silbers entstanden sind. Wie für die Wucher- und Aktiensreiheit, interefsiert sich auch für die Goldwährung nur ein gewisser Teil der Bevölkerung; aber diesem Teile steht fast die gesamte liberale Presse zu Gebot und daher kommts denn auch, daß diese Presse ebenso, wie sie bis auf die letzte Stunde gegen die 'Abschaffung der Wucherfreiheit gekämpft hat, nun auch für Einführung der Goldwährung kämpft. Die Goldwährung ist vorzugsweise das Werk des Mainzer Banquiers Bamberger, und neuerdings haben sich, wie das ja immer der Fall ist, auch einige Männer der Wissenschaft gefunden, welche die Goldwährung mit wissenschaftlichen Gründen ausstatten. Bekanntlich ist aber der Präsident der Reichsbank, Herr v. Dechend, also der Mann, welcher eine Stelle einnimmt, von der auö am besten die Geldbewegung zu überblicken ist, ein Gegner der reinen Goldwährung. Er hat schon im Reichstage auf die ungeheuren Kosten hingewiesen, welche die Einführung dieser Chimäre dem Lande verursacht und seine Zweifel an der Durchführbarkeit derselben ausgesprochen. Neuerdings nun berichtet ein gut orientiertes Börsenblatt, der „Berliner Aktionär", Herr v. Dechend werde demnächst eine Denkschrift veröffentlichen, in welcher er an der Hand der Wissenschaft und Erfahrung die Unzulänglichkeit und Unzweckmäßigkeit der reinen Goldwährung darthun wolle. Der „Berliner Aktionär" schreibt nämlich:
Es ist bekannt, daß der Präsident des Reichö-Bank- dircktoriums, Herr v. Dechend, der deutschen Münzreform feinerzeit in soweit abwehrend gegenüberstand, als sie die Einführung der reinen Goldwährung zum Ziele hatte. Wie wir hören, haben die seitherigen Erfahrungen desselben in der hervorragenden Stellung, die ihm gestattet, den Pulöschlag des Verkehrs genau zu beobachten, feine früheren Ansichten nicht zu erschüttern, sondern nur zu bestätigen vermocht, doch hat sich Herr v. Dechend angesichts der Entscheidung der Faktoren der Gesetzgebung in der Diskussion der Währungsfrage bisher begreifliche Reserve auferlegt. Anscheinend ist indes gegenwärtig der Zeitpunkt näher gerückt, mit welchem Herr v. Dechend diese Reserve aufgcven dürfte. Wir erfahren nämlich, daß derselbe im Augenblick eine Denkschrift vorbereiten läßt, um die Unzulänglichkeit und Unzweckmäßigkeit der reinen Goldwährung für Deutschland an der Hand der Wissenschaft und Erfahrung darzuthun. Ob die Denkschrift auch beziehungsweise schon jetzt der Oeffentlichkeit übergeben werden wird,
Gesiegt.
Novelle von E. Redenhall.
«Fortsetzung)
Anders war es mit Eugenie. Das Seelenleben der Frau ist ein anoereS, als das des Mannes. Sie wurde durch nichts abgezogen, sie lebte nur ihrem Unglück und ihrer Trauer. Der erste Schlag hat sie zu unatürlich ruhig gefunden; jedoch jemchr sie zum Nachdenken gekommen war, desto intensiver war ihr Schmerz geworden. Jemehr sie ihre Qualen zu verbergen suchte, desto heftiger wüteten sie in ihrem Innern. Ihr Vater lies sich durch ihr äußerlich ruhiges Verhalten nicht täuschen; er blickte besorgt auf sie und fürchtete für ihre Gesundheit Der Arzt riet Luftveränderung. Rat Bernau nahm unverzüglich Urlaub und reiste mit ihr, da die Saison gerade ihren Höhepunkt erreicht hatte, in eines jener Lupusbäder, die so viel Zerstreuung und Abwechslung bieten. Doch dies zeigte sich bei Eugenie ganz wirkungslos, sie war interesie- los für den Zauber der Natur, sowie für die, welche sie belebten. Sie fühlte sich matt und elend und da sie Sehnsucht nach der Heimat zeigte, beschloß der Rat, nach einigen Wochen mit ihr nach Hause zu reisen. Sie hatte sich schon unterwegs sehr unwohl gefühlt, kaum angekom- >ncn, erkrankte sie ernstlich; sie wurde von einem heftigen Nervenfieber befallen, das ihr Leben bedrohte. Der Rat wich Tag und Nacht nicht von ihrem Lager, jede Ansprache von Frau Werner war vergeblich.
„Lassen Sie mich," rief er heftig, „nur der Tod kann wich von diesem Platze wegbringen." Was der arme Vater Ur diesen einsamen Nächten fühlte, die er am Krankenbett durchwachte, ist unbeschreiblich; dagegen war Alles, was
ist nach unseren Informationen bisher noch nicht entschieden.
Diese Nachricht kommt natürlich den liberalen Blättern sehr unangenehm. Das „Berl. Tageblatt" führt die Sache gleich auf den Reichskanzler zurück und nimmt als ganz selbstverstäudlich an, daß die Denkschrift nur ein Ausdruck der Ansichten Bismarcks sein werde.
Ein anderes Blatt, der „Berliner Börsen-Cour." greift Herrn Dechend persönlich an, als einen Mann, „der sich mehr durch die tiefinnere Uebcrzeugung vom eigenen Werte, als durch praktischen Sinn oder durch die Kenntnis wirtschaftlicher Verhältnisse auszeichnet" und hat sogar die Dreistigkeit, gegen Herrn von Dechend den Verdacht auszusprechen, er habe sich vielleicht als erhabenes Ziel vorgesteckt, durch . eine Abänderung unserer Währung großen Gewinn für die Reichsbank und hohe Dividende für ihre Aktionäre zu erzielen. Man sicht, wie diese Blätter giftig werden, wenn an die Goldwährung gerührt wird, welche den Geldhändlern bereits ca. 100 Millionen Mark eingetragen hat. Am interessantesten ist, was die „Nat.- Ztg." dazu bemerkt. Auch ihr ist es offenbar höchst fatal, daß ein Mann wie der Präsident der Reichsbank sich in einer öffentlichen Denkschrift gegen die Goldwährung aussprechen will. Sie fürchtet wohl, daß dadurch selbst das Wort Bambergers in den Schatten gestellt werden könnte. Deshalb möchte sie das Erscheinen der Denkschrift verhindern und Herrn Dechend zum Schweigen bringen. Das Blatt, welches fonst nicht stürmisch genug verlangen kann, daß die Regierung über wichtige Fragen, für deren Beantwortung unter den Behörden das nötige Material zur Verfügung steht, ihre Meinung öffentlich kund werden lasse, verlangt hier, daß der Beamte, welcher allein im Stande ist, die Wirkungen der Goldwährung allseitig zu überblicken, schweige — während Bamberger und Soetbeer fort und fort reden und ihre Aeußerungen von der liberalen Presse in alle Winkel des Landes getragen werden. Die „Nat.-Ztg." sagt: „Ein Reffortches, der auf Abänderung deö Gesetzes hinwirken will, hat dazu den Weg des amtlichen Berichts, aber er darf nicht die Presse zu seiner Unterstützung in Anspruch nehmen." Das steht wörtlich in der „Nat.-Z." Weiter aber sagt das Blatt: „Auf dem Gebiete des diplomatischen Dienstes ist ja wohl siegreich durchgekämpft, daß ein Botschafter in der Presse keine Ansichten verfechten darf, die mit denen des Leiters der auswärtigen Politik nicht im Einklänge stehen." Das bezieht sich auf den Fall Arnim, und die „Nat.-Ztg." hätte wohl nichts dagegen, wenn Herr von Decheno ebenso kalt gestellt würde, wie Arnim, obgleich sie sich doch wohl selbst sagen muß, daß zwischen dieser lediglich inneren Angelegenheit und den Fragen der äußeren Politik ein unvergleichlicher Unterschied besteht. Dann fährt die „Nat.-Ztg." fort: „Auf dem Gebiete der inneren Politik muß angenommen werden, daß
er bisher gelitten, Kinderspiel. Es waren qualvolle Stunden, in denen er, von Angst verzehrt, die unruhigen Atemzüge seines Kinves beobachtete unv den wilden Phantasten seines Lieblings lauschte, dessen fieberheiße Lippen nur immer einen Namen riefen. Einen Namen, der ihn in wahnsinnigen Schmerz zusammenzucken ließ. Die Krankheit nahm immer einen bedenklicheren Charakter an, der alte Sanitätsrat, der bewährte Hausarzt der Familie, schüttelte unbefriedigt den Kopf unv erklärte dem Rat, daß hier ein tiefer Seelenschmecz seinen Mitteln entgegenarbeite, er nicht viel Hostnung habe, ihr Leben zu erhalten. Verzweifelt teilte er ihm die Ursache des betroffenen Leids mit und frug ihn, ob sie vielleicht genesen könne, wenn sie, zum Bewußtsein kommend, Dr. Horn sehen würde.
„Versuchen wir's," hatte der Sanitälsrat gesagt, „wir haben nichts mehr zu verlieren und können Alles gewinnen. Solche Erschütterungen haben oft schon Wunder bewirkt."
An diesen Hoffnungsschimmer klammerte sich jetzt der Rat und ohne sich einen Augenblick zu besinnen, ging er zu Georg hin. Nicht wie damals, entsetzt und verwirrt, sondern ruhig und gefaßt trat ihm dieser entgegen. In dumpfem, verzweiflungsvollem Ton teilte er ihm mit, um was es sich handle. Georg war ganz bestürzt, er hatte kein Wort von Eugeniens Krankheit gewußt, da man in seiner Gegenwart eS vermieden hatte, von ihr zu sprechen.
„So grausam," sagte der Rat, „kann der Himmel nicht strafen, retten Sie mein Kind, nur Sie vermögen cS noch."
„Kommen Sie, kommen Sie," mahnte Georg, „jeder Augenblick kann zu spät sein. Sie werden mir unterwegs alles Notwendige mttteilen."
der Wille des Reichskanzlers sich mit dem Willen des Gesetzes deckt, so lange bis der Reichskanzler selbst die Initiative zur Abänderung des Gesetzes ergreift." Das ist ebenfalls ein in verschiedener Beziehung recht nettes Sätzchen, allein die „Nat.-Ztg." benutzt offenbar nur den Namen des Reichskanzlers, um ihn dem gesürchteten Erscheinen der Denkschrift als starken Riegel vorzuschieben. Aber wie, wenn nun das „Berl. Tagbl." mit seiner Ansicht, daß der Reichskanzler um die Denkschrift nicht bloö wisse, sondern ihr Erscheinen beeinflußt habe, das Richtige getroffen hätte? Man sieht, die liberalen Blätter haben große Furcht, diese Denkschrift möchte die bisher von ihnen bewirkte und so sorgsam gehütete öffentliche Meinung über die Goldwährung erschüttern — und mit dem Zauber dieses modernen Goldeseleins möchte es zu ende gehen!
Deutsches Reich.
** Berlin, 16. August. Nach amtlichen Mitteilungen für die neuen Vorschriften zur Verhütung des Zusammenstoßes der Schiffe auf See, welche die König!. Verordnung vom 7. Januar 1880 anordnet, ist nunmehr in Deutschland, in Großbritannien und Neusüdwales, in Frankreich, Dänemark, Oesterreich, Rußland, Schweden und den Niederlanden veröffentlicht und werden in diesen Staaten mit dem 1. September 1880 in Kraft treten; in Großbritannien und den Niederlanden jedoch mit der Maßgabe, daß der aus die Leichter der Fischerfahrzeuge und andere offenen Boote bez. Artikel 10 der Verordnung erst am 1. September 1881 in Kraft tritt. — Se. Maj. Schiff „Nymphe", 9 Geschütze, Kommandant Korvetten - Kapitän Schröder, ist am 13. August in Plymuth eingetroffen. — Im Monat Juni d. I. sind auf den dentschen Eisenbahnen mit Ausschluß Bayerns vorgekommen: 21 Entgleisungen — 8 Zusammenstöße fahrender Züge, darunter 14 Züge mit Personenbeförderung — von je 10,391 Züge dieser Gattung und 15 Güterzüge resp. leer fahrende Locomotiven; ferner 38 Entgleisungen, 17 Zusammenstöße beim Rangieren und 33 sonstige Betriebsereignisse, von welchen letzteren 16 lediglich durch elementare Ereignisse (Wolkenbrüche u. s. w.) herbeigeführt wurden. In Folge dieser Unfälle 2 Personen (Passagiere) getödet, 69 Passagiere und 14 Beamte verletzt, 5 Tiere getödet, 1 verletzt und 53 Fahrzeuge erheblich, 103 unerheblich beschädigt. Außer den vorerwähnten Verunglückungen kamen größtenteils durch eigene Unvorsichtigkeit noch vor: 22 Tötungen (1 Reisender, 12 Beamte, 4 Arbeiter, 5 Fremde), 74 Verletzungen (3 Reisende, 36 Beamte, 28 Arbeiter und 7 Fremde) und 15 Tötungen und 2 Verletzungen bei beabsichtigtem Selbstmord. Von sämtlichen Verunglückungen von Personen fallen auf Staatsbahnen oder unter Staatsverwaltung stehenden Bahnen (21,824 Km. BetriebSlänge in 29,626 Km. Gcleislänge) 144 Fälle, darunter die größte Anzahl
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So gingen sie fort, Beide nur von einem Gedanken, einem Wunsche beseelt. Der Rat war so erregt gewesen, daß er die Frau, die mit einer Handarbeit am Fenster geseffen und so totenbleich bei seinem Eintritt aufgesprungm war, gar nicht bemerkt hatte. Auch Georg hatte in der Eile des Fortgehens ganz vergessen, nach ihr zu sehen. Kurze Zeit darauf stand er an EugenienS Lager. Er war entsetzt über die verheerende Wirkung der Krankheit. Die schönen Augen die stets so glücklich gestrahlt und ihn so liebevoll angeblickt hatten, starrten glanzlos ins Leere und hatten keinen Blick des Erkennens für ihn. Doch jetzt konnte er sich nicht dem Schmerz hingeben, jetzt mußte er alle Kräfte zusammen haben. Nachdem er mit dem SanitätSrat gemeinsam die Kranke untersucht hatte, konnte er nur bestätigen, daß die fDiagnosc desselben eine richtige, der Zustand ein sehr gefährlicher sei. Zunächst mußte für eine verständige, zuverlässige Pflegerin gesorgt werden, denn Frau Werner unterlag fast den Anstrengungen der beständigen Nachtwachen. Die Gute hatte bis jetzt nicht ihren Posten verlassen wollen, doch Georg's liebevollem Zureden gelang es, sie dazu zu bestimmen. Er versprach eine bewährte Frau, die er aus feiner Praxis kannte, zu besorgen und bald mit ihr wieder zu kommen. Er ging rasch nach Hause um nach ihrer Adresse zu sehen, die er notiert hatte und teilte mit schmerz entstellten Zügen seiner Mutter mit, wie hoffnungslos Eugeniens Zustand sei.
„O Gott," rief er, „nur dies eine Menschenleben laß mich dem Tode abringen. Mein Leben soll fortan nur der Pflicht geweiht sein. Für AllcS, was ich den leidenden Menschen zu sein gelobe — nur dies eine Leben."
(Schluß folgt.)