srr. 192.
Atarburg, Dienstag, 17 August 1880.
XV. Fahrgaug
Nnieigen nimmt entgegen: ttt Expedition d.Blatte», iftoie d-Annvncen-Bureaux „ort Th, Dietrich & Eo. in gaffet und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Sfenstern & Bögler in ikfurt a. M., Berlin, zig. Mn re.; Rudolf Vwste in Berlin, Frairl- furt a. M- rc.
ObklMchk Ikitm
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte» sowie d. Annoneen-Bureaur von ®. L- Daube & Co. in K:ankfurt a. M; JLger'sche Buchhandlung daselbst,; Herrnann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidenoant in Berlin; ifc Thiene» in Elberfeld; L. Schlotte in Bremen-
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Die Auflösung der uatioualliberale« Partei.
Die nationalliberale Partei ist schon seit längerer Zeit in einem Auflösungsprozeß begriffen. Derselbe ist hervorgerufen durch die schlimmen Folgen der liberalen Gesetzgebung. Angesichts der unheilvollen Folgen der Gewerbe-, Aktien-, Wucher- und Schankfreiheit für unser wirtschaftliches Leben glaubte ein Teil der Nationalliberalcn nicht mehr auf der als unbedingt falsch erwiesenen Theorie des Gehenlassens (laisser faire) bestehen zu sollen und stimmte den Zollvorlagen des Reichskanzlers zu. Ebenso glaubte derselbe angesichts der unheilvollen Folgen der Maigesetze, wodurch in der katholischen Kirche Zustände hervorgerusen sind, die an die Zeit des 30jährigen Krieges erinnern — es sind bekanntlich circa 1000 geistliche Stellen unbesetzt — nicht mehr auf der unbedingten Aufrechthaltung dieser Gesetze bestehen zu dürfen und willigte in eine Abänderung derselben, während der andere Teil der Partei lediglich auf seinem liberalen Schein besteht, die Augen vor den schlimmen Folgen der liberalen Politik zumacht und sich auf keine Aenderung der bestehenden liberalen Gesetzgebung einlassen will. Durch die Meinungsverschiedenheit ist ein Riß hervorgerufen worden, der über der neuen Kirchenvorlage zum vollen Ausbruch kam. Seitdem wurde in der liberalen Presse viel darüber verhandelt. Die Teile der Partei, welche sich um die „Nat.-Ztg." scharen, gaben sofort die alte nationalliberale Partei auf und verlangten die Gründung einer großen liberalen Partei, welche sich wieder streng an das liberale Programm halten solle. Der rechte Flügel der Partei dagegen, welcher sich um Bennigsen scharte, wollte von einer solchen großen Partei nichts wissen, und in einem neuerlichen Artikel des „hannöv. Cour.", des Organes Bennigsens, wurde dargelegt, daß für eine solche Partei kein gemeinsamer Boden vorhanden sei, die Meinungsverschiedenheiten zwischen Rickert, Lasker, Forckenbeck und Miquel, Bennigsen seien zu groß. Dabei wurde bemerkt, daß die Aufgabe der liberalen Partei jetzt nur sein könne, sich der Regierung unentbehrlich zu erhalten und eine Verbindung der Konservativen und des Cen- trumö zu verhüten; Bennigsen steht offenbar ein, daß jetzt mit einer neuen Parteibildung und einer neuen liberalen Schilderhebung nichts ausgerichtet werden könne, nachdem ja das ganze liberale Programm in der liberalen Gesetzgebung vollständig ausgeführt worden ist, aber auch ebenso vollständig bankerott gemacht hat. Das Volk müßte ja mit Blindheit geschlagen sein, wenn es sich nach allem Jammer, den wir seit 10 Jahren auf wirtschaftlichem, sittlichem, sozialem und kirchlichem Gebiete erlebt haben und noch erleben, trotz alledem wieder um das alte bankerotte liberale Programm scharen wollte. Vielmehr steht jeder, der nicht an Parteiblindheit leidet, ein, daß die dringendste politische Aufgabe der Gegenwart und Zukunft die Revi-
Gesiegt.
Novelle von E. Redenhall. «Fortsetzung)
Er hatte ein Jahr später eine Cousine geheiratet, ein liebenswürdiges Mädchen, die seine Vergangenheit kannte und es durch ihr ruhiges, sanftes Wesen vielleicht vermocht hätte, die Dämonen zu bannen, die immer wieder aus der Vergangenheit herausstiegen und sein Leben vergifteten. Doch auch sie wurde ihm nach zweijähriger Ehe wieder entrissen und es war ihm nichts geblieben, als sein von ihm angebetetes Kind, seine Eugenie. Eugenie, ja, an sie halte er jetzt zu denken, er durfte die Vergangenheit nicht weiter heraufbeschwören, sonst verlor er den Verstand. Er mußte alle Kraft zusammen nehmen, ihr beizustehen. Wenn Georgs Liebe größer wäre, als das Pflichtgefühl, wenn er dennoch — . . . Er wagte riesen Gedanken nicht weiter zu verfolgen, daran war ja nicht zu denken. Georgs Charakter seine Liebe zu seiner Mutter — eher würde er zu Grunde gehen, als ihr diesen Schmerz bereiten. Hier gab es keine Hoffnung und wieder schien es ihm, als riefe ihm eine Stimme zu: „ehrloser Verbrecher, auch Deines Kindes Glück hast Du gemordet." Er konnte eS kaum mehr ertragen. Angekleidet warf er sich aufs Bett und versuchte zu schlafen; doch entsetzliche Träume schreckten ihn wieder auf. So kam endlich der Morgen heran; er suchte die Zeichen der so schrecklich durchwachten Nacht so gut als Möglich zu verbannen und begab sich ins Familienzimmer.
Beim Frühstück sah der Rat Eugenie wieder. Bleich und mit verweinten Augen kam sie ihm entgegen; auch sie hatte die Nacht ruhelos verbracht.
„Mein armes Kind," sagte er und die Thränen traten
sion der gesamten liberalen Gesetze nach den Bedürfnissen des praktischen Lebens und den in den Dingen selbst liegenden Wahrheiten — nicht nach äußeren Theorieen — sein muß. Unsere Nation hat in der liberalen Aera durch Aktien- und Wucherfreiheit so furchtbare Verluste an Geld und Gut gehabt, die schrankenlose Gewerbcfrciheit oder vielmehr das dieselbe ausbeutcnde handelnde Kapital hat unser Handwerk so ruiniert und auch das religiöse und sittliche Grundkapital unseres Volkes ist so schwer geschädigt, daß wir einen neuen Aufschwung in jeder Beziehung nötig haben. Daß aber ein gesunder Aufschwung nicht durch dieselben Mittel zu erlangen ist, durch welche wir so heruntergekommen sind, liegt doch auf der Hand. Soll es besser werden, so darf nicht nach dem liberalen Programm gearbeitet werden. Wenn irgend etwas klar ist, so ist es dieses.
Wie nun jetzt gemeldet wird, har sich die Spaltung der nationalliberalen Partei in zwei Teile, die von jetzt ab getrennt marschieren wollen, vollzogen. Der linke Flügel, unter der Führung Rickerts, rechnet auf 30—40 Mitglieder und hofft, daß sich ihm auch die Gruppe Löwe ober Schauß-Völk mit ihren 15 Mitgliedern anschließen werde. Da die fortschrittlichen Blätter diese Trennung der Partei wohlgefälliger ansehen, während sie die Gründung einer großen liberalen Partei bekämpfen, so scheint es, daß dieselben hoffen, dieser linke liberale Flügel werde ein Bundesgenosse der Fortschrittspartei werden. Die offiziösen Blätter sehen ebenfalls die Trennung wohlgefälliger an, weil sie hoffen, die Fraktion Bennigsen werde mit der sreikon- servativen Fraktion zusammengehen und sich so eine gouver- nementale Mittelpartei bilden lassen. Das sind Pläne und Hoffnungen. Es hängt natürlich alles davon ab, wie die nächsten Wahlen ausfallen. — Und das wiederum hängt davon ab, ob unser Volk endlich erkennen wird, daß der Auflösungsprozeß, welcher alle Verhältnisse ergriffen hat, nicht dadurch gehellt werden kann, daß man das Scheidewasser der falschen Grundsätze aufs neue aufschüttet. Wie der Augenschein lehrt, ist dabei nur der Schwindel und Wucher gediehen und alle redlichen Erwerbszweige sind zurückgegangen. — Soll es so fortgehen?
Deutsches Reich.
Berlin, 14. August. Bei den Kaiserlichen Majestäten fand heute auf Schloß Babelsberg ein größeres Diner zur Feier des Geburtstages des Prinzen Heinrich statt. Unter den Gästen befand sich Prof. Frhr. von Nordenskjöld und sein Begleiter. — Prinz Wilhelm ist, wie das Militär- Wochenblatt meldet, zum Kompagnie-Chef im 1. Garde- Regiment ernannt und dem Fürsten zu Schwarzburg-Ruvol- stadt, in Vertretung des beurlaubten Divisions-Kommandeurs die Führung der 8. Division bis nach Beendigung der diesjährigen Herbst-Uebungen übertragen worden. Es ist
ihm in die Augen, als er sie ansah. Er wollte sie innig in seine Arme schließen; doch schlaff fielen sie ihm herab. Hatte er noch ein Recht dazu?
„Papa," sagte Eugenie hastig und erregt, „Du warst gestern bei Georg, Du hast ihn gesprochen. Habe Erbarmen mit mir und sage mir endlich, was vorgefallen ist. Ich kann alles hören," fuhr sie fort, als der Rat noch immer schwieg, „nur entreiße mich dieser entsetzlichen Ungewißheit."
Es war ein schwerer Kampf, der in der Brust deö unglücklichen Mannes tobte; er zitterte, auch noch die Liebe seiner Tochter zu verlieren, wenn sie die ganze Wahrheit kannte.
„So sage mir doch Papa," srug sie weiter und ihr Blick war bittend auf ihn gerichtet. Liebt mich Georg nicht, hat er sich in seinen Gefühlen für mich getäuscht?"
ES mußte sein. Ein schwerer Seufzer entrang sich ihm und im langsamen, ernsten Ton erzählte er ihr seine Vergangenheit. Er suchte darin nichts zu beschönigen, brachte keine Entschuldigung für sich vor. Angstvoll hatte Eugenie jedem Worte gelauscht, hier wäre noch zu hoffen Wahnsinn gewesen, das fühlte sie sofort. Georg war für sie für alle Zeit verloren. Doch kein Schmerzensschrei entrang sich ihrer Brust, sie erfaßte sofort die ganze Größe des Unglücks; doch es fand sie ruhig. Jetzt war ihre großartig angelegte Natur zu erkennen. Was mußte der arme Vater gelitten haben, waS ist mein Leid im Vergleich zu dem seinen?" dies war ihr erster Gedanke. Sie glitt zu seinen Füßen nieder, küßte ihm wieder und wieder seine Hände, ihm Schmeichellaute der Liebe zuflüsternd, suchte sie ihn zu beruhigen, ihm Mut zuzusprechen. Es war ein erhebendes Bild, der alternde Mann und das junge Mädchen,
dies das erste Mal, daß einem regierenden Fürsten ein Kommando in Friedenszeiten übertragen worden ist. — Gestern feierten vier preußische, zur Zeit noch aktive Generäle den Tag ihres 50jährigen Dienstjubiläums, nämlich v. Groß gen. v. Schwarzhoff, von Pntzelwitz, Baron von Rheinhaben und von Wulfsen. Die „Kreuzztg." gibt dazu die Notiz, daß auch General der Infanterie, Frhr. von Wrangcl, ä la suite des Holsteinsteinischen Jnfanteri-Re- giments Nr. 85, zuletzt Gouverneur von Posen, gestern vor 50 Jahren aus dem KadettenhanS in die Armee eingetreten ist. Es wird daran die interessante Bemerkung geknüpft, daß General von Wrangel in Schleswig-Holstein (er ist Ehrenbürger von Flensburg) mit dem Ehrennamen der „Tambour von Kolding" bezeichnet werde, weil er einst bei der Erstürmung von Kolding einem Tambour die Trommel entriß und selber den Sturmmarsch schlug. — Im Rechnungsjahre 1879,80 sind in der Reichödruckerei 106,437,500 Stück gestempelte Postkarten angefertigt worden. Es wurden also, das Jahr zu 306 Arbeitstagen gerechnet, bei einer zehnstündigen Arbeitszeit, täglich rund 450,000 Karten geliefert. Zur Herstellung einer solchen Menge sind durchschnittlich jeden Tag 28 Personen, 3 Pressen und die erforderliche Anzahl von Hand-Schneidemaschinen in Thätigkeit. Wird berücksichtigt, daß die Postkarten nur einen Bruchteil der insgesammt erforderlichen Postwertzeichen darstellen, und daß außerdem mehrere hundert Millionen anderer Postwertzeichen anzufertigen sind — im Jahre 1878 z. B. betrug die Gesammtzahl 753,843,100 Stück — so kann man sich annähernd eine Vorstellung von dem Umfang der Leistungeit der Reichsdruckerei für die Zwecke der Reichs-Postverwaltung machen.
Köln, 14. August. Der Kölner Dom, das herrliche Meisterwerk der Baukunst, dessen Vollendung zu sehen, vergangene Geschlechter er ehnten, er steht heute, den 14. August, daS Zeichen deut chen Opfermutes und deutscher Einigkeit, in seiner stolzen Majestät vollendet da. Um 10 Uhr heute Vormittag, wehten zwei Fahnen, auf jedem Thurme eine, der harrenden Menge verkündend, daß der Schlußstein eingefügt worden sei. Vor 632 Jahren, am 14. Mgust, also im Jahre 1248 wurde der Grundstein gelegt, auf dem der Frommsinn und die Opferwilligkeit der deutschen Nation den erhabenen Tempel aufbaute. Am 14. August 1880 wurde der letzte äußere Schmuck, die mächtige Kreuzblume, auf dem südlichen Steinriesen vollendet.
Ausland.
Wien, 14. August. Die Donau, welche seit gestern rapid steigt, ist bei Nußdorf über die Ufer getreten. Aus Mähren und Schlesien werden große Verheerungen durch Hochwasser gemeldet.
Ischl, 14. August. In Folge erneuerten RegenS ist
wie sie sich fest umschlungen hielten, eines den Andern tröstend, wie sie gebrochenen Herzens den Vater aufzurichten suchte. Die Kindesliebe trug den schönsten Sieg davon; sie gab diesem Mädchen eine unnatürliche Kraft und umgab sie mit einem Glorienschein, vor dem sich jeder in Ehrfurcht beugen mnßte.
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Wie auf der See dem Aufruhr der Elemente dumpfe Stille zu folgen pflegt, so war auch in den Herzen der beiden Liebenden an Stelle des rasenden Sturmes stille Resignation getreten. Einige Wochen waren seitdem vergangen und die Zeit. die allmächtige Trösterin, - versuchte es, ihren mildernden Einfluß auszuüben. Der Mann wird durch seinen Beruf, seine Pflichten von seinem Leid abgezogen, er kann sich den Ansprüchen, die das Leben anstellt, nicht entziehen. Die Wogen desselben reißen ihn mit fort, sie schlagen jedoch nicht über ihm zusammen, sie bringen ihn wieder auf die Oberfläche. So war es auch bei Georg, mit stiller Wehmut gedachte er Eugeniens, er betrachtete sie wie eine Tote und als seine Mutter zu ihm kam, sie hatte ihm jetzt nicht mehr fern bleiben können, fand sie ihn ziemlich ruhig und gefaßt. Es war ein traurige« Wieder- sihen, wie ganz anders hatten sie es sich Beide gedacht I „Ich bitte Dich," hatte Georg nach der ersten Begrüßung zu ihr gesagt, „kein Wort von den Ereignissen der jüngsten Vergangenheit. Ich gleiche einem Rekonvaleszenten nach schwerer Krankheit, die leiseste Berührung der Wunde macht mir Schmerz und kann einen Rückanfall nach sich ziehen, der gefährlicher als die Krankheit selbst ist." So war e8 geblieben, sie hatten Beide nicht eine Silbe darüber gesprochen ; jeder von ihnen erfüllte seine Pflicht, wenn auch ohne Freudigkeit, so doch mit stiller Ergebung. (F. f.)