Ikr. 191.
JHatÖurg, Sonntag. 15 August 1880.
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Woche«-Ueöerficht.
Am Mittwoch haben sich Kaiser Wilhelm und Kaiser Franz Joses in Ischl zum ersten Male seit der zwischen Deutschland und Oesterreich geschlossenen politischen Bundesfreundschaft persönlich begrüßt. Kaiser Wilhelm, dem die Kur in Gastein auch diesmal wieder außerordentlich wohl- gethan hat, ist am Freitag nach Schloß Babelsberg zurückgekehrt, während die Kaiserin schon vorher von einem längeren Ausfluge in die Schweiz und Süddeutschland zurückkommend ihn mit den übrigen Mitgliedern der kaiserlichen Familie daselbst empfing. Durch Ernennung des preußischen Staatsminifters Hofmann zum Staatssekretär für Elsaß- Lothringen ist die vielbesprochene Frage der Nachfolgerschaft des Herrn Herzog gelöst. — An orientalische Verwicklungen, in welche die europäischen Mächte mit hineingezogen werden könnten, denkt heute bereits Niemand mehr. Die Pforte hat Anstalten getroffen, die Ansprüche Montenegros zu befriedigen. Griechenland wird wohl, wenn auch nur „um weiteres Blutvergießen zu verhindern", sich mit einer etwas bescheideneren Grenzberichtigung, als ihm von den Mächten zugebilligt wurde, zufrieden geben, sobald es erkennen wird, daß letztere sich seinetwegen in keinerlei bewaffnete Interventionen einlassen wollen. Nach dieser Seite hin werden wir also wohl Ruhe behalten, um in der nächsten Herbstsaison den inneren Fragen ungeteilte Aufmerksamkeit zuwenden zu können, die zwar hauptsächlich nur Steuerfragen sein werden.
Der Kaiser von Oesterreich, vom deutschen Botschafter in Wien und dem General-Adjutanten Mondet begleitet, traf in Obertraun mit Kaiser Wilhelm zusammen und beide Kaiser setzten dann die Reise nach Ischl fort, wo ste von der Kaiserin von Oesterreich am Bahnhof empfangen wurden. Fürst Milan von Serbien, der schon vorher dort eingetroffen war, wurde zur großen Hoftafel geladen.
Seit Sonntag 8. August ist das republikanische und offizielle Frankreich wieder in freudiger Aufwallung und voll von Zukunftsträumen; der Kulturkampf wurde einstweilen bei Seite geschoben und in den Reihen der Reaktion erheben sich sogar Stimmen, welche vom Anschluffe an die Republik und von Gründung einer conservativen republikanischen Coalttion sprechen. Die Stichwahlen, welche am 9. August zum Austrage kamen, find, wie erwartet wurde, meistens zu Gunsten der Republik ausgefallen. Das Flottenfest in Cherbourg hatte einen hervorragend politischen Charakter. Grävy zeigte sich zum ersten Male dem Volke in Begleitung seines alter ego Gambetta, der den Volksmann spielte, und des SenatSprästdenten Sah, dem die Rolle des bescheidenen Beobachters zugefallen war, der sich im Hintergründe hält. Frankreich sucht ein Bündnis mit England; das Flottenfest brachte auch in dieser Beziehung den Austausch einiger Artigkeiten von franzö
sischer und englischer Seite, während Gambetta bei der Bowle unter den Aposteln seines Ruhmes, den Handelsreisenden, auf Frankreichs Wundmale von 1870, auf Frankreichs Erniedrigung, auf Wiedervergeltung und Gerechtigkeit anspielte. In den übrigen Anreden und Antworten ist, wie üblich, das hergebrachte Wortgeklingel die Hauptsache.
Der englische Premierminister erholt sich so schnell von seinem letzten Unwohlsein, daß er bereits eine Erholungsreise antreten konnte und voraussichtlich noch in dieser Session einigen Parlamentssitzungen beiwohnen wird. Auf Gladstones persönlichen Wunsch wird nämlich die Session noch um etwa vier Wochen über den erwarteten Schlußtermin hinaus verlängert werden; daß diese Verlängerung nötig wurde, daran sind nicht zum wenigsten die Irländer mit ihrem Verschleppungssystem schuldig. Dafür aber kommt gerade den irischen Agitatoren ihr gezwungener Aufenthalt in London recht ungelegen. In Irland herrscht nämlich seit der Ablehnung des Pächterentschädigungs- GesetzeS durch das Oberhaus große Aufregung, die Regierung hat sich sogar veranlaßt gesehen, 1000 Mann Marine- Truppen als Verstärkung der dortigen Streitkräfte nach der Grünen Insel zu entsenden, und daß gerade jetzt die Parteiführer gern inmitten ihrer Heerde weilen würden, ist leicht einzusehen, lieber die orientalischen Angelegenheiten, d. h. den beabsichtigten Druck auf die Türkei und und die Aussichten Griechenlands sind im Oberhause von Granville, im Unterhause von Dille ziemlich schwächliche Erklärungen abgegeben worden, aus denen Satz für Satz die eine Wahrheit hervorleuchtet, daß England, losgetrennt von den übrigen Großstaaten, machtlos sei.
Die dänische Regierung hat ihren Ministerrestdenten in Washington, v. Hegermann-Lindencrone, als Gesandten nach Rom geschickt und zu seinem Nachfolger den Folke- thingsmann Bille, ehemaligen Redakteur oes Kopenhagener Dagblad ernannt. In Kopenhagen findet zur Zeit eine Ausstellung kunstgewerblicher Gegenstände statt. “siuf Island sind die Wahlen zum dortigen Althing auf den 1. September anberaumt.
Die russische Presse, deren Sprache noch vor kurzer Zeit gegen Oesterreich sich in heftigen Ausfällen bewegte, redet nunmehr einem Anschlüsse an die österreichische Politik das Wort. Man will diese veränderte Haltung mit dem Umstande in Verbindung bringen, daß Rußland von Oesterreich die Zustimmung zu einer Verschmelzung der bulgarischen Landesteile mit dem Fürstentum zu erhalten sucht; dagegen soll Rußland stch damit einverstanden erklären wollen, daß die occupierten türkischen Provinzen endgültig im Besitz Oesterreichs verbleiben.
Durch königlichen Erlaß ist die Mobilisierung der griechischen Armee angeordnet und die Einberufung der Kammer verfügt worden. Auch die seit einigen Monaten beurlaubten
Truppen der Kriegsmarine sind zum aktiven Dienst einberufen worden.
Die Nachrichten bezüglich der Haltung der Pforte in der montenegrinischen Frage lauten widersprechend. Während nach Meldungen des „Reuterschen Bureaus" Abeddin Pascha versprochen haben soll, Dulcigno innerhalb der vorgeschriebenen dreiwöchentlichen Frist an Montenegro abzutreten, besagt eine neuerliche Nachricht aus Wien, daß die Pforte in Antwort auf die Collectivnote Tust anbieten werde. Unterdessen dauern die Scharmützel zwischen den Montenegrinern und Albanesen fort. Dec türkische Kriegsminister wird sich auf Befehl des Sultans in diesen Tagen mit 2000 Mann Truppen nach Dulägno begeben. Midhat Pascha, dem die Pforte zur Last legt, die autonomistische Bewegung der Araber in Syrien unterstützt zu haben, ist von Damaskus nach Smyrna versetzt worden.
Deutscher Reich.
•* Berlin, 13. Es wird in den Kreisen, welche den Kaiser nach seiner Rückkehr von Gastein zu sehen GAegen- heit hatten, bestätigt, daß das Befinden Sr. Maj. durchaus befriedigend ist. Der Monarch hat alsbald die Regierungsgeschäfte im vollen Umfange wieder ausgenommen. Für heute war der Minister für Landwirtschaft, Domänen und Forsten, Dr. Lucius, nach Babelsberg zur Audienz befohlen. — Auf Grund der Vorarbeiten einer im vorigen Jahr gebildeten Kommission, die auf Ort und Stelle die nötige Einsicht genommen hat, ob und in wie weit die Restauration des Schlosses Marienburg erfolgen soll, ist nunmehr ein in diesen Dingen sehr vertrauter und erfahrener Baurat aus Berlin entsendet, damit die näheren Festsetzungeu in dieser Angelegenheit geschehen. — Von den Organisationsgesetzen der inneren Verwaltung in Preußen, in 4 Bd. herausgegeben von Brauchitsch, Berlin (K. Heymann) ist kürzlich Heft 6, I. erschienen. Der Verfasser hat sich der dankenswerten Aufgabe unterzogen, im Anschluß an seinen vortrefflichen Commentar „Die Organisationsgesetze der inneren Verwaltung" die hierauf bezüglichen Materialien zu sammeln und übersichtlich geordnet herausgegeben. — Der Umstand, daß die Auswanderung aus Deutschland in diesem Jahre wieder stark zunimmt, hat den Centralauöschuß für innere Mission veranlaßt, wie im Jahre 1854 an den evangelischen Oberkirchenrat die Bitte zu richten, derselbe wolle dieser Thatsache seine Aufmerksamkeit widmen. In Folge dessen ist .ein Erlaß des Oberkirchenrats erschienen, welcher auf den Erlaß vom 10. Januar 1855 hinweisend, daran erinnert, wie in demselben empfohlen worden, von jeder leichtfertigen Auswanderung abzuraten, den ernstentschlossenen aber mit geistlichem Rat und hochherziger That beizustehen. Die Conststorien werden aufgefordert, zum Jahresschluß Bericht zu erstatten, in welchem Maße in ihren Bezirken sich die Auswande-
Gesiegt.
Novelle von E- Redenhall.
(Fortsetzung)
Ich war dem Wahnsinn nahe, ich stürzte zu Wallbergs hin, wie, ist mir heute noch nicht klar und fand mich eine Stunde später an der Leiche Georgs wieder, wo ich zusammenbrach. Da plötzlich hörte ich eine kreischende, zornige Stimme, es war die von Herrn Wallberg, der befahl mich Hinwegzubringen. Ich wurde mit Schimpf und Schande aus dem Hause gejagt, mir keine Berechtigung an dem Unglück und dem Schmerz, der sie betroffen, zugestanden. Es folgte eine schreckliche Zeit, über die ich schnell hinaus- gehen will. Ich glaubte, ohne Georg das Leben nicht ertragen zu können, ich wollte das elende Dasein von mir werfen. Da fielen meine Blicke auf mein Kind, das mich °>it seinen treuen Augen, die denen Georgs so ähnelten, so traurig anblickte und mich an die Pflicht mahnte, für ihn zu leben. Ja, ich wollte es, für dieses heilige Ver- wächtniß von Georg wollte ich die Qual des Lebens erjagen, ihn zu erziehen, daß er ihm einst ähnlich werde, sollte die einzige Aufgabe meines Lebens fein. Assessor Bernau mußte des Duell's wegen ins Ausland; doch hat sich später vielfach bemüht zu erfahren, wo ich sei, wahrscheinlich, um mir eine Unterstützung zuzuwenden. Daß Georg ein Kind hinterlassen hatte, wußte er gar nicht; ebenso hatte meines Mannes Vater vielfach Erkundigungen ^>ch mir einziehen lassen. Ich hatte jedoch das Wenige, was ich hgue, zusammengenommen, Alles, womit mich weuies Mannes Liebe umgeben, zu Gelde gemacht und war weit weggezogen, um mich ihren Nachforschungen zu ^tziehen. Ich führte auch aus diesem Grunde meinen
Mädchennamen weiter und lies auch meinen Sohn so nennen. Ich wäre lieber mit meinen Kinde verhungert, ehe ich einen Pfennig von diesen beiden Menschen angenommen hätte, von denen der eine mich so erbarmungslos von der Leiche Georgs weggestoßen, der Andere meinem Kinde den Vater geraubt und mich zu Grunde gerichtet hatte. Ich fluchte ihm jeden Augenblick, ich wollte ihm nie wieder begegnen. Jetzt ist der Zweck meines Lebens erfüllt, mein Sohn bedarf meiner nicht mehr und ich ersehne das Ende meines qualvollen Lebens und hoffe, daß ich nicht mehr lange werde warten müssen, bis mich der Tod mit Georg auf immer vereint.
Nachschrift.
Diese Zeilen habe ich für Dich, mein Sohn, ausgezeichnet und übergebe sie Dir erst, wenn der Zeitpunkt dafür geeignet erscheinen wird. Ich habe nicht nötig, etwas hinzu- zufüge», Du wirst stets roiffen, wie Du zu handeln hast, doch eines verlange ich von Dir: tritt nie Jemand näher, der den Namen Bernau trägt, es könnte Dir nur Unglück bringen und sollte Dich das Schicksal, das ja unberechenbar ist, je mit dem Mörder Deines VaterS zusammenführen, so fliehe ihn und lasse ihn nie ahnen, wer Du seiest. Ich habe erfahren, daß sein Leben ruhelos und unglücklich feit jener ruchlosen That ist und so soll es bis zu seinem Ende fein. Wüßte er, daß ein Sohn von Georg lebte, er würde versuchen, an ihm zu sühnen, was er an dem Vater verbrochen und dadurch wieder froh werden. Das darf nie durch Dich geschehen, das fordere ich von Dir, — es ist die einzige Rache für ein verlorenes Leben. —
5.
Der Rat hatte seiner ganzen Beherrschung bedurft, um zu Ende lesen zu können, jetzt war eS auS mit seiner
Kraft; er warf sich auf das Sopha und schluchzte wie ei : Kind. Er tarn sich wie ein Verbrecher vor, dem man, ehe man ihm fein Todesurteil verkündet, noch einmal die Zahl seiner Verbrechen vorenthält. Alle Furien der Vergangenheit waren wieder aufgeschreckt, Alles in seinem Innern, was er so mühsam zum Schweigen gebracht, wieder in Aufruhr. Es war ihm, als wenn ihm eine Stimme ins Ohr rief: „Mörder, Mörder", als hätte sich die Uhr zu ihrem gleichmäßigen Ticken das Wort „Mörder" gewählt, als hörte er es aus jedem Geräusch, das an sein Ohr drang, heraus. Entsetzt sprang er auf. WaS hatte diese unselige That für schreckliche Konsequenzen nach sich gezogen, wie viel Glück hatte er dadurch gestört, wie unglücklich sich selbst gemacht! Ruhelos wie AhasveruS war er umhergeirrt, nichts hatte ihm mehr Freude gemacht. ES hätte ihm wohl einigermaßen Trost gebracht, wenigstens für Georgs hinterlassene Frau sorgen zu können, doch alles Forschen nach ihr war vergeblich gewesen. Sie hatte sich geschickt ihm zu entziehen gewußt, ihm verheimlicht, daß sie ein Kind besitze. Das war also des Herzens geheimer Zug, der ihn zu dem jungen Arzt so rätselhaft gezogen hatte! Marie Horn's Rache war gelungen, sie hatte ihn bis ins Herz hineingetroffen. Der Fluch der auf ihm lastete, ging nun auch auf die Kinder über, sie mußten büßen für die Schuld der Eltern. Dieser Gedanke drohte ihm den Verstand zu rauben, Eugeniens Leben, daö freudig und kummerlos zu gestalten, er sich zur Lebensaufgabe gemacht, wurde nun in grausamer Weise durch ihn selbst zerstört. —
Inzwischen war der Abend herangekommen, der Rat merkte eS kaum, der Mond blickte neugierig herein und beleuchtete grell das totenblasse Gesicht, das so hoffnungS-