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Ae. 186.
Marburg, Dienstag, 10. August 1880
xv. Jahrgang
Anzeigen nimmt rmgegen: Ht Expedition d.vlatteS, sowie d.Annoncen-Bureaux von LH, Dietrich & Co. in staffel und Hannover; LH. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Bögler in Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig, Cöln rc.; Rudolf Riefle in Berlin, Frankfurt o. M- re.
(Olicilicfrifdir ZeitW.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition b. Blatte* sowie d. Annoncen-Bureaur von @. L Daube & Co. in K:ankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbiij; Hermann'sche Buchhandt. daselbst; Jnvalibendank in Berlin; W. LhieneS in Merfeld- L. Schlotte in Bremen-
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Die orientalische Krage.
Die Balkanhalbinsel ist wie ein Vulkan, besten Ausbruch man jeden Augenblick erwarten kann. Als man vor zwei Jahren den Berliner Frieden an Stelle des Vertrages von San Stefano setzte, hatte man dem Friedensmantel Europas einen Lappen eingesetzt, dessen Haltbarkeit sich erst erweisen sollte. Rußland und sein Einfluß war zurück gedrängt, Oesterreich erhielt gleichsam als vorgeschobener Wachtposten Bosnien und die Herzegowina, man trennte Bulgarien und Ost-Rumelien und verwies die Ansprüche Montenegros und Griechenlands auf den Weg friedlicher Uebereinkunst. Der Endzweck aller dieser Vereinbarungen, zu denen man mit Hilfe Bismarcks, des „ehrlichen Maklers", gelangte, war die Erhaltung des europäischen Friedens. Weil die Mächte über das Erbe des „kranken Mannes" nicht einig werden konnten, wollten sie ihm Zeit und Gelegenheit geben, wieder aufzukommen und seine Existenzfähigkeit zu beweisen. ES stellte sich aber bald heraus, daß die orientalische Frage damit nicht gelöst, sondern nur einstweilen vertagt war. Die türkische Regierung konnte und wollte nicht die versprochenen Reformen einführen, Montenegro und Griechenland wurden immer und immer wieder htngehalten, dabei herrschte tu Armenien eine furchtbare Hungersnot und an den Grenzen der europäischen Türkei stand das Räuberwesen in vollster Blüte, ohne daß die türkische Regierung Hand und Fuß rührte, diesen tief eingreifenden Üebelständen abzuhelsen. Die Mächte sahen diesem Gährungsprozeß zu, man wollte die orientalische Frage lieber „versumpfen" laste«, um den europäischen Frieden zu erhalten. Dies änderte sich mit einem Schlage, als in England die konservative Regierung unter Lord Beaconsfield gestürzt wurde. Gladstone, der neue englische Premierminister, gab den Gedanken an eine möglichst lange Erhaltung der türkischen Herrschaft in Europa preis; er wollte den Sultan zwingen, den ctnge- gangenen Verpflichtungen nachzukommen und er verfolgte diese neue Politik mit einer Leidenschafllichkeit, welche die orientalische Frage wieder von neuem eröffnete und die europäische Diplomatie in nicht geringe Bewegung setzte. Gladstone forderte dreierlei, die Befriedigung der Ansprüche Montenegros und Griechenlands und die endliche Einführung der versprochenen Reformen in der Verwaltung. Die Pforte hat es aber bis jetzt meisterhaft verstanden, auch der veränderten Stellung Englands gegenüber ihre Hinschleppungstaktik fortzuführen. In der montenegrinischen Grenzfrage war nach langen Unterhandlungen endlich durch die Vermittlung Italiens eine Konvention zu Stande gekommen, welche die Türkei verpflichtete, den Montenegrinern das Zemgebiet abzutreten. Die türkische Regierung wußte sich aber vor dieser Verpflichtung zu drücken und benutzte dazu den Stammeshaß der Albanesen gegen die Söhne der
schwarzen Berge. Als die Montenegriner das vertragsmäßig abgetretene Gebiet besetzen wollten, wurden sie von den wohl organisierten Albanesen mit Flintenschüssen empfangen. Die türkischen Truppen hatten wider das getroffene Abkommen ihre Stellungen so früh verlassen, daß die Albanesen dieselben besetzen konnten. Gladstone entwickelte nun einen stürmischen Eifer, die schwebenden Fragen zur Lösung zu bringen. Roten auf Roten wurden verfaßt; in Berlin trat mitte Juni die Botschafterkonferenz zusammen und setzte die griechisch-türkische Grenze fest, wodurch Griechenland einen Gebietszuwachs von 400 Quadratmetern erhielt. Aber die Pforte zeigte sich keineswegs willig, den Forderungen der Mächte Folge zu leisten. Mit nicht geringem diplomatischen Geschick verwandte sie die Rastenfrage, um die montenegrinischen Ansprüche hintanzuhalten, und die Kollektivnote der Mächte betreffs der griechischen Grenze beantwortete sie dahin, daß sie aus strategischen Rücksichten nicht im Stande wäre, die Städte Janina, Larissa und Metzowo abzutreten und daß, wie die Mächte auf die christliche Bevölkerung, sie auch gleiche Rücksicht auf die mohamedanische zu nehmen hätte. Gleichzeitig erklärte sie sich bereit, in neue Verhandlungen einzutreten. Einen Augenblick schien es, als ob nun der blutige Tanz auf der Balkanhalbinsel losgehen sollte. Die Montenegriner waren bereits mit den Albanesen handgemein geworden; Griechenland rüstete und in Ostrumelien hatte die Agitation für die Vereinigung mit Bulgarien solche Dimensionen angenommen, daß alles zum Losschlagen bereit war; selbst aus Rumänien und Serbien kamen alarmierende Nachrichten über die Mobilisierung der Armeeen, und zu alledem wollten die Mächte eine vereinigte Flottendemonstration ins Werk setzen, um den Konferenzbeschlüffen Geltung zu verschaffen. Dieser akute Charakter, den die Entwickelung der orientalischen Frage unter Gladstones Führung angenommen hatte, ist aber bereits überwunden. Zur rechten Zeit wurde das Interesse Englands, wenigstens vorläufig, durch die Niederlage in Afghanistan auf dieses Land konzentriert, und die konservative Politik Deutschlands und Oesterreichs erlangte ein solches Uebergewicht, daß die Gewalt der Waffen zur Austragung der orientalischen Frage für die nächste Zeit wieder in den Hintergrund gedrängt ist. Dennoch ist Zündstoff genug vorhanden, um eines TageS eine Explosion hervorzurufen. Griechenland und Montenegro stehen Gewehr bei Fuß. In Ost - Rumelien wartet man sehnlichst auf den Beginn des Kampfes, um mit Unterstützung Rußlands den großbulgarischen Staat zu proklamieren, und mit schlecht verhehlter Beutelust steht Serbien auf dem Sprunge. Noch aber bleibt zu hoffen, daß es Deutschlands und Oesterreichs Politik gelingen wird, den europäischen Frieden zu erhalten und den etwaigen Kämpfen in der Türkei den lokalen Charakter zu wahren.
Deutsches «eich.
Berlin, 7. August; Der Kaiser gedenkt am nächsten Dienstag in Potsdam einzutreffen und für die nächste Zeit auf Schloß Babelsberg Wohnung zu nehmen. — Dem Vernehmen nach werden Ende dieses Monats die Prinzessin Marie von Preußen, verwittwete Prinzessin Heinrich der Niederlande, sowie der Erbgroßherzog und die Erbgroß- herzogin von Oldenburg und Herzog und die Herzogin von Connaught zum Besuch am hiesigen Hofe eintreffen. — Wie der „Times" aus der Capstadt gemeldet wird, besuchte Se. K. H. der Prinz Heinrich am 2. August die Capstadt als Gast des Gouverneurs Sir Bärtle Frere. BegrüßungS- Adressen kamen aus verschiedenen Teilen der Kolonie. Die deutschen Einwohner brachten ihm trotz strömenden Regens einen Fackelzug und überreichten eine Adresse und einen Album mit südafrikanischen Ansichten. — Die „Kreuzztg." erfährt aus sicherer Quelle, daß das Gerücht, der Gouverneur von Straßburg, Generallieutenant von Schkopp, habe seinen Abschied erbeten oder wolle ihn nachsuchen, vollständig unbegründet ist. — Wie es nun ganz bestimmt heißt, wird der Landtag in diesem Jahre möglichst früh, etwa in der zweiten oder dritten Woche des Oktober einberufen werden. Der Minister des Innern wenigstens dringt darauf, daß für die Erledigung der von seinem Ressort ausgehenden Vorlagen Zeit gewonnen und die Möglichkeit geschaffen werde, ohne nochmalige Nachsession zum Abschluß zu gelangen. Diese Vorlagen werden in Entwürfen von Kreisordnungen für Hannover, Schleswig-Holstein und Posen, sowie in den unverändert wieder vorzulegendeu Entwürfen des Zuständigkeitsgesetzes und der Novelle zu der bisher geltenden Kreisordnung bestehen. Die „Mgd. Ztg." erfährt, daß bald nach dem Schluffe des Reichstages eine Verständigung unter den Ministern dahin erzielt worden sei, daß seitens der Regierungen alle Anstrengungen gemacht werden, um die Landtagsarbeiten spätestens vor Ablauf des Januar künftigen Jahres abwickeln zu können. Es sind denn auch nach dieser Richtung hin alle Anordnungen in den einzelnen Ministerien getroffen und namentlich die auf den Staatshaushaltsetat bezüglichen Arbeiten so in Angriff genommen, daß ihr Abschluß zu Anfang Oktober erfolgen kann, da man dem Abgeordnetenhause bei seinem Zusammentritt sofort den Etat zu unterbreiten gedenkt. — Auch die Jagdordnung wird dem Landtage wieder vorgelegt werden. — Wie verlautet, wird sich der Landtag ferner mit dem Zollanschluß Altona's an den Zollverein zu beschäftigen haben. Die Kosten dieses Zollauschlusses, der für den April des künftigen Jahres beabsichtigt wird, fallen nämlich zum großen Teile auf die preußische Staatskasse und berühren damit das preußische Staatshaushaltsgesetz. Bis zum 1. Oktober d. I. sollen die Pläne zu jenem Anschluß fertig gestellt werden.
Gesiegt.
Novelle von E. Rebenhall. (Fortsetzung)
Der gefürchtete Blitzstrahl hatte bereits gezündet und hätte ihn vernichtet, wenn er jetzt noch versucht hätte, ihm feig entfliehen zu wollen. Alle seine Gedanken wurden von ihr beherrscht, Alles brachte er mit ihr in Verbindung und jeder Tag, an dem er sie nicht gesehen, galt ihm als ein verlorener. Er mochte sich noch so mit Vorwürfen quälen, daß er dadurch die Liebe zu seiner Mutter und seinen Beruf, sein heiligstes Gefühl und seine größte Pflicht hintenansetze, es nützte nichts, sein Herz war gefeffelt, er liebte innig und leidenschaftlich. Wie ein leuchtender Stern war diese Liebe am Horizont seines bisher so ernsten Lebens aufgegangen und unheilvoll hätte sich dieser umzogen, wenn er sich ihm wieder verhüllt hätte. Und mußte er sich nicht Überzeugt halten, daß er auch geliebt wurde? Wie wechselte sie die Farbe, wie blitzte ihr Auge so freudig, wenn sie ihn begrüßte; sagte es ihm nicht jeder ihrer Blicke, verbiet es ihm nicht der vibrierende Ton ihrer Stimme, wenn sie mit ihm sprach, konnte er es nicht aus tausend anderen Anzeichen schließen? Warum also, frug er sich zu andrer Zeit, sollte er sich überhaupt zurückziehen, sollte diesem Gefühl nicht rachgeben, das ihm ein beseligendes Glück derhieß? Würde der Rat, der ihm offenbar wohlwollte ihn iurückweisen, wenn er in ehrlicher, offner Weise um sie ^arb? Konnte er ihm etwas Anderes vorwerfen, als seine Mltcllosigkeit? die fiel bei einem solchen Manne nicht inS Gewicht. Er wollte also sein Glück zu erringen suchen, ^>ar doch der Preis des größten Kampfes wert. Jetzt folgte eine glückliche Zeit für die beiden jungen Leute.
Ohne daß daS entscheidende Wort ausgesprochen wurde, hielt sich Jeder von der Liebe des Andern überzeugt und war dadurch beglückt, und als der Rat seiner Tochter den Heiratsantrag eines jungen Assessors übermittelte, der um ihre Hand gebeten hatte, gestand sie ihm unter Thränen der Freude, daß ihr Herz Dr. Horn gehöre und wenn er an Stelle deS Assessors stände, sie freudig ja sagen würde. Sie ahnte nicht, als sie ihrem Vater so verschämt und glückstrahlend diese Mitteilung machte, welche Gewitter sich schon unheilvoll am Himmel ihrer Liebe aufthürmten und welch' verheerende Stürme über ihr Leben dahinziehen und dies mit Vernichtung bedrohen würden. Die Götter sind nicht neidlos und treffen gerade an der Stelle am unheilvollsten, an der wir es am wenigsten vermuten und dies macht die Wunde noch tiefer und schmerzvoller. ES ist ein jäher Sturz vom Himmel in die Tiefe, wobei, wenn wir nicht zerschmettert liegen bleiben, wir doch wohl unsere beste Kraft verloren haben. —
Dr. Horn hatte sich vorgenommen, jetzt nicht länger mit der Entscheidung zu zögern. Er hielt es für sein Glück und seine Ruhe unerläßlich, Eugenie gegenüber seiner Liebe Worte zu leihen, daS ersehnte Geständnis der Gegenliebe von ihr zu hören und dann unverzüglich den Rat, dem eS ja schon längst kein Geheimnis mehr sein konnte, um ihre Hand zu bitten. Erst jedoch wollte er seiner Mutter diese Mitteilung machen; er hatte eS bisher in einer ihm unerklärlichen Scheu in seinen Briefen an sie vermieden, seiner Liebe zu erwähnen und niemals den Rat oder seine Tochter genannt. Jetzt fühlte er dies wie eine schwere Schuld, er wollte nicht mit der vollendeten That- sache vor sie hintreten, sondern ihr es vorher schreiben. Wie wird sie, die Gute, davon überrascht und erfreut sein.
Wie schnell wird sie ihm dies ausdrücken, und erst wenn er diese Zeilen habe, wollte er sein Vorhaben ausführen, mit ihrem Segen und mit ihrer Zustimmung sich sein Lebensglück begründen. Freudig bewegt trug er den Brief an seine Mutter selbst zur Post und berechnete, wenn er in ihren Besitz kommen mußte. Er stellte sich das kleine bekannte Stübchen vor, das mit den einfachen Möbeln, den blendend weißen Vorhängen und der in die Augen fallenden Sauberkeit einen so traulichen Eindruck machte. Er sah sein Mütterchen an dem großen viereckigen Tisch, der inmitten in der Stube stand, sitzen und einem Paar lang aufgeschossenen Backfischen klar machen, daß gut französisch S sprechen ein notwendiges Erfordernis der guten Gesell-
aft für eine junge Dame sei, um sie dadurch zu größerem Fleiß anzuspornen und mit ihrem Unterricht mehr Erfolg zu erreichen. Er gedachte wehmütig daran, wie mühevoll noch immer ihr Leben sei, wie bald er es anders gestalten wolle! Wie erfreut würde sie aufspringen, wenn ihr der Postbote nun seinen Brief brachte, wenn sie die bekannten Schriftzüge sah. Was wird sie wohl sagen, frug er sich, wenn sie den Inhalt kennt? Er hatte ihr Alles so ausführlich geschrieben, ihr sein Glück mit so bunten Farben geschildert. Sie wird eS erst gar nicht glauben, dachte er, es einmal und noch einmal lesen, erst dann in sich aufnehmen und zuerst, wie er sie kennt, ein inbrünstiges Dankgebet zu Gott richten. Wenn sie sich dann gefaßt, etwas Ruhe gewonnen hat, wird sie mir schreiben uns ich werve Alles, was sie dabei empfindet, zwischen den Zeilen herauSlesen. ihr Glück das meine noch vergrößern.
(Fortsetzung folgt.)