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stk. 171.

JRarÖurg, Freitag, 23. Juli 1880.

XV. ZahlMg

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.„eigen nimmt entgegen: oe Expedition b.Blatte«, f.y,e d-Annoncen-Bureaux ' p LH, Dietrich & Co. in •Ufel und Hannover; Th, Ulrich in Frankfurt a.M.; Saasenstein & Bögler in Lanffytt 0. M., Berlin, ^•p.ig, «Sln u; Rudolf ijfe in Berlin, Zreni- f«rt a. M. re.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattes sowie d-Annoncen-Bureaur von ®. L. Daube & Co. in Frankfutt a- M; JLger'sche Buchhandlung daselbst,; Hermamfsche Buchhanol. daselbst; Invalidendank in Berlin; W. Thienes in «berseld; L Schlotte in Bremen.

Srscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Preis für da» Quattal mit der wöchentlichen Beilage „JInkttirteS SonntaaStlatt" durch die Srvedition l«och'f»e Buchdruckeret) bezogen 3; Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 3 Mark 50 Pfg lexel. Bestellgebüh^-^sertionSgebahr für die geSie 8d?e 10 Jfi. 3ür in der ExpedUton zu erthetleude Auskunft und Annahme von Adressen werden 35 Pfg. berechnet.

Die Sonntagsruhe.

(Dritter Artikel.)

Wie aber steht es in anderen, zunächst in Beamten­kreisen, mit der Sonntagsruhe? Im allgemeinen werden allerdings in den Bureaux der Staats- und Gemeinde­behörden, die zum Zweck der unbehinderten Sonntagsfeier gegebenen Vorschriften ausgeführt; dennoch sind einzelne stalegorieen von Beamten von diesem Schutze der Sonn­lagsgesetze vermöge der besonderen Art ihres Dienstes wehr oder weniger ausgeschlossen. Das sind, außer vielen zum Polizeidienst nötigen Beamten, namentlich die Eisen­bahn- und Postbeamten, und zwar vor allen in den großen Städten, insonderheit Berlin. Zwar ist für diese Beamten- kategorieen meistens die Einrichtung getroffen, daß sie von Zeit zu Zeit Ruhetage haben, und man würde damit sich befriedigt erklären können, wenn man dabei ausschließlich die Eingangs erwähnte mechanische Berechnung der Not­wendigkeit regelmäßiger Ergänzung des Kräfteverbrauches des Arbeiters berücksichtigte. Das aber darf nicht sein; man muß vielmehr die Erwägung dahin ausdehnen, daß ein bloßer Ruhetag mit Nichten ein Sonntag ist; ein bloßer Ruhetag in der Woche ersetzt den Feiertag niemals; er entbehrt der sonntäglichen Stille, der sonntäglichen Weihe, des sonntäglichen Gottesfriedens, der nur voll und ganz genossen werden kann in christlicher Gemeinschaft mit der Familie und nur in dieser Gemeinsamkeit des Ge­nusses allerseits zu innerem Segen gereicht. Man schützt bei dem sonntäglichen Dienstzwang der Eisenbahn- und Postbeamten immer die zu berücksichtigenden Bedürfniffe von Handel und Verkehr vor; aber blühen denn nicht in England und Nordamerika, wo am Sonntag der Post­verkehr ruht und der Eisenbahnverkehr auf das Allernot­wendigste eingeschränkt ist, Handel und Verkehr mehr als bet uns zu Lande? Ja, einflußreiche Staatsmänner, Ge­schichtsforscher und Nationalökonomen haben die Behaup­tung aufgestellt, daß gerade der Reichtum von England und Amerika auf die Sonntagsruhe und Sonntagsheili­gung als die Hauptursachen zurückzuführen sei. So sagt Macaulay: „Wäre hier zu Lande seit 300 Jahren der Sonntag nicht als Ruhetag gefeiert, wäre an diesem Tage mit Hacke und Spaten, Hammer nnd Klöppel gearbeitet worden, wir wären ein weit ärmeres und weniger civili- siertes Volk." Ein schönes Muster von Sorge für die Erhaltung des Sonntags hat der einstige Präsident der Vereinigten Staaten von Nordamerika gegeben, als er 1862 einen Befehl an die Armee und Flotte erließ, in welchem er die Wichtigkeit der Sonntagsruhe auch für die Soldaten und Matrosen hervorhob und den Dienst für den Sonntag auf das Alleräußerste zu beschränken gebot, indem er ausführte, daß Ordnung, Disziplin und Charakter der nationalen Streitkräfte, sowie auch die Sache, welche

sie verteidigten, nicht durch Sonntagsentheiligung in Ge­fahr gebracht werden dürften. — Was nun in Nord­amerika und England, den verkehrreichsten Ländern, sich mit den Interessen des Handels vereinigen läßt, wie sollte daö in Deutschland sich nicht auch damit vertragen? In England ruht das Austragen der Briefe in 4200 länd­lichen Postbureaux ganz — bei uns tragen die Landbries­träger zum Glück auch nicht aus; aber in London, Edin- burg und Belfast werden überhaupt keine Briefe ausge­tragen und in den übrigen Städten nur einmal am Morgen zwischen 8 und 9 Uhr. In der Hauptstadt des deutschen Reiches dagegen wurden bisher den ganzen Vor­mittag Briefe ausgetragen und erst seit dem 1. April ist versuchsweise ein nur zweimaliges Austragen nachgegeben worden, und das auch erst auf Anregung des Reichstages.

Trotzdem beschwert man sich dort im Handelsstande über große Belästigung und Hemmung des Geschäftsverkehrs. Wie es scheint, kann man sich in diesem Stande nicht ent­schließen, am Sonntage die Comptoirs und Geschäftsbureaux zu sperren und seine Geschäftsverbindungen so einzurichten, daß die Briefe dort, wie in London, schon am Sonnabend eingehen und expediert werden können. Meistens wird das wohl daran liegen, daß der Großhandel in Norddeutsch­land zum größten Teil sich in den Händen von Juden be­findet, denen sehr viel daran liegt, daß ihr Sabbath nicht gestört wird, die aber sehr wenig Interesse für Aufrecht­haltung des christlichen Sonntages haben und wohl selten für etwa in ihren Comptoirs arbeitende christliche Kommis so viel Zartsinn besitzen, um denselben die Freigebung des ganzen. Sonntags freiwillig zu gewähren. Leider aber unterstützt die große Presse, die, vermöge ihres äußeren Umfanges, das meiste Gewicht bei den Behörden hat, dieses Geschrei wegen Benachteiligung der Handelsinteressen, wenn der ganze Sonntag den Beamten sreigegeben wird. Daß dies so ist, hat wieder seinen Grund in dem schlimmen Umstande, daß die große Presse meistens von liberalen oder freisinnigen Herren geleitet wird, die keine Ahnung haben von christlicher Weltanschauung und von dem Segen christlicher Sonntagsheiligung, die solche Leute, welche eine stille Sonntagsfeier lieben und loben, mit Schimpfworten, wie Mucker, Heuchler, Augenverdreher, belegen und die keinen Sinn und kein Verständnis haben für die Bedürf­nisse eines betenden Herzens, das neben dem stillen Käm­merlein auch gern die große festliche Gemeinschaft der Gottesverehrung in der Kirche aufsucht, um dort den feier- lichen Orgeltönen und den mahnenden, strafenden und aufmunternden Worten des Geistlichen in Andacht zu lauschen.

Besser wird es erst werden, wenn die leitenden Be­hörden und maßgebenden Männer den Aeußerungen der genannten großen liberalistischen Presse nicht mehr so großes Gewicht als bisher beilegen und mehr auf die Stimme der

christlichen Moral als auf diejenige Stimme hörten, die sich in der liberalen Presse fälschlich als Volksstimme auf­spielt, deren Schall aber nur zu oft durch unreine Ele­mente getrübt ist. Besser wird es auch werden, wenn viele Hand anlegen, um in praktischer Weise die Bahn zu ebnen für Einführung einer allgemeinen Sonntagsruhe als Volkssttte; dann werden auch Einwende, wie die eben ge­hörten, weniger Beachtung finden.

m Deutsches Reich.

Berlin, 21. Juli. Die Finanzminister der deutschen Staaten werden, wie eine Nachricht aus Koburg besagt, an diesem Orte demnächst die Heidelberger Konferenzen wieder aufnehmen. Diese Konferenzen, im August 1878 unter dem Vorsitze des damaligen Präsidenten des Reichskanzler­amtes Hofmann abgehalten, hatten einen Ideenaustausch über die Zweckmäßigkeit der Erhöhung der indirekten Steuern zur Verringerung der Matrikularbeiträge zum Zweck. — Man meint, diesmal solle der Wert und Nutzen deö Tabaksmonopols besprochen werden. — Die gegenwärtig wieder auftauchende Nachricht von einer im September d. I.. bevorstehenden Einberufung des Reichstages ist unbe­gründet. Vielleicht, so schreibt man der „Mgd. Ztg." hat der verlängerte Aufenthalt des Reichskanzlers in Friedrichs- ruh zu der Erneuerung des alten Gerüchts Veranlaffung gegeben. Alles, was gegenwärtig über die Aufstellung des nächstjährigen preußischen Staatshaushalts verlautet, beruht ebenfalls aus willkürlichen Voraussetzungen und Vermutungen da sich jetzt noch über den wirklichen Ausfall der Einnahmen und die Forderungen der verschiedenen Minister noch nichts sagen läßt. Ob das Gleichgewicht der Einnahmen und Ausgaben hergestellt werden wird, das hängt hauptsächlich von den aus den Reichskassen zu gewährenden Entschädigungen ab, jedoch auch darüber verlautet noch nichts Verläßliches. — Die Vorschul- und Elementarlehrer an höheren staat­lichen Lehranstalten sind, wie sämtliche im unmittelbaren Staatsdienste angestellten Clementarlehrer berechtigt und verpflichtet zum Beitritt zu der Allgemeinen Wittwen-Ver- pflegungsanstalt in Preußen; dagegen sind die Vorschul- und Elementarlehrer an den höheren nicht staatlichen Lehranstalen angewiesen auf die Elementarlehrer-Wittwen- und Waisen­kaffen; die Provinzialschulkollegien sind, wie der „Hann. Kour." erfährt, angewiesen, in diesem Sinne ungesäumt die Wittwen- und Penstonsverhältnisse der Elementarlehrer an den höheren Lehranstalten zu ordnen, soweit dies bis jetzt noch nicht geschehen ist.

Düffeldors, 20. Juli. Gestern beehrte Se. König!. Hoheit der Prinz Georg von Preußen die Ausstellung mit einem längeren Besuche. Schon der allgemeine Ueber- blick veranlaßte den Ausdruck der Verwunderung über die Großartigkeit des Unternehmens. Der Prinz gab die Zu­sicherung, von Schloß Eller, wo der hohe Herr sich gegen-

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jRachdruck verboten.)

Der carmoifinrote Handschuh.

Humoreske von Fritz Stahlberg-Lex.

Die Sommerferien des Jahres 187* gingen zu Ende. Nur noch einen Tag durfte ich die herrliche Luft des Oppa- thales einathmen, denn die allerletzten Ferientage wollte ich bei den Eltern meiner Braut verleben, welche in einer Arößeren Provinzialstadt, die von den Fluten der Oder durchschnitten wird, ihren Wohnsitz hatten.

1 Am Nachmittage des am Eingang erwähnten Tage« Mtte ich meinem Onkel, einem prächtigen alten Wittwer, Hbft in einem noch prächtigeren Landhause am preußischen llfer der Oppa hauste und sich halb zu den Landwirten, W6 zu den Couponschneidern zählte, meinen üblichen Ab- i ^iedsbesuch gemacht und hatte hier eine sehr zahlreiche Ms-llschaft junger Damen und Herren angetroffen, die

1 Euerseits meine beiden Cousinen, andererseits meinen fidelen, ^>r etwas gezierten Cousin zu besuchen gekommen waren, ^»mit will ich indessen durchaus nicht sagen, daß die kanten wegen meines Cousins kamen, der übrigens Pri­maner, nota bene „Ober-Primaner" war, überall den Mnungsvollen Galanthomme spielte, tadellos elegante Garderobe und Wäsche, natürlich gekräuselte Locken und ^ feinsten Wiener Handschuhe trug. Er soll sogar in Unfällen burschikofer Laune einen Kneifer auf der Nase Magen haben; ich selbst habe es nicht bemerkt und auch Dnkel hätte ihm eine derartige „Nasenkandare," wie 68 nannte, auf eine wenig zarte Weise aus den Augen- ^nkeln entfernt. Dies nebenbei. Dieser mein liebens- ^Urdiger Cousin nun wußte am besagten Nachmittage eine ^llinafche Verschwörung en miniature anzuzetteln, der

ich insofern zum Opfer fiel, als ich der mich bestürmenden Gesellschaft versprechen mußte, über den Abend zu bleiben und die Rolle eines „TanzmustkerzeugerS", wie der Trop- pauer sagt, zu übernehmen, was ich auch leicht thun konnte, da meine Sachen bereits gepackt waren und ich alle Reise- vorbereitungen int Voraus getroffen hatte.

Während die fröhliche Gesellschaft längst vom Kaffee­tisch verschwunden war und sich auf dem freien Grasplatze am linken Oppaufer die Zeit mit Spiel und Neckereien vertrieb, saß ich, eine „Trabukko" zwischen den Lippen, neben dem Onkel auf der luftigen Veranda und plauderte mit ihm, der in jeder Beziehung mein zweiter Vater war, über meine Pläne, Aussichten und Hoffnungen. Ich hatte vor wenigen Wochen mein zweites Examen abgelegt und vor zwei Tagen die Bestätigung meiner definitiven An­stellung an der Stadtschule zu L. im Amtsblatt gelesen, hatte also nicht nur Lust, sondern auch die moralische Be­rechtigung, mein Mädchen als meine Frau heimzuführen und teilte eben meinem vergnügt paffenden Zuhörer mit, daß ich ernste Absicht hätte, das letztere im Herbste (wenn die Kartoffeln _ gerieten) zu thun und binnen 4 oder 5 Jahren das Mittelschullehrer- und Rektoratsexamen abzu­legen. Zugleich verhehlte ich es ihm nicht, daß mir die Ablegung der erwähnten Examina lange nicht soviel Kopf­zerbrechen machen würde als — meine projektierte Hochzeit, denn ich hatte verschiedene Junggesellenschulden (ein bei einer jährlichen Gehaltshöhe von 90 Thalern, die ich lange Zeit als Adjuvant bezog, unumgänglich notwendiges Uebel) und Niemanden, der mir dieselben zu bezahlen Lust hatte, und meine Braut besaß zwar einen unschätzbaren Reichtum an Geist und Gemüt, aber außer der notwendigen Aus­stattung keine irdischen Güter. Wohl hätte die üppige

Fülle ihres GoldhaarS, die Diamanten ihrer Augensterne, ihre Korallenlippen und ihre Perlenzähne jeden Dichter zu langathmigeu Oden begeistert, leider, oder glücklicherweise waren diese ihre Vorzüge keine „Effekten", die ich bei dem ersten besten Banquier versilbern gekonnt hätte.

Der Onkel betrachtete mich bei den letzten Enthüllungen mit einer Miene, die Wohlwollen und Schlauheit zugleich ausdrückte und schlürfte dann behaglich den dritten „Ka­puziner" aus.

„Also so steht die Karre," begann er dann lächelnd. „Hab' es mir beinahe gedacht, daß Dein Herz für Deine Wahl stärker plaidiert hat als der Verstand, wie es bei dergleichen Geschichten gewöhnlich eintrifft. Jndesien, waS geschehen ist, läßt sich nicht ändern, und vielleicht ist eS auch besser so. Und waS Deine Bären, mein lieber Junge anbelangt, so laste Dir deshalb keine grauen Haare wachsen. Ich bin es wohl meinem verstorbenen Bruder schuldig, daß ich an seinem Sohne Vaterstelle vertrete. Bringe Deine Bärenfamilie, sobald Du Zeit hast, zu Papiere nebst den etwaigen Summen, die Du zur würdigen Absolvierung der Hochzeitsformalitäten nötig hast — das Uebrtae findet sich. Basta."

Mit herzlichen Dankesworten ergriff ich die Hand des väterlichen Freundes und wollte ihn eben trotz seines Sträubens umarmen, da stürzte ein Trupp der lärmenden Spieler, mein eleganter Cousin an der Spitze, auf die Veranda, ich fühlte mich plötzlich von einigen zwanzig zarten und festen Händen gepackt, und bevor ich wußte, was mir geschah, saß ich auf dem runden Flügelstuhl, während das zehnstimmige Kommando: „Polonaise spielen 1" an meine Ohren schlug.

Noch unter dem Eindrücke der letzten Worte des Onkels