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Marburg, Donnerstag, 22. Juli 1880

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«NIeigen nimmt cmgegen:

Expedition d.vlattrs, fotoie d.Annoncen-Bureaur pDn Th, Dietrich & Co. in jtajfel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Laasenstein & Bögler in Zrankfurt a. M., Berlin, Leipzig- Löln rc.; Rudolf Moße irr Berlin, Frank­furt a. M ic.

Anzeigen nimmt' entgegen die Expedition d. Blattes sowie d.Annoncen-Bureaur von 0. £■ Daube & So. in ^anlfutt a. M; Jägerische Buchhandlung daselbst,; Herrnann'sche Luchhandl. daselbst; Mntlidenvank in Berlin; SB. LhieneS in Merfeld; 6. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiettagen. Preis für das Quattal mit der wöchentlichen Beilage „JlnftrirteS EonntagSblatt" durch die Expedition (Koch'fche Bu^druckerer) bezogen 2^ Olark, durch bte Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (ejcl. Bestellgebühr). — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 ®fn

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechn?!.

Deutsche- Reich.

Berlin, 20. Juli. In einem amtlichen Bericht über die Lage der Industrie im Regierungsbezirk Aachen wird gemeldet, daß im zweiten Quartal d. I. der einge- tretcnc Aufschwung der Industrie eine weitere Erhöhung erfahren hat. Namentlich gilt dies von der Textil-Jndustrie welche durchweg verlängerte Arbeitszeiten aufweist. ES finden sich bereits mehrfach Spinnereien, die Tag und Nacht arbeiten. Auch werden verschiedene Spinnereien^ welche ihre Arbeit eingestellt hatten, neu eingerichtet, um demnächst in Betrieb zu treten. Die Zahl der betriebenen Haus-Webestühle wächst in erfreulicher Weise. Einer wesentlich besseren Lage erfreut sich auch die in dem Be­zirk bedeutende Papier-Industrie. — Der Gegensatz der verschiedenen Nationalitäten 'im Nordschlcswigschen hat nach Berichten von dort erheblich verloren. Einzelne von den dänischen Führern noch versuchte Demonstrationen finden nicht mehr den früheren Anklang. Es zeigt sich vielmehr bei verschiedenen Anlässen ein Zusammengehen von Mitgliedern beider Parteien, wie ein solches früher nicht möglich gewesen wäre. Auf Anregung des Haders- lebener Handwerkervereins trat im zweiten Quartal d. I. zum Zweck der Errichtung von christlichen Herbergen zur Heimat in der Stadt Hadersleben ein Comito zusammen, welches unter dem Vorsitz des Landrats aus vier deutschen und vier dänischen Mitgliedern besteht. In Sonderburg fand eine landwirtschaftliche Ausstellung für das nördliche Schleswig statt, an der auch deutsche Landwirte sich be­teiligten. Zu dem aus Anlaß dieser Ausstellung veran­stalteten Fest waren der Landrat und andere Beamte einge­laden und es diente dies, was in früheren Jahren ledig­lich als Agitationsmittel gedient haben würde, zur An­näherung der Parteien. Die für den Verkehr unentbehr­liche deutsche Sprache gewinnt fortdauernd an Terrain.

Berlin, 20. Juli. Der Kronprinz wird auf seiner Kieler Reise von dem Prinzen Wilhelm begleitet werden. — Die „Nordd. Allgem. Ztg." meldet die Ernennung des Geh. Oberregierungsrates de la Croix (im Cultusministerium) zum Wirklichen Geh. Oberregierungsrat und des Geh. Oberregieruugsrats Dr. Hübler unter Belassung seines Titels und Ranges zum ordentlichen Professor der juristi­schen Fakultät in Berlin. Der Termin seines Austritts aus dem Cultusministerium bleibe noch Vorbehalten. — Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht das von dem Kaiser in Mainau unterm 14. Juli vollzogene Gesetz betr. die Abänderung der kirchenpolitischen Gesetze — In der An­klagesache gegen die Reichstagsabgeordneten Fritzsche und Hasselmann wegen Zuwiderhandeln gegen § 28 des Sozialistengesetzes (Bannbruch) erkannte die Strafkammer des Landgerichts Berlin II. auf Freisprechung; die Straf­kammer nahm au, daß das vorübergehende Betreten des Nachbarortes Lichterfelde als Aufenthalt daselbst nicht anzu-

Der Schützeu-Festzug in Wien am 18. Juli 1880.

„Wir wollen sein ein einig Volk von BrüdernI" Mit diesen Worten hat der Wiener Gemeinderat, Herr Wiener, die eingetroffenen Schützengäste aus Deutschland, aus Ober- Oesterreich und Salzburg begrüßt, und dieser, ein politisches und soziales Ideal in sich fassende Satz drückt am besten den Grundgedanken aus, der das heute eröffnete Schützen­fest durchzieht. Allgemeine Freuden, allgemeines gegensei- tiges Zujauchzen bildeten die Signatur des Eröffnungstages des Sckützeufestes. Und nicht das Geringste fiel bisher dor, was den Freudentag zu trüben vermochte. Der Himmel selbst ist in sein schönstes Blau gekleidet und gewährt uns das herrlichste Wetter zu dem Feste. Seit dem frühesten Morgen ist „ganz Wien" (fast buchstäblich zu nehmen) in den Straßen. Die Ringstraße, durch welche der Schützen- sestzug sich bewegte, war von zeitlich Morgens an auf bei­den Seiten von Menschen eingerahmt, die trotz einer glü­henden Julihitze (30° Reamur im Schatten) bis nach dem »estzuge mutig ausharrten. Um 9 Uhr Vormittags setzte sich Derselbe in Bewegung und gelangte durch die reichge­schmückte Ringstraße erst um 11 Uhr auf den Fahnen- ^eihplatz, überall bejubelt uns bewundert. Er war aber ^uch prächtig und bot in jeder Hinsicht ein überaus herr­liches Bild. Freilich kann man keinen Vergleich mit jenem anderen Festzuge anstellen, der im April v. I. hier statt- ksfunden hat. Allein ein solcher Vergleich ist auch gar "'cht statthaft. Heute war eö lediglich ein Schützenfestzug Und nicht mehr. Als Schützenfestzug geplant und ausge- silhtt, darf auch nur ein bezüglicher Maßstab angelegt ^ttden. Als solcher aber war er, wie gesagt, vollkommen Mungen, und ich will ihn im Nachstehenden zu schildern

sehen sei und die Ausweisungsbefugnis des Berliner Polizeipräsidenten sich auch nicht über das Weichbild Ber­lins hinaus erstrecke.

Köln, 19. Juli. Gestern hat in Köln eine jener großen Katholikenversammlungen stattgefunden, welche gegenwärtig von den Führern des Centrums arrangiert werden, um der Fraktion die volle Uebereinstimmung der Partei im Lande mit ihrer Haltung gegenüber der kirchen­politischen Vorlage aussprechen zu lassen. Der Abg. Windthorst war zur Erhöhung der Feierlichkeit aus Ems herübergekommen und wurde natürlich mit dem obligaten stürmischen Jubel empfangen. ES wurden verschiedene Reden gehalten über die verwerflichen Bestrebungen des Liberalismus und zum Lobe des Centrums und der Katho­liken, die als die besten Unterthanen und die Stützen des Thrones gepriesen wurden; es wurde ferner die Forderung erhoben, das Dombaufest zu verschieben, denn eö könne nicht würdig begangen werden, so lange der Erzbischof fehle. Die Versammlung nahm schließlich drei Resolutionen an, worin der Centrumsfraktion Dank und Zustimmung der Wähler ausgesprochen, die Aufhebung der Maigesetze gefordert und die berechtigten Ansprüche der Kirche auf die Schule dargelegt wurden. Es scheint nach den kurzen vorliegenden Berichten, daß in der Versammlung ein ver­hältnismäßig ruhiger und besonnener Ton herrschte. Darum darf aber doch nicht übersehen werden, daß sachlich diese Demonstrationen sich noch ganz auf dem alten Stand­punkte halten, daß nicht weniger als die volle Aufhebung der Maigesetze und die Herrschaft des Klerus in der Schule verlangt wird, daß die schroffe Zurückweisung des in der Kirchenvorlage enthaltenen entgegenkommenden Schrittes die volle Billigung der Versammlung gefunden hat. Die Parteiführer des Centrums haben freilich in dem Arrangement und der Leitung solcher Versammlungen eine so langjährige und treffliche Uebung, daß irgend ein Widerspruch gegen die parlamentarischen Vertreter bei solchen Gelegenheiten nicht zu erwarten ist. Solche Demon­strationen können uns nicht überzeugen, daß nicht doch mit der Zeit im katholischen Volke eine friedfertigere Stim­mung und bessere Einsicht sich Bahn bricht. Bis dies aber geschehen ist, wollen wir hoffen, daß diejenigen, welche den Frieden um jeden Preis zu Stande zu bringen wün­schen, diese Uebereinstimmungserklärungen zwischen Centrum und „katholischem Volke" sorgfältig beachten.

Hamburg, 11. Juli. Wohl mit Recht ist darauf hin­gewiesen worden, daß die Fortschrittspartei eine treffliche Vorfrucht der Sozialdemokratie sei, da sie sich ja von den Grundsätzen der letzteren in Wahrheit nur dadurch unter­scheide, daß sie vor dem Eigentum Halt macht, während die Sozialdemokratie auch dieses in das Bereich der „Volks- souveränetät" unv des „gesunden Urteils der Gesamtheit" gezogen wissen will. Mit demselben Rechte aber darf man

versuchen, wie er sich vor meinen Augen entrollt: Eröffnet wird der Zug durch eine Abteilung berittener Sicherheits­wache. Ihnen folgt eine Feuerwehr-Mustkbande und das erste Feuerwehr-Bataillon. Nun erscheint der Präses des Festzug-Comitös mit zwei Comits-Mitgliedern zu Pferde, darauf eine Militärmustk, hinter welcher sich der lange und imposante Festzug entwickelt. Man hat bei der Reihen­folge der Schützengruppen, um Unannehmlichkeiten zu ver­meiden, die alphabetische Ordnung festgehalten, und so er­öffnen die Amerikaner den Schützenzug. Hierauf kommen die Belgier, diesen folgen die deutschen Schützen, in zwei abgesonderte Gruppen, nach Nord und Süd geteilt, zunächst kommen England, Frankreich, Italien und die Schweizer. Ungarische Schützenvereine und die Siebenbürgens bilden den Schluß der ersten Abteilung. Die zweite Abteilung, welche nun folgt, führt uns alle Volkstrachten Oesterreichs in bunter, kaleidoskopischer Zusammenstellung vor Augen. Die Bundesschützen aus ver cisleitanischen;ReichShälfte stellen mehr als zwei Drittel des ganzen Schützen-Effektiv­standes. Diesen Zug eröffneten die Böhmen, nach diesen kommen die Bukowinaer und Dalmatiner, dann die Schützen- Korporationen von Galizien, Istrien, Kärnten, Krain, Mähren, Niederösterreich, Oberösterreich, Salzburg, Schlesien, Steiermark, Tirol und Vorarlberg, die beiden letzteren mit ihrem prächtigen Festwagen. Derselbe ist von charakteri­stischer Bauart, schön erdacht und meisterhaft durchgeführt. Die tiroler Schützen sind in den Bergen zu Hause. So stellt denn auch der Festwagen derselben einen stellen Felsen dar. Knieholz (oder Leyföhre) — das nur an der Grenze der übrigen Vegetation gedeiht — sprießt aus dem Felsen hervor, und Steingeröll maskiert den Boden. Am Vor­derteile des Wagens sind die Tiroler und Vorarlberger

weiterhin sagen, daß der linke Flügel des NationalliberaliS- muö der Fortschrittspartei die Wege ebnet und die ruhigen Bürger darauf vorbereitet, das Nämliche, was sie selbst ihnen jetzt schon bietet, später auch in prinzipiellerer Auf­fassung und in schärferer, gepfefferterer Form hinzunehmen. Wir verkennen ja keineswegs die gewisse relative Berech­tigung des liberalen Gedankens, sobald derselbe sich aber durch Ausdehnung auf alle Gebiete des sozialen, wirtschaft­lichen, religiösen rc. Lebens zur Welt-Anschauung verdichtet, so wird er schlechthin verwerflich, und bildet nun jene schiefene Ebene, auf der man vom manchesterlichen Libe­ralismus zum vollbewußten, die Kapitalherrschaft und die unbedingte Schrankenlosigkeit des einzelnen Menschen leh­renden Fortschrittlertum, von diesem zu der die letzten Konsequenzen ziehenden Sozialdemokratie hinabrutscht. Mit dem rechten Flügel der Nationalliberalen ist daher eine teilweise Verständigung immer noch möglich, mit dem linken war sie es nie. Glücklicherweise wird diese Zwittergeburt nicht mehr lange zur Verwirrung der Gemüter beitragen; es ist nur durchaus natürlich, daß das Volk, so weit es der demokratischen und manchesterlichen Tagesströmung nun einmal verfallen ist, überall von dem „Halben" zu dem „Ganzen" übergeht. Hier in Hamburg ist dieser Prozeß gegenwärtig im Gange, und wir beklagen die« durchaus nicht. Nur durch die bitteren Früchte des Radikalismus hindurch wird unser Volk wieder zur vollen Selbstbestim­mung kommen.

Dresden, 19. Juli. Gestern hielt hier Sachsens Militär-Vereins-Bund seine Generalversammlung, in Gegen­wart des kommandierenden Generals deö 12. (königlich­sächsischen) ArmeecorpS Sr. königl. Hoheit Prinz Georg von Sachsen, ab. Zu bemerken ist daraus, daß diesem Bund jetzt 655 Vereine mit 62,775 Mitglieder angehören, daß derselbe ein Vermögen von 454,135 Mark besitzt und im vergangenen Jahre 114,865 Mark Unterstützung an invalide Kameraden und hinterlassene Frauen und Kinder zahlte. Prinz Georg begrüßte die Versammlung mit fol­genden Worten: „Meine Herren, ich bin Ihrer Einladung gefolgt, es freut mich sehr, sie kennen zu lernen und wünsche Ihnen Glück zu ihren patriotischen Bestrebungen." Die Versammlung beschloß sodann, ein Begrüßungstelegramm an Se. Majestät den Deutschen Kaiser nach Gastein ab­gehen zu lassen. Die übrigen Beschlüsse waren interner Natur. — In dem in der Albertstadt bei Dresden garni- sonierenden Garde-Reiterregiment sind die Menschenpocken aufgetreten und circa 30 Mann bis jetzt betroffen worden. Zum Glück scheint die Krankheit nicht sehr gefährlicher Art zu sein und hofft man, da alle Schutzmittel in Anwendung gebracht worden sind, daß die Krankheit auf ihren Heerd werde beschränkt werden können. Der Kriegsminister begab sich selbst in die betreffende Kaserne und ließ sich über die Lage und die getroffenen Maßregeln Bericht erstatten.

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Wappen in Bronze-Imitation angebracht, darüber eine Herzogskrone. Hoch oben auf der Felsspitze steht der Schütze, welcher die alte ehrwürdige Andreas Hofer-Fahne trägt. Ein Enkel Andreas Hofers, deö Tiroler Freiheits­kämpfers, der Reichsrats-Abgeordnete Dr. v. Hofer, ist der Fahnenträger. Die Tiralia (in purpurrotem Mantel über weißem Kleide, Mauerkrone und Lorbeerkranz auf dem Kopfe) wird durch Fräulein Sterzinger dargestellt, eine Tochter des Notars Dr. Sterzinger und eine Enkelin des Waffengefährten Andreas Hofers, Josef Sterzinger. Die Tiralia trägt ein kostbares Ehrenschild in Händen. Außer ihr und dem Fahnenträger befinden sich noch neun Per­sonen auf dem Wagen: zwei Schützen in der Schützen­tracht von 1809, zwei im modernen Schützenkleid und fünf Veteranen. Alles, was zur Ausrüstung der Tiroler Berg­steiger gehört, ist auf dem Wagen zu erblicken: Steigeisen, Schneereife, Strickleitern, „Krampen", „Kraxen" u. dergl. Das Untergestell des Wagens ist reich mit Festons, Reistg- guirlanden rc. behangen und mit dem Tiroler Wappen drapiert. Maler PetrovitS hat zu diesem Wagen die Skizze geliefert. Dem Tiroler Festwagen folgt jener der Wiener Schützen. Derselbe ist überaus reich geschmückt und glänzend. Er ist 24 Fuß hoch und 30 Fuß lang, hat in Gestalt und Anordnung der Details einige Aehn- lichkeit mit dem Gartenbau - Wagen vom Kaiser-Festzuge, doch ist er um ein Erkleckliches größer und sein figuraler Schmuck weitaus ein viel reicherer. Sein Unterbau hat schon beim Kaiser - Festzug die Feuerprobe bestanden; auf ihm stand der Wagen der Künstler - Genoffenschaft. Die Komposition des Wagens ist im Barockstyl durchgeführt. Der Vorderteil trägt den doppelköpfiaen Adler an der Stirnseite. Er ruht auf einer kühn geschwungenen Volute.