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Marburg, Dienstag, 20. Juli 1880

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««zeigen nimmt entgegen: »je Expedition d.vlatte«, lowie dAnnoncen-Bureauk [cn Th, Dietrich & Co. in Met und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; -aalenstein & Bögler in Lnifurt M., Berlin, brwzij, Eöln rc.; Rudolf Msie in Berliri, $tcab sirrt a. M. re.

MklWhk Jcitmiii

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte» sowie d. Annoncen-Bureauk von @. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M; JSger'sch« Buchhandlung daselbK; HermamLschr Duchhandl. ♦ daselbst; Juvalidendank in

Berlin; W. ThieneS in «berfeld; L. Schlotte in Bremen-

S-scheini tlzlich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JXustrtrteS SonntaaSblatt" durch die Crveditiou iflnA'fdie Buchdruckerel) bezogen 2j Mark, durch die Postämter beS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (ejcl. Bestellgebühr). — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Die Sonntagsruhe.

(Zweiter Artikel.)

In der That ließe sich, äußerlich genommen, diese Arbeitspause des Sonntags ja wohl entbehren, wenn, nach mechanischer Berechnung, nach dem täglichen Kräfteverbrauch des Menschen die Kräfteergänzung jedesmal durch eine entsprechende Nachtruhe bewirkt würde. Warum sollte man nicht, wenn man 10 Stunden lang gearbeitet hat, sich in 14 Stunden durch Ruhe und Schlaf so zu erholen vermögen, daß man von neuem seine 10 Stunden zu schaffen im Stande wäre, und warum nicht dies in un- imterbrochenem Kreisläufe so machen können? Das ist ls also nicht allein, was die Sonntagsruhe zur Ursache und zur Bedingung der Wohlfahrt und des Glückes der Menschen macht; der Hauptgrund für ihre Notwendigkeit liegt auf dem sittlichen Gebiete und greift in das Familien­leben ein. Ein gutes Familienleben aber ist der Stern und Kern eines gesunden segenbringenden Gemeinde- und Staatslebens; denn aus der Familie baut sich die Ge­meinde und baut sich der Staat auf. Und brächte die , Sonntagsruhe weiter nichts zu Stande, als ein geordnetes und gutes Familienleben, so wäre schon dies Ergebnis so viel wert, daß man Ursache hätte, mit allen Mitteln für diese Ruhe zu wirken; denn die Tugenden, die sich in einem guten Familienleben entwickeln: Anhänglichkeit, Liebe und Treue, Gehorsam, zarte Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse des andern, Opfermut — sie ziehen ihre Strahlenkreise hinüber auch in das Gemeinde- und Staate» leben, in die Werkstatt des Handwerkers wie in den Ar- beisfaal des Fabrikarbeiters, in das Comptoir des Handels­herrn wie in das Bureau des Beamten. Ein gutes Familienleben kann aber nicht zu Stande kommen, wo die Gatten und die Kinder keinen Sonntag haben. Die Woche hindurch gehen oft Mann, Frau und größere linder ihren verschiedenen Beschäftigungen nach und sehen sich oft nur flüchtig des Morgens und Abends, oft sogar, ehen die Kinder den Vater die ganze Woche nicht, wenn ein Dienstverhältnis dies bedingt. Wenn dann auch noch der gemeinsame Soniltag fehlt, dann lernen die Kinder allmählig den Vater wie einen Fremden betrachten und die Anhänglichkeit und Liebe zu ihm, die sich nicht an dem täglichen innigen Verkehr mit ihm emporranken kann, stirbt nach und nach ab, damit aber auch in den meisten Fällen der willige Gehorsam, der unter andern Verhält­nissen durch die von selbst wirkende Macht der Gewöhnung mtsteht und herauwächst. Solchen Kindern, die den Vater kaum kennen lernen, ist der Gehorsam nur eine Fessel ober kommt ganz abhanden, weil die Ueberwachung nicht geübt »erben kann. Und doch wird solcher Gehorsam und die freiwillige Unterordnung im späteren Leben der Kinder Io oft und in allen gesellschaftlichen Verhältnissen ohne

Auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege.

Original-Novelle von G. Walden.

(Schluß.)

, Stunden waren vergangen, es dämmerte schon, da endlich sich Löwenberg los. Sie halten alles besprochen, söwenberg wollte Nachsuchungen anstellen lassen nach Berner w Marthas Namen und dann entweder die Scheidung ein» Wten, oder die Todeserklärung fordern. Martha aber tollte der Baronin sagen, daß sie sich verlobt und sie bitten, M doch gütigst zu erlauben, eine andere Dame in ihre Stellung zu schaffen, da es sich doch ferner für sie, als

i,lc Braut des Kaufmanns Löwenberg nicht schicke, in dienst- «$er Stellung zu bleiben. Dann aber solle sie so lange ist einer alten Dienerin des Löwenberg'schen Hauses ziehen, y* 1« alles entschieden und er sie heimführen könne als fein «autes, liebes Weib.

Ein schwergoldener Ring prangte an chrer Hand und avch einmal zog er sie fest an feine Brust.

®er Gott der Liebe behüte Dich, Du meine traute, Wße Braut und vereinige uns bald für's ganze Leben."

Ein heißer Kuß, dann schloß sich die Thür hinter chm "d Martha sank auf ein Sopha und weinte, weinte zum “ten Male Thränen des Glücks und der Freude.

, Später und später war es geworden. . Immer noch »arrle Martha der Baronin, sie wollte das volle Herz ihr 'kut noch eröffnen, wollte ihr alles, alles bekennen.

.Endlich hielt ein Wagen, die Thür öffnete sich. Ja, - o war die Baronin, doch erschrocken wich Martha zurück, ' am Arme — des Gemahls.

er., gst erfaßte Martha's Herz; wenn er sie überrascht Doch nein, — sie sah so froh, so glücklich aus,

Ausnahme gebraucht und ist der Haupthebel zur Erzielung von Zucht und Ordnung. Eben darum werden letztere so häufig verletzt, weil der freie Gehorsam dem Menschen nicht schon im Vaterhause anerzogen worben weil ber Ge­horsam vielfach nur da willig geübt wirb, wo er ben eigenen selbstischen Interessen nicht widerspricht und weit er in ber Regel nur von bem Eigennutz Antrieb nnb Richtung empfängt. Es sollen baher alle Kräfte sich ver­einigen, um in Herstellung des gemeinsamen Sonntags für die ganze Familie vorerst den Boden zu schaffen, auf welchem Zucht und Sitte und vor allen die Tugend des freien Gehorsams ihre natürliche Pflanzstätte finden.

Leider wird die Notwendigkeit der gemeinsamen Feier des ganzen Sonntags besonders noch viel im Handwerker­stände verkannt und die Unsitte der Arbeit am Sonntag­morgen ist noch vielfach verbreitet, immer aber zum Schaden eines guten Familienlebens. Die Männer kommen da oft leiblich und geistig erschlafft mittags nur nach Hanse, um nach schnell eingenommener Mahlzeit sich in die Wogen des Vergnügens zu stürzen, das ihnen nicht nur keine Er­holung gewährt, sondern ihre Kräfte nur noch mehr auf­reibt, als dies vorher die Arbeit gethan. Für den stillen, freundlichen, Herz und Gemüt befriedigenden Verkehr mit der Familie ist bei solcher Benutzung des Sonntags eben gar kein Raum vorhanden und Familienväter, die so leben entbehren der wohnlichen traulichen Heimstätte, die zum behaglichen Leben, zum stillen, friedevvllen Glück so viel beiträgt, ganz und gar; solche Leute werden bald familien- und heimatlos und durch leichtfertige Gesellschaft, die sich gewöhnlich in den von ihnen aufgesuchten Vergnügungs­lokalen nur zu bald zu ihnen findet, bald auch frivol, frech und gottlos. Und wie sieht es in der Familie solcher Arbeiter aus, die sich keine Sonntagsruhe gönnen? Der Reichstagsabgeordnete Dr. Locwe hat das Bild in einem Vortrage trefflich gezeichnet, indem er sagte: „Ich habe festgestellt, daß das Wohnzimmer der Familie, wo der Mann sich entweder noch auf Sonntagsarbeit befand, oder eben von der Sonntagsarbeit zurückgekommen war, nicht gereinigt, am wenigsten sonntäglich geschmückt war, daß nicht blos der Mann schmutzig, sondern auch die Frau schlampig und im elendesten Schmutze war, nicht ordentlich angekleidet, die Kinder nicht gewaschen und ganz besonders keine Einrichtungen getroffen waren für eine SountagsmittagSmahlzeit. Denn der Mann, wenn er Sonntags von der Arbeit kommt, belohnt sich neunmal unter zehnmal für fein übermäßiges Arbeiten in der Kneipe und vertrinkt und verspielt dort mehr, als er irgend mit der Sonntagsarbeit zu verdienen vermocht hat. Er ist also, wenn er nach Hause kommt, entweder geradezu unfähig, irgend etwas vorzunehmen, ocer er wirst sich er­müdet aufs Belt und schläft. Von einer gemeinfamen Mahlzeit, geschweige von einem gemeinsamen Vergnügen

mit Frau und Kindern, ohne daß er sich an seinen Kindern freut, mit ihnen spielt, daß er mit seiner Frau und den Kindern ausgeht in die frische Luft, von dem allen ist gar nicht die Rede. Die Frau ist verdrießlich, ja zornig über das Leben, schmäht und schilt den Mann vor den Kindern aus, so daß der letzte Rest von Freude und Behaglichkeit aus der Wohnung verschwindet. Daö ist das Bild ber Früchte ber Sonntagsarbeit, sagt Dr. Loewe, wie ich es hundert und hundert Mal gesehen habe." Höchst lehrreich ist ferner, waö derselbe Mann weiter über die in Berlin eingerissene Unsitte der Sonntagsarbeit bemerkt. „Ich habe gefunden, sagte er, daß die Sonntagsarbeit in ben Fabriken unb Werkstätten, aber mehr noch in den großen Werkstätten, die man wohl Fabriken nennen kann, zum Beispiel in den großen Tischlerwerkstätten, in einem viel größeren Maße getrieben wird, als man es vermuten sollte. Ich habe bei der Erkundigung gleichzeitig festgestellt, daß in den meisten Fällen von einer eigentlichen Dringlichkeit gar nicht die Rede ist, daß, zumal in den Tischlerwerkstätten, die Sachen eben so gut an anderen Tagen hätten gemacht werden können, als am Sonntag, daß es nur die Freude an ber höheren Verwertung des Arbeiters ist, ober sehr häufig nur eine sittliche Gleichgültigkeit des Arbeitgebers, der sagt: „Meinetwegen, wenn Du arbeiten willst, so arbeite; die Werkstätte ist für Dich da;" denn, sagt Dr. Loewe, ich muß hier zugleich bemerken, daß die krankhafte Ausdehnung der Sonntagsarbeit eben so sehr vom Arbeiter verschuldet wird, als vom Arbeitgeber, aber fast immer ein übles Zeichen von dem sittlichen Zustande des Arbeiters ist."

Wie man hieraus sieht, ist bei bet Sonntagsarbeit webet für ben Arbeitsherrn ein Gewinn, noch auch für den Arbeiter ein Vorteil zu finden, für ben Arbeitsherrn aber ber große Nachteil vorhanden, baß er sich daburch gewissen- unb gottlose Arbeiter erzieht, unb für ben Ar­beiter ber Schaben an Leib unb Seele, ber Verlust von Frieden und Freude. Gewiß ein treibender Grund für alle diejenigen, welche die Macht dazu haben, die Sonntags» arbeit der Handwerker, wo sie nur können, zu verhindern, damit dieselben zunächst ihrer Familie und geordneten Ver­hältnissen wieder zugeführt werden.

— Ueber den Aufenthalt Sr. königl. Hoheit des Prinzen Heinrich in Shanghai, dessen wir in Kürze bereits ge­dacht, gehen der „N. Allg. Ztg." aus Shanghai, d. d. 1. Juni, nachfolgende nähere Mitteilung?» noch zu:

Den politischen Verhältnissen hatten wir es zu danken, daß sich eine ganze Flotte hier versammelte: wir hatten gleichzeitig 16 europäische und amerikanische Kriegsschiffe hier, worunter 4 deutsche, nämlich: „Luise", „Wolf", „Cy- clop" und worauf wir schon gar nicht mehr gerechnet hatten, auch „Prinz Adalbert". mit Sr. königl. Hoheit dem Prinzen Heinrich von Preußen an Bord.

er schaute so liebend auf sie nieder; ein Wink seiner Hand scheuchte Diener und Kammerzofe zurück, er selbst löste Hut und Umhang auf.

Träumte Martha denn? WaS war geschehen? Was bedeutete dies Alles? Da riß sie die Stimme der Baronin aus ihrem Sinnen:

„Ich danke Ihnen, liebe Martha, doch gehen Sie nur zur Ruh', es ist schon so spät, morgen plaudern wir weiter. Gut' Nacht, liebe Martha." —

Der Morgen kam, schon wat eS Mittag. Heiter und übermütig plauderte die Baronin, doch mit keiner Silbe erwähnte sie des Vorgefallenen. — Nur wuchs Marthas Erstaunen: was nie geschehen, die Eheleute frühstückten zusammen, der Baron blieb auch selbst dann noch, die Baronin spielte und sang und entzückt verfolgte sein Ange alle ihre Bewegungen.

Endlich, am Nachmittag fand Martha so viel Zeit, der Baronin ihr Geständniß abzulegen und ihre Bitte vorzutragen.

Erst erstaunt, später schelmisch lächelnd hörte dieselbe zu, wohl that es ihr leid, Martha zu verlieren, doch willigte sie endlich in alles, sie wollte ihrem Glück nicht hinderlich sein.

♦ ♦

Die ersten Tage des November begannen so sommer- warm, so sonnig, als könne es gar nicht Winter werden.

Martha saß in der Landbergerstraße bei der alten Mutter Aron, die sie hegte und plegte, wie ihr eignes Kind.

Fast war es ihr schwer gefallen, von der, bei allen Launen doch gütigen Herrin zu fcheiden, die sie beim Ab­schied noch mit Geschenken überhäufte.

Nun war sie seit wenig Tagen hier, es war die Zeit, wo Löwenberg täglich kam und suchend schaute sie zum

Fenster hinaus. Ta kam er auch schon, jubelnd eilte sie ihm entgegen und hing in seinen Armen; still schlich die Alte hinaus, sie wollte die Beiden nicht stören.

Doch heute brachte Löwenberg etwas Neues. Sein Notar war bei ihm gewesen und hatte ihm berichtet, daß die Spur Berners und der jungen Kaufmannsfrau, nach langem Umberirren, nach der polnischen Grenze führe, in die Heimat der jungen Fran, wo bereit Vater noch lebe.

Unb denke Dir, jene Spur führt direkt in meine Hei­mat und die junge Frau, Deine einstige Gebieterin ist — Elise, meine srühere Braut. Mit aller Mühe hat er weiter nichts erforschen können ohne persönliche Anwesenheit, unb kam heute, wegen ber Reise bei mir anzufragen.

„Ich zog es vor, selbst zu reisen und frage Dich nun: Martha, süßes Weib, willst Du mich begleiten? Willst Du es mir durch Deine Anwesenheit erleichtern?

Stumm neigte Martha das Haupt, sie hatte ja keinen anderen Willen, als den des Geliebten.

So finden wir sie denn acht Tage später, in einem offenen Kutschwagen, doch warm in Decken gehüllt, im Walde, auf der Fahrt nach dem Gasthause des Großvaters.

Noch ist das Wetter angenehm. Unsere beiden Reisen­den sind auSgestiegeu unb umschreiten den See auf dem schmalen Fußpfade.

Jede Stelle zeigt Ismar ber Geliebten, alles hat für sie Interesse. Enblich ist baS Haus erreicht. Wie steht eS jetzt so schmutzig unb verfallen aus und doch bleibt keine Wahl, sie müssen eintreten.

Ein alter, gebrechlicher Mann empfängt sie, demütig las Käppchen in den zitternden Händen haltend, es mögen wohl nicht oft Gäste von so distinguirtem Aeußern sein Haus betreten.