f. 166.
Marburg, Sonnabend, 17. Juli 1880
xv. Zahr-m,
.-•eigen nimmt tmgegen: W>rdittond.»latter, E,ie d.Annoncen-Bureaur 16, Dietrich & Co. in
Jf-ffel und Hannover; Th. Mrich in Frankfurt a.Dl.;
[enflein & Bögler tn Mfurt a M., Berlin, &g, ttöln ic.; Rudolf Me in Berlin, Franl- furt a. M- re.
GttMchk jfitniio
Anzeigen nimmt entgegen die Expeditton d. Blattes sowie d-Annoncen-Bureaux von ®. L Daube & Co. in Kanlfutt a- M; Jäger'sche Buchhandlung daselvstr Hermann'sche Buch Handl, daselbst; Jnvalidendanl in Berlin; W- Thienes in Merfeld: CL Schlotte in Bremen-
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Die Sonntagsruhe.
Wer auf die Zeichen der Zeit achtet, der wird gefunden jjg&eit, daß sich in der Gegenwart wieder eine christliche Arömung bemerkbar machi, welche die allmählich in unser zzolk eingedrungene heidnische Weltanschauung wegzuspielen geginnt. Verschiedene Ursachen haben dazu mitgewirkt, diesen Umschwung vorzubereiten. Einmal die Not der Leit, denn Not lehrt beten; sodann die vielfachen Ausbrüche Micher Rohheit und wilder Gottentfremdung, Ausbrüche, tie in immer größeren Kreisen ihre verwüstenden Kräfte ersuchten und ihre Autorität zu untergraben drohten, die Mr bis an die geheiligten Personen derer drangen, in denen die höchste Autorität verkörpert ist. Ferner sah man mit Bangen und Trauer, wie trotz unserer vielge- rnhmtcn Intelligenz, trotz unserer großen Fortschritte auf allen Gebieten geistiger Arbeit, der Wissenschaft und der Technik, das Volk immer ärmer ward an innerem Glück imb an Zufriedenheit und man lernte sich vielfach besinnen auf den lange für überflüssig gehaltenen Notanker der Region, ohne den der Mensch das stürme- und klippenreiche Meer des Lebens nur mit gar geringer Zuversicht zu beehren vermag, ans die Religion, welche den ganzen Men- chen sittlich erneuert, das Volksleben vor Fänlnis bewahrt imb ben Annehmlichkeiten des Lebens erst den rechten Geschmack verleiht. Die Religion aber mnß, soll sie eine nachhaltige Wirkung üben, auch in die äußere Erscheinung treten und durch die regelmäßige, fortgesetzte GotteSver- ehrung die Einzelnen immer auf's neue religiös anregen imb vertiefen. Als Grundlage einer regelmäßigen Gottes- Verehrung dient der Sonntag, der deshalb auch schon im Nten Testament als ein Zeichen zwischen Gott und dem Volke charakterisiert wird. Und Luther hat auch im kleinen Katechismus in der Auslegung des dritten Gebotes die Bedeutung des Sonntags als Gottesdiensttag so sehr in ben Vordergund gestellt, daß er die andere Seite des Sonntags als Rnhetag fast übersieht und den wirklichen Wortlaut des dritten Gebotes demgemäß in den kurzen Latz umgewandelt hat: Du sollst den Feiertag heiligen.
Zur Heiligung des Feiertages oder Sonntages gehört ton vor allem die Ruhe an diesem Tage, das heißt die Enthaltung von den die Wochentage ausfüllenden Ge- Wen; erst wenn diese Ruhe eingetreten ist, wird der Mensch sich dazu getrieben fühlen, an eine Heiligung zu senken, und die L>onntagLstille wird ihn auffordern, da seine Erholung zu suchen, wo dieselbe ihm in einer Form geboten wird, wie sie nicht edler und wohlthuender gedacht toben kann, nnd die Quelle derjenigen Freuden aufzu- sichen, welche, indem sie das Herz erquicken, nicht zugleich den bitteren Beigeschmack haben, den weltliche Belustigungen dielfach im Gefolge haben.
Abgesehen von diesem schönen Ziele und Erfolge der Feiertags- oder Sonntagsruhe, giebt es eine ganze Reihe ■SS----- - ........ -i -----------...
Aus diesem nicht mehr ««gewöhnlichen Wege.
Original-Novelle von G- Walden.
(Fortsetzung.)
. Sie hielt das Bild des schönen, ernsten Mannes in den Händen, die treuen, dunklen Augen schauten sie so lieb, so d>ahr an, Thränen rollten über ihre Wangen, ihre Lippen mährten das Bild, leise flüsterte sie: Ich will ja die Deine m, Du armer, Du teurer Mann, ich kann nicht anders, °>ein Herz gehört Dir schon lange!
Was kümmert es mich, daß Du Jude bist? — Ich we es schon lange gewußt: Ein Gott der Liebe ist es, iu dem wir beten und ihn flehe ich an, er möge mir Kraft Renten, Dir Deine Liebe zu vergelten, um Deinem großen, E°len Herzen den Frieden wieder zu geben!" —
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einige Tage waren verflossen, es war 11 Uhr Vormittag. Martha saß und nähte, sie sah so ftiC und glücklich daß sie ordentlich verjüngt erschien.
Da wurden die Flügelthüren anfgeriflen und herein huschte lachend und singend die Baronin, einen Brief in ’fn Händen.
, Martha, liebe Martha, ich werde ihn sehen, ihn, den A liebe, der Herz und Gedanken mir ausfüllt I — O, ich .Mo felig, so glücklich! — Diesen Kuß der ganzen Welt, garnierte sie, Martha, seien Sie doch nicht so stumm, Mm Sie denn gar kein Herz, gar kein Gefühl, können denn gar nicht nachfühlen, was es heißt: Lieben und »'liebt zu werden, ist das höchste Glück auf Erden I u Da, Sie haben sich mein Bild gewünscht, da, sie löste £ schwergoldene Kette mit dem Medaillon vom Halse, da, Haben Sie es und nun freuen Sie sich mit mir!
von Gründen für die Notwendigkeit und Nützlichkeit derselben. Von diesen mögen hier zunächst erwähnt werden die ärztlichen Angaben und Hinweise auf die Naturnotwendigkeit der zeitweisen körperlichen Erholung, wie sie unter andern der englische Arzt Dr. Farre in einer Parlamentsdebatte ausgesprochen, wo er sich also ausließ: „Ich sehe den Sonntag als unentbehrlichen Ruhetag an, durch welchen die unserem Körper innewohnende Kraft der Selbsterneuerung und Wiederherstellung ergänzt wird. Ist diese Kraft verloren, fo hilft keine Medizin. Wohl stellt die Ruhe der Nacht die Kräfte teilweise, nicht aber in ausreichendem Maße wieder her. Deshalb hat die göttliche Vorsehung einen Tag von sieben als Ruhetag zur Ergänzung der Nachtruhe angeordnet, nm die erschöpfte Kraft vollständig wieder herzustellen. Die Anordnung eines Ruhetages ist eine Naturnotwendigkeit, keine willkürliche Satzung. Der menschliche Organismus ist nun einmal so eingerichtet, daß er von sieben Tagen je eines zum Ausruhen von geistiger und leiblicher Arbeit bedarf." Ferner haben die Professoren Pettenkofer und Voit in München den Versuch gemacht, ziffermäßig nachzuweisen, daß das fortwährende Arbeiten ohne Ruhetag dem menschlichen Körper höchst nachteilig sei; ja ein amerikanischer Arzt, Dr. Mufsey in Ohio, hat berechnet, daß durch Beobachtung eines wöchentlichen Ruhetages das Leben des Menschen sich um mehr als ein Siebentel, also bei 50 Jahren um mehr als 7 Jahre verlängere. Endlich haben vor mehreren Jahren in London, nachdem wiederholt versucht worden, den dortigen Krystallpalast dem Publikum auch am Sonntag zu öffnen, über 600 englische Aerzte dagegen protestiert, indem sie erklärten, „daß der Ruhetag zur Aufrechterhaltung der Gesundheit des Körpers und des Geistes für jeden Menschen, welcher gesellschaftlichen Stellung er auch angehöre, unumgänglich notwendig fei." Wie bekannt, ist der Krystall- Palast, nach seiner einstigen Benutzung zu einer Kuust- und Gewerbe-Ausstellung, eine Art Museum und ein großartiges Concerthaus geworden, also ein Vergnügungslokal in ausgesprochenstem Sinne, und obgleich die Möglichkeit nicht ausgeschlossen ist, daß jene englischen Aerzte bei ihrem Urteile teilweise von der ihnen anerzogenen und gewohnten puritanischen englischen Sitte des Sonntagsfriedens beeinflußt worden, so spricht doch ihr Votum zu klar und entschieden von der Gefahr für die „Gesundheit des Körpers und des Geistes", als daß es mißzuverstehen wäre, und gerade der Umstand, daß die Männer derjenigen Wissenschaft, welche gewöhnlich das größte Kontingent der Freidenker stellt, auch in dem Sonntagsbesuche eines Museums und Conzerthauses eine Gefahr sehen, weist darauf hin, daß sie die körperliche und geistige Ruhe auch noch anderswo suchen, als in der nach sechs Arbeitstagen beobachteten Pause von der gewohnten körperlichen oder geistigen Beschäftigung.
Deutscher Reich.
Berlin, 15. Juli. In den letzten Tagen haben mehrere Zeitungen die Nachricht gebracht, daß der Kultusminister die Behörden angewiesen habe, über die moralische Führung der Lehrer und bereit Stellung im bürgerlichen Leben eingehenden Bericht zu erstatten. Diese Mitteilung, an welche dann sehr weitgehende Folgerungen geknüpft worden sind, entbehrt des thatsächlichen Anhaltes. Der Kultusminister hat keinerlei derartige Anordnung erlassen. Im Laufe des vorigen Jahres sind beim Kultusministerium bezüglich des moralischen Verhaltens der Volksschullehrer diejenigen Berichte eingegangen, welche seitens des früheren Kultusministers aus Veranlassung der auö den Verhandlungen des Abgeordnetenhauses bekannten Vorgänge von den Pro- rmzialbehörden erfordert waren. Ein Bescheid aber ist auf diese Berichte nicht erfolgt. Außerdem sind vor einigen Monaten, wie alljährlich, Nachweisungen über die gerichtlichen und mit Dienstentlassung verbundenen Disciplinarbe- strafungen der Lehrer aus dem Vorjahre eingegangen. Die Einreichung dieser Nachweisungen beruht auf einer im Jahre 1868 getroffenen allgemeinen Anordnung. Auch bezüglich dieser Nachweisungen ist eine Verfügung nicht ergangen. — Gelegentlich einer bei dem hiesigen Hofpostamte vorgenommenen Revision ergab sich das Fehlen von 7 Bogen a 100 Stück, zusammen also 700 Stück Wechselstempelmarken zu 30 Mark das Stück. Ueber den Verbleib dieser Marken ist bis jetzt nichts Näheres ermittelt und sind weitere Pach- forschungen im Gange.
Hallt, 15. Juli. Bei der Ergänzungswahl zum Landtage wurden 363 Stimmen abgegeben. Sombart wurde mit 213 Stimmen gewählt. Kammerherr v. Krosigk (eon- servativ) und Gerichtsrat Bertram in Kassel (fortschrittlich) erhielten je 75 Stimmen.
Trier, 14. Juli. Bei der gestern Abend in der Nähe des Bahnhofes Kyllburg stattgehabten Entgleisung eines Eiscubahnzuges hat der Zugführer seinen Tod gefunden. Von den übrigen auf dem Zuge befindlichen Personen wurde Niemand beschädigt.
Mainau, 15. Juli. Ueber die gestrige Fahrt des Kaisers auf dem Bodensee und nach Constanz wird gemeldet: Der Kaiser und der Großherzog, die Frau Großherzogin und die Prinzessin Viktoria von Baden verließen Mainau um 4', Uhr nachmittags auf dem reich geschmückten Dampfboot Friedrich, passierten die Constanzer Nheinbrücke, machten eine Rundfahrt auf dem Untersee und hielten dann bei der Insel Reichenau an. Hier wurden Se. Majestät und die großherzoglich badischen Herrschaften von der Landbevölkerung aufs festlichste empfangen. Der Bürgermeister hielt eine Anrede an Se. Majestät und wies darauf hin, daß es gerade 400 Jahre seien, seitdem der letzte deutsche Kaiser die Insel Reichenau besucht habe. Die Fahrt wurde hierauf nach Radolfzell und sodann weiter
Ich fahre nach Potsdam, das kann Niemand auffallen, o er denkt an Alles und ordnet Alles so gewandt.
Dort steige ich im Hotel „zum Einsiedler" ab unter dem Namen einer Gräfin Landeck und gebe an, daß ich meinen Gemahl erwarte.
Und er kömmt nach, sucht mich auf unter dem Titel meines Gemahls. — Ha, ha, ha!
Martha, seien Sie doch vergnügt!
Jeanett', Jeanetten, ich will Toilette machen, aber glänzend, wende all' Deine Knust an, bin ich zufrieden, so gehört Dir das braune Kleid, welches Du Dir ersehnt, und nun liebe Martha, spielen Sie, aber etwas Fröhliches, damit mir die Zeit vergeht, welche ich noch ausharren muß."
* * *
Im Zimmer des Hotel „zum Einsiedler" in Potsdam schritt die Baroneß aufgeregt hin und her.
Schon dämmerte es und noch war der Ersehnte nicht erschienen. Der Kellner war gekommen und hatte Licht anzünden wollen, doch in übler Laune herrschte sie ihn an: „Ob ihr Gemahl noch nicht gekommen, sie wünsche noch kein Licht, er solle gehen, sie werde klingeln, wenn sie ihn brauche. Nur wenn ihr Gemahl erscheine, solle er ihn sofort her führen."
Immer aufgeregter schritt sie hin und her, immer öfter griff sie nach der kostbaren Uhr am Gürtel. Wie, wenn er gar nicht kam'? Endlich, — endlich Tritte auf dem Corndor. Die Thür ward geöffnet.
Verzeihung, Frau Gräfin, der Herr Graf!"
Ihr war, als müsse sie ersticken. — Die Thür fiel wieder in's Schloß. Der Kellner verschwand. — Eine hohe, schlanke Figur stand vor ihr, und sie, die weltgewandte Dame, stand sprachlos, verlegen wie ein PenstonSkind. Leise
vibrierend flüsterte eine Stimme: „Alma, süßer, teurer Engel!"—sie fühlte sich umschlungen, heiße Lippen ruhten glühend ans den ihren, — sie wollte sich der Umarmung entwinden, er war doch auch gar zu keck; — und doch — ihre Lippen erwiderten unbewußt die Küsse, es war so süß, so berauschend süß, sich so geliebt zu wissen, es war ihr wie im Traum, dem sie sich willenlos ergab und halb erstickt flüsterte sie: „Alfred, teurer Alfred!"
Sie hörte wie er sie frug: „So liebst Du mich denn auch, Du mein Engel, meiner Seele Glück!"
Sic nickte nur stumm und schlang den schönen, vollen Arm um seinen stolzen Nacken. Und wieder und immer wieder küßte er sie heiß und innig.
Endlich löste er sich sanft aus ihrem Arm. „Licht!" rief er jubelnd, „Licht!" im vollen Strahl der Kerzen will ich meinen Engel sehen.
Im Nu flammmte das Wachshölzchen auf, die Kerzen brannten. Glückstrahlend wandte er sich um — doch erbleichend taumelte er zurück, daß der Tisch wankte, an ben er sich stützte.
Herr Gott! träume ich denn?" schrie er auf, Hedwig, Du?"
Erglühend, verlegen hatte die Baronin zur Erde geschaut, jetzt bei dem Aufschrei schlug sie die Augen auf.
„Hugo! mein Mann!" stöhnte sie angstvoll, bann schlug sie beide Hände vor das Antlitz und sank gebrochen, einer Ohnmacht nahe, in den Sessel.
Still war es, fast totenstill eine Weile in dem Zimmer, dann hatte sich der Baron gefaßt; leise, unhörbar schritt er über den weichen Teppich und kniete vor feiner Gemahlin nieder.
(Fortsetzung folgt.)