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gtr. 16».

Marburg, Freitag, 16. Juli 1880

XV. Iahrgaig

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Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- «nd Feiertagen. Preis für da- Quartal mit der wöchentlichen Beilaa, äfnttrirtes LonntaaSSlatt" bur* m, rcÄ»r*.

duchdru-ker-i) bezogen 3i Mark durch die Pvstämttr °d°S D^tsch-7Reiche- 2 «art 50 Vffl.

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 35 Pfg. berechnet. °

«tueinen nimmt emgegen: Mt Expedition d.vlatte», ,omie d.Annoneen-Burea"- von Th. Dietrich & Co. Kassel und Hannover; L Dietrich in Frankfurt a.M Laasenstein & Bögler Frankfurt a- M., Berli z^ipzig, CSln re.; Rude aifte in Berlin, Frank- fsrt a. M. re.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte» sowie d- Annoncen-Bureaux von ®. 8. Daube & Co. in K^ankfutt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst!; Hermenn'sche Buchdandl. daselbst; Juvalidendaick in Berlin; W. LhieneS in Elberfeld; L. Schlotte in Bremen.

Tagesbericht.

In einem Artikel über die Ernteauöstchten in Preußen sagt dieProvinzial-Correspondenz": die günstige Witterung jm Monat Juni habe allgemein die Hoffnung erweckt, daß die Ernte keineswegs zu den schlechteren zählen, in meh­reren wichtigen Fruchtarten sogar nicht unwesentlich über eine Durchschnittsernte sich erheben werde. Die vom Staatsanzeiger jüngst veröffentlichten Berichte constatieren fast ausnahmslos, daß die Ernteaussichten im Allgemeinen durchaus nicht unbefriedigend sind. Mehrere Berichte er­klärten ausdrücklich, an einen Notstand sei nicht entfernt zu denken, ja nicht einmal ein Mangel an irgend einer Fruchtart sei zu erwarten. Zu den hier und da verbrei­teten, weitgehenden Befürchtungen gebe kein Bericht Anlaß; man erwarte mit Zuversicht das Schlußresultat der Ernte, vorausgesetzt, daß die gegenwärtig vollberechtigten Hoff­nungen nicht noch durch ungünstige Witterungsverhältnisse zerstört würden."

Der Justiz- rc. Minister hat unterm 15. v. M. folgendes Rundschreiben erlassen:Mehrere Gerichte pflegen den zuHülfs- schösien und HülfSgeschworenen bestimmten Personen, ebenso den Hauptschöffen von ihrer Wahl thunlichst bald Kenntnis zu geben, um sie in den Stand zu setzen, in ihren Ge­schäften und sonstigen Privatangelegenheiten im voraus auf den Schöffendienst Rücksicht zu nehmen. Dies Verfahren wird als der Natur der Sache und der Absicht des Gesetz­gebers entsprechend denjenigen Gerichten zu empfehlen sein, bei denen es bisher noch nicht in Uebung war. Unge­achtet einer solchen Fürsorge wird jedoch der beabsichtigte Zweck bei solchen Beamten nicht zu erreichen sein, deren dienstliche Verrichtungen ihrer Natur nach, nicht ohne be­trächtliche Nachteile plötzlich eingestellt oder von einem Ver­treter übernommen werden können. Nach einer Mitteilung der Herren Minister des Innern und der Finanzen ist dies namentlich bei vielen Kassenbeamten der Fall. Ich ersuche deshalb Sie, Herr Präsident, die Landgerichte und Amtsgerichte ans die hervorgehobenen Gesichtspunkte auf­merksam zu machen, damit es vermieden wird, zu Hülfs- schöffen und HülfSgeschworenen Beamte zu wählen, deren plötzliche Einberufung die Staatsdienst-Interessen zu ge­fährden geeignet ist."

Ucber die Beschäftigung der Referendarien im Vorbe­reitungsdienste ist durch allgemeine Verfügung vom 20. c. Seitens des Herrn Justizministers unter Abänderung der bisherigen Reglements bestimmt worden, das Rese- rendarien, welche sich zur zweiten Staatsprüfung melden, sechs Arbeiten einreichen sollen, die sie bei den Gerichten oder der Staatsanwaltschaft während des Vorbereitungs­dienstes gefertigt haben. Diese Verfügung läßt nicht er-

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kennen, ob auch diejenigen Referendarien, welche bei Erlaß der rc. Verfügung die Beschäftigung bei den Gerichten und der Staatsanwaltschaft nach den bisherigen Reglements bereits vollendet hatten, jene Verpflichtung ebenfalls haben oder davon befreit sind. Jm Interesse der beteiligten Kreise liege es jedenfalls, in authentischer Form in Kenntnis ge­setzt zu werden, welches die Auffassung an maßgebender Stelle sei, um danach rechtzeitig Anstalten treffen zu können, eventuell aus alten Akten früher gefertigte Arbeiten sich zu verschaffen. Mit wie großen Schwierigkeiten dies zum Teil allerdings verknüpft wäre, dürfte nicht verkannt werden. Einem Gefühle der Billigkeit würde es entsprechen, wenn die Einreichung der sechs Arbeiten nur von denjenigen Referendarien verlangt würde, welche noch etwa sechs Mo­nate nach dem 20. März d. I. bei den Gerichten oder der Staatsanwaltschaft arbeiten müssen, nicht aber von den­jenigen, welche nach diesem Zeitpunkt nur noch ihre An­waltstation zu erledigen haben oder nebenbei vielleicht noch zum geringsten Teile bei den Gerichten arbeiten müssen.

Deutsches Reich.

»erlitt, 14. Juli. DerAllg. Militär-Ztg." wird aus Berlin geschrieben: Gegenwärtig tagt hier unter dem Vorsitz des commandierenden Generals des 3. Armeecorps, des Generals der Infanterie v. Groß genannt v. Schwarz­hoff, eine aus Generalen und Regiments-Commandeuren gebildete Commission, um über die Umänderung des Jn- fanteriegewehres M/71 in einen Mehrlader zu beraten. Nachdem in letzter Zett dem Magazinsgewehr in vielen Staaten (Schweiz, Nordamerika, Frankreich, Oesterreich) erhöhte Aufmerksamkeit zugewandt worden und auch in Rußland vor kurzem durch eine höchst einfache Einrichtung das Berdangewehr in eine Nepetierwaffe umgewandelt wor­den ist, hat man bei uns es für angemessen erachtet, dieser Frage erhöhte Bedeutung beizulegen. Man hat nunmehr das Garde-Schützenbataillon dazu bestimmt, die notwendigen praktischen Versuche anzustellen. Es hanoelt sich dabei um eine Repetiervorrichtung der Fabrik von Ludwig Löwe in Berlin, welche Vorrichtung Aussicht auf praktische Verwer­tung haben soll. Das Ergebnis der Versuche wird hierin entscheidend sein. DieVolks-Ztg." schreibt:Seit ei­nigen Tagen schwirren Gerüchte über eine Veränderung in der politischen Tendenz derVossischen Zeitung" durch die Presse. Leider sind diese Gerüchte begründet; mit dem am 1. Juli erfolgten Personenwechsel in der Redaktion der Vossischen Zeitung" (Dr. Hermann Kletke hat bekanntlich Hrn. Friedr. Stephany als Chef-Redakteur Platz gemacht) ist auch eine Verschiebung in der bisherigen politischen Haltung dieses Blatte« angebahnt. Allerdings erklärt heute dieVossische Zeitung", daß sie sich nach wie vor auf dem Boden der Fortschrittspartei bewegen werde; indes bleibt die Thatsache bestehen, daß lediglich infolge jener Verände­

rungen und der durch sie bedingten Aussichten für die zu- - künftige Haltung des Blattes Herr Hoppe, welcher lange Jahre hindurch die Leitartikel derVossischen Zeitung" schrieb und damit dem Blatte die politische Direktive gab, sich veranlaßt gesehen hat, aus seiner Stellung auszuscheiden. Wenn es auch seitens derVossischen Zeitung" ängstlich vermieden wurde, sich als fortschrittliches Organ zu bezeichnen, so bot doch die Persönlichkeit des früheren Abgeordneten Hoppe, eines unserer ältesten und bewährtesten Vorkämpfer des Fortschritts auf dem Gebiete der politischen Journalistik, allen Freunden der Zeitung genügende Garantie für die Tendenz des Blattes. Das ist jetzt vorbei." Die Ent­stehung des Feuers in der Villa des Professor Mommsen, das die Bibliothek von fast 40,000 Bänden zerstört hat, hat nicht aufgeklärt werden können. Professor Mommsen selbst gibt an, daß er bis 2 Uhr nachts in seinen Bibliothek­räumen bei Gaslicht beschäftigt gewesen sei, alsdann sehr ermüdet, ein Licht angezündet und das GaS gelöscht habe, um sich in sein ziemlich entferntes Schlafzimmer zu begeben. Das Streichholz, mit welchem er das Licht anzündete, glaubt er auf den Fußboden geworfen zu haben. Um 3 Uhr wurde das Feuer zuerst bemerkt.

Bresla«, 14. Juli. Nach Meldungen hiesiger Blätter hat in der Nacht vom 12. zum 13. d. M. ein neuer Wolken­bruch in der Umgegend von Lauban, Greiffenberg, Flins- berg und Friedeberg furchtbare« Schaden ungerichtet; der Eisenbahndamm bei Greiffenberg ist auf einer Strecke von 100 Meter zerstört und der Post« und Güterverkehr unterbrochen.

Hildesheim, 10. Juli. Wie bereits mitgeteilt wor­den, hatte der hiesige Buchdruckereibesitzer und Verleger desHildesh. Kurier", Fünfstück, am 28. April er. anläßlich der erfolgten Entlassung seines Redakteurs Schusser aus der von demselben wegen PreßvergehenS verbüßten Strafhaft eine große schwarz - weiß - rote Fahne aus seinem Hause ausgehängt, war dieserhalb in Unter­suchung geraten und durch Urteil des hiesigen Schöffen­gerichts am 10. v. M. zu 30 M. Geldbuße verurteilt, indem das Gericht aus der angeführten Thatsache, unter Berücksichtigung sonstiger darauf bezüglicher Umstände vorhergegangene, auf die Entlassung des Sch. aus der Hast hinweisende Artikel desHildesh. Kurier" den Thatbestand der Verübung groben Unfugs gestgestellt hatte. Auf Berufung des F. hatte heute die Strafkammer des königlichen Landgerichts das schöffengerichtliche Urteil wieder- aufgehoben und kostenlose Freisprechung erkannt, weil in dem Aushängen einer deutschen Fahne, aus welchen Grün­den dies auch geschehen möge, eine Verletzung oder Gefähr­dung der öffentlichen Ordnung nicht gesunden werden könne.

Darmstadt, 13. Juli. Genau um die bestimmte Stunde, um 10 Uhr 30 Minuten Vormittags, fuhr heute der kaiserliche Zug, von Koblenz kommend, unter dembrau-

Attf diesem nicht mehr nttgewöhttliche« Wege.

Original-Novelle von G. Walden.

(Fortsetzung.)

Abermals ging ich hinaus zum Hause des Großvaters. Da lagen sie Beide, der alte Mann und das junge, blühende Leben, gebrochen von einer Hand im Rausche des Genusses. Und weiter ging der, der sie gemordet, ohne Strafe, ohne Vorwurf mit demselben Lächeln Herzen Leben knickend. Nicht verachtet, nein gefeiert von dm Kameraden I Ich war außer mir vor Schmerz und Wut. 3ch wollte ihn aufsuchen, sei es, wo es wolle, sein Blut sollte die Schande abwaschen, sobald die Teuren der Erde übergeben.

Auch dies war vorüber, ich wollte fort, meine Schwester scheit, doch nicht ohne erst Elise gesehen und gesprochen iu haben.

Nun erst fiel es mir auf, daß sie nicht herüber ge­kommen war. Ich griff nach dem Hut, ich mußte zu ihr.

Ismar," die Tante rief es, sic war angegriffen und »änklich und saß im Sessel des Großvaters.

Ismar," und wieder sah sie mich so traurig an,komm' zu mir l"

Ich folgte willenlos, ein dumpfes, ahnungsschweres Schmerzgefühl erfaßte mein Herz, warum hatte Elise so ^ugc nicht geschrieben, was wollte die Tante von mft? »Hsrnar, dort hast Du zu Füßen deS Großvaters so oft Hessen, setze Dich wieder dort hin und sei gut und sei

Mechanisch setzte ich mich auf die Fußbank, sie er- Mc meine Hände und sah mich an, traurig und unendlich ^evoll. Ismar wirst Du es ertragen, das alte Lied, das c Leid? Ismar halte fest an Deinem Glauben, halte

fest an Deinem Volk, der Christen Herz ist kalt und falsch. Sie sind geboren im Norden, ihr Herz, ihr Glauben, alles, alles ist falsch und kalt l

Ueber der Wiege unseres Volkes haben die Palmen im lauen Südwind ihr uraltes Lied der Liebe gesungen, das Feuer der Sonne hat unser Blut durchglüht.

Schau' in die Familien unseres Volkes, Du wirst die Liebe finden, seien sie arm, bettelarm, getreten und gedrückt, sie haben Liebe, die läßt sie Alles tragen, Alles dulden. Man wirft uns vor, wir thäten es um Gold, ja wohl um Gold, um unsere Liebe zu schmücken, um unser Heim traulich zu machen.

Um Gold. Ja wohl wir müssen es haben, weil Gold das einzige ist, was un« einen Halt gibt dem Christen gegenüber, doch wir ersehnen eS nur für unsere Liebe, sie aber verkaufen sie dafür! Glaube mir, Ismar, es thut nie gut, wenn das Herz sich an eine andersglaubende Person hängt, ich selbst hab es bitter genug erfahren!

Ismar reiß die Liebe zu einer Unwürdigen aus Deinem Herzen, um der Liebe willen zu Deinen Eltern, um der Verehrung willen für Deinen eblen Großvater und auch um der alten Tante Judith das Sterben zu erleichtern.

Raffe Dich auf, sei stark, sei ein Mann, bleib Deinem Volke getreu und Deinem Glauben.

Und der Herr Zebaoth sei Dir gnädig, er segne Dich und mache Dich stark und groß vor allem Volk und gebe Dft Frieden immerdar. Ihre seinen zitternden Hände legten sich auf mein Haupt. Wunderbar leuchtete es auf in ihren Augen, wie eine Seherin schaute sie auf gen Himmel, mein Herz that mir weh und dennoch kam es wie Frieden über mich, als sei der große Versöhnungstag angebrochen, als thue sich der Himmel auf über mir und

ich weinte, weinte mich müde wie ein Kind und über mich beugte sich die Tante und flüsterte süße Liebesworte.

Lassen Sie mich schweigen über die folgende Zeit. Elise hatte einen christlichen Kaufmann geheiratet, ja sie hatte ihn schon gekannt, als sie mir den Ring der Mutter gab.

Ich frug nicht nach Namen und Ort, ich war gebrochen an Leib und Seele, die Schande der Schwester und meine Rache, sie waren vergessen, oft wohl faßte es mich wie toller Grimm, daß ich meinte, mit dem Blut des Schuldigen muffe ich meine und ihre Ehre rein waschen, ich hätte kämpfen mögen mit der ganzen Welt, um unterzugehen im wilden Chaos, dann wieder stand ich am See und es lockte und rief wie mit verwandter Stimme, ich neidete der Schwester die Grabeöruh und hatte doch wieder das dumpfe Gefühl, daß ich verpflichtet sei, den Eltern die letzte Stütze zu er­halten. Die Heimath war mir zur Hölle, ich selbst mir zur Qual. Als wenige Wochen später auch Tante Judith starb, da verkaufte mein Vater das Geschäft, wir zogen nach der Residenz. Ich suchte um der Eltern willen den Gram zu ersticken, ich warf mich mit allem Eifer auf die Arbeit, sie übte auch hier die alte heilende Kraft, ich starb nicht, ward nicht krank, ja ich ward sogar ruhig.

Ich sah, daß ich das Rechte erwählt in den Augen der guten Eltern, konnten sie auch den schweren Schlag nie überwinden, so raubte ihnen die Liebe zu mir das Tötende.

Man sagte mir, ich sei ein guter Kaufmann geworden, o der Ruhm war teuer erkauft, er hatte mich Jugend und Le ensglück gekostet.

Nach mehreren Jahren starben die Eltern; ich war Besitzer des großen Geschäfts und stand allein, verlassen I Ich hatte den Glauben an die Menschheit verloren, versank von Tag zu Tag mehr in düstere, müssige Träumereien.